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Zur Intertextualität in Calvinos "Se una notte d'inverno un viaggiatore"

Seminararbeit 2014 11 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Intertetxtualität und literarische Bezüge in Italo Calvino „Se una notte d’inverno un viaggiatore“

3. Bibliographie

4. Riassunto

1. Einleitung

Diese Arbeit soll in aller Kürze einen Überblick über das breite Spektrum an intertextuellen Bezügen geben, die sich mannigfaltig in Italo Calvinos Roman von 1979 „Se una notte d’inverno un viaggiatore” wiederfinden und die deshalb einer genauen Analyse bedürfen, um den Roman selbst in seiner ganzen Symbolik und Tiefe zu begreifen. Um die Tragweite des symbolischen Aspekts der literarischen Bezüge vollkommen zu begreifen, müssen außerdem zwei andere Aspekte beachtet werden: Italo Calvinos Leben und Wirken, vor allem das literarische Schaffen, und das Prinzip der Intertextualität an sich. Auf letzteres soll jetzt, auf ersteres im Verlauf des Aufsatzes eingegangen werden.

Es gibt der Ansätze mehrere, Intertextualität zu beschreiben und zu klassifizieren. Hier soll Gerard Genettes Konzept der Transtextualiät in die Analyse von Italo Calvinos Roman einbezogen werden:

Die Intertextualität, also die effektive Präsenz eines Textes in einem anderen, ist seit den 70er Jahren ein zentrales Konzept der Literaturwissenschaft, vor allem der Erzählforschung.

Ziel ist es Beziehungen zwischen konkreten Texten zu klären und zu systematisieren. Genette wählt 1990 für dieses Phänomen den Oberbegriff der Transtextualität und führt verschiedene Kategorien an: Genette führt als ersten Unterpunkt die Intertextualität an; für ihn sind dies vor allem Zitate, Plagiate und Anspielungen. Wenn allerdings im weiteren Verlauf dieser Arbeit von Intertextualität die Rede ist, dann soll sie nicht im Sinne des von Genettes verwendeten Begriffs verstanden werden, da dieser dafür zu wenig weit gefasst ist. Intertextualität im Folgenden lässt sich vielmehr mit dem Begriff von Genettes Transtextualität gleichsetzen. Als zweite Kategorie der Transtextualität bzw. Intertextualität führt Genette die Paratextualität, der Kommentar bzw. das Kommentieren des eigenen Textes, an.

Als vierten Punkt nennt Genette die Hypertextualität und versteht darunter die komplette Umformung eines Ausgangstextes. Er unterscheidet hierbei zwischen Transformation, nämlich die Behandlung des selben Themas in einem anderen Stil, wie es zum Beispiel James Joyce “Ulysses” und Homers “Odyssee” betrifft, und Imitation, sprich ein anderes Thema im selben Stil, und auch hier verweise ich auf Odysseus’ Irrfahrten und Vergils “Aeneis”.

Als letzten Punkt der Transtextualität führt Genette schließlich die Architextualität an, welche als die Zugehörigkeit zu einer literarischen Gattung verstanden wird.

Sind diese vielzähligen Merkmale der transtextuellen bzw. intertextuellen literarischen Bezüge nun geklärt, so wollen wir Calvinos Roman auf besagte Bezüge untersuchen, die zumeist einen äußerst starken symbolischen Charakter aufweisen, weshalb sie für die vielen Ebenen und Möglichkeiten „Se una notte d’inverno un viaggiatore” zu verstehen, praktisch unerlässlich sind.

Die Analyse gliedert sich in drei Teile bzw. Aspekte. Zunächst sollen die wiederkehrenden Motive innerhalb des Romans aufgezeigt werden. Zweitens wird auf die literarischen Vorlagen eingegangen, die dem Roman zu Grunde liegen. Und abschließend soll anhand des von Calvino konstruierten Leserbildes die von ihm postulierte Literaturkritik skizziert werden.

2. Intertetxtualität und literarische Bezüge in Italo Calvino „Se una notte d’inverno un viaggiatore“

Calvinos Roman aus dem Jahre 1979 erzählt in elf Kapiteln bzw. Romanfragmenten die Geschichte eines Lesers und einer Leserin und lässt um diese Rahmenhandlung allerhand, auf den ersten Blick unabhängige, einzelne Geschichten kreisen. Auf die Handlung des Rahmens der Geschichte ebenso wie jene der einzelnen Fragmente soll im Folgenden nur sporadisch und im Zusammenhang mit den redundanten Symbolen und Motiven, Personen und Ereignissen eingegangen werden.

- Wiederkehrende Motive: Zunächst muss erwähnt werden - denn diese Motivik ist der Thematik des Buches geschuldet und deshalb sehr anschaulich – dass der fiktive Leser im Roman und mit ihm der reale Leser „außerhalb“ immer wieder mit den „Institutionen und Instanzen eines Buches“ (Berger, 155) in Kontakt kommt. Er kommt zunächst in einen Buchladen, befindet sich darauf in einer Universität, wo sich die Autorschaft befindet. Er kommt in einen Verlag, begegnet dem Übersetzer Marana, dem Autor Flannery. Und selbst das Polizeiarchiv jenes osteuropäischen Staates mit seinen Zensurmethoden lässt sich in die Reihe der Motivik rund ums Buch einreihen. Sind diese Bezüge noch sehr subtil, so werden andere Symbole und Personen bzw. Namen weitaus auffälliger, auch wenn teilweise nicht allzu häufig in den Text verwoben. Zunächst erkennen wir Namen von Personen und Schauplätzen, die einer bestimmten Metamorphose unterworfen sind. (Berger, 155) Aus dem Gut Kudgiwa in Fuori dell’abitato di Malbork wird in Sporgendosi dalla costa scoscesa die Pension Kudgiwa. Der Gutsbesitzer Kauderer wird hier zu einem Meteorologen. Außerdem findet sich der Name nochmals in Senza temere il vento e la vertigine als Namensetikett einer Munitionsfabrik.

Das Wiederaufnehmen von Namen findet sich auch in den zwei Fragmenten Se una notte d’inverno un viaggiatore und in Fuori dell’abitato di Malbork, wo der Name des im ersten Fragmentes ermordeten Jan in Form einer Witwe Jan wieder auftaucht. (Berger, 155 f.) Der Name besagter Witwe taucht allerdings im „im Kontext einer Reflexion des Ich-Erzählers über die Unsicherheit, wenn nicht gar Beliebigkeit der Zuschreibung von Namen an bestimmte Personen,“ (Berger, 156) auf. Es ist dies ein „dezenter Hinweis auf die Willkür und die verborgene Macht des Autors Calvino, die ihn zur Herstellung fein gesponnener Verbindungslinien zwischen den Romanfragmenten befähigt“. (Berger, 156)

Doch damit nicht genug. Calvino gibt Personen und Schauplätzen nicht bloß an unterschiedlichen Orten dieselben Namen, nein selbst in unterschiedlichen Erzählebenen tauchen dieselben Namen auf.

So entdeckt der Leser Ludmilla und Lotaria auch in Silas Flannerys Tagebuch.

Erkennt man hier deutlich, wie der Autor anhand von Namen ein Geflecht von Wiederkehrendem bildet, so sollen nun eine Reihe an wiederkehrenden Motiven genannt werden. Als erstes Motiv kann das Telefon bzw. das Telefonläuten genannt werden. Wir haben im ersten Fragment einen unbeantworteten Telefonanruf („il segnale senza risposta di un telefono“) und ein ähnliches segnale, also das Telefonläuten, „steht im sechsten Fragment In una rete di linee che s’allacciano im Zentrum de Geschehens“. (Berger, 158)

Auffällig sind weiters Begriffe wie der der Falle (trappola) oder jener des Spiegels. So gibt der Protagonist in „In una rete di linee che s’allacciano“ von sich: „Speculare riflettere: ogni attivitá del pensiero mi rimanda agli specchi.“

Ein in seiner Metaphorik viel schwerwiegenderes Motiv ist jener des Sexualaktes, bzw. die Gleichsetzung von Sexualakt und dem Akt der Lektüre: Berger interpretiert das Verhältnis zwischen Ludmilla und dem Leser nicht nur als das oberflächliche Handeln eines, wenn man so will, Leserpaares, sondern sieht in diesem Handeln auch die intime sexuelle Handlung eines Liebespaares.

Lesen und Lieben kommt die selbe intime Aura zu, wie LeserIn und LiebhaberIn.

So schreibt Calvino: „Lettrice ora sei letta. Il tuo corpo viene sottoposto a una lettura sistematica, attraverso canali di informazione tattili, visivi, dell’olfato, e non senza interventi delle papille gustative. Anche l’udito ha la sua parte, attento ai tuoi ansiti e ai tuoi trilli.“

Noch auffälliger gestaltet Calvino diese Metaphorik, indem er vom Eindringen in den Buchkörper per Brieföffner spricht, um diesem seine Geheimnisse zu entlocken: „Munito d’un buon tagliacarte t’accingi a penetrare i suoi segreti.“

Für die interne Vernetzung des Romans sind wiederkehrende Leitmotive unabdingbar und werden von Calvino sehr bewusst und äußerst konsequent eingesetzt. Außerdem wird der Leser von vornherein auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht, wenn der Erzähler am Anfang des zweiten Rahmenkapitels meint, dass es offensichtlich ist, „sono motivi che ritornano, il testo é intessuto di questi andirivieni, che servono ad esprimere il fluttuare del tempo.“

Ein weiteres dieser „motivi che ritornano“ – und damit schaffen wir einen Übergang zum nächsten Abschnitt des Aufsatzes – ist jenes des Netzes. Der Terminus Netz bzw. rete wird nicht nur im Titel zweier Romanfragmente verwendet, mit dem Netz wird außerdem das „gesamte erzählerische Beziehungsgeflecht des Romans auf den Begriff gebracht.“ (Berger, 160) Schließlich, und so kommen wir nun zu den literarischen Vorlagen für Calvinos Roman, „verweisen die beiden Titel In una rete di linee che s’allacciano/s’intersecano überdeutlich auf Jorge Luis Borges und seine Ficciones, genauer gesagt auf El jardin de senderos que se bifurcan.“ (Berger, 160) Es wird also überaus deutlich, dass Calvino einen Roman über das Lesen an sich schreibt und dass er sich vor allem des Phänomens und der Technik der Verweise und Leitmotive, der Intertextualität, bedient, um dem Leser eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten und motivischen Ebenen zu schenken.

Das Lesen von Calvinos „Se una notte d’inverno un viaggiatore“ wird zu einem Abenteuer, einer Schatzsuche. Der belesene Leser wird zum Jäger verlorener Geschichten und Bücher, die tief in den Roman verflochten sind.

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Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656910831
ISBN (Buch)
9783656910848
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292818
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
2
Schlagworte
intertextualität calvinos

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