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Der Kuss in der antiken Welt und Literatur

Anthropologisch-literarische Studie des Kusses

Essay 2013 13 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitendes

2. Die Ursprünge des Kusses

3. Der Kuss in der antiken Welt und Literatur

4. Der Kuss als Symbol in antiker Mythologie und christlicher Religion

5. Abschließendes

6. Bibliographie

1. Einleitendes

„Da mi basia mille!“ Gib mir tausend Küsse. „Deinde centum!“ Daraufhin hundert!

„Deinde mille altera, deinde secunda centum!“ Dann weiter tausend, dann ein zweites mal hundert! Der römische Dichter Catull verlangt nach Küssen. Seine geliebte Lesbia fordert er auf, ihm abertausende Küsse zu geben.

Nun ist Catull wahrlich nicht der einzige, gewiss nicht der erste und auch bestimmt nicht der letzte, der dem Kuss seine Aufmerksamkeit schenkt.

Durch die Jahrtausende hinweg ist er Thematik und Teil von Literatur, Malerei, Bildhauerei und jeder anderen Sparte der Kunst. Über Jahrmillionen ist er Teil der Natur des Menschen.

Seit Jahrhunderten ist er aus den sozialen Gepflogenheiten und gesellschaftlichen Konventionen nicht mehr wegzudenken.

Diese Arbeit soll einen kurzen Einblick in die Geschichte des Kusses geben und einen groben Überblick über den Kuss in der Welt und Literatur der Antike verschaffen. Abschließend wird speziell auf eine mythologisch-religiöse Symbolik des Kusses eingegangen werden.

2. Die Ursprünge des Kusses

Bevor man sich dem Thema Kuss im Umfeld der antiken Philologie widmen kann, bedarf es der Erklärungsversuche über die Ursprünge ebendieser sozialen Gepflogenheit. Eine Vielzahl von Anthropologen und Sozialphilosophen widmete sich dieser Ursprungsfrage. Die bedeutendste These über die Entwicklung des Kusses lieferte Carl Gustav Jung, indem er meinte, der Kuss habe sich aus der Mund-zu-Mund-Fütterung der Tiere entwickelt, so habe der Mensch in seiner Evolution diese Geste des Küssens nicht von einen Tag auf den anderen in sein „Gebärderepetoire“ aufgenommen, sondern den Kuss bloß perfektioniert und zärtlicher gemacht. Der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt bringt Jungs These auf den Punkt indem er den Kuss eine „Ritualisierte Mund-zu-Mund-Fütterung“ nennt.

Eine weitere Theorie, die vor allem für die in dieser Arbeit behandelte Thematik des Kusses in Mythologie und Religion von Bedeutung ist, versteht den Kuss als eine entwickelte Variante des Anhauchens und Anspuckens, einer geläufigen Praxis die sich ebenfalls vom Verhalten der Tiere auf den frühen Menschen übertragen hat. Was beide Theorien verbindet ist das Charakteristikum der Nähe zwischen zwei Mündern bzw. zwei Gesichtern und der Austausch von Speichel und Atem sowie die Übergabe von Nahrung.

Charles Darwin war es, der eine einfache aber verständliche Erklärung für die Wiederholung und die Langlebigkeit dieser Gebärde gab. Er behauptete, es sei das Vergnügen an der nahen Berührung einer geliebten und vertrauten Person, welches sich im Küssen manifestiert und dieses dadurch beständig in unserem sozialen Verhalten etabliert hat. Diese Berührungs-und Riechlust sei angeboren, wie alle Sinneslüste, und gelte als Triebfeder des Küssens.

Wobei hier C. G. Jung widerspricht, der das Küssen mehr von der Ernährung als dem Wunsch nach Nähe und Sexualität abhängig macht.

Da sich die Philematologie, die Kussforschung, wie dieser spezielle Bereich der Wissenschaft heißt, über die verschiedensten Thesen uneins ist und sie für den weiteren Verlauf dieser Arbeit auch nicht von essentieller Bedeutung sind, will ich es hierbei belassen.

Was jedoch nicht außer Acht gelassen werden darf ist der Kuss und die damit verbundene Fütterung, sei es wortwörtlich gemeinte Übergabe von Nahrung, wie sie aus dem Tierreich bekannt ist, sei es der Austausch von Speichel und Atem mit einem anderen Menschen.

Auf diese Thematik eines „Leben schenkenden“ Kusses geht dieser Text später noch genauer ein.

3. Der Kuss in der antiken Welt und Literatur

Ebenso wie es in der Gegenwart Unterschiede in der Praxis des Küssens gibt, die sich je nach Land, Kultur, Alter und Gelegenheit zeigen, weiß auch die Antike um mehrere Arten des Küssens, verschiedenste Gelegenheiten für einen Kuss und Unterschiede je nach geographischer Lage, sozialem Status und bestimmter Epoche.

Es ist also nicht anzunehmen, dass überall zur selben Zeit auf dieselbe Art und Weise geküsst wurde. Im allgemeinen schrieb man dem Kuss in der Antike eine persische Herkunft zu, darunter ist zu verstehen, dass diese Sitte sich in der Öffentlichkeit zu küssen aus den orientalischen Gebieten ihren Weg nach Griechenland und Rom gefunden hat. Vergleichbar ist dieser Tatbestand mit dem heutigen klischeehaftem Bild eines Mittelmeerbewohners, vorzugsweise Süditaliener, dem diese Praxis des ständigen Küssens von Freunden und Verwandten auf Wange und Mund sehr eigen ist. Salopp formuliert kann man behaupten, das frequentierte Küssen wandere die Jahrtausende hindurch von Süden nach Norden. So ist es zum Beispiel im Baltikum heutzutage für die Menschen typisch sich nicht in der Öffentlichkeit zu küssen.

Aber nun gut.

Zurück nach Griechenland.

Der Grieche kennt für den Kuss das Substantiv „ to filhma “ und verwendet das Verbum „ kunein “. Belege für eine erste Erwähnung gibt es nicht. Diese Arbeit nennt als erstes Beispiel für einen Kuss einen Auszug aus Homers Ilias.

„ἐκ δ' ἐγέλασσε πατήρ τε φίλος καὶ πότνια μήτηρ· αὐτίκ' ἀπὸ κρατὸς κόρυθ' εἵλετο φαίδιμος Ἕκτωρ, καὶ τὴν μὲν κατέθηκεν ἐπὶ χθονὶ παμφανόωσαν· αὐτὰρ ὅ γ' ὃν φίλον υἱὸν ἐπεὶ κύσε πῆλέ τε χερσὶν“

(Homer, Ilias Buch 6, 474)

Es ist dies die Szene, in welcher Hektor vor dem Kampf gegen Achill seinen Sohn Astyanax in den Arm nimmt und diesen küsst. In der Übersetzung heißt es:

„Lächelnd schaute der Vater das Kind, und die zärtliche Mutter. Schleunig nahm vom Haupte den Helm der strahlende Hektor, Legte dann auf die Erde den schimmernden; aber er selber Küsste sein liebes Kind, und wiegt' es sanft in den Armen.“

Auch in der Odyssee bedient sich Homer des Kusses um einen emotionalen Moment mit der richtigen gesellschaftlichen Praxis auszustatten.

„ὁ δ' ἀντίος ἦλθεν ἄνακτος, κύσσε δέ μιν κεφαλήν τε καὶ ἄμφω φάεα καλὰ χεῖράς τ' ἀμφοτέρας· θαλερὸν δέ οἱ ἔκπεσε δάκρυ.“

(Homer, Odyssee 16,15)

„er eilte dem Fürsten entgegen, küsste sein Angesicht, und beide glänzenden Augen, beide Hände dazu; und Tränen umflossen sein Antlitz.“

Früh war also den Menschen bewusst, dass der Kuss mehr war als eine stilisierte gesellschaftliche Institution, sondern eine sehr emotionale Geste, die auf Vertrauen, Liebe und Zuneigung baut.

Bei Euripides ist das nicht anders. Auch er schreibt aus einer Gesellschaft heraus für die der Kuss anscheinend allgegenwärtig und sehr alltäglich war, auch wenn folgende Szene eine dramatische Ausnahme bildet:

„ᾤμωξε δ᾽ εὐθὺς καὶ περιπτύξας χέρας κυνεῖ προσαυδῶν τοιάδ᾽: "" δύστηνε παῖ, τίς σ᾽ ὧδ᾽ ἀτίμως δαιμόνων ἀπώλεσεν; τίς τὸν γέροντα τύμβον ὀρφανὸν σέθεν τίθησιν; οἴμοι, συνθάνοιμί σοι, τέκνον.“

(Euripides, Medea 1207)

„Und er weinte laut, umarmte seine Tochter und schrie: Mein armes Kind, was veranlasste Gott dich in solch grausamer Weise zu töten? Was nimmt dich von mir, der ich ein alter Mann und dem Tode nahe bin?“

Intimität und Zuneigung, die durch das Küssen hier in so dramatischer Weise gipfeln, sind bloß allzu typisch und stetes Kunstmotiv.

In Rom und der lateinischen Literatur ist das nicht anders.

Der Römer kennt der Arten und Worte für Küsse drei.

Die neutralste und etymologisch einfachste und klarste Form und Art eines Kusse ist das „osculum“, osculum bedeutet zunächst einfach nur Mund, im weiteren Sinn aber eben auch Kuss. Es ist dies wie gesagt der neutrale, familiäre Kuss.

Des weiteren kennt der Römer das Wort „basium“, dies ist der zärtliche, der innigere und intimere Kuss. Bis ins Mittelalter hinein ist es der wichtigste Ausdruck für den Kuss und die damit verbundene Zärtlichkeit.

Als ein drittes kennt die lateinische Sprache das „suavium“, die süßeste und leidenschaftlichste Form des Kusses, die als besonders obszön und sexuell gilt.

Apuleius schreibt er habe von einer Frau „septem savia suavia“, also sieben süße Küsse erhalten. Wo das dann hingeführt hat, kann man sich vorstellen.

Die entsprechenden Verba sind osculari, basiare und saviari.

Ebenso wie die unterschiedlichen Kussformen finden sich in der lateinischen Literatur eine große Anzahl unterschiedlichster Gelegenheiten für einen Kuss.

Eine Auswahl:

Das wohl bekannteste Beispiel für den Kuss in der römischen Literatur ist ohne Zweifel Catulls Carmen 5, das sogenannte Kusslied.

Hier wird der Kuss zur zentralen Thematik, er wird zum höchsten verlangten Gut silisiert, welches der Liebende (Catull) von seiner Geliebten Lesbia (eig. Catulls Geliebte Clodia) verlangt:

„Vivamus, mea Lesbia, atque amemus, rumoresque senum severiorum omnes unius aestimemus assis. soles occidere et redire possunt:

nobis, cum semel occidit brevis lux, nox est perpetua una dormienda. da mi basia mille, deinde centum, dein mille altera, dein secunda centum, deinde usque altera mille, deinde centum

dein, cum milia multa fecerimus, conturbabimus illa, ne sciamus, aut nequis malus invidere possit, cum tantum sciat esse basiorum.”

(Catull, Carmen 5)

Unzählige Küsse als Zeichen und Bestätigung der Liebe zwischen den beiden.

„Lass uns leben, mein Mädchen, und uns lieben, Und der mürrischen Alten üble Reden Auch nicht höher als einen Pfennig achten. Sieh, die Sonne, sie geht und kehret wieder:

Wir nur, geht uns das kurze Licht des Lebens Unter, schlafen dort eine lange Nacht durch. Gib mir tausend und hunderttausend Küsse, Noch ein Tausend und noch ein Hunderttausend, Wieder tausend und aber hunderttausend!

Sind viel tausend geküsst, dann mischen wir sie Durcheinander, dass keins die Zahl mehr wisse Und kein Neider ein böses Stück uns spiele, Wenn er weiß, wie der Küsse gar so viel sind.“

Es ist jedoch nicht die einzige, wenn auch die markanteste Erwähnung von Kuss und Küssen bei Catull, nein es gibt deren einige. Bereits in seinem Carmen 7 finden die Küsse seiner geliebten Lesbia erneut Erwähnung und erfahren ein weiteres Maß an Übertreibung:

„Quaeris, quot mihi basiationes tuae, Lesbia, sint satis superque. quam magnus numerus Libyssae harenae laserpiciferis iacet Cyrenis, oraclum Iovis inter aestuosi et Batti veteris sacrum sepulcrum; aut quam sidera multa, cum tacet nox, furtivos hominum vident amores: tam te basia multa basiare vesano satis et super Catullost, quae nec pernumerare curiosi possint nec mala fascinare lingua.”

(Catull, Carmen 7)

„Sagen soll ich, wie viele deiner Küsse, Liebste Lesbia, mir genug sind und zu viel sind? - So viel Körner Sandes die Libysche Wüste In dem Benzoe tragenden Cyrene Zwischen Ammons Orakel und des alten Battus hochgeheiligtem Grabmal aufweist, So viel Sterne bei stummer Nacht am Himmel Auf der Menschen verstohlene Liebe blicken, So viel Küsse, von dir gegeben, möchten

Dem verrückten Catull genug und zu viel sein, Dass sie kein Neugieriger zählen könnte, Keine schädliche Zunge sie behexen“ Wiederum also spricht Catull von einer unendlichen Zahl von Küssen, die ihm ausreichen könnte seine Liebeslust und sein Verlangen zu stillen. Wichtig ist, dass Catull von „basationes“ und nicht von „oscula“ spricht, es handelt sich also zweifellos um Liebesküsse zwischen zwei (Sexual)Partnern. Diese sexuelle Komponente unterstreicht Catull in einem weiteren Gedicht, wo er eine Variante des Kusses aufweist, die um einiges erotischer zu sein scheint.

„quem nunc amabis? cuius esse diceris? quem basiabis? cui labella mordebis?”

(Catull, Carmen 8,18)

„Wen lieben? wessen Mädchen dich nun nennen? Wen küssen? wem die Lippen wieder beißen?“

Des Dichters Verlangen nach seiner Geliebten, die nicht bei ihm zu sein scheint, wird verstärkt durch das Verlangen dieser Geliebten körperlich nahe zu sein und sie zu küssen, aber nicht nur zu küssen, sondern ihr sogar während des Küssens die Lippen, wohl zärtlich, zu beißen.

Hier wird die erotische und sexuelle Komponente sehr deutlich.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656898467
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292778
Note
2
Schlagworte
kuss welt literatur anthropologisch-literarische studie kusses

Autor

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Titel: Der Kuss in der antiken Welt und Literatur