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Die Schule Schloss Salem. Der pädagogische Ansatz Hahns damals und heute

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 23 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurt Hahn - Pädagoge, Politiker, Initiator
2.1. Biografische Bemerkungen
2.2. Grundlagen seiner Erlebnispädagogik

3 Internatsschule Schloss Salem
3.1. Gründung und Entwicklung bis 1933
3.2. Schule Schloss Salem heute

4 Zusammenfassender Vergleich

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturangaben

7 Anhang
7.1. Abschließender Bericht an die Eltern
7.2. Übersicht zu Outdoor-Aktivitäten
7.3. Wochenplan der Mittelstufe

1 Einleitung

Selbsterfahrung statt Belehrungen, Tugenden, Erziehung zur Verantwortung – Dieses sind Attribute, die aktuell, vielleicht sogar mehr denn je, in der Schule ersehnt werden. Zivilcourage, Toleranz, Interkulturalität, Mut, körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sollen bei jedem Schüler / jeder Schülerin[1] gefördert und gefordert werden. Der schulische Rahmen in Deutschland wirkt jedoch auf den ersten Blick betrachtet eher als eine Art Anstalt der Wissensvermittlung geprägt durch ein hierarchisches Lehrer-Schüler-Verhältnis. Der Reformpädagoge Kurt Hahn sah in der lasterhaften Gesellschaft den Verfall an menschlicher Anteilnahme, Sorgsamkeit, körperlicher Tugend sowie der persönlichen Initiative begründet und übte in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts scharfe Kritik. „Er glaubte an das Gute im Menschen, als etwas, was befreit, was mobilisiert werden konnte durch geeignete, aktive Erfahrungen; das Böse, und da war er ja nun Sokratiker, hielt er für bloße Verstockung, Unwissenheit, Irrtum.“ [Mann 1987, S. 23] Als Antwort auf diesen Niedergang entwickelte er die Erlebnistheorie. Diese ist der maßgebliche Bestandteil in einer seiner diversen gegründeten Schulen: die Internatsschule Schloss Salem. Meine folgenden Ausführungen befassen sich mit der Frage, wie viel von seinen pädagogischen Ansätzen sich in dieser noch heute existierenden Schule finden lassen. Nach einem kurzen biografischen Ausschnitt des Reformpädagogen wird daran anschließend sein erlebnispädagogischer Ansatz mit den Hintergründen seiner Idee betrachtet. Im Anschluss werden die pädagogischen Ausrichtungen der Schule Schloss Salem zur Gründungszeit und aus aktueller Perspektive beschrieben. Abschließend folgt eine vergleichende Zusammenfassung zwischen der Erlebnistherapie Hahns und den Elementen der Schule Schloss Salem damals und heute. Die Schlussbetrachtung gibt einen Ausblick darüber, wie man die Ansichten und Umsetzungen interpretieren und bewerten könnte. Diese Arbeit legt jedoch vorwiegend einen deskriptiven Schwerpunkt auf Hahns Ansätze und versucht, diese interpretativ zu vergleichen.

2 Kurt Hahn - Pädagoge, Politiker, Initiator

Kurt Martin Hahn war ein politischer Pädagoge mit internationaler Bedeutung. Seit 1949 finden weltweite Gründungen von Internatsschulen nach den Grundsätzen von Salem und Gordonstoun statt. Zudem war er der Begründer der Erlebnispädagogik, welche im Anschluss an seine biografische Skizze beschrieben wird.

2.1. Biografische Bemerkungen

Kurt Martin Hahn wird als Sohn einer jüdischen Familie 1886 in Berlin geboren. 1904 legt er sein Abitur ab und studiert in Oxford, Göttingen und Heidelberg die Fächer Pädagogik, Philosophie und Philologie. [vgl. Lausberg 2007, S. 21 ff.]

In seiner autobiografisch geprägten Erzählung „Frau Elses Verheißung“ von 1910 beschreibt er die Schwierigkeiten Erwins mit der Schule und die erlösende Entscheidung seiner Mutter, Frau Else Henders. Sie und sein Vater Professor Henders halten große Stücke auf ihren Sohn Erwin: „Bevor du in die Schule kamst, hatten wir den zweiten oder dritten Platz für dich ins Auge gefasst, d. h. wir rechneten auch heimlich mit dem ersten.“ [Hahn 1910, S. 39] Dass Erwin der Primus im Turnen ist, ist wegen seiner wiederholten 5 im Diktat wenig relevant. Seine Mutter bemerkt, dass es Erwin nicht gut geht. Er schläft schlecht und wirkt sehr niedergeschlagen. [vgl. ebenda, S. 40] Erwin selbst hat eine klare Vorstellung von sich: „Voll Sehnsucht trug er sein künftiges Mannesbild im Herzen.“ [ebenda, S. 84] Der Schüler Erwin ist der starren und einseitigen Schule überdrüssig und kann den Erwartungen seiner Eltern nicht gerecht werden [vgl. ebenda, S. 40]. Er genießt die Erlebnisse in der Natur mit anderen und ist ein brillanter Märchenerzähler [vgl. ebenda, S. 87]. Diese Eigenschaften werden nicht nur nicht gefördert, sondern erfahren keinerlei Anerkennung. Die Erzählung Hahns lässt einen Schluss darauf ziehen, wie er die Schule seinerzeit wahrgenommen hat: Ein Ort, der nicht im Interesse des Schülers fördert, sondern ein Ort, an dem Autorität durch Gewalt erzwungen wird und ein Ort, an dem man nach den Regeln zu funktionieren hat.

Er ist nicht nur Pädagoge, sondern zugleich auch Politiker und Initiator von verschiedenen bedeutsamen medizinischen und politischen Vereinigungen. Von 1914 bis 1919 arbeitet er im Auswärtigen Amt in Berlin und wird engster Vertrauter des Prinzen Max von Baden. 1919 entsteht die politische Arbeitsgemeinschaft Heidelberger Vereinigung mit dem Ziel, nach dem Ende des 1. Weltkrieges einen am Frieden orientierten Einfluss zu nehmen. Im darauffolgenden Jahr gründet er zusammen mit seinem Freund und damaligen Reichskanzler Prinz Max von Baden das Internat Schloss Salem. 1933 wird er wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten gefangen genommen. Auf Grund seiner guten politischen Beziehungen wird Hahn bereits nach sehr kurzer Zeit wieder freigelassen. Noch im selben Jahr emigriert er nach England. Dort gründet und leitet er bis 1953 die British Salem Schools in Gordonstoun. Hahn bringt sein erlebnispädagogisches Outward-Bound Konzept mit ein. Diese Idee einer Kurzschule entsteht bereits 1931 in Schloss Salem. Schichtübergreifend erhalten Schüler die Möglichkeit, vier Wochen lang von- und miteinander zu lernen. 1948 ist Hahn Mitbegründer der American-British Foundation for European Education. Acht Jahre später initiiert er mit Prinz Philip von Edinburgh den Duke of Edinburgh’s Award. Unterorganisationen wie beispielsweise das Internationale Jugendprogramm in Deutschland eröffnen bis heute in über 80 Ländern der Welt Chancen für Jugendliche. [vgl. Knoll 1987, S. 10 ff.; vgl. Specht et al. 1970, S. 33 f.] 1974 stirbt der bemerkenswert Pädagoge und Politiker Kurt Hahn in Hermannsberg bei Salem [vgl. Lausberg 2007, S. 21 ff.].

Dieser biografische Ausschnitt verdeutlicht seine demokratie- und friedensorientierten Ziele. Durch intensive Zusammenarbeit mit bedeutungsvollen Persönlichkeiten gelang es Hahn, seinen Einfluss zu nehmen. Der Ansatz einer Erziehung zur Verantwortung in der Gesellschaft zeugt von der engen Verbindung zwischen Politik und Pädagogik. Hahns Ansichten sind vermutlich stark durch die Aufenthalte in Groß Britannien geprägt, steht Hahn doch für eine „demokratische Elitenherrschaft“ [Knoll 1987, S. 14].

2.2. Grundlagen seiner Erlebnispädagogik

Ausgangspunkt für Hahns Pädagogik ist der seiner Ansicht nach Verfall der Gesellschaft. Sein ganzheitlicher körperlicher und geistiger Ansatz soll der Selbstverwirklichung dienen und zu einer sozialen Verantwortung auf Basis von Demokratie und Humanismus führen. [vgl. Lausberg 2007, S. 71] „Es ist ein Ziel der Pädagogik, die Kinder zu sittlichen Menschen zu erziehen.“ [Hahn 1908 zit. nach Linn / Picht / Specht 1959, S. 9] Jedes Kind hat eine Leidenschaft. Es ist die Aufgabe des Pädagogen, dem Kind die Möglichkeit zu geben, diese zu entdecken. Zur Erfüllung dieser Pflicht dient das Erlebnis. Durch dieses ist es möglich, dass jedes Kind seine Fähigkeiten erkennt und entwickelt. Andernfalls entstünde anstelle eines Akteurs ein passiver Betrachter der Geschehnisse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: erlebnispädagogischer Ansatz [in Anlehnung an Knoll 1987, S. 17.]

Die Abbildung 1 gibt einen Überblick über die kindlichen Eigenschaften und die missgestaltete Entwicklung. Durch die Sozialisation und die Pubertät werden kindlichen Neigungen wie Abenteuerlust und Phantasie erstickt. Wird diesem nicht entgegen gewirkt, so kann keine Gesellschaft bestand haben. Daraus entwickelt Hahn die Lösung: die Erlebnistherapie. [vgl. Lausberg 2007, S. 71 ff.] Die Schätze der Kindheit – Abenteuerlust, Neugierde, Empathie, körperliche Ertüchtigung – gehen im Verlauf der Pubertät sowie der Sozialisation verloren. Die Gebrechen der Reifezeit wie Reizbarkeit, innere Unruhe und gedämpfte Vitalität gehen einher mit den zivilisatorischen Verfallserscheinungen. Hahns Ansicht nach begründet sich dieser Verfall in der sich rasch veränderten Gesellschaft und der daraus resultierenden Überforderung. Er spricht von „der Seuche der ‚Spektatoritis‘“, der „Seuche der Schlamperei“ und den „sozialen Seuchen“ [Hahn 1954 zit. nach Linn / Picht / Specht 1959, S. 71]. Der körperliche Verfall basiert auf der Technisierung der Fortbewegungsmittel. Den Verfall der persönlichen Initiative sieht Hahn in der zunehmenden Passivität. Die sich verbreitende Trägheit steht der Selbsterfahrung entgegen, was somit mit dem Verfall der Sorgsamkeit und der Erfahrung einhergeht. Die nachlassende Konzentration und Leistungsfähigkeit ist obendrein ein Merkmal fehlender Sorgsamkeit. Der Mangel an Menschlichkeit ist der vermehrten Oberflächlichkeit geschuldet. Die Hetze der damaligen Gesellschaft basierend auf den raschen Veränderungen beschreibt Hahn als „grausame Pausenlosigkeit unseres Daseins“ [ebenda, S. 72]. [vgl. ebenda, S. 70 ff.] Dem gegenüber steht Hahns Idee seiner Erlebnistherapie zur Bekämpfung dieses Zustandes und zur Förderung der Charakterbildung. Kern dieser Idee sind fordernde Aktivitäten zur Erkundung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Das körperliche Training dient dabei der Leibesübung, welche als Ausgleich zu der geistigen Tätigkeit steht. Dadurch sollen zudem Ausdauer und Kraft aufgebaut werden. Dem körperlichen Verfall soll so entgegengewirkt und die Selbstdisziplin gefördert werden. Mit Hilfe von Expeditionen können Schüler nicht nur praktische Erfahrungen sammeln, sondern sie vor allem selber intensiv erleben. Die kindliche Abenteuerlust wird wiedererweckt. Mehrtägige Touren müssen sorgsam geplant werden und während dieser Reisen bedarf es an hoher Sorgsamkeit. Hauptziele solcher Expeditionen sind demnach Förderung des Gemeinschaftssinns, körperliche Ertüchtigung, intensive Erfahrung, Planung und Widerstandsfähigkeit. Die Projektarbeit steht für eine weitere Form der ganzheitlichen Charakterbildung. Angelehnt ist dieser Aspekt an die Projekte in den Landerziehungsheimen bei Hermann Lietz. Der Schüler setzt sich zu einem vorgegebenen oder selbst gewählten Thema ein Projekt, welches er eigenständig durchführt und schlussendlich präsentiert. Die Bearbeitung verlangt Geduld, Disziplin und Kreativität ab. Die Art und Weise der Umsetzung obliegt den Neigungen des Schülers: experimentell, musisch-künstlerisch, dokumentarisch, etc. Die handwerkliche Tätigkeit fördert die Eigeninitiative und weckt die ursprüngliche Neugierde. Die Schüler bekommen dadurch die Möglichkeit sich selbst zu erproben und sich an Dingen praktisch auszuprobieren. [vgl. Lausberg 2007, S. 80 ff.] Den Rettungsdienst beschreibt Hahn als das „wichtigste Element der Heilung“ [Hahn 1954 zit. nach Linn / Picht / Specht 1959, S. 76]. In der Erfüllung verschiedener sozialer Arbeiten liegt die Besonderheit der Hahnschen Pädagogik. Durch den Dienst am Nächsten wird die menschliche Anteilnahme gefördert. Zudem besteht ein enormer Lerneffekt, da der Schüler unmittelbar die Bedeutung seiner Tätigkeit erfährt. Je nach Lage der Schule besteht für die Schüler die Möglichkeit, sich bei verschiedenen Rettungsorganisationen zu engagieren. Sozialdienste, Umweltschutz, Schulfeuerwehr, Bergnotrettung, etc. verbinden die Humanität, hautnahe Erfahrungen und Abenteuerlust. Hahn gilt als Vorreiter, den Rettungsdienst als pädagogisches Mittel zur Entwicklung einzusetzen. [vgl. Lausberg 2007, S. 86 ff.]

Zum einen wirken die vier Komponenten dem Mangel und dem Verfall entgegen, zum anderen stärken sie die Schätze der Kindheit. Insgesamt ist das Ziel, einen willensstarken, sensiblen, mutigen, weltoffenen, patriotischen, selbstständigen und kooperativen Charakter zu bilden. Die praktische Umsetzung der Hahnschen Überlegungen soll im Folgenden an der gymnasialen Internatsschule Schloss Salem in Baden-Württemberg betrachtet werden.

3 Internatsschule Schloss Salem

Die Erlebnistherapie ist der Weg für eine politisch orientierte Charaktererziehung im Sinne einer Erziehung zur Verantwortung auf einer demokratischen Basis. Die staatlichen Schulen werden durch simple Wissensvermittlung der Aufgabe in keinem Fall gerecht, die Verwahrlosung durch die Jugendzeit und durch die gesellschaftlichen Veränderungen zu verhindern. „Wieviel Lehrer gibt es, die sich ernsthaft Kümmernisse darüber machen, wenn ein Kind allmählich seinen Schwung verliert und in seiner Empfänglichkeit stumpf wird?“ [Hahn 1931 zit. nach Linn / Picht / Specht 1959, S. 5] Um seine Ideen zu verwirklichen und den Kritiken an Gesellschaft, staatlichen Schule und an Familie gerecht zu werden, gründete er zusammen mit Prinz Max von Baden 1920 die Internatsschule Schloss Salem. Seit 1948 werden weltweit Internatsschulen basierend auf den Hahnschen Grundsätzen von Salem und der 1934 von Hahn ins Leben gerufene Schule Gordonstoun in England gegründet, wie beispielsweise 1949 Anavryta in Griechenland, 1949 Louisenlund in Schleswig-Holstein oder 1965Athenian School in den USA. Im Folgenden wird zunächst ein historischer, dann ein aktueller Blick auf die Internatsschule Schloss Salem geworfen.

3.1. Gründung und Entwicklung bis 1933

Hahns Erziehungsauftrag basiert auf seinen politischen Erkenntnissen im 1. Weltkrieg:

„Gebt den Kindern Gelegenheit, sich selbst zu entdecken […]. Sorgt dafür, da[ss] die Welt des Handelns und die Welt des Denkens nicht länger zwei getrennte feindliche Lager sind. Entwickelt Vorstellungskraft bei den entschlu[ss]freudigen Jungen und Willenskraft bei dem Träumer, so da[ss] in Zukunft hellsichtige Männer die Nerven haben, um den Weg zu führen, den sie gewiesen haben, und da[ss] Tatmenschen die Phantasie haben, die Folgen ihrer Entscheidungen zu überblicken. Stärkt den Geist spontaner Disziplin und Zusammenarbeit; macht eine nationale Bruderschaft aus eurer Gemeinschaft, legt Grundlagen für den Klassenfrieden. Baut Brücken zur Außenwelt […] Bildet Soldaten aus, die auch den Frieden lieben.“ [Hahn zitiert nach Knoll in Esser et al. 1987, S. 15]

Ausgehend von den Kriegserfahrungen soll demnach eine Erziehung zu Verantwortung erfolgen und eine neue geistige Führungselite in Deutschland entstehen.

[...]


[1] Im weiteren Verlauf schließt eine Geschlechterform beide Formen gleichermaßen ein.

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656898542
ISBN (Buch)
9783656898559
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292769
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Department Erziehungswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Schloss Salem Internatsschule Reformschule Kurt Hahn Erlebnispädagogik Reformpädagogik

Autor

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Titel: Die Schule Schloss Salem. Der pädagogische Ansatz Hahns damals und heute