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Analyse von Walthers von der Vogelweide "Herzeliebez vrouwelin"

Hausarbeit 2014 11 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Gedicht und neuhochdeutsche Übersetzung

2 Der Autor

3 Minnelyrik bei Walther von der Vogelweide

4 Form des Liedes

5 Inhalt des Liedes

6 Ein Mädchenlied

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gegenseitige Liebe

1 Gedicht und neuhochdeutsche Übersetzung

2 Der Autor

Walther von der Vogelweide gilt als einer der vielfältigsten Liederdichter des dreizehnten Jahrhunderts. Über sein Leben gibt es jedoch nur wenige Informationen. Aus seinen 70 überlieferten Gedichten kann man erkennen, dass er wohl um 1170 in Südtirol geboren wurde. Er gehörte zu dem ärmeren Adel, aber dank seiner Begabung für die Dicht- und Sangeskunst bekam er an diversen Fürstenhöfen Unterhalt und Unterkunft. Am Hof des Herzogs von Österreich entstanden zwischen 1190 und 1198 zahlreiche Frühlings- und Liebeslieder. Mit dem Tod des Herzogs Friedrich I. verließ Walther Österreich und wanderte weiter ins Reich, wo ein Bürgerkrieg wütete. Daraufhin entstanden viele politische Lieder. Durch seinen großen Einfluss als Sänger half er Philipp von Schwaben König zu werden. Nach dessen Ermordung huldigte er zuerst den Gegner Philipps, Kaiser Otto IV, und später Kaiser Friedrich II., der ihm daraufhin ein Lehen in der Nähe von Würzburg schenkte. Dort starb der Sänger um 1230 und hinterließ ein Lebenswerk als Meister des Minnesangs[1].

3 Minnelyrik bei Walther von der Vogelweide

Der Minnesang ist eine Liebeslyrik, bei der im Mittelpunkt meist die Huldigung der Dame steht. Diese Form der Dichtung entstand in der Mitte des 12. Jahrhunderts und wurde vor Allem vom Ritterstand gepflegt. Die Vertreter dieser Dichtung werden Minnesänger genannt und gehörten meist dem höheren Adel an, beziehungsweise waren sie Ministerialen und Ritter. Daher waren die wichtigsten Pflegestätten des Minnesangs auch die Höfe von freigebigen Fürsten. Im Mittelpunkt der Minnelyrik stand nicht immer nur eine Frau, sondern alles, was das Gemüt der Dichter bewegte, wie beispielsweise die Freude an der Natur. Außerdem gibt es auch Minnelieder mit religiösem und politischem Inhalt[2].

Walthers Minnelyrik wird in verschiedene Bereiche eingeteilt, je nach Autor etwa in die „hohe Minne“, die „niedere Minne“ und die „neue hohe Minne“[3]. Das Lied „Herzeliebez vrowelîn“ wird im Allgemeinen der „niederen Minne“, den sogenannten „Mädchenliedern“ Walthers zugerechnet[4].

Im Folgenden werden nun die Form und der Inhalt des Gedichtes analysiert und abschließend untersucht, ob sich das Gedicht tatsächlich in die Gruppe der Mädchenlieder einpassen lässt und ob eine solche Einteilung überhaupt gerechtfertigt und sinnvoll ist.

4 Form des Liedes

Die Form des Liedes ist sehr einfach: Es besteht aus fünf Kanzonen im Zweisilbentakt. In einer Strophe sind immer zuerst vier Verse mit jeweils vier Hebungen, die sich im Reim in Stollenform kreuzen (a b, a b). Diese bilden einen Aufgesang. Es folgt der Abgesang, bestehend aus einem Vers, wiederum mit vier Hebungen, sowie einem Langvers aus acht gleichgeordneten Hebungen, der die Strophe deutlich abschließt. In Strophe I und V endet dieser sogar mit einem Ausruf. Die Strophen sind also Siebenzeiler, wobei die letzten beiden Vierheber zu einem Vers zusammengefasst sind.

Die Reime sind ausschließlich männlich. Auch das spricht noch einmal für die Einfachheit des Liedes.

Auf die Frage, warum die Form des Gedichtes so einfach gestaltet ist, gibt es verschiedene Antwortmöglichkeiten. Vielleicht ist die einfache Form mit dem Inhalt und der Absicht des Liedes in Zusammenhang zu bringen. Es könnte auch sein, dass die Einfachheit der Form die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf den Inhalt lenken soll. Vielleicht hat die Form bei Walther auch ausschließlich dekorative Funktion.

Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage, aber in der nun folgenden Untersuchung des Inhalts kann man einige Schlüsse über Walthers Intentionen ziehen.

5 Inhalt des Liedes

Der Eingang im Lied „herzeliebez frouwelîn“ ist einzigartig. Es beginnt mit einer herzlichen Begrüßung des geliebten Mädchens. Jedoch ist das Diminutiv „vrowelîn“, was mit „Fräulein“ oder „Kleine Herrin“ übersetzt werden kann, für den Minnesang am Hofe recht ungewöhnlich, denn normalerweise ist die Anrede „frouwe“.

Das Wort „vrowelîn“ soll, so Neumann, Vertraulichkeit signalisieren und zudem dazu fähig sein, in einer ständisch gegliederten Welt das Ständische zu durchbrechen[5].

Mit dieser Anrede wird eine persönlichere Beziehung zwischen Sänger und Minnepartnerin hergestellt, als dies in der damaligen höfischen Minnelyrik üblich war. Betont wird dies auch durch das Adjektiv „herzeliebez“, das in diesem Lied, wie sich auch aus dem späteren Kontext ergibt, andere Bedeutungsinhalte erhält, indem es innere Bewegung, „echte Gefühle“ ausdrücken soll[6].

Der Sänger verringert die Distanz zu seiner Angeredeten auch in den folgenden Versen, indem er sie mit „du“ anspricht. Das zeigt eindeutig, wie nahe sich Sänger und Frau stehen.

Diese Vertraulichkeit der beiden zeigt sich weiter in der Darstellung der eigenen Verehrung: Durch die Feststellung „wan daz dir nieman holder ist“ schließt der Sänger die Einmischung einer anderen Person in diese Beziehung aus. Er beansprucht für sich das alleinige Recht, um diese Person zu minnen, weil niemand mehr für sie empfindet als er. Daraufhin kommt ein Ausruf, bei dem der Sänger seine Sehnsucht erkennt. Dieser Umschwung mit „owe!“ ist ein Hinweis auf die 2. Strophe. Der Sänger hat Herzschmerz, weil er ihre Abwesenheit und seine starke Liebe zu seinem „vrowelin“ nicht ertragen kann.

In der zweiten Strophe klagt der Sänger die Gesellschaft an, denn sie kritisiert ihn, dass sein Gesang an den niederen Stand gerichtet ist. Er verteidigt nun seine Verehrung einer „nideren“ Person und verwünscht die Gesellschaft, weil sie nicht begreift, was Minne ist.

In der Schlusspointe dieser Strophe weist der Sänger alle Kritik zurück. Er erklärt, dass Liebe nicht auf dem Werben um die beiden Eigenschaften „Besitz“ und „Schönheit“ beruht. Denn das sind die sonst für den Minnesang typischen Ziele und Ursachen des Liebeswerbens.

Bereits jetzt kann man erkennen, dass dieses Lied nicht wie die anderen höfischen Minnelieder ist. Die Frage, ob Walther damit ein neues Minnekonzept aufstellen wollte oder ob er tatsächlich jemanden damit kritisieren will, bleibt offen.

In der dritten Strophe wird nun theoretisch der Wesensgehalt der „Liebe“ erläutert. Diese Strophe ist wieder nicht an das „vrowelîn“ aus Strophe I gerichtet. Es wird der Wert der beiden Punkte „schœne“ und „liebe“ erläutert. An dieser Strophe fällt auf, dass das Wort „schœne“ fünfmal wiederholt wird. Daher kann man sagen, dass es im Zentrum dieser, auch für das ganze Lied, zentralen Strophe steht. Der Sänger stellt fest, dass die Liebe schön macht, die Schönheit allein aber nicht liebenswert. Nach der Schönheit sollte man gar nicht streben, weil dort zu viel Missgunst herrscht.

Damit wendet sich Walther gegen die höfische Idealvorstellung, dass sich nämlich innere Vollkommenheit, und eben dies ist ja das eigentlich liebenswerte aus Sicht der damaligen Gesellschaft, in der äußeren Schönheit widerspiegelt[7].

Walther stellt die persönliche Bindung zwischen den Partnern, also die Liebe, vor die rein äußerliche, körperliche Schönheit. Dabei ist ihm bewusst, dass eine Beziehung mit dem „herzeliebez vrouwelin“ nur außerhalb der Gesellschaft möglich sein kann, weil diese ihn nicht versteht.

In der vierten Strophe richtet sich der Sänger wieder an das „vrowelîn“ aus Strophe I. Walther ist die Kritik seiner Gegner egal. In seinen Augen besitzen sie keine Kompetenz in dieser Beziehung. Ihr Minneideal ist falsch ausgerichtet, sie wissen überhaupt nicht, was die Liebe ist und können ihn somit mit ihrer Kritik nicht erreichen.

Das zeigt sich vor Allem in den letzten beiden Versen dieser Strophe, in denen er den billigen Fingerring seiner „vrowelin“ mit einem goldenen Fingerring einer Königin gleichsetzt[8].

Dadurch erlangt das „vrowelîn“ Besitz und der Sänger ordnet sich ihr unter. Allein durch die Liebe Walthers, rückt sie auf die gleiche Stufe wie eine „küneginne“ oder „frouwe“ vor[9].

Auf diese Weise wird der Standesunterschied zwischen ihr und der normalerweise in der Minnelyrik als Adressatin fungierenden höfischen Dame aufgehoben und die Kritik somit wiederum unwirksam.

Man kann somit sagen, dass Walther in diesem Lied das bisherige Minneideal gar nicht aufhebt, sondern lediglich anders gewichtet.

[...]


[1] vgl. Brunner: Walther von der Vogelweide – Gedichte (Eine Auswahl); S. 10 - 12

[2] Vgl. Brunner, Horst: Walther von der Vogelweide – Gedichte (Eine Auswahl); S. 8 - 9

[3] vgl.: Brunner, Horst: Walther von der Vogelweide. Epoche – Werk – Wirkung, München 1996, 101ff.

[4] vgl. Kuhn, Hugo: Minnelieder Walthers von der Vogelweide – Ein Kommentar; S. 85

[5] Friedrich Neumann: Walther von der Vogelweide. Herzeliebez frowelîn..., In: Bruno von Wiese (Hg.): Die deutsche Lyrik. Form und Geschichte, Bd. 1, Düsseldorf 1956, 58.

[6] Ingrid Kasten: Der Begriff der „herzeliebe“ in den Liedern Walthers, In: Hans-Dieter Mück (Hg.): Walther von der Vogelweide. Beiträge zu Leben und Werk, Stuttgart 1989, 264.

[7] Sievert: Liebeslyrik, 47.

[8] Neumann: Walther, 60.

[9] Brunner: Walther, 103

Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656898283
ISBN (Buch)
9783656898290
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292714
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
analyse walthers vogelweide herzeliebez

Autor

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