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Die Darstellung der Großstadt in Erich Kästners 'Fabian' und in Alfred Döblins Berlin 'Alexanderplatz'

Seminararbeit 1999 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Berlin Alexanderplatz

Fabian

Resümee

Anhang: Verzeichnis der verwendeten Literatur

Einleitung

Die RomaneBerlin Alexanderplatzvon Alfred Döblin undFabianvon Erich Kästner sind beide um das Jahr 1930 herum erschienen, also in der Epoche der neuen Sachlichkeit, in der die immer unpersönlicher werdende technisierte Welt zu einer sachlichen oder ironisch distanzierten Art der Darstellung in der Literatur führte[1]. Beide Werke haben außerdem Berlin zum Schauplatz. Das ist Grund genug, sich die Darstellung der Großstadt in den beiden Romanen im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede genauer anzusehen. Ich werde in dieser Arbeit darauf eingehen, welche Bereiche der Stadt in den beiden Romanen dargestellt werden und in welcher Weise dies geschieht. Wie beispielsweise gehen Kästner und Döblin mit Tatsachen um? Außerdem stellt sich die Frage, welcher Eindruck von der Stadt entsteht bzw. entstehen soll. Es wird sich zeigen, daß der Gesamteindruck der Stadt, der in den beiden Romanen jeweils zum Ausdruck kommt, trotz gleicher Voraussetzungen sehr unterschiedlich ist.

Berlin Alexanderplatz

Ein auffälliges Merkmal sowohl von DöblinsBerlin Alexanderplatzwie auch von KästnersFabianist das hohe Tempo, in dem erzählt wird und mit dem die Schauplätze wechseln. In den Ursachen für dieses Tempo liegt aber auch einer der großen Unterschiede zwischen den beiden Romanen: Döblin stellt die Großstadt nicht wie Kästner fast ausschließlich aus der Perspektive einer Person dar, sondern vielmehr aus vielen verschiedenen, ständig wechselnden Perspektiven. Eine davon ist die des Franz Bieberkopf, dessen Geschichte in dem Roman erzählt wird. Er sieht Berlin seiner persönlichen Entwicklung entsprechend zu Beginn des Romans anders als in dessen Mitte oder am Ende. Der – allwissende – Erzähler schlüpft aber genauso auch in andere Personen, immer wieder erscheinen innere Monologe von Figuren aus Bieberkopfs Umfeld, wie beispielsweise die Gedanken von Herbert, der mit Eva zu Hause sitzt, darüber, warum es im August regnet und wie aufwendig es wäre, Zigarren zu besorgen[2].

Der Erzähler vonBerlin Alexanderplatzzeigt dem Leser die Stadt aber nicht nur aus den Blickwinkeln verschiedener Menschen, sondern er trägt umfangreiches Material aus allen Bereichen zusammen, die zur Großstadt dazugehören; so werden beispielsweise reale Zeitungsartikel, Wettervorhersagen, Annoncentexte von Firmen, Statistiken über die Sterblichkeit in Berlin, Lexikonartikel usw. nach Art einer Collage immer wieder zwischen die Geschichte des Franz Bieberkopf eingeschoben. Döblin fügt außerdem Briefe in den Text ein, die wirklich geschrieben worden sind, wie beispielsweise den Brief eines Mädchens an ihn selbst, den Arzt Alfred Döblin. Im Roman erscheint dieser Brief ohne Nennung von Namen als Tagebucheintrag einer jungen Frau[3]. Er schildert das Schicksal eines jungen Ehepaares irgendwo in Berlin, das mit der Handlung nichts zu tun hat und deren Kind an einer schweren Krankheit gestorben ist (98). Dann wiederum beschreibt der Erzähler in nüchternem Stil das, was an bestimmten Orten in Berlin zu sehen ist, oder er schildert erdachte, aber realistische Vorgänge, die teilweise zwar durchaus düster sind, die er aber meist nicht wertet. Auf diese Art illustriert er den Alltag in einem Schlachthof – wobei er wiederum eine Statistik sowie die Gedanken des Schlächters hinzusetzt – aus seiner eigenen Perspektive. Diese Montage von Wirklichkeitsfetzen[4], Gedanken von Bewohnern der Großstadt, Briefen, Schilderungen und Beschreibungen vermittelt ein Bild von dem, was alles gleichzeitig in der großen Stadt Berlin geschieht, was alles zu ihr gehört.

Sehr deutlich zu erkennen ist die Absicht, diese Gleichzeitigkeit von Handlungsabläufen und der Anwesenheit von Dingen darzustellen – hier allerdings auf einen bestimmten Raum begrenzt – an dem Beispiel des Rosenthaler Platzes zu Beginn des zweiten Buches: Hier wird der aktuelle Wetterbericht neben die Erläuterung der Straßenbahnlinien gestellt; der Leser erfährt vom Beinahe-Unfall eines Passanten, er schnappt Wortfetzen auf, die dort irgendwo gesprochen werden; der Erzähler nennt die von dem Platz abgehenden Straßen und die zur nahegelegenen AEG gehörenden Abteilungen; er beschreibt kurz eine Baustelle, erwähnt das Restaurant Aschinger und gibt dem Leser ganz persönliche Informationen über die vier Fahrgäste, die an der Haltestelle Lothringer Straße in die Straßenbahn eingestiegen sind. Walter Muschg nennt diese Nebeneinanderstellung gleichzeitiger Geschehnisse „Simultanstil“[5]. Dieser Stil erzeugt das hohe Erzähltempo und eine Unruhe im Text, die die Unruhe des Stadtlebens widerspiegelt.

Welch krasse Kontraste innerhalb der Stadt zur gleichen Zeit bestehen, zeigt der Erzähler dem Leser, wenn er z.B. die Schlachthausatmosphäre direkt einer Wohnstraße gegenüberstellt, in der die Menschen „warm beieinander wohnen“ (118). Aus solchen Kontrastwirkungen heraus entsteht auch Komik, wenn Döblin „Ausschnitte aus dem Berliner Betrieb zu einem absurden Mosaik zusammensetzt, so daß [...] Helena neben eine Aufzählung von Hühnersorten, ein Wortwechsel am Kiosk neben eine Rede des Reichskanzlers, ein Wetterbericht neben einem Schlager zu stehen kommen“[6]. Es ist nicht immer einfach zu entscheiden, ob der Erzähler gerade aus seiner eigenen, oder aus der Perspektive einer der Personen aus dem Roman spricht, denn oft bedient er sich, auch wenn er die Stadt aus seinem eigenen Blickwinkel betrachtet, einer flapsigen Ausdrucksweise; so beispielsweise, wenn er bemerkt: „Am Alexanderplatz murksen und murksen sie weiter“ (271). Auch hierdurch entsteht eine gewisse Komik.

Die Menschen in seinem Roman stellt Döblin so dar, wie er sie selbst als Arzt in vielen Jahren kennengelernt hat, er läßt sie auch den typischen Dialekt und Soziolekt sprechen[7]. Trotzdem identifiziert sich der Erzähler nicht mit den Figuren des Romans; er schlüpft zwar einerseits in sie hinein und gibt ihre Gedanken und Gefühle bis ins kleinste Detail wieder, andererseits betrachtet er sie und die ganze Stadt aber auch mit Ironie und Distanz[8]. Die erzählerische Distanz zur Figur des Franz Bieberkopf ist besonders ausgeprägt in der zurückblickenden Schilderung des Totschlags von Franz an Ida, wobei Döblin auf ironische Weise physikalische Formeln und medizinische Fachausdrücke einbringt.

Wenn man sich ansieht, wie Bieberkopf die Großstadt sieht, so stößt man kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis auf diese Gedanken bzw. Gefühle von ihm: „Draußen bewegte sich alles, aber – dahinter – war nichts! Es – lebte – nicht!“ Hier scheint die Stadt für Bieberkopf nur Theater ohne Substanz zu sein. Außerdem sehen seine Gedanken Parallelen zwischen der Stadt und dem Gefängnis: Dort werden die Gefangenen „[...] jedoch bei Bewegung im Freien, beim Unterricht, Gottesdienst mit anderen zusammengebracht“ (10). Er fühlt sich wie im Gefängnis, ob er will oder nicht, anderen Menschen ausgesetzt. Solche Einschätzungen treten allerdings später im Roman nicht mehr auf. Nachdem sich Bieberkopf eingelebt hat, wird er vielmehr Teil der Stadt, der „in naiver Übereinstimmung mit seiner Umwelt“ lebt[9]. Viel später – nach der Ermordung seiner Freundin Mieze durch den Strolch Reinhold – wird die Stadt für ihn zum Bösen, immer wieder symbolisch dargestellt durch die Hure Babylon. Er glaubt die Stadt habe ihn verführt[10]. Der Erzähler sieht das allerdings nicht so. In seinen Augen ist Bieberkopf durch sein blindes Vertrauen auf das Schicksal selbst für seine Situation verantwortlich, was Franz am Ende auch selbst einsieht[11].

[...]


[1]WUCHERPFENNIG, Wolf: Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1986, S. 219

[2]DÖBLIN, Alfred: Berlin Alexanderplatz. München 1965, 36. Auflage 1997, S. 276.

Seitenangaben zu Textstellen aus dieser Ausgabe setze ich im weiteren Verlauf der Arbeit zur einfacheren Lesbarkeit in Klammern direkt in den laufenden Text.

[3]Vgl. STENZEL, Jürgen: Mit Kleister und Schere. Zur Handschrift von Berlin Alexanderplatz. In: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. Herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold, Heft 13/14 Alfred Döblin, München 1972, S. 41

[4]Vgl. MUSCHG, Walter: Nachwort zu Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, München 1965, 36. Auflage 1997, S. 419

[5]Vgl. MUSCHG, Walter, a.a.O., S. 419

[6]Vgl. MUSCHG, Walter, a.a.O., S. 421

[7]Vgl. MUSCHG, Walter, a.a.O., S. 425

[8]Vgl. MUSCHG, Walter, a.a.O., S. 422/423

[9]Vgl. MUSCHG, Walter, a.a.O., S. 420

[10]Vgl. MUSCHG, Walter, a.a.O., S. 424

[11]Vgl. PRANGEL, Matthias: Alfred Döblin. 2., neubearbeitete Auflage, Stuttgart 1987, S. 66

Details

Seiten
16
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638308236
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29264
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Schlagworte
Darstellung Großstadt Erich Kästners Fabian Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz

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