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Gentrifikation. Die Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 24 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Gentrification
2.1 Definition und Vorrausetzungen
2.2 Historische Entwicklung
2.3 Sozialer Wandel und neue Lebensstile
2.4 Wohnlage
2.5 Die neuen Bewohner – Gentrification und ihr Verlauf
2.6 Die Alteingesessenen – soziale Probleme

3 Stadtentwicklung im Postfordismus
3.1 Probleme der Stadtentwicklungspolitik
3.2 Die Auswirkungen von Tertiärisierung und Globalisierung auf die Kommunen

4 Kultur in der Stadt – Die Ökonomie der Symbole

5 Zusammenfassung

6 Fremdsprachliche Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Phänomen der Gentrification, einem Prozess der qualitativen Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete, verbunden mit einem Austausch der dortigen Wohnbevölkerung. Von diesem Prozess sind seit den achtziger Jahren in so gut wie allen größeren westlichen Städten bestimmte zentral gelegene Quartiere betroffen. Eine genauere Definition findet sich am Anfang des ersten Kapitels.

Gentrification ist als Ursache bestimmter Entwicklungen in der postfordistischen Gesellschaft zu betrachten, zu denen die Tertiärisierung, Veränderungen in den Lebensstil- und Wohnortpräferenzen bestimmter Gesellschaftsgruppen, die Globalisierung der Weltwirtschaft und die damit einhergehende Veränderung der lokalen wirtschaftlichen Bedingungen und Politikansätze zählen.

Die vorliegende Arbeit versucht, anhand der aktuellen Literatur einen allgemeinen Überblick über die Ursachen und Wirkungen von Gentrification, die beteiligten gesellschaftlichen Akteure sowie die Bedingungen, unter denen Gentrifizierungsprozesse stattfinden (können) zu geben.

2. Gentrification

2.1 Definition und Vorraussetzungen

Gentrification[1] ist die Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete und der damit verbundene Austausch statusniedrigerer durch statushöhere Bevölkerung in diesem Gebiet. Damit verbunden ist eine Aufwertung des Wohnungsbestandes durch Modernisierung, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen und der Neubau von Eigentumswohnungen, eine Reinvestition in Gebäudebestand und Infrastruktur eines Gebietes.

Smith definiert Gentrification folgendermaßen: „Gentrification ist ein Prozess, in dessen Verlauf zuvor verwahrloste und verfallene Innerstädtische Arbeiterquartiere für Wohn- und Freizeitnutzung der Mittelklasse systematisch saniert und renoviert werden“ (Smith 1993: 183), woraus ersichtlich wird, dass sich bei Gentrification um einen auf bestimmte Zielgruppen ausgerichteten Vorgang handelt, mit dem Vorsatz, ein bestimmtes Stadtgebiet für finanzkräftigere Bevölkerungsschichten attraktiv zu gestalten, d.h. ihren Wohn- und Lebensbedürfnissen anzupassen. Hierbei ist zu beachten, dass die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem innerstädtischem Wohnraum ein Resultat bestimmter Entwicklungen im Bereich der Lebensstile und Konsummuster eben jener bessergestellten Mittelstandsschichten ist, die auf der Angebotsseite vom Immobilienkapital aber auch durch die Förderung seitens der städtischen Kommunalpolitik geregelt wird (vgl. Krätke 1995: 179).

„Geographisch wie historisch entsteht Gentrification aus einer spezifischen Beziehung zwischen Desinvestition und Reinvestition. Desinvestition – der absolute oder relative Entzug von Kapital – ist ein notwendiger Vorläufer der Reinvestition, die Gentrification ankündigt“ (Smith 1993: 191). Diese Reinvestition kann unter der Vorrausetzung stattfinden, dass sich eine Mietlücke („rent gap“) auftut, d.h. die erzielte Rendite aus der Vermarktung des Standortes unter der erzielbaren Rendite liegt. Allerdings setzt nach Krätke eine Umnutzung nicht zwingend Desinvestition voraus, sondern kann auch lediglich durch die Chance zur „sozialen“ Aufwertung, die „über Veränderungen der städtischen Beschäftigtenstruktur und die wachsenden Flächenansprüche hochbezahlter Beschäftigtenkategorien“ vermittelt werden, entstehen (Krätke 1995: 179). Dies ist beispielsweise der Fall, wenn aufgrund des Zuzugs eines großen Dienstleistungskonzerns in ein Quartier die Nachfrage nach Wohnraum in der näheren Nachbarschaft steigt, wie Herrmann in ihrem Aufsatz über die Effekte des Gruner & Jahr Pressehauses auf die südliche Hamburger Neustadt beschreibt (Herrmann 1996: 261ff). Gentrification stellt eine feststellbare Konsequenz der Restrukturierung dar, von der die gegenwärtige Entwicklung der Städte gekennzeichnet ist. Darauf und auf die Entwicklung neuer Lebestile und Konsummuster werde ich weiter unten im Text eingehen.

2.2 Historische Entwicklung

Seit Anfang der 60er Jahre kam es in den alten Bundesländern zu einer Ausdehnung der Innenstädte in die angrenzenden Teilgebiete aufgrund der stattfindenden Erweiterung des tertiären Sektors. Durch Abriss und Neubau sowie durch Zweckentfremdung bestehenden Wohnraumes wurde hierfür der nötige Platz geschaffen. Gleichzeitig war eine allgemeine Wohlstandsentwicklung und der damit einhergehende Rückgang der durchschnittlichen Haushaltsgröße, sowie die demographische Entwicklung (Baby Boom) verantwortlich dafür, dass der Raumbedarf der Wohnbevölkerung stieg (ein bis heute anhaltender Trend). Zeitgleich erfolgte eine Umbewertung der Vorstellungen vom idealen Wohnumfeld. Die Innenstädtischen Wohnorte galten bis in die 70er Jahre hinein als ungeeignet für Kinder, viele Familien zogen ins Grüne in neu entstandene Eigenheimsiedlungen (für die finanziell Bessergestellten) oder Großsiedlungen am Stadtrand (vgl. Blasius 1996: 183ff), so dass es zu einem Prozess „suburbaner Investition und Expansion am Stadtrand sowie zunehmender Desinvestition und Verfall im städtischen Kern“ kam, wie Smith die Entwicklung in New York beschrieb, die sich aber in ähnlicher Weise nicht nur in amerikanischen, sondern auch in europäischen Großstädten vollzog (Smith 1993: 184).

In die deutschen Innenstädte zogen zeitgleich ausländische Gastarbeiter, die auf Grund der Wirtschaftsexpansion ins Land geholt wurden. Außerdem blieben bei der selektiven Wanderung ins Umland diejenigen weiterhin in den innerstädtischen Quartieren wohnen, die zu alt oder zu arm waren, um mobil zu sein. So bildete sich in den Zentren eine Bevölkerungsstruktur heraus, die sich zu großen Teilen aus sozial Benachteiligten zusammensetzte.

Investitionen in den Wohnungsbestand blieben vorerst aufgrund mangelnder Lukrativität weitestgehend aus. Heruntergekommene oder verfallene Bestände wurden oftmals mit dem Mittel der Flächensanierung abgerissen und neu bebaut.

Zusätzlich hemmte der Umwandlungsverdacht hin zur tertiären Nutzung die Investitionsbereitschaft in innerstädtische Wohnquartiere. Die großflächige Ausdehnung des tertiären Bereichs fand jedoch nicht in erwartetem Maße statt, da nicht zuletzt aufgrund der neuen Informationstechnologien die zentrale Lage für viele Firmen eine untergeordnete Rolle zu spielen begann, die durch niedrigere Bodenpreise im Umland leicht kompensiert werden konnte. Spekulationen auf steigende Grundstückspreise infolge der Nutzungen durch die tertiäre Wirtschaft verliefen also im Sande, so dass es profitabler wurde, vorhandenen Wohnraum weiter als solchen zu nutzen und durch Investitionen in den bestehenden Bestand, durch Modernisierung und Aufwertung sowie durch Verkauf von Wohnraum Renditen zu erzielen.

Eine Umkehr des Suburbanisierungstrends erfolgte schließlich Ende der 70er und in den 80er Jahren, als aufgrund der Herausbildung einer „neuen“ urbanen Mittelschicht mit veränderten Lebensstil- und Wohnortpräferenzen die innerstädtischen Quartiere von Besserverdienenden als Lebensumfeld wieder in den Mittelpunkt des Interesses rückten. Hierbei kommt es im Zuge der innerstädtischen Raumentwicklung jedoch zu einer räumlich selektiven Ansiedlung der besser verdienenden Schichten, durch die „die in der vorangegangenen Phase der Stadtentwicklung durchgesetzte großflächige Funktionsdifferenzierung[2] durch eine mehr kleinräumige Differenzierung überformt wird, da Gentrifizierungsprozesse räumlich selektiv wirksam sind, d.h. nicht den gesamten Raum innenstadtnaher Wohnquartiere betreffen. Dabei entstehen mehr oder weniger ausgedehnte Inseln der Gentrifizierung“ (Krätke 1995: 182), die oft nur die Größe von wenigen Straßenzügen haben.

Eine Sonderstellung kommt der Entwicklung von Gentrification in ostdeutschen Städten zu, aufgrund der besonderen Besitzverhältnisse und der gravierenden Desinvestition, der die innerstädtischen Quartiere in der DDR ausgesetzt waren (vgl. Häußermann, Kapplan 2000: 179ff). In der östlichen Innenstadt Berlins (besonders in Prenzlauer Berg und Mitte) hat ein besonders deutlicher, schneller und großräumiger Gentrifizierungsprozess stattgefunden. Andererseits kommen Harth, Herlyn und Scheller in ihrer Untersuchung von Gentrifizierungsprozessen in Magdeburg zu dem Ergebnis, dass dort trotz Infrastrukturverbesserung und Sanierung in zentrumsnahen Gründerzeitgebieten „(noch) keine gravierenden sozialen Umschichtungprozesse“ stattgefunden haben. Dies mag aber auch durch die Stadtgröße, die wirtschaftliche- und Bevölkerungsstruktur und eine im Vergleich zu Berlin verspätet einsetzende Prozessentwicklung bedingt sein (vgl. Harth, Herlyn, Scheller 1996: 167ff).

[...]


[1] Übersetzt bedeutet Gentrification (englisch „gentry“ = Adel) in etwa soviel wie das Zurückziehen des Landadels in die Stadt.

[2] Mit großflächiger Funktionsdifferenzierung ist die traditionelle Aufteilung des Stadtraumes in nach funktionalen und sozialen Aspekten gegliederte größere Einheiten (Arbeiterviertel, bürgerliche Wohnviertel, Industrieviertel usw.) gemeint.

Details

Seiten
24
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638307079
ISBN (Buch)
9783638702904
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29091
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Gentrifikation Aufwertung Wohngebiete Metropolen

Autor

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