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Commons. Eine Bottom-Up-Bewegung kontert dem Kapitalismus

Bachelorarbeit 2014 41 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Persönliche Motivation und Zugang zum Thema
1.2 Commons: eine Bottom-Up-Bewegung kontert dem Kapitalismus
1.3 Hypothese, Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
1.4 Aufbau der Arbeit: Methodische Vorgangsweise

2. Ein Überblick über die Commons-Bewegung
2.1 Begriffsdefinition und Ursprünge der Commons-Bewegung
2.2 Das Denkmodell der Commons in ihren Grundzügen
2.3 Das Praxismodell der Commons
2.4 Das Kapital im Sinne des Kapitalismus
2.5 Zusammenfassung des einleitenden Kapitels „Commons-Bewegung“

3. Ökonomische Praktiken der Commons
3.1 Subsistenz als Grundbedürfnis des Menschen
3.2 Von reziproken Handlungsweisen im Sinne der Commons
3.3 Commons-Projekte in Österreich
3.4 Zusammenfassung des Kapitels „Ökonomische Praktiken der Commons“

4. Auswirkungen auf das soziale Handeln der Commonisten und Commonistinnen
4.1 Begriffsdefinition „soziales Handeln“
4.2 Auswirkungen auf das sozialen Handeln auf den Bereich „Zeit“
4.3 Auswirkungen auf das sozialen Handeln in Bezug auf „Werte“
4.4 Auswirkungen auf das soziale Handeln in Bezug auf „Gemeinschaft“
4.5. Zusammenfassung des Kapitels über die „Auswirkungen auf das soziale Handeln der Commonisten und Commonistinnen“

5. Schlusskapitel
5.1 Zusammenfassung und Beantwortung der Forschungsfrage
5.2 Fazit und Ausblick auf die Zukunft

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich mich näher mit dem Thema einer erst in den letzten Jahren aufkommenden Bewegung beschäftigen: den Commons. Bei der Commons-Bewegung handelt es sich um agierende Menschen, die nicht unbedingt in einer gleichdenkenden Gemeinschaft eingebettet sind, aber in ihrer grundsätzlichen Einstellung und Denkweise eines gemeinsam haben: sie üben Kritik am Kapitalismus, am Konsumwahn und der damit verbundenen Ressourcenverschwendung sowie an der Ausbeutung von Umwelt und Menschen. Commons vernetzen sich und starten gemeinsame Projekte, die zum Ziel haben, das kapitalistische System durch Konsumverzicht zu umgehen. Sie nutzen vorhandene Ressourcen und stellen Produkte für das tägliche Leben selbst her. Commonisten und Commonistinnen, die in einer Commons- Gemeinschaft durch gemeinsame Projekte eingebettet sind, praktizieren eine ökonomische Handlungsweise, die sich von einer nach Mehrwert strebenden kapitalistischen ökonomischen Handlungsweise stark unterscheidet, wobei das soziale und gesellschaftliche Leben bei Commons eine große Rolle spielt.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit der Denkweise und der Praxis der Commons- Bewegung näher beschäftigen und ihren Anliegen auf den Grund gehen. Dabei werde ich vor allem auf die ökonomischen Praktiken von Commons eingehen und die Auswirkungen auf das soziale Handeln der Akteure näher beleuchten. Bevor ich Commons im Detail beschreibe, folgt in diesem Kapitel meiner Arbeit zur Einführung mein persönlicher Zugang sowie meine Motivation für die Themenwahl. Im Anschluss werde ich mein Thema genauer vorstellen sowohl meine Hypothese als auch die Fragestellung darlegen. Daraufhin folgt dem einleitenden Kapitel meine methodische Vorgehensweise sowie ein Überblick über den Aufbau der Arbeit zum Thema Commons.

1.1 Persönliche Motivation und Zugang zum Thema

Schon seit den frühen Jahren meines Erwachsenendaseins, seit ich mich selbst um meinen Lebensunterhalt kümmern musste, stellte ich das System, das von Geld und Zeitmangel beherrscht wird, in Frage. Vor mir tat sich damals ein Kreislauf von finanzieller Verschuldung - um mir Grundbedürfnisse wie Wohnung, Kleidung und Nahrungsmittel leisten zu können - auf, gefolgt von einem Regelwerk im Berufsalltag, das den größten Teil meiner Zeit okkupierte. Auch als Konsumentin kam in mir regelmäßig die Frage auf, warum Waren - welcher Art auch immer - oftmals von so ungenießbarer Qualität und kurzer Lebensdauer waren. Absolut unverständlich war mir auch, warum Banken mehr Geld in Form von Zinsen verrechnen durften, wenn sie es verliehen, ich aber - ganz simpel ausgedrückt - nur einen Bruchteil an Zinsen bekam, wenn sich die Bank von mir Geld ausborgte. Kurz gesagt: der Traum von Selbstverwirklichung und einem Leben, wie ich es mir vorstellte, zerplatze schon sehr bald und ich fand mich in einem System wieder, das mir ungerecht erschien. So tat sich in mir sehr früh ein großer Unmut über diese Strukturen auf, was mich dazu brachte, nach Alternativen zu suchen, die mir einen Lebensstil ermöglichten, der mir behagt. Ich begann viele Gegenstände des Alltags gebraucht zu kaufen sowie mein Gemüse zuerst am Balkon, danach in einem kleinen Gemeinschaftsgarten und mittlerweile auf einem Acker bei einem Bauern am Stadtrand von Wien selbst anzubauen. Auch Obst, Beeren, Nüsse und Wildkräuter sammle ich an frei zugänglichen Flächen in und um Wien, oder in den Gärten von Freunden und verarbeite sie als Vorrat für einen späteren Gebrauch.

Aber nicht nur ökonomische und systemkritische Betrachtungen motivierten mich dazu, mein Leben umzugestalten, sondern in erster Linie bevorzugte ich Zeit statt Geld. Zeit, dir mir ermöglichte, mich mit Themen zu beschäftigen, die mich persönlich interessieren und um mich selbst zu verwirklichen. Zeit, die ich mit meinen Kindern und anderen Menschen gemeinsam verbringen kann.

Folgt man derzeit Berichten in Radio und Zeitungen, fällt auf, dass Diskurse über Themen, wie konsumkritisches Verhalten als Gegenbewegung zur Massentierhaltung und Ausbeutung von Menschen und Umwelt immer lauter werden. Gerne wird aber auch die Qualität der Zeit dem Geld gegenüber gestellt, wobei hier Themen wie beispielsweise durch Stress verursachte Erkrankungen, wie beispielsweise „Burn Out“, in Diskussion stehen. Generell wird in Frage gestellt, wie viel Arbeit und Konsum gesund sind und der Wunsch nach Selbstverwirklichung, Befreiung und Zeit für gesellschaftliches Zusammensein wird immer stärker.

Es bildeten sich in den letzten Jahren einige Gemeinschaftsprojekte, wie beispielsweise Food Coops oder Gemeinschaftsgärten in Wien vielen andere Städten weltweit, was mich zu der Annahme bringt, dass unsere Gesellschaft sich derzeit in einem Umbruch befindet. Es findet ein Umdenken statt, dass sich kritisch dem herrschenden System entgegen stellt und gleichzeitig auf individuelle Bedürfnisse von Menschen eingehen möchte. Hinter diesen Aspekten und der Suche nach einer alternativen Politik fand ich eine Bewegung, die sich Commons nennt.

Ich finde die aktuelle Entwicklung sehr spannend, da offensichtlich Geld für viele Menschen immer mehr an Bedeutung verliert und die Problematik bei der Herstellung von Lebensmitteln und anderen Gebrauchsgütern nicht nur in den Medien stark thematisiert wird, sondern scheinbar für viele Einzelpersonen immer wichtiger wird. Durch mein persönliches Anliegen eines Systemwandels, aber auch durch die Resonanz der Medien, die veränderte Lebensweisen derzeit stark thematisieren sowie dem Aufkommen einer vernetzen Bewegung, die sich öffentlich unter dem Begriff Commons bemerkbar macht, fiel mir die Entscheidung für dieses Thema nicht schwer, weshalb ich beschloss, mich mit dem theoretischen und praktischen Modell der Commons-Bewegung zu beschäftigen.

1.2 Commons: eine Bottom-Up-Bewegung kontert dem Kapitalismus

„ Lebendige Wirklichkeit hängt [ … ] vom Gelingen einer prekären Balance zwischen Autonomie und Bezogenheit ab - von einem schöpferischen Prozess, in dem historisch und lokal einmalige Prinzipien für die Steigerung des Ganzen durch die Selbstrealisierung des Einzelnen geschaffen werden und umgekehrt. Es sind Funktionsprinzipien, die eine stets fragile Balance zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft zum Ziel haben. Diese Grundsätze gelten für die Autopoiese, die Selbstherstellung des Organischen, ebenso wie für eine gelungene menschliche Beziehung, für das Gedeihen einesökosystems genauso wie für gelingendes Wirtschaften im Einklang mit den Stoffhaushalten der Erde. Es sind die Gesetze der Allmende. “ (Weber 2012: 37)

Der Begriff Commons leitet sich aus den bis ins 18. Jahrhundert gängigen Gemeindegütern ab, die den Menschen als Lebensgrundlage dienten. Lebensmittel wurden auf diesen Landflächen selbst produziert, bis eine Enteignung durch eine übergeordnete Herrschaft stattfand (vgl. Weblink: Seiser/Mader 2013, URLb) und den Menschen nichts blieb, als ihre Arbeitskraft als Ware anzubieten. (vgl. Weblink: Seiser/Mader 2013, URLa) Die aktuelle Commons-Bewegung nimmt in ihrer Bezeichnung Bezug zu diesen Gemeindeflächen und möchte Raum für eine autonome Lebensmittelproduktion schaffen sowie Orte der Begegnung und des Austausches mit anderen. Das Denkmodell der Commons richtet sich gegen eine Wirtschaftsform, die nach Mehrwert strebt und dadurch Ungleichheit schafft und möchte im Einklang mit der Natur diese bewirtschaften, freien Zugang zu Nahrungsmitteln schaffen, weitere Gebrauchsgegenstände weitgehendst selbst herstellen und außerdem als Open Source in den Bereichen Nahrung, Raum und Wissen ein Lösung bieten, die gegen aktuelle Probleme, wie Wirtschaftskrisen, Umweltzerstörung und Ausbeutung von Menschen, wirkt. Commons ist eine Bottom-Up- Bewegung, da sich diese Bewegung von Individuen ausgehend gegen ein weltweit dominierendes System richtet.

1.3 Hypothese, Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

Nach einer ersten Recherche über das Theorie-Modell der Commons, fiel mir auf, dass diese ihre „Art des Haushaltens“ dem Neoliberalismus gegenüber stellen. Dabei werden „Kunden“ oder „Überlebenskämpfer“ zu „Subjekten einer Gemeinschaft“, „Monopol“ oder „Dominanz“ wird zum „Selbstausdruck als Kultur“, „Abhängigkeiten“ werden zu „Freiheit in Bezogenheit“, „Fragmentierung“ wird zur „Integration“ und „Sieger“ sind nicht mehr jene, die „am meisten Ressourcen besitzen“ sondern „wer am tiefsten mit der Gemeinschaft verwoben ist“. Ein „System der Trennung“ wird zu einem „Netz der Teilhabe“. (vgl. Weber 2012: 37)

Diese Ansicht bzw. diese Gegenüberstellung zum Kapitalismus und ihren Fokus auf das Gemeinschaftliche führte mich zu der Hypothese, dass sich durch eine ökonomische Praxis im Sinne der Commons auch das soziale Handeln der Akteure verändert, was mich zur Formulierung folgender Forschungsfrage führte:

„Welche Auswirkungen haben ökonomische Praktiken der derzeit agierenden CommonsBewegung in Österreich auf das soziale Handeln der Partizipierenden?“

Ziel meiner theoretischen Auseinandersetzung mit der Commons-Bewegung ist herauszufinden, inwiefern soziales Handeln mit ökonomischem Handeln zusammenhängt und inwieweit sich das ökonomische Handeln von Commons-Aktivistinnen und Aktivisten von dem ökonomischen Handeln von Menschen, die in einem kapitalistischen System eingebettet sind, unterscheidet. Besonders spannend an dieser Thematik finde ich, dass es sich bei den Commons um eine Bottom-Up-Bewegung handelt, also Veränderungen durch Aktivitäten von Einzelpersonen hervorgerufen werden. Durch diese Erkenntnis, dass ein globales und so einflussreiches Wirtschaftssystem umgangen werden kann, indem das ökonomische Handeln von Einzelnen - sei es durch überlegtes Konsumverhalten oder auch durch Subsistenzwirtschaft sowie der Vernetzung mit anderen Commonisten und Commonistinnen - verändert wird, macht sich in mir die Hoffnung breit, den gegebenen Strukturen nicht mehr ausgeliefert zu sein. Auch die Idee von einem Leben, dessen Wohlstand nicht darin gesehen wird, den Zahlenwert auf dem Kontostand zu erhöhen, sondern Wohlstand daran bemessen wird, wie gut Beziehungen und soziale Gefüge funktionieren, finde ich überaus spannend. Über die Beantwortung der Fragestellung und der Überprüfung meiner Hypothese hinaus möchte ich, nach theoretischer Auseinandersetzung mit diesem Thema, außerdem herausfinden, ob es sich bei dem Modell der Commons um ein mögliches Modell für die Zukunft einer vom Kapitalismus dominierten Gesellschaft handelt.

1.4 Aufbau der Arbeit: Methodische Vorgangsweise

Da die Abschlussarbeit des Bachelorseminars „Theoretische Diskurse“ eine theoretische Auseinandersetzung mit einem ausgewählten Thema verlangt, basiert meine Arbeit ausschließlich auf Literaturarbeit. Diese Literaturarbeit besteht zum einen aus der Recherche an Bibliotheken und im Internet, zum anderen aus dem Lesen, Exzerpieren und Analysieren von wissenschaftlicher Literatur sowie aktuellen Beiträgen zum Thema Commons aus den Print- und Onlinemedien.

Als Hauptwerk, um das Denk- und Praxismodell von Commons näher erläutern zu können, werde ich mich zu großen Teilen auf einen Sammelband beziehen. Es handelt sich hier um ein Werk mit dem Titel „ Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat “ 1 von Silke Helfrich und der Heinrich-Böll-Stiftung. Der im Jahr 2012 erschienene Band umfasst zahlreiche Beiträge von internationalen Autoren und Autorinnen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen sowie Commons-Aktivistinnen und Aktivisten, die sich sehr ausführlich mit dem Thema beschäftigt haben und sich in diesem Sammelband dazu äußern.

Um meine Forschungsfrage beantworten zu können, habe ich mich dazu entschieden, den Hauptteil meiner Arbeit auf drei Kapitel aufzuteilen. Im ersten Kapitel des Hauptteils werde ich die theoretischen und praktischen Grundzüge von Commons einleitend erklären, wobei ich hier zuerst einige in dieser Arbeit vorkommende Begriffe betreffend Commons definieren möchte sowie die Ursprünge bzw. den historischen Kontext von Commons erläutern werden. Im Anschluss daran folgt eine überblicksartige Einleitung in das Denk- und Praxismodell von Commonisten und Commonistinnen. Bevor ich das erste Kapitel des Hauptteils zusammenfasse, werde ich noch die grundsätzlichen Unterschiede zwischen dem Denk- und Praxismodell der Commons-Bewegung und dem kapitalistischen Denk- und Praxismodell anführen.

Das zweite Kapitel des Hauptteils meiner Arbeit wird - in Hinblick auf die Beantwortung meiner Forschungsfrage - von den ökonomischen Praktiken der Commons handeln. Da der Rahmen dieser Arbeiten für sämtliche Praktiken der Commons-Bewegung nicht ausreicht und ich in dieser Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann und werde, habe ich mich dazu entschieden, mich auf Themenkomplexe zu konzentrieren, die von kultur- und sozialanthropologischer Relevanz sind und die gleichzeitig bereits in dieser Disziplin von anderen Kultur- und Sozialanthropologen und Anthropologinnen behandelt wurden. Dabei werde ich zuerst auf einen wichtigen Aspekt der Commons, der Subsistenzwirtschaft, näher eingehen und mich hier in erster Linie an der Subsistenzperspektive von Veronika Bennholdt-Thomsen orientieren und diese für die Erläuterung der Subsistenzpraxis der Commons-Bewegung mit einfließen lassen2. Die zweite ökonomische Praxis von Commonisten und Commonistinnen, wie ich nach einer ersten Recherche festgestellt habe, ist die Relevanz von Reziprozität im Sinne von Tausch und Gabe. Da es sich bei meiner Arbeit und der gestellten Forschungsfrage um die Commons-Bewegung in Österreich handelt, werde ich im Anschluss für die Darlegung der ausgewählten ökonomischen Praktiken einige Beispiele von Commons-Projekten in Österreich nennen und diese kurz beschreiben, um erläutern zu können, wie sich solche Projekte derzeit in Österreich manifestieren. Hierbei werde ich mich vorwiegend auf Quellen aus dem Internet beziehen, da es einige Commons-Projekte gibt, die auf diesem Weg für die Öffentlichkeit sichtbar werden. Bevor ich mich dem dritten Kapitel des Hauptteils meiner Arbeit zuwende, werde ich das zweite Kapitel des Hauptteils zusammenfassen.

Im darauf folgenden und letzten Kapitel des Hauptteils meiner Arbeit werde ich mich mit den Auswirkungen auf das soziale Handeln der Akteure der Commons-Bewegung beschäftigen. Hierzu werde ich mich zuerst einer Begriffsdefinition von „sozialem Handeln“ nach Max Weber widmen und danach auf Auswirkungen eingehen, die ich anhand von drei Faktoren festmachen möchte. Zum einen ist das die Auswirkung auf den Faktor Zeit, zum anderen die Auswirkungen im Sinne eines Werteverständisses von Commonisten und Commonistinnen und zu guter Letzt werde ich auf die Auswirkungen auf die Gemeinschaft eingehen. Eine Zusammenfassung des dritten Kapitels des Hauptteils soll einen Überblick über die Ergebnisse liefern, bevor ich mich dem Schlussteil meiner Arbeit widme.

Der Schlussteil wird aus einer Zusammenfassung der Arbeit, der Darlegung der Ergebnisse sowie der Beantwortung meiner Fragestellung bestehen. Die Arbeit werde ich mit einem Fazit sowie mit einem Ausblick auf die Zukunft abschließen.

2. Ein Überblick über die Commons-Bewegung

Im folgenden Teil meiner Arbeit möchte ich einen näheren Überblick über das Denk- und Praxismodell der Commons-Bewegung geben, wobei ich mich hier in erster Linie auf den Sammelband von Silke Helfrich und der Heinrich-Böll-Stiftung beziehe. Silke Helfrich ist unabhängige Commons-Aktivistin und Mitbegründerin der Commons Strategies Group, die zum Ziel hat, Creative Commons als Strukturmodell zu fördern. (vgl. Weblink: Heinrich-Böll-Stiftung 2013) Im ersten Kapitel dieses Teils meiner Arbeit werde ich zuerst auf die Ursprünge von Commons näher eingehen, ihren historischen Hintergrund beschreiben und Begriffe in Bezug auf Commons näher erklären. Danach werde ich mich im nächsten Kapitel dem Denkmodell der Commons und ihren Grundzügen widmen und infolgedessen erläutere ich, wie sich dieses Denkmodell in der Praxis manifestiert. Zu guter Letzt werde ich das Theorie- und Praxismodell des Kapitalismus beschreiben und dem der Commons-Bewegung gegenüberstellen, bevor ich auf die ökonomischen Praktiken der Commons im darauf folgenden Kapitel näher eingehe.

2.1 Begriffsdefinition und Ursprünge der Commons-Bewegung

„ Commons, Gemeingüter, Allmenden - all diese Begriffe bezeichnen den kollektiven Versuch, den Marktliberalismus und die damit verbundene Handlungsrationalität des Homo oeconomicus zu dezentrieren und durch demokratische Praxen in Gesellschaft undökonomie zu konterkarieren: Ressourcen werden gemeinsam bewirtschaftet,öffentliche Flächen für gemeinwohlorientierte Nutzungen reklamiert, Wissen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Commons-Praxen suchen nach Formen der Kollaboration jenseits des exkludierendenökonomismus einer Stadt der Investoren. “ (Baier/Müller/Werner 2013: 49)

In der vorliegenden Arbeit fallen Begriffe wie „Commons“, „Commoning“ und „Commonisten/Commonistinnen“, die ich an dieser Stelle kurz erläutern möchte.

Das englische Wort „commons“ wird zu Deutsch mit dem Wort „Allgemeinheit“ oder mit „das gemeine Volk“ übersetzt. Im Sinne einer Commons-Bewegung wird Bezug zu den gemeinsamen Gütern, den „Commons-Goods“ genommen. Deshalb steht der Begriff „Commons“ auch für Gemeindegüter oder auch „Allmende“ genannt. (vgl. Weblink: Sabbadini 2014) Der Begriff „Commons“ oder „Allmende“ ist aber nicht neu, denkt man an die vorkapitalistischen ökonomischen Praktiken der Menschheit.

„ [...] In England geht sie auf die Magna Charta von 1215 zurück [...], doch das, was dort widerspiegelt wird, ist so alt wie die Menschheit selbst: Das Teilen und die gemeinsame Nutzung der Ressourcen, die die Umwelt uns zur Verfügung gestellt hat, begleitete uns als Jäger und Sammler 190.000 Jahre lang. Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft entstanden jedoch die Rahmenbedingungen für die Erfindung des Privateigentums, das in seiner weiteren Entwicklung zur Einhegung der Almende [sic] , zum Kapitalismus und zum Kolonialismus führte. “ (Weblink: Sabbadini 2014)

Im Gesetzestext der englischen Magna Charta, wurde im Jahr 1215 die Sicherung der Allmende, also das Recht auf Gemeindegüter, verschriftlicht. Bereits seit dem 10. Jahrhundert, war „die traditionelle Landallmende“ in Mitteleuropa ein Begriff, der sich auf die Nutzung von natürlichen Ressourcen bezog, die innerhalb einer Gemeinschaft, sogenannter „Allmendegenossen“, bewirtschaftet wurde und so den Teilnehmern und Teilnehmerinnen als Lebensgrundlage, mittels Produktion von Nahrungsmitteln, diente. (vgl. Weblink: Fersterer 2010)

Doch trotz der Magna Charta begann bereits ab dem 13. Jahrhundert in England und in der Folge in ganz Mitteleuropa, eine gravierende Veränderung bezüglich der Gemeindegüter. Durch die mündlich tradierte Weitergabe des Landnutzungsrechtes an Allmendegemeinschaften, also durch die fehlenden, schriftlich dargelegten Eigentumsverhältnisse, wurde das Land, durch strukturelle Veränderungen der Herrscher und des Staatswesen, in der Folge der Gemeinschaft genommen und privatisiert. Spätestens im 19. Jahrhundert wurden all jene, die zuvor ihre Lebensgrundlage durch die Allmendegüter sichern konnten, in eine Abhängigkeit von Lohnarbeit und Konsum gedrängt. Das Wesen der Allmende fand letztendlich durch den Wandel von einer Subsistenzwirtschaft zu einer Marktwirtschaft ihr Ende. (vgl. Weblink: Fersterer 2010)

2.2 Das Denkmodell der Commons in ihren Grundzügen

Silke Helfrich beschreibt das Denkmodell der Commons in ihrem Beitrag „Das >>Betriebssystem<< der Commons“ (vgl. Helfrich 2012: 66-68) als eine grundsätzlich andere

Logik, im Gegensatz zu dem weltweit bestehenden, nach Gewinn strebenden Marktsystem. Der Grundgedanke bezüglich der Nutzung von Ressourcen richtet sich nach dem, was gebraucht wird und nicht, was sich verkaufen lässt. Es wird davon ausgegangen, dass Ressourcen in Hülle und Fülle vorhanden sind. Zum einen wird hier von einer Fülle von nicht-rivalen Ressourcen gesprochen, dass grundsätzlich die Erde genug zum Leben für alle bietet und zum anderen von einer Fülle von rivalen Ressourcen, die durch Teilen innerhalb einer Gemeinschaft für alle Beteiligten zugänglich gemacht werden. Dabei richtet sich der Nutzen einer Ressource nicht nach Effizienz und Wirtschaftswachstum, sondern nach dem Gemeinwohl. Für die faire Ressourcennutzung ist die Gestaltung von Sozialbeziehungen entscheidend, da der Commons- Logik nach von einer Interrelationalität ausgegangen wird: „ Das Eine existiert durch das Andere. “ (Helfrich 2012: 66) Organisiert werden Commons-Projekte nicht hierarchisch sondern horizontal, in Form der Selbstorganisation einer Bottom-Up Bewegung. Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip getroffen.

Sozialbeziehungen spielen, wie schon erwähnt, beim Denkmodell der Commons eine wichtige Rolle. Zum einen richtet sich der Grundgedanke von Commoning nach dem Wohle aller, zum anderen liegt das Bestreben, Autonomie und Individualität des Einzelnen zu fördern, im Vordergrund. Grundsätzlich sehen Commons an der Individualität und der Verschiedenheit von Akteuren und Akteurinnen eine Bereicherung für die Gemeinschaft. Machtverhältnisse der Commons tendieren in Richtung Dezentralisierung und suchen Autonomie. Das bedeutet für Commonistinnen und Commonisten auch, Eigenverantwortung für den gemeinsam genutzten Besitz zu übernehmen. Beim Commoning geht es in erster Linie um Kooperationen mit anderen, um Teilung von Ressourcen und Wissen, wobei beim Wissen nicht nur das Expertenwissen dominiert, sondern unterschiedliche Wissenssysteme anerkannt werden. (vgl. Helfrich 2012: 67)

Die Commons-Bewegung hat zum Ziel, Ressourcen zu erhalten und zu vermehren, ohne Mensch und Umwelt auszubeuten. Gesellschaftlich betrachtet strebt die Commons-Bewegung nach Selbstentfaltung, wobei hier die Entfaltung des Einzelnen als Grundvoraussetzung für die Entfaltung anderer steht. (vgl. Helfrich 2012: 67-68)

2.3 Das Praxismodell der Commons

In der Praxis äußert sich die Commons-Bewegung durch unterschiedliche Projekte und Kooperationen, wie beispielsweise gemeinschaftlich bewirtschaftete Landflächen und Food- Coops, Kooperationen, die zum Ziel haben, beispielsweise Nahrungsmittel, also Güter des täglichen Lebens, zu produzieren und an die Gemeinschaft zu verteilen. Auch die „Solidarische Ökonomie“ gehört hier dazu. Im Vordergrund steht bei solchen Projekten die Subsistenzproduktion. „ Subsistenzproduktion - oder Lebensproduktion - umfasst alle Arbeiten, die bei der Herstellung und Erhaltung des unmittelbaren Lebens verausgabt wird und auch diesen Zweck hat. Damit steht der Begriff der Subsistenzproduktion im Gegensatz zur Waren- und Mehrwertproduktion. Bei der Subsistenzproduktion ist das Ziel > Leben < . Bei der Warenproduktion ist das Ziel Geld, das immer mehr Geld > produziert < [ … ]. Leben fällt gewissermaßen nur als Nebeneffekt an. “ (Mies 1983 zit. nach Bennholdt-Thomsen 1997: 26)

Bei der Subsistenzproduktion verliert also das Geld an Bedeutung und es geht darum, selbst Hand anzulegen und die Güter für das Leben weitgehend selbst herzustellen. Menschen, die sich einem Commons-Projekt anschließen und aktiv daran teilnehmen, investieren ihre Zeit und Arbeitskraft in eine Tätigkeit, für die sie kein Geld bekommen, aber trotzdem damit ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dabei geht es weniger darum, durch diese Tätigkeit Geld zu sparen, sondern vielmehr, sich vom Geld unabhängig zu machen. So beschreiben es Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner in ihrem Buch „Stadt der Commonisten“:

„ Im Selbermachen kündigt sich ein neues gesellschaftliches Verhältnis zu Subsistenz an: Wenn Haushalt und Handwerk nicht mehr als unmodern gelten, sondern Gärtnern, Einkochen, Stricken, Bauen als Avantgarde, wenn schließlich alsöffentlich reklamierbares Kriterium für Lebensqualität gilt, dass man Dinge selber herstellen kann bzw. herzustellen weiß, wenn Dinge länger genutzt werden und aus Wohlstandsmüll Gebrauchsgüter werden, hat das womöglich weitreichende gesellschaftliche Folgen. “ (Baier/Müller/Werner 2013: 176)

[...]


1 Im Quellenverzeichnis unter Punkt 6 nenne ich die von mir ausgewählten Werke des Sammelbands, auf die ich mich in meiner Arbeit beziehe, im Detail.

2 Die im Kapitel 1.4 genannte Literatur ist eine Auswahl an Hauptwerken, die ich hier für nennenswert erachte. Ich werde mich in meiner Arbeit auf einige weitere Autorinnen und Autoren beziehen, die unter Punkt 6, im angeführten Quellenverzeichnis, im Detail genannt werden.

Details

Seiten
41
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656896661
ISBN (Buch)
9783656896678
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289646
Institution / Hochschule
Universität Wien – Kultur- und Sozialanthropologie
Note
1
Schlagworte
commons eine bottom-up-bewegung kapitalismus

Autor

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Titel: Commons. Eine Bottom-Up-Bewegung kontert dem Kapitalismus