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Bindungstheorie und -verhalten. Zur Kommunikation und Beziehung zwischen Mensch und Tier

Akademische Arbeit 2007 28 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Die Historie der Mensch-Tier-Beziehung mit Bezugnahme auf die Domestikation des Haushundes

2 Die Biophilie-Hypothese

3 Der Begriff der Du–Evidenz

4 Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier

5 Die Bindungstheorie
5.1 Darstellung der Bindungstheorie
5.2 Die Fremden Situation und das Erwachsenen–Bindungsinterview (AAI)
5.3 Die Entstehung von Bindungsqualität
5.4 Die Psychobiologie des Bindungsverhaltens bei Mensch und Tier

Schluss

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

„Wer kein Haustier besitzt, sieht es meist als Luxus, eine Laune oder ein Spielzeug an und versteht nicht, welch außerordentliches Interesse man ihm entgegenbringt. Das Tier, ob klein oder groß, ist eine Quelle des Vergnügens und wird dem Men­schen immer nützlich sein (...). Die Nützlichkeit hat nur insofern einen Wert, als sie Vergnügen bringt oder Schmerz lindert“ ( Bercovitch 2001, S.55).

Was hat es mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier auf sich?

Im Folgenden soll zunächst die Frage geklärt werden, welcher Art die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist und ob es sich hierbei um eine Bindung im Sinne der Bindungstheorie handelt. Auch sollen die Faktoren beleuchtet werden, die eine Rolle in der Beziehung zwischen Mensch und Tier spielen.

Hierzu werde ich in den nächsten Abschnitten die Grundlagen der Mensch-Tier-Be­ziehung darstellen und dafür zuerst die Historie der Mensch-Tier Beziehung sowie die Ursprünge der Domestikation – mit besonderem Augenmerk auf dem Hund – erläutern. Danach werde ich die Biophilie–Hypothese von Wilson präsentieren und sodann den Begriff der Du–Evidenz erklären. Anschließend gehe ich auf die Kom­munikation zwischen Mensch und Tier ein. Im letzten Punkt schließlich wird die Bindungstheorie ausführlich vorgestellt, u.a. mit einem psychobiologischen Ver­gleich der Bindungsprozesse bei Mensch und Tier.

1. Die Historie der Mensch-Tier-Beziehung mit Bezugnahme auf die Domestikation des Haushundes

Das Tier wurde vom Menschen mal vergöttert, mal verachtet, aber schon immer ist es Dialogpartner des Menschen gewesen. So ist die Beziehung des Menschen zum Tier sowie dessen Stellung und Nutzung ein Abbild seiner kulturellen und sozialen Entwicklung gewesen. Entsprechend gestaltet sich auch die Haltung des Menschen gegenüber dem einzelnen Tieres und seiner Spezies. In den Hochkulturen hatten die Haustiere folglich immer einen sehr hohen Stellenwert, was sich in der Zucht vieler unterschiedlicher Hunderassen und auch der verstärkten Zucht und Haltung von „Schoßhunderassen“ zeigte, welche in schlechteren Zeiten wieder verschwanden (vgl. Otterstedt 2003, S.15). Demzufolge ist „das Verhalten zwischen Mensch und Tier (...) immer ein Spiegel der menschlichen Kultur und des Umganges des Men­schen mit sich selbst“ (Otterstedt 2001, S.121).

Der Prozess der „ Haustierwerdung“ wird als Domestikation bezeichnet. Es handelt sich um einen Jahrtausende währenden Prozess, der mit einer genetischen Verände­rung der Tiere einhergeht und nichts mit der Zähmung von Wildtieren zu tun hat. Durch die isolierte Haltung von Wildtiergruppen und deren gezielte und damit selek­tive Vermehrung kommt es zu einer Veränderung des Genpools. Das heißt, die na­türliche Selektion dieser isoliert gehaltenen Gruppen wird durch eine künstliche, vom Menschen herbeigeführte Selektion ersetzt. So kam und kommt es zu einer vom Menschen gewünschten genetischen und damit verbundenen morphologischen, phy­siologischen und psychologischen Veränderung der domestizierten Tiere im Ver­gleich zur Wildart (vgl. Feddersen-Petersen 1989, S.27f.).

Für die Domestikation eigneten sich nur wenige Tierarten. Einerseits mussten die Tiere einfach zu halten und zu vermehren sein, einen Nutzen für den Menschen ha­ben und grundsätzlich einer Versorgung nicht abgeneigt und nicht scheu oder aggres­siv gegenüber dem Menschen sein. Dazu boten sich Herdentiere wie Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde sowie Schweine an. Auch Enten, Hühner und Gänse entsprachen die­sen Anforderungen (vgl. Sheldrake 1999, S.30).

Obwohl der Wolf nicht alle der oben genannten Bedingungen erfüllte, wurde seine domestizierte Form, der Hund, das erste „Haustier“[1] des Menschen.

Die Domestikation des Hundes begann in der Zeit zwischen 12.000 und 10.000 v.Chr., was anhand von verschiedenen Funden belegt werden kann. Das bisher älte­ste Fundstück ist der Unterkieferknochen eines Haushundes, der in Oberkassel ge­funden und auf ein Alter von 14.000 Jahren geschätzt wird. Die Domestikation von anderen Haustieren wie Ziege, Schaf, Kuh, Schwein u.a. erfolgte seit dem Beginn des 8. Jahrtausend v.Chr. nach und nach.

Es besteht die Annahme, dass der Wolf dem Menschen zunächst als Nahrung diente. Aber als Fleischfresser war er gleichzeitig Nahrungskonkurrent. Somit konnte dies nicht die einzige Ursache für seine Zucht und Haltung sein. Vermutlich spielte das ausgeprägte Sozialverhalten des Wolfes die größte Rolle für dessen Domestikation. Menschen wie Wölfe leben in Gruppen und haben eine ähnliche soziale Organisati­onsform (vgl. Feddersen-Petersen 1989, S.28). Sowohl der Hund als auch der Mensch sind soziale Lebewesen. Beide Arten können nur deshalb in einer solchen Nähe miteinander und mit ihren Artgenossen leben, weil sie ähnliche soziale Bedürf­nisse haben und sich aus diesem Grund intuitiv verstehen (vgl. Heidenberger 2004, S.90).

Im Zuge der Domestikation wurde der Mensch Hauptsozialpartner für die meisten Hunderassen (vgl. Feddersen-Petersen 1992, S.175). Der Hund passt sich in die menschliche Familie ähnlich ein wie in ein Rudel von Artgenossen und sicherlich führt dies zu der großen Vertrautheit zwischen Mensch und Hund. Es entsteht ein wechselseitiges Verhältnis, in dem sich beide Partner gegenseitig beeinflussen.

Inzwischen hat sich die „Nutzung“ der Haustiere grundlegend geändert. Eine ameri­kanische Studie von Voith (1985) ergab, dass die meisten Haustierhalter in der mo­dernen Gesellschaft der Industrienationen ihre Tiere nicht mehr als „Nutztiere“, son­dern als Familienmitglieder halten, und dass deren primärer Zweck im sozialen Be­reich liegt (vgl. Askew 1997, S.7).

2 Die Biophilie-Hypothese

Die Biophilie, eine auf der Evolutionstheorie basierende Theorie wurde von dem Soziobiologen Edward O. Wilson in seinem 1984 erschienenen Buch „Biophilia: The human Bond with Other Species“ vorgestellt. Die Hypothese besagt, dass dem Menschen eine besondere Affinität zur evolutionsbedingten Vielfalt der Formen des Lebens angeboren ist, die nach wie vor biologisch präsent ist. Wilson stellt fest, dass sich die Menschen im Verlauf der Evolution gemeinsam mit anderen Lebewesen entwickelt haben und dass sie so vermutlich eine biologisch fundierte Zuneigung zum Leben und zur Natur ausgebildet haben. Evolution bedeutet aber nicht nur eine Weiterentwicklung von morphologischen oder physiologischen Merkmalen, sondern auch eine Weiterentwicklung von sozialen oder psychischen Prozessen wie der Bin­dung oder dem archetypischen Erleben.

Kellert (1997) analysiert die Biophilie in der menschlichen Evolution und der Bio­grafie. So definiert er Biophilie als „eine psychische, emotionale und kognitive Hin­wendung zu Leben und Natur“ (Kellert, zit. n. Olbrich 2001, S.5). Wilson und Kellert betonen in ihrem 1993 erschienen Sammelwerk, dass Menschen das Bedürf­nis haben, mit der belebten und unbelebten Natur in Verbindung zu treten. Diese Verbundenheit kann sich in Verwandtschaft, Neugierde, Empathie, Wertschätzung, gegenseitiger Hilfe, Nutzung, aber auch Angst und Furcht vor dem Andersartigen ausdrücken (vgl. Olbrich 2001, S.5). Auch heute ist es kein Luxus, Beziehungen zur Natur und zu Tieren einzugehen. Mutmaßlich ist es sogar notwendig für eine geistige und emotional gesunde Entwicklung. Denn Beobachtungen haben gezeigt, dass sich Menschen, die in einer nur urban und technologisch geprägten Umwelt aufwachsen, nicht vollständig emotional und kognitiv entwickeln können (vgl. Olbrich 1998, S.118). Nach Rene Dubos ist „(...)der Kult um Wildnis kein Luxus; er ist notwendig zur Bewahrung unserer geistigen Gesundheit (...). Wir müssen die Vielfalt und die Harmonie in der Natur erhalten, und sei es auch nur aus egoistischen Gründen“ (Dubos zit. n. Beetz 2000, S.12).

In Sinne der Biophilie sind die positiven Effekte von Tieren so zu verstehen, dass sie unsere Lebenssituation ergänzen oder auch vervollständigen. Sie tragen zur Schaf­fung einer „evolutionär bekannten“ Situation bei. Dementsprechend zeigen sich die deutlichsten Effekte der Anwesenheit von Tieren in Form von Einflüssen im sozialen Bereich (vgl. Olbrich 2003, S.76).

3 Der Begriff der Du–Evidenz

Der Begriff der Du-Evidenz bezeichnet die Möglichkeit einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Mensch und Tier, die einer innerartlichen Beziehung ähnlich sind (vgl. Greiffenhagen 1993, S.26). Die ist gleichzeitig die Voraussetzung für den therapeutischen bzw. pädagogischen Einsatz von Tieren.

Die Du-Evidenz gelingt zwischen dem Menschen und den für ihn ausdrucksfähigen Tierarten, deren Emotionen wie Wut, Freude, Trauer, um nur einige zu nennen, er an ihrem Ausdrucks-verhalten (wieder-) erkennen kann.

Bevorzugt werden vom Menschen Tierarten, die in ähnlich organisierten sozialen Verbänden wie der Mensch leben und folglich auch das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung haben, also ihre emotionalen und sozialen Grundbedürfnisse in der Be­ziehung mit dem Menschen stillen können. Hierzu gehören besonders die Säugetier­arten, welche in Gruppen, Rudeln, Familien u.ä. leben, und von diesen insbesondere die domestizierten Haustiere (Bauer o. J., S.7). Anscheinend hat schon immer eine tiefe emotionale und soziale Beziehung zwischen Mensch und Tier bestanden, wel­che im Domestikationsprozess bestimmter Arten einen weiteren Schritt auf der Leiter des engeren Zusammenlebens erklommen hat.

Der Mensch gibt seinem Tier einen Namen, um ihn so aus der Masse seiner Artge­nossen hervorstechen zu lassen. Deshalb wird das Tier für ihn zu etwas Besonderem. Er sieht in ihm einen Kameraden und schätzt ihn Wert als seinen Dialogpartner (vgl. Otterstedt 2001, S.17).

4 Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier

In unserer „menschlichen Welt“ nimmt die digitale Kommunikation einen zentralen Raum ein. Gerade am Telefon, in E-Mails, Briefen u.ä. sind die analogen Anteile der Kommunikation nicht zu klassifizieren und können zu Missverständnissen beim Empfänger führen. Ähnliches geschieht bei Double-Bind-Botschaften[2]. Dabei sendet der Sender inkongruente Nachrichten an den Empfänger, welche vom Empfänger oft nicht adäquat verstanden werden können. Insofern ist der von Angesicht zu Ange­sicht stattfindende Nachrichtenaustausch der verständlichste, da sowohl die verbal-digitale als auch die nonverbal-analoge Kommunikation vom Empfänger parallel empfangen werden können (vgl. Förster 2005, S.23f.).

Watzlawick unterscheidet digitale und analoge Kommunikation. Bei der digitalen Kommunikation ist die Beziehung zwischen dem Wort und dem ausgedrückten Ge­genstand zufällig oder auch unwillkürlich gewählt. Es besteht eine semantische Übereinstimmung zwischen Gegenstand und Wort – ähnlich wie bei der Digitalisie­rung eines Computers. Dahingegen drückt die analoge Kommunikation immer auch die Beziehung zum Objekt aus. Sie hat ihre Wurzeln in archaischen Entwicklungspe­rioden und besitzt damit eine allgemeinere Gültigkeit. Sie ist nonverbal, nutzt Gestik, Mimik, Stimmmodulation, Rhythmus u.a. und ist unverfälscht.

Menschen benutzen beide Kommunikationsarten parallel, wobei der Schwerpunkt auf der digitalen Form, der Wissensvermittlung liegt. Die analoge Kommunikation haben wir trotz aller Veränderung im Verlauf der Phylogenese von unseren tierischen Vorfahren behalten und nutzen sie vor allem im weiten Bereich der (sozialen) Bezie­hungen (vgl. Watzlawick/ Beavin/Jackson 1969, S.62f.). Sie verläuft immer noch auf gleiche Art und Weise wie bei unseren Vorfahren und ist ein zentrales Moment, welches Kultur und vermutlich auch Spezies übergreifend existiert. Wir benötigen die analoge Kommunikation um Empathie auszudrücken. Es ist nicht der bloße Be­sitz des Tieres, welcher empathisch macht, „sondern es ist die durch Interaktion an­geregte Fähigkeit zum Mitschwingen, aber auch zum Mitleiden mit anderen Lebewe­sen, die Fähigkeit, zum leidenschaftlich miteinander – Leben“ (Olbrich 1998, S.119).

Mitschwingen und Mitleiden sind emotionale Formen des Lebens. Sie laufen primär in tieferen emotionalen Schichten der Person[3] ab. Es besteht keine Abhängigkeit von der kognitiven Schicht der Kontrolle (Olbrich 1998, S.119).

[...]


[1] Die Unterscheidung zwischen Haus- und Nutztier besteht darin, dass das Nutztier neben dem Menschen lebt und das Haustier mit dem Menschen und dass zwischen ihm und dem Menschen eine Beziehung besteht (vgl. Otterstedt 2001, S.16).

[2] Double-Bind-Botschaften sind inkongruente Nachrichten, welche eine „widersprüchliche Handlungsaufforderung“ enthalten und dadurch eine „verrückt machende Doppelbindung“ schaffen. Sie werden mit der Entstehung von schizophrenem Verhalten beim Empfänger in Verbindung gebracht (vgl. Schulz von Thun 2003, S.38).

[3] Vgl. auch die Schichtenlehre von Rothacker (1938), die evolutionär begründet wird und inzwischen neuropsychologisch nachgewiesen werden konnte. Er sieht eine Aufschichtung von drei Hauptschichten der Persönlichkeit (Emotionalität, „beseelte Tiefenperson“, Kognition). Dabei sind die höheren Prozesse auf die niedrigen Prozesse angewiesen, während niedrige Prozesse weiterhin alleine ablaufen können. Die Verbundenheit mit anderen Lebewesen verläuft in den tieferen Schichten, welche durch die tiergestützte Arbeit angeregt werden. Insofern besteht die Möglichkeit auch Menschen mit schweren kognitiven Behinderungen, Koma-Patienten, kleine Kinder u.a. Personen mit dem Einsatz eines Tieres zu erreichen.

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656896241
ISBN (Buch)
9783656905462
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289388
Institution / Hochschule
Hochschule Fresenius; Darmstadt
Note
2,3
Schlagworte
bindungstheorie kommunikation beziehung mensch tier

Autor

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Titel: Bindungstheorie und -verhalten. Zur Kommunikation und Beziehung zwischen Mensch und Tier