Lade Inhalt...

Die historische Betrachtung von Innovationen und die Theorie der Langen Wellen

Seminararbeit 2013 33 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. GPTs und die Theorie der Langen Wellen
2.1 GPTs – General Purpose Technology
2.2 Die Entwicklung der Langen Wellen-Theorie

3. Über die Existenz Langer Wellen
3.1 Anforderungen für die Existenz Langer Wellen
3.2 Empirische Untersuchungen der Langen Wellen-Theorie

4. Die historische Betrachtung der Langen Wellen
4.1 Der erste Kondratieffzyklus – Der industrielle Kondratieff
4.2 Der zweite Kondratieffzyklus – Der bürgerliche Kondratieff
4.3 Der dritte Kondratieffzyklus – Die dritte industrielle Revolution?
4.4 Der vierte Kondratieffzyklus

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Schumpeters Dreizyklenschema

Abbildung 2: S-Kurven-Verlauf einer Innovation

Abbildung 3: Leistungsentwicklung einer Innovation

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die vier Kondratieffzyklen

Tabelle 2: Eigene Darstellung empirischer Studien Langer Wellen

1. Einleitung

Schon seit dem 19. Jahrhundert wurde vermutet, dass sich die wirtschaftliche, politische und geschichtliche Entwicklung in langwelligen Bewegungen, ähnlich der einer Sinuskurve, vollzieht.1 Aber erst durch Kondratieffs Werk wurde ein Fundament für die sogenannte Lange Wellen-Theorie geschaffen, welche die Wissenschaft bis heute spaltet. Durch die Weiterentwicklung der Langen Wellen-Theorie und der Einführung der Innovationen durch Schumpeter wurden erste Erklärungsversuche geliefert, um den Langen Wellen-Mechanismus zu erklären. Die Darstellung der Entwicklung der Langen Wellen-Theorie, ihren Zusammenhang mit Innovationen und die damit verbundenen Kontroverse in der Wissenschaft sollen in dieser Arbeit behandelt werden. Ebenso findet ein Vergleich von Theorie und Empirie anhand historischer Ereignisse seit dem 18. Jahrhundert statt.

Die Arbeit unterteilt sich, neben der Einleitung in vier weitere Kapitel, welche an geeigneter Stelle kurz zusammengefasst werden. In Kapitel 2 der Arbeit findet eine Definition technologischer Innovationen statt, gefolgt von der Darstellung der dogmatischen Entwicklung der Langen Wellen-Theorie. Kapitel 3 fokussiert die Anforderungen an Innovationen, um lange Wellenbewegungen auszulösen sowie die Betrachtung der Problematik bei der empirischen Untersuchung von Langen Wellen. Hierauf folgt eine Gegenüberstellung verschiedener empirischer Studien, welche als Weiterentwicklung des theoretischen Ansatzes seit den 1970er Jahren aus Kapitel 2.2 verstanden werden können. In Kapitel 4 der Arbeit werden die Ergebnisse aus Kapitel 2 und 3 historisch belegt oder widerlegt. Anschließend werden im Fazit die wesentlichen Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst.

2. GPTs und die Theorie der Langen Wellen

In den zwei nun folgenden Unterkapiteln wird zum einen der Begriff General Purpose Technologie (GPT) für die Thematik dieser Arbeit definiert. Im Anschluss wird eine dogmatische Darstellung der Entwicklung der Langen Wellen-Theorie vorgenommen.

2.1 GPTs – General Purpose Technology

Nicht alle Technologien sind gleich. Insbesondere unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Wirkungsweise auf Wirtschaft und Gesellschaft. Inkrementelle technologische Innovationen verbessern beispielweise bis zu einem bestimmten Grad lediglich die existierenden Technologien. Radikale Innovationen (oder Schlüsselinnovationen) können hingegen eine revolutionäre Wirkung haben.2 Sie zeichnen sich durch einen hohen Grad an neuem Wissen und durch ein hohes Risiko aus.3 Eine Ansammlung von radikalen Innovationen wird als General Purpose Technology (GPT) bezeichnet.

GPTs treten nach Perez Auffassung zufällig, aber dennoch in einem gewissen Muster auf. Durch die Diffusion der generischen Technologie in einer Volkswirtschaft findet eine Umwandlung der „alten“ Industrie zu einer „neuen“, technologisch dynamischen und leistungsfähigeren Industrie statt, was Perez als Verjüngung bezeichnet.4 Nach einem vollzogenen technologischen Wandel treten meist vermehrt komplementäre Innovationen auf. Cantner und Vannuccini bezeichnen diese Eigenschaft als „innovation spawning“5, Rosenberg und Trajtenberg als „innovational complementarities“6. Diese drei Eigenschaften – allgemeine Anwendbarkeit, technologische Dynamik und komplementäre Innovationen – werden in der Fachliteratur als „input side“ bezeichnet.7

Die so genannte „output side“8 charakterisiert sich hingegen durch einen Produktivitätsrückgang. Dieser wird darin begründet, dass die Anwendung neuer Technologien erst erlernt werden muss und dies eine gewisse Zeit braucht, um das volle Potenzial zu entfalten. Ebenso steigt mit der Einführung neuer Technologien die im Unternehmen gebunden Fähigkeiten wie beispielsweise spezielles Human Kapital. Die Neuordnung von Ressourcen impliziert „[a] rise in entry, exit and mergers“9. Neben diesen Eigenschaften existieren noch weitere, welche zur Vollständigkeit im Folgenden nur genannt werden. Der Grund für dieses Vorgehen ist, dass die grundlegende Idee bezüglich GPTs für den Fortgang der Untersuchung ausreichend dargelegt wurde. Cantner und Vannuccini zählen ebenso einen anfänglichen Fall der Aktienpreise, einen Anstieg des Zinssatzes und eine Verschlechterung der Handelsbilanz zu den Eigenschaften der „output side“.10

Das Auftreten solcher GPTs und die darauf folgende technologische Revolution werden von Schumpeter als kreative Zerstörung bezeichnet.11 Dieser Vorgang tritt alle 50 bis 60 Jahre in Erscheinung und „lie[s] at the root of the so-called long waves in economic growth.“12

2.2 Die Entwicklung der Langen Wellen-Theorie

Die geschichtliche Betrachtung der Entwicklung der Langen Wellen-Theorie ist, wie die Welle, durch Hochs und Tiefs gezeichnet und wird seit ihrer erneuten Renaissance in den 1970er Jahren stark diskutiert.13 Die Entstehung der Theorie ist auf Mikhail Tugan-Baranowsky zurückzuführen, welcher in seinem 1901 in deutscher Sprache publizierten Werk „Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen“ ein Muster von sich wiederholenden Wellen beschreibt.14 Die Arbeit von Tugan-Baranowsky beeinflusste die Werke sowohl von van Gelderen als auch von Kondratieff.

Van Gelderen, ein holländischer Sozialist, publizierte 1913 die Schrift „Springvloed“ unter einem Decknamen (J. Fedder) in dem holländischen Magazin De Nieuwe Tijd.15 In seinem Werk analysierte er Zeitreihen diverser Preisindizes (Zinssätze und Neuemissionen, Außenhandelspreise und Tonnagen von Schiffsfrachten) und formulierte anhand der ausgewerteten Daten eine „Lange Wellen“-Hypothese.16 Dabei stellte er fest, dass die Preiskurven neben einem zehnjährigen Zyklus ebenso langwellige Bewegungen aufweisen. Seine Hypothese zeichnet sich durch die Weckung neuer Nachfrager durch Erschließung neuer Märke, der Produktion neuer Güter und der allmählichen Sättigung einer Volkswirtschaft aus.17 Aufgrund der Veröffentlichungen in den Niederlanden, hatten van Gelderens Theorien nur eine geringe internationale Wirkung.18

Kondratieff, ein russischer Ökonom, gründete das Moscow Business Conditions Institute und leitete dieses von 1920 bis 1928. Bereits die erste Veröffentlichung befasste sich mit langen Wellen.19 Durch sein Werk „Die langen Wellen der Konjunktur“ von 1926 gilt er heute als Begründer der Langen Wellen-Theorie.20 Seine Theorie stand im starken Widerspruch zu der marxistischen Lehre in der damaligen Sowjetunion, obwohl er sich der Mechanik Marx‘ bediente, um die wiederkehrenden Wellenbewegungen zu erklären.21 Dieser Widerspruch gilt als Auslöser seiner Deportation und Hinrichtung unter Stalin.22 Ausgangspunkt seiner statistischen Untersuchung waren 36 Zeitreihen, welche den Großhandelspreisindex, den Zinssatz, Löhne, den Außenhandel, die Produktion und den Konsum von Kohle, Roheisen sowie die Bleiproduktion umfassten.23 Nach Isolierung der langwelligen Bewegung durch Eliminierung des säkularen Trends – „eine sich nicht wiederholende, nichtzyklische Bewegung“24 – und der Bildung eines Neun-Jahres-Durchschnitts, konnte Kondratieff einen oberen und unteren Wendepunkt sowie eine Zyklenlänge von 48 bis 60 Jahren identifizieren.25 Kondratieff war der Auffassung, dass solche Fluktuationen auf die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung einer kapitalistischen Ökonomie zurückzuführen sind und stellte die Veränderung des Zinssatzes und die damit verbundenen Kreditentwicklung in den Mittelpunkt seiner Untersuchung.26 Ursache der Wellenbewegung waren somit nicht technische und gesellschaftliche Revolutionen, Kriege oder die zunehmende Globalisierung, sondern langfristige Fluktuationen in der wirtschaftlichen Entwicklung. Kritisch zu betrachten ist der kurze Zeitraum der Erhebung von 1780 bis 1924 (144 Jahre).27 In diesem Zeitraum konnte Kondratieff 2,5 Zyklen beobachten (vgl. dazu Tabelle 1). Kondratieff bemerkt selbstkritisch, dass das alleinige Analysieren von Zeitreihen, kein ausreichender Nachweis für die Existenz von Langen Wellen ist.28 Auch wenn es ihm nicht möglich war, eine strenge Periodizität festzustellen, konnte er eine gewisse (auch internationale) Regelmäßigkeit beobachten sowie eine sich verkürzende Zyklenlänge.29

Schumpeter war der erste Ökonom, der den „mechanism of basic innovation“30 in den Mittelpunkt seiner Theorie – dem Dreizyklenschema – stellte. Dabei versuchte er, das Prinzip zyklischer Bewegungen mit seiner allgemeinen Theorie der kapitalistischen Entwicklung im Dreizyklenschema zu vereinen.31 Die erste Welle bezeichnet er als Kitchin, die zweite als Junglar und die dritte als Kondratieff. Ein Kitchin-Zyklus umfasst 40 Monate, ein Junglar-Zyklus 10 Jahre und ein Kondratieffzyklus 60 Jahre. Aufgrund theoretischer Überlegungen kam Schumpeter zu dem Ergebnis, dass ein Kondratieffzyklus sechs Junglarzyklen oder 18 Kitchinzyklen umfasst und alle drei Zyklen von Innovationen abhängig sind.32 Die zentrale Bedeutung in diesem Schema schreibt Schumpeter dem Kond

Die Entwicklung der Langen Wellen-Theorie ratieffzyklus zu, welcher die Wirkung der beiden anderen Zyklen relativiert.33 In dem Untersuchtenzeitraum von 1783 bis 1939 konnte Schumpeter drei vollständige Kondratieffzyklen identifizieren. Dieses Theoriegebilde basiert im Wesentlichen auf zwei Elementen: dem innovativen Entrepreneur und das damit verbundene Auftreten von Basis- bzw. Schlüsselinnovationen.34 Innovationen, bzw. „neue Kombinationen“35 treten nach Schumpeter schubweise auf und sind mit einem hohen Risiko verbunden.36 Um mit Hilfe von Innovationen einen Aufschwung zu bewirken, benötigt es einen bestimmten Unternehmertypus – den risikofreudigen Entrepreneur. Schumpeter nimmt an, dass dieser Unternehmer diskontinuierlich auftritt. In seiner Theorie setzen innovative Unternehmer ihre Innovationen während eines Abschwungs frei, um ein langfristiges Wachstum auszulösen.37 Innovationen bilden den entscheidenden Auslöser für Wachstumsschwankungen, da sie durch neue Produktionsmöglichkeiten das existierende ökonomische System in ein theoretisches Ungleichgewicht bringen.38 Durch den heterogenen Charakter von Innovationen und deren unterschiedliche Wirkungsdauer, entsteht eine Vielzahl von sich teilweise überlagernden Schwankungen, das Dreizyklenschema (vgl. Abbildung 1). Ebenso wird durch das Erscheinen von Innovationen eine Welle von Imitationen ausgelöst. Wenn die für den Aufschwung verantwortlichen Innovationen ausgeschöpft sind, tritt ein Abschwung ein und es müssen Bedingungen für einen erneuten Aufschwung geschaffen werden. Diese Problematik – der Zusammenhang von Stagnations- und Expansionsphase – blieb in Schumpeters theoretischem Konzept unbeantwortet und wird in Kapitel 3.1 behandelt.39

Mensch, ein deutscher Innovationsforscher, beflügelte erneut die Diskussion über Lange Wellen mit seinem Werk „Das technologische Patt“ von 1975. Seine Theorie gilt als eine Modifikation von Schumpeters Dreizyklenschema und wird als neo-schumpeterianischer Ansatz bezeichnet.40 Neben der Einbeziehung von Innovationsschüben und dynamischen Unternehmern (oder Entrepreneurs), analysiert Mensch unter anderem den Zusammenhang von Stagnations- und Expansionsphasen.41 Letzteres gilt als eine Weiterentwicklung des schumpeterschen Ansatzes.42 Seine Grundannahme ist ein „evolu

Die Entwicklung der Langen Wellen-Theorie tionäres Wechselspiel von Stagnation und Innovation“ 43 und deckt sich mit der zentralen Aussage Schumpeters. Als „technologisches Patt“44 bezeichnet Mensch eine Zeit des Wandels in der sich eine Depression zuspitzt und Basisinnovationen als Ausweg aus der Krise auftreten.45 Damit dies möglich ist, nimmt Mensch an, dass zu jeder Zeit ausreichend Inventionen verfügbar sind, welche durch eine Markteinführung in Innovationen umgewandelt werden können.46 Nur während einer Depression sind Unternehmer gewillt Risiken bei der Umsetzung einer Basisinnovation einzugehen, um auf dem Markt weiter zu existieren.47 Somit kann eine Krise als Auslöser für das Auftreten von Innovationsschwärmen gesehen werden.48 Die dadurch entstehenden Schwankungen im Innovationsaufkommen überprüfte Mensch mithilfe von Innovationsstudien sowie Patentstatistiken und kam zu der Erkenntnis, dass Basisinnovationen diskontinuierlich auftreten.49 Daraus lässt sich folgern, dass für Mensch Basisinnovationen für lange Wellenbewegungen verantwortlich sind und Krisen lediglich ein Zeichen für die erschöpfte Entwicklungsmöglichkeit alter innovationsbasierender Industrien sind.50 In seinem Ansatz berücksichtigt Mensch auch die Wirtschaftspolitik und weist ihr eine wichtige Aufgabe zu: Stimulierung der Innovationsaktivitäten durch Glättung der Innovationsrate. In diesem Hinblick sieht Mensch die innovativen Aktivitäten als steuerbar und eine Depression als vermeidbar an. Dieses keynesianische Element widerspricht jedoch dem Ansatz von Schumpeter.51

Freeman stellte in seinem Werk von 1991 eine Beziehung zwischen dem natürlichen Ausleseprozess und der Adaption von Innovationen her. Dabei verglich er Innovationen mit Mutationen und behauptete, dass nur die besten vom Markt akzeptiert und weiterverbreitet werden.52 Somit bezieht Freeman, wie auch bereits Schumpeter, evolutionäre Aspekte direkt in seine Theorie mit ein. Der Fokus seiner Untersuchung lag auf einem Wechsel im techno-ökonomischen Paradigma. Ein solches Paradigma beschreibt das Aufkommen vieler radikaler Innovationen, was zu einem Wandel sowohl im technologischen als auch im organisatorischen Bereich des vorherrschenden Systems führt. Die aufkommenden radikalen Innovationen werden nach und nach von den vorherrschenden Industrien übernommen. Somit entsteht ein neues Paradigma innerhalb des existierenden Systems. Mit anderen Worten wird die „alte“ Industrie durch eine „neue“ ersetzt, was dem Ansatz Schumpeters entspricht und evolutionsökonomische Elemente beinhaltet. Eine neu eingeführte (dominante) Technologie muss sich erst – wie Mutationen in der Natur – beweisen, bevor sie auf dem Markt akzeptiert wird und als Schlüssel zur Überbrückung einer Krise genutzt werden kann.53 Demzufolge ist, wie auch bei Schumpeter und Mensch, ein Paradigmenwechsel ein radikaler Wandel, ausgelöst durch dominante radikale Innovationen. Freeman führt im Unterschied zu Schumpeter und Mensch an, dass dieser Prozess eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, da technologische Innovationen erst einen Ausleseprozess durchlaufen. Wenn eine neue Technologie einmal von den Marktteilnehmern akzeptiert wurde, ist ein Paradigmenwechsel nicht mehr umkehrbar. Da die Kapazitäten für die Umsetzung neuer Technologien diskontinuierlich variieren, treten Paradigmenwechsel einem langen Wellenmuster folgend auf.54

In diesem Kapitel wurde die dogmatische Entwicklung der Langen Wellen-Theorie kurz dargelegt. Bemerkenswert ist, dass die Diskussion dieser Thematik selbst einem Wellenmuster folgt. Kondratieffs Aufsatz über Lange Wellen war der erste, welcher eine große internationale Wirkung hatte. Nach seiner Veröffentlichung verebbte das breite Interesse an der Theorie und erst durch Schumpeters Dreizyklenschema wurde die Diskussion über Lange Wellen erneut beflügelt. Spätere Ansätze wie der von Mensch oder Freeman sorgten in den 1970er und 1980er Jahren für eine erneute Renaissance der Langen Wellen-Theorie. Beide Ökonomen sind Vertreter des neo-schumpeterianischen Ansatzes und entwickelten dessen ursprüngliche theoretische Überlegung weiter. Mensch führte unter anderem die Wirtschaftspolitik und die damit verbundene keynesianischen Elemente in seine Konzeption mit ein. Freeman befasste sich mit der Selektion von Innovationen und erweiterte sein theoretisches Modell um ihren „natürlichen“ Ausleseprozess. Zum Schluss ist festzuhalten, dass die Weiterentwicklung der Langen Wellen-Theorie noch nicht ihr Ende erreicht hat, denn noch immer steht die Wissenschaft in einem Dissens, was die Existenz von Langen Wellen betrifft, wie unter anderem Kapitel 3.2 aufzeigen wird.

3. Über die Existenz Langer Wellen

Dieses Kapitel widmet sich der empirischen Analyse Langer Wellen. Schwerpunkt der Betrachtung sind die Anforderungen an Innovationen, damit sie in der Lage sind, lange Wellenbewegungen auszulösen. Ebenso findet eine Analyse der Entwicklung der empirischen Forschung und der damit einhergehenden Schwierigkeiten statt.

3.1 Anforderungen für die Existenz Langer Wellen

Es stellt sich nunmehr die Frage, welche Anforderungen technologische Innovationen erfüllen müssen, um lange Wellenbewegungen zu erzeugen. Rosenberg und Frischtak definierten dafür vier Kriterien: Kausalität, Timing, „Economywide Repercussions“55 und Wiederholungen.56 Diese sind stark miteinander verwoben und werden in der genannten Reihenfolge abschnittsweise dargestellt. Der eigentliche Fokus der Betrachtung ist dabei Schumpeters Werk und die darauf aufbauenden Theorien.

Wie bereits in Kapitel 2.2 beschrieben wurde, sind nach Kondratieff Lange Wellen das Ergebnis der Regulierungsmechanismen des Kapitalismus.57 Bei der Betrachtung der Kausalität – der Zusammenhang zwischen Aktion und Reaktion – lässt sich daraus folgern, dass durch die inneren Kräfte des Kapitalismus Lange Wellen generiert werden, welche wiederum die Rahmenbedingungen für technologische Innovationen sind. Schumpeter hingegen vertrat eine entgegengesetzte Meinung zur Entstehung der Langen Wellen. Durch seine theoretischen Überlegungen kam er zu dem Entschluss, dass Innovationscluster als auslösende Aktion für Lange Wellen dienen. Wie ebenfalls in Kapitel 2.2 bereits aufgeführt wurde, führen Innovationen durch neue Produktionstechniken zu einem Ungleichgewicht im vorherrschenden System. Die langen Wellenbewegungen sind somit das Ergebnis aggregierter Wachstumsraten, die durch Innovationscluster generiert wurden.58 Hierbei soll angemerkt werden, dass ein evolutorisches System, wie Schumpeter oder Freeman es beschreiben, niemals ein Gleichgewicht erreicht, da es sich in einem permanent andauernden Wandel befindet.

Perez, eine Innovationsforscherin des neo-schumpeterianischen Ansatzes, versuchte in ihrem Werk „Technological revolutions and techno-economic paradigms“ von 2009 den Ablauf einer Innovation und das damit verbundenden Auftreten Langer Wellen zu systematisieren. Nach Perez Auffassung folgen Innovationen einem bestimmten Pfad, indem sie verschiedene Hierarchiestufen durchlaufen, bis sie ein Paradigmenwechsel bewirken und eine damit eine lange Wellenbewegung auslösen.59 Das Durchlaufen dieser Stufen nimmt eine ungewisse Zeit in Anspruch. Die erste Hierarchiestufe wird als innovative Trajektorie bezeichnet, unter welcher die komplexe Beziehung zwischen Innovation, Diffusion, inkrementeller Entwicklung und dominantem Design verstanden wird. Eine auf dem Markt neu eingeführte radikale Innovation ist anfangs relativ primitiv. Erst wenn sie durch die Marktteilnehmer akzeptiert und adoptiert wird, folgen Serien inkrementeller Innovationen, um das mögliche Potenzial der neuen (radikalen) Technologie auszuschöpfen. Die dadurch freigesetzte Leistungsfähigkeit übersteigt nach einer Zeit die der „alten“ Technologie. Eine Leistungssteigerung erfolgt anfangs langsam und nimmt rapide zu, wenn die neue Technologie sich auf dem Markt als Standard bzw. dominantes Design etabliert hat. Gegen Ende des S-Kurven-Verlaufs nimmt die mögliche Leistungssteigerung wieder ab (vgl. dazu die Abbildungen 2 und 3).60 Perez fast die innovative Trajektorie als „a collectively shared logic at the convergence of technological potential, relative costs, market acceptance, functional coherence and other factors“61 zusammen. Innovationen entstehen weder in Isolierung, noch treten diese zufällig und unabhängig voneinander auf. Sie sind das Ergebnis kollektiver Zusammenarbeit und fördern die Entwicklung neuer Industrien. Ein Beispiel hierfür wäre die Entwicklung des Fernsehapparats und die damit entstandene Filmindustrie. Diese wechselseitige Beziehung von Technologien und die Entwicklung neuer Industrien bezeichnet Freeman als Technologisches System, welches die zweite Hierarchiestufe umfasst.62 Die dritte Hierarchiestufe – die technologische Revolution – ist durch ein Cluster technologischer Systeme geprägt, welche in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen. Bestehende Begrenzungen werden in dieser dritten Stufe durch das Aufkommen einer neuen Industrie aufgehoben. Die sogenannte „surge of changes“63 führen nicht nur zu Veränderungen in einer Industrie, sondern auch zu Änderungen in der gesamte Ökonomie. Dies hat eine Erhöhung des Produktionslevels, eine Verjüngung der bisherigen Industrien durch kreative Zerstörung und das eröffnen neuer innovativer Trajektorien zur Folge.64 Durch die Adoption und Assimilation einer spezifischen technologischen Revolution durch Ökonomie und soziale Institutionen wird die letzte Hierarchiestufe erreicht. Perez bezeichnet diese als „techno-economic paradigm“65 und beschreibt damit ein „set of the most successful and profitable practices in terms of choice of inputs, methods and technologies and in terms of organizational structures, business models and strategies“66. Somit ist die vierte Hierarchiestufe ein Resultat kollektiven Lernens und muss als dynamischer und evolutionärer Prozess verstanden werden. Die Essenz der Langen Wellen-Theorie nach Perez ist, dass durch den Übergang einer Technologischen Revolution in ein „techno-economic paradigm“ der Aufschwung einer langen Wellenbewegung eingeleitet wird. Ist das Potenzial einer technologischen Revolution ausgeschöpft, kommt es zum Abschwung und zum Beginn einer neuen technologischen Revolution. Laut Perez werden Lange Wellen also durch (hinreichende) Technologien bestimmt.67

Damit eine Innovation Lange Wellen generieren kann, muss sie weitreichende Änderungen der Performance einer Ökonomie bewirken. Das vorigen Absatz behandelte Kriterium Timing weist bereits solche Aspekte auf. Demzufolge kann nach Perez dem Kriterium Timing durch die verjüngende Wirkung von radikalen technologischen Innovationen eine ökonomisch weite Wirkung zugesprochen werden. Rosenberg und Frischtak hingegen verstehen unter dem Aspekt „Economywide Repercussion“ den Zusammenhang zwischen Rückwärts- und Vorwärtskopplungseffekten. Unter Rückwärtskopplungseffekten ist eine Verbindung zwischen Innovationen mit vorherigen Investitionen, wie Maschinen, Equipment oder Inputfaktoren anderer Sektoren zu verstehen. Vorwärtskopplungseffekte können zu Kostensenkungen, Marktexpansion, steigendem Outputmengen und steigenden Akkumulationsraten führen. Ein Beispiel hierfür wäre die Eisenbahn und die damit verbundenen Vorleistungen wie beispielsweise sinkende Frachtraten.68 Rückwärts- und Vorwärtskopplungseffekte sind durch eine Verursachungskette (oder Kausalbeziehung) eng miteinander verbunden und bedienen sich einander. Walter fasst diese kausale Beziehung am Beispiel des Führungssektors Dampfschifffahrt wie folgt zusammen: „Das Dampfschiff war zentrales Element der Verursachungskette, die den britischen Kohleexport steigerte, und zwar durch Vorwärtskopplungseffekte (d.h. sinkende Frachtraten) des britischen Steinkohleabsatzes per Dampfschiff im Ausland und Rückwärtskopplungseffekte, da die Schiffe Steinkohle als Brennmaterial benötigten“69. Im übertragenen Sinne bedeutet dies, dass solche inter-industriellen Strömungen – in Verbindung mit Innovationen – zu einer sektorübergreifenden Diffusion einer Innovation und einer damit einhergehenden Produktivitätssteigerung und Kostensenkung führen.70

[...]


1 Kondratieff und Stolper (1935), S. 115.

2 Perez (2004), S. 226 - 227.

3 Dewar und Dutton (1986), S. 1422 - 1423.

4 Perez (2004), S. 226 - 227.

5 Cantner und Vannuccini (2012), S. 4.

6 Rosenberg und Trajtenberg (2004), S. 65.

7 Cantner und Vannuccini (2012), S. 4.

8 Ebd., S. 4.

9 Ebd., S. 5.

10 Ebd., S. 4 - 5.

11 Schumpeter (2010), S. 71 - 75.

12 Perez (2004), S. 226.

13 Kühne (1991), S. 27.

14 Reijnders (1990), S. 6.

15 Ebd., S. 9.

16 Gerster (1988), S. 7.

17 Van Dujin(1977), S. 547.

18 Reijnders (1990), S. 9.

19 Ebd., S. 10.

20 Kühne (1991), S. 24 - 25.

21 Reijnders (1990), S. 17.

22 Silverberg (2003), S. 2.

23 Kondratieff und Stolper (1935), S. 105 - 109.

24 Gerster (1988), S. 8.

25 Kondratieff und Stolper (1935), S. 109 - 111.

26 Kühne (1991), S. 25, Reijnders (1990), S. 11 - 12 und Rosenberg und Frischtak (1983), S. 146.

27 Gerster (1988), S. 8 - 9.

28 Reijnders (1990), S. 13.

29 Gerster (1988), S. 9.

30 Silverberg und Verspagen (2003), S. 671.

31 Reijnders (1990), S. 35 - 40.

32 Kühne (1991), S. 29.

33 Schumpeter (1964), S. 178 - 183.

34 Gerster (1988), S. 10 sowie Kühne (1991), S. 27 und Reijnders (1990), S. 29.

35 Schumpeter (1987), S. 100 - 101.

36 Gerster (1988), S. 10.

37 Kühne (1991), S. 28 - 29.

38 Gerster (1988), S. 10.

39 Kühne (1991), S. 28 - 29

40 Reuter (2000), S. 62 und Kühne (1991), S. 30.

41 Silverberg und Verspagen (2003), S. 673.

42 Kühne (1991), S. 30.

43 Reuter (2000), S. 62.

44 Mensch (1975), S. 21.

45 Reuter (2000), S. 63 sowie Mensch (1975), S. 21 - 22.

46 Ebd., S. 65.

47 Mensch (1975), S. 42 - 43 und Reijnders (1990), S. 46 sowie Silverberg und Verspagen (2003), S. 673.

48 Kühne (1991), S. 31.

49 Reuter (2000), S. 63 - 64 sowie Silverberg und Verspagen (2003), S. 673.

50 Kühne (1991), S. 32 und Mensch (1975), S. 45 - 50 und S. 55 - 58.

51 Ebd., S. 33.

52 Freeman (1991), S. 212 sowie S. 221.

53 Freeman (1991), S. 223 - 224.

54 Ebd., S. 224 - 227.

55 Rosenberg und Frischtak (1983), S. 149.

56 Ebd., S.146 - 151.

57 Kondratieff und Stolper (1935), S. 111 und S. 115.

58 Rosenberg und Frischtak (1983), S. 146.

59 Perez (2009), S. 13 - 15.

60 Perez (2009), S. 3.

61 Ebd., S. 3.

62 Freeman (1992), S. 81 - 84 und Perez (2009), S. 4.

63 Perez (2009), S. 14.

64 Ebd., S. 14.

65 Ebd., S. 9.

66 Perez (2009), S. 9.

67 Ebd., S. 14.

68 Rosenberg und Frischtak (1983), S. 149 - 150.

69 Walter (2006), S. 196.

70 Rosenberg und Frischtak (1983), S. 150.

Details

Seiten
33
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656912057
ISBN (Buch)
9783656912064
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289336
Note
1,2
Schlagworte
Lange Welle Kondratieff Historische Betrachtung Empirische Befunde

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die historische Betrachtung von Innovationen und die Theorie der Langen Wellen