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Hat Platons "Theaitetos" am Schluß eine Lösung?

Hausarbeit 2013 14 Seiten

Klassische Philologie - Gräzistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Überblick über den Dialog Theaitetos

3. Sokrates, Theaitetos, Theodoros und der λόγος

4. Argumentum e silentio: Wo ist die Ideenlehre geblieben?

5. Die Makrostruktur des Dialogs. Wissen vom Wissen

6. Ein vorsichtiges Fazit – Wissen und λόγος

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage, ob der Theaitetos in einer Aporie ende, scheint vorderhand rhetorischer Natur zu sein – bricht doch nach langem Hin und Her die Reihe der drei (bzw. vier) Definitionsversuche des Wissens in diesem mittelspäten Dialog Platons auf für den Leser enttäuschende Weise in sich zusammen. Nur ἀνεμιαῖα (210b) hat das mühselige, sprunghafte Gespräch zwischen Sokrates, dem sich bald zurückziehenden Mathematiker Theodoros und dem jungen Theaitetos hervorgebracht. Die Aporie ist manifest: „Weder also die Wahrnehmung, Theaitetos, noch die wahre Meinung, noch die mit der wahren Meinung verbundene Erklärung kann Wissen sein“, faßt Sokrates das Gesprächsergebnis zusammen. (210a)

Freilich kann diese Frage nur befriedigend beantwortet werden, wenn zuvor geklärt ist, worin überhaupt das Thema bzw. die Fragestellung des Theaitetos besteht. Denn es ist keineswegs sicher, daß dieser Dialog von Platon tatsächlich bloß als mäandrierende und exkursgeschwängerte semantische Analyse des Wissensbegriffs verfaßt worden wäre. Vielmehr liegt – nicht zuletzt aufgrund mancher dunkler Stellen und Widersprüche des Textes – inzwischen eine große Zahl ganz heterogener Deutungsansätze vor.[1]

Aus Platzgründen muß die vorliegende Arbeit auf die Analyse des Verhältnisses zwischen den Dialogen Theaitetos und Sophistes verzichten. Klar ist, daß beide aufeinander zu komponiert sind; man darf vermuten, daß auf argumentativer Ebene der Sophistes auf den Theaitetos antwortet. Die folgenden Ausführungen stehen insofern unter Vorbehalt, daß eine abschließende Aussage über Sinn und Zweck des Theaitetos ohne Einbeziehung des Sophistes unmöglich ist.

Die vorliegende Arbeit diskutiert verschiedene, möglichst konträre Deutungsansätze. Sie geht dabei von den methodischen Prämissen aus, daß ein platonischer Dialog nur im ganzen (und ggf. in seinem Zusammenhang mit weiteren Dialogen) sinnvoll interpretiert werden kann und daß die Berücksichtigung der dramatischen Komposition (d.h. des literarischen Charakters des Werkes) für die Würdigung der Dialoginhalte von höchster Bedeutung ist.[2]

2. Überblick über den Dialog Theaitetos

Der Theaitetos, vermutlich[3] nach 369 entstanden, gehört chronologisch in den Übergang vom mittleren zum späten Werk Platons. Zusammen mit dem Sophistes und dem Politikos bildet er eine Trilogie, deren Erweiterung um einen Dialog Philosophos zur Tetralogie möglicherweise geplant war, jedoch nicht ausgeführt wurde. Alle drei Dialoge, ganz besonders aber der Theaitetos und der Sophistes, haben die Gnoseologie zum Thema, sind reich an Exkursen und sperren sich bis heute einer halbwegs konsensualen Interpretation. Die Dialoge der Trilogie sind aufeinander zu komponiert; sie fingieren drei Gespräche an drei aufeinanderfolgenden Tagen, und abgesehen von dem am zweiten Tag hinzukommenden „Fremden aus Elea“[4] sind die auftretenden Personen dieselben.

Aus Gründen der Übersicht wird nachfolgend zunächst kurz der Inhalt des Dialoges Theaitetos – vorerst ohne jede Interpretation – wiedergegeben:[5]

- 142a1-143c7 Rahmenerzählung. Theaitetos liegt im Sterben; Eukleides und Terpsion lassen sich die Niederschrift des Gespräches vorlesen, das Sokrates in seinem Todesjahr mit dem jungen Mathematiker geführt haben soll.

- 143d1-151d6 Einleitung. Vorstellung des Theaitetos. Erklärung der Berufung des Sokrates zur geistigen Hebamme. „Nullter“ (extensionaler) Definitionsversuch des Wissens: Aufzählung unterschiedlicher Kenntnisse/Fertigkeiten.

- 151d7-186e12 1. Definitionsversuch. Wissen = Wahrnehmung. Diskussion und Widerlegung der „Heraklit-Protagoras-Theorie“[6]. Exkurs („Digression“) über das Verhältnis des Philosophen zur Gesellschaft.

- 187a1-201c7 2. Definitionsversuch. Wissen = wahre Meinung. Exkurs zum ψευδὴς-δόξα-Problem. Fünf Erklärungen falscher Meinung. Widerlegung des 2. Definitionsversuches.

- 201c8-210b3 3. Definitionsversuch. Wissen = wahre Meinung mit λόγος. Exkurs: „Traumtheorie“[7] vom Atomaren und Zusammengesetzten. Drei Erklärungen des λόγος. Aporetisches Ende des Gesamtdialoges.

Bereits die drastische Verschiedenheit des Textumfangs, den Platon den einzelnen – von allen Exegeten im Konsens auf diese Weise voneinander abgegrenzten – Hauptabschnitten des Dialoges einräumt, ist geeignet, beim Interpreten Irritation hervorzurufen. Rahmenerzählung und Einleitung weisen einen Umfang im Bereich des Üblichen auf, doch der erste Definitionsversuch allein nimmt beinahe die Hälfte des Dialoges ein, der zweite umfaßt nur ein Fünftel, der dritte gar nur ein Siebtel.[8] Nimmt man an, daß alle platonischen Dialoge mit höchster Sorgfalt komponiert sind und Platon in ihrer Dramaturgie nichts dem Zufall überlassen hat, so darf man diese Tatsache für die Gesamtdeutung keineswegs vernachlässigen. Ferner sind allen drei Definitionsversuchen – und in gewisser Weise sogar der Einleitung – Exkurse zugeordnet, was schwerlich Zufall sein kann.[9] Der Reihe nach begegnen als Exkurse: Sokrates als Hebamme – die „Digression“ über die Rolle des Philosophen in der Gesellschaft – das ψευδὴς-δόξα-Problem – die „Traumtheorie“. Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß der Dialog den Verlauf realer Gespräche nachbildet – die insbesondere dann exkursreich zu geraten pflegen, wenn sie zu philosophischen Fragen geführt werden – liegt doch die Vermutung nahe, daß die drei Definitionsversuche durch ihren jeweiligen Exkurs zumindest eine gewisse Konnotation erhalten sollen.[10] Die ältere exegetische Tradition hat diesen Exkursen von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert weit mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem „eigentlichen“ (epistemologischen) Argumentationsgang des Theaitetos.[11]

[...]


[1] Die Ausgangslage ist dieselbe, wie sie Wieland für das platonische Gesamtwerk feststellt: „Hält man sich nur an den Textbefund, so gibt es keine Lehre Platons. Doch das schließt nicht die Möglichkeit aus, Lehren aus Platon zu ziehen. [...] Man kann von Platon [...] lernen, wie wenig derjenige erreicht hat, der über die Kenntnis solcher [sc. philosophischer] Aussagen verfügt, ohne mit ihnen auf die richtige Weise umgehen zu können.“ (Wieland, Platon und die Formen des Wissens, 236)

[2] Vgl. Dalfen, Platonische Intermezzi. Nicht nur der sachliche Gehalt der Diskussion, sondern auch das Verhalten der Gesprächspartner und besonders ihre Konstellation zueinander als dramatische Figuren ist für die Interpretation zu berücksichtigen. (Vgl. Dalfen, ebd., 80.)

[3] Becker weist auf die Möglichkeit hin, daß durchaus ein bereits fertiger Dialog nach dem Tod des historischen Theaitetos überarbeitet bzw. mit der Einleitung als einer Art Epitaph für den Mathematiker versehen worden sein kann. (Vgl. Becker, Kommentar, 236.)

[4] Vgl. die eingehende kritische Interpretation dieser Figur bei Dalfen, Platonische Intermezzi, 103ff.

[5] Erstellt unter Verwendung der Gliederungen Heitschs (Wege zu Platon, 19) und Beckers (Kommentar, 249ff.)

[6] Der Ausdruck bei Becker, Kommentar, 277ff.

[7] Der Ausdruck ist nach Becker, Kommentar, 346, allgemein gebräuchlich.

[8] Vgl. Becker, Kommentar, 247f.

[9] Natorp erklärt alle Exkurse des Theaitetos für schmückendes Beiwerk (Natorp, Platos Ideenlehre, 92), was man angesichts der offenbar höchst sorgfältigen Disposition des Textes kaum wird sagen können.

[10] Dieser Frage kann ich in der vorliegenden Arbeit aus Platzgründen nicht weiter nachgehen.

[11] Vgl. Becker, Kommentar, 269. Noch Erler (Der Sinn der Aporien, 269n) hält es für ironisch, wenn Sokrates die aus Erlers Sicht höchst gehaltvolle „Digression“ als „πάρεργα“ bezeichnet.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656895657
ISBN (Buch)
9783656895664
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289301
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Klassische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
platons theaitetos schluß lösung

Autor

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