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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

„Gewalt in der stationären Altenpflege“von Janette Lieske
Einleitung
1. Überblick über die Situation der Altenpflege in Deutschland
2. Begriffliche Klärungen zur Thematik „Gewalt“
3. Theoretische Erklärungsansätze zur Gewaltentstehung
4. Fallbeispiel
5. Ursachen von Gewalt in der stationären Altenpflege
6. Formen der Gewalt in der stationären Altenpflege
7. Ansätze zur Gewaltverminderung in der stationären Altenpflege
Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis
Anhang

„Kulturelle und sexuelle Gewalt in der Pflege"von Anike Bäslack
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
3. Rechtliche Grundlagen
4. Beispiele aus der Pflege
5. Erklärungsversuch
6. Prävention und Bewältigung
7. Zusammenfassung
8. Fazit
9. Literaturverzeichnis

„Arbeitsbelastung und Stress in der psychiatrischen Krankenpflege“von Thomas van Laar
Vorwort
1. Definitionen
2. Arbeitsbelastungen (Stressoren)
3. Stress
4. Auswirkungen des Stresses
5. Burn-Out (eine mögliche Folge anhaltender Überlastung)
6. Prävention
Resümee
Quellen

Einzelpublikationen

„Gewalt in der stationären Altenpflege“von Janette Lieske

2006

Gewalt fängt nicht an,wenn einer einen erwürgt.Sie fängt an, wenn einer sagt:„Ich liebe dich,du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht anwenn Kranke getötet werden.Sie fängt an, wenn einer sagt:„Du bist krank,du musst tun, was ich dir sage!“

Gewalt herrscht dort,wo der Staat sagt:„Um die Gewalt zu bekämpfendarf es keine Gewalt mehr gebenaußer meiner Gewalt!“

Erich Fried

(Auszug aus dem Gedicht „Die Gewalt“)

Einleitung

Wer schon einmal in einem Altenpflegeheim zu Besuch war und sich etwas Zeit zum Beobachten genommen hat, der kennt vielleicht Situationen wie diese: Eine alte Frau soll „gefüttert“ werden, sie verweigert dies; die Pflegerin drängt unter Hinweis auf die fehlende Zeit zum Essen, die Frau spuckt sie daraufhin an und schiebt den Löffel energisch von sich weg, woraufhin die Pflegerin mit den barschen Worten „Dann eben nicht!“ aufsteht und geht. Eine Begebenheit bei der man als Außenstehender vielleicht ein etwas ungutes Gefühl hat, aber damit wohl eher nicht das Wort „Gewalt“ in Verbindung bringt. Doch genau um solche und ähnliche Situationen im Pflegealltag soll es in der vorliegenden Diplomarbeit gehen. Das Augenmerk liegt weniger auf der direkten körperlichen Gewalt, die zwar leider hin und wieder auftritt, jedoch meiner Meinung nach eher selten ist. Auch geht es nicht um die juristischen Aspekte dieser Problematik. Gegenstand der Betrachtung ist die mehr oder weniger versteckte alltägliche Gewalt in der stationären Altenpflege, die vielleicht sogar von den Beteiligten gar nicht als solche erkannt wird. Ziel ist dabei nicht die Findung eines „Schuldigen“. Vielmehr soll die Komplexität der Entstehung von Gewalt aufgezeigt werden, denn oft ist es schwierig, im Beziehungs-geflecht von Bewohnern, Pflegekräften, Leitenden zu erkennen, wer nun „Opfer“ oder „Täter“ ist und wo die Gewalt ihren eigentlichen Ursprung hat. In diesem Zusammenhang werden auch die strukturellen Rahmen-bedingungen näher beleuchtet, da ihnen meiner Meinung nach eine große Bedeutung bei der Gewaltentstehung zukommt. Kaum Beachtung finden in dieser Diplomarbeit die Angehörigen, welche zwar als wichtiger, manchmal stark beeinflussender „Background“ vorhanden, aber in den Pflegealltag nicht direkt involviert sind.

Gewalt gegen alte Menschen geschieht an verschiedenen Orten z.B. im häuslichen Bereich, in der vorliegenden Arbeit wird jedoch ausschließlich der „Tatort“ stationäre Altenpflegeeinrichtung näher dargestellt.

So wird im ersten Kapitel dem Leser zunächst mittels statistischer Daten ein allgemeiner Überblick über die Situation der Altenpflege in Deutschland gegeben. Anschließend erfolgen notwendige begriffliche Klärungen zur Thematik „Gewalt“.

In Kapitel drei wird zur Erklärung der Entstehung von Gewalt die „Frustrations-Aggressions-Hypothese“ von Dollard und der Lern-theoretische Erklärungsansatz, insbesondere das „Lernen am Modell“ von Bandura vorgestellt. Diese theoretischen Ausführungen werden mittels kleiner Beispiele aus dem Pflegealltag anschaulicher gemacht und in den darauf folgenden Kapiteln zur Erklärung heran gezogen.Nach dem notwendigen Grundlagenwissen beschäftigen sich die nächsten Abschnitte ganz konkret mit der Problematik „Gewalt in der stationären Altenpflege“. An deren Anfang habe ich die Schilderung des Arbeitstages einer Pflegekraft gestellt, welche einen kleinen praktischen Einblick in die Lebens- und Arbeitswelt „Altenpflegeheim“ geben soll. In Kapitel fünf erfolgt die Klärung der Ursachen von Gewalt in der stationären Altenpflege. Dies stellt ein Schwerpunkt meiner Diplomarbeit dar, denn ich gehe davon aus, dass nur mit dem Wissen um die Ursachen eine Veränderung und somit Verminderung von Gewalt möglich ist. Formen von Gewalt in der stationären Altenpflege werden in Kapitel sechs dargestellt.Im letzten Kapitel zeige ich einige Ansatzpunkte zur Gewaltverminderung bzw. -vermeidung auf.

Die Problematik der Gewalt in der stationären Altenpflege ist sehr komplex, wird jedoch oft verschwiegen und tabuisiert. In den letzten Jahren gehen immer wieder einmal „Skandalmeldungen“ durch die Medien. Eines der jüngsten Beispiele ist eine Gerichtsverhandlung in der sich vier Görlitzer Altenpflegerinnen vor Gericht zu verantworten hatten, weil sie über Jahre hinweg geistig verwirrte Heimbewohnerinnen geschlagen, unterversorgt und bestohlen hatten. Als Tochter einer in der stationären Altenpflege tätigen Mutter konnte ich schon oft einen Blick „hinter die Kulissen“ werfen und sehen, dass Gewalt in der Pflegearbeit allgegenwärtig ist. Auf Grund dessen und im Hinblick auf die demographische Entwicklung in Deutschland und der daraus resultierenden steigenden Bedeutung der Altenpflege in der Gesellschaft und in der Sozialen Arbeit, erschien es mir reizvoll und interessant mich mit der Problematik „Gewalt in der stationären Altenpflege“ auseinanderzusetzen, Ursachen und Zusammenhänge zu erkennen und mögliche Lösungsansätze zu finden.

Ich hoffe, dass auch der Leser der vorliegenden Diplomarbeit für das Erkennen von Gewalt in der stationären Altenpflege sensibler wird, die komplexen Entstehungsmechanismen besser erkennen und dadurch möglicherweise verhindern kann.

1. Überblick über die Situation der Altenpflege in Deutschland

Dieses Kapitel gibt einen kurzen und eher statistischen Überblick über die Situation der Altenpflege in Deutschland. Das Forschungsfeld „stationäre Altenpflege“ soll dadurch mit Daten und Fakten unterlegt werden, um dessen Tragweite zu verdeutlichen. Dabei geben Zahlen schon einen ersten Hinweis auf kritische Zustände, die möglicherweise die Entstehung von Gewalt begünstigen. Besonders wichtig ist zudem die Kenntnis über zukünftige Entwicklungstendenzen. Denn längerfristige Lösungswege aus der Gewalt können meiner Meinung nach nur gefunden werden und wirksam sein, wenn man um zukünftig entstehende Problemlagen weiß und dieses Wissen vorausschauend mit einbezieht.

1.1 Wissenswertes zur Pflegebedürftigkeit

In Deutschland leben derzeit 82,5 Mio. Menschen, rund 20 Mio. davon sind über 60 Jahre. Also etwa ein Viertel der Deutschen sind ältere Menschen.

Mit zunehmendem Alter steigt auf Grund der körperlichen Abbauprozesse und der dadurch entstehenden Krankheiten die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden. Laut Statistischem Bundesamt sind über 2 Mio. Menschen in Deutschland pflegebedürftig im Sinne des Pflege-versicherungsgesetzes (SGB XI). Dies bedeutet: „Pflegebedürftig (…) sind Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedürfen.“ (§14 Abs.1 SGB XI). Je nach Schweregrad und dem damit erforderlichen Maß an Hilfestellungen wird gemäß §15 SGB XI in drei Stufen der Pflegebedürftigkeit unterschieden – erheblich Pflegebedürftige (Stufe I), Schwerpflegebedürftige (Stufe II) und Schwerstpflegebedürftige (Stufe III).

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten zur Betreuung Pflegebedürftiger. Die Pflege kann im häuslichen Umfeld durch Angehörigen oder durch ambulante Hilfen (z.B. Sozialpflegerischer Dienst) erfolgen. Weiterhin können teilstationäre Hilfen(z.B. Tagespflege) genutzt werden. Und es besteht die Möglichkeit der Unterbringung und Pflege in einer stationären Einrichtung (z.B. Pflegeheim).

Mehr als zwei Drittel (70%) der Pflegebedürftigen werden zu Hause und 30% in Heimen versorgt. Allgemein ist ein Trend hin zur „professionellen“ Pflege durch ambulante Pflegedienste und in Pflegeheimen zu erkennen (vgl. Statistisches Bundesamt 2003a). Folgende Graphik zeigt einen Überblick über die in diesem und folgendem Abschnitt skizzierten Zahlen der Pflegebedürftigen und die Art ihrer Versorgung in Deutschland.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Eckdaten der Pflegestatistik 2001(Quelle: Statistisches Bundesamt 2003a)

1.2 Strukturen der Pflegeheime

In diesem Abschnitt beziehe ich mich vorrangig auf die Zahlen der vom Statistischen Bundesamt herausgegebenen „Pflegestatistik 2001“.In Deutschland gibt es nahezu 9.200 nach SGB XI zugelassene voll- bzw. teilstationäre Pflegeheime. Insgesamt werden in diesen etwa 604.000 Menschen versorgt. Man kann sagen, dass die Bedeutung der stationären Versorgung im Vergleich zu 1999 zugenommen hat. So wurden beispielsweise ca. 300 zusätzliche Heime eröffnet und 31.000 Menschen mehr im Heim betreut.Betrachtet man die Bewohnerstruktur, so ist erwähnenswert, dass fast die Hälfte der Heimbewohner 85 Jahre und älter ist. Grund dafür ist die Tatsache, dass mit steigendem Lebensalter die Menschen in der Regel eher pflegebedürftig sind. Außerdem ist das Heimeintrittsalter an sich meist schon sehr hoch, da die zunehmend schwerere Pflegebedürftigkeit oft nicht mehr von der Familie oder ambulanten Diensten abgedeckt werden kann. So ist auch begründbar, dass der Anteil der Schwerstpflegebedürftigen im Heim 21% beträgt. In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass die Aufnahme in ein Pflegeheim an das Vorhandensein einer Pflegestufe gekoppelt ist.

Bei der Geschlechterverteilung der Bewohner ist auffällig, dass der Anteil der Frauen mit 79% sehr viel höher liegt als der der Männer. Erklärt werden kann dies zum einen durch deren höhere Lebenserwartung. Zum anderen durch den Frauenüberschuss, der als Folge der im 2. Weltkrieg gefallenen Männer entstand.

Bei der Ausstattung der Heime ist zu erwähnen, dass im Durchschnitt 66 Pflegebedürftige in einem Pflegeheim betreut werden. Die meisten Plätze (316.000) bei der vollstationären Dauerpflege befinden sich in 2-Bett-Zimmern und rund 310.000 Plätze in 1-Bett-Zimmern. Die 1-Bett-Zimmer gewinnen jedoch auf Grund steigender Qualitätsanforderungen an Bedeutung.

Zur personellen Ausstattung kann gesagt werden, dass 475.000 Personen in den Heimen beschäftigt sind. Im Rahmen des SGB XI, also direkt in der Pflege und Betreuung sind davon 71% tätig. Der Anteil der weiblichen Beschäftigten liegt bei 85%, was auf das häufige Ergreifen der Frauen von sozial, pflegerischen Berufen zurückzuführen ist. Der Fachkräfteanteil in der Pflege liegt bei 46%.

1.3 Zukünftige Entwicklungstrends in der Altenpflege

Betrachtet man die demographische Entwicklung in Deutschland, ist ganz deutlich zu erkennen, dass die Bevölkerung weiterhin schrumpfen und altern wird. Die gleichmäßige „Alterspyramide“ des frühen zwanzigsten Jahrhundert hat sich heute schon zu einer an einigen Stellen ausgefransten „Tanne“ entwickelt und wird sich bis 2050 zu einer Art „Pilz“ weiterentwickeln (vgl. Meyer 1998, S.15). Laut der „10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamtes wird der Anteil der jungen Menschen unter 20 Jahren an der Bevölkerung von rund einem Fünftel im Jahr 2001 auf rund ein Sechstel im Jahr 2050 sinken. Der Anteil der über 60jährigen steigt dagegen im gleichen Zeitraum von etwa einem Viertel auf mehr als ein Drittel.

Zur Veranschaulichung der Bevölkerungsentwicklung sollen folgende Graphiken dienen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 u. 3 Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland von 1950 bis 2050 bzw. 2001 bis 2050(Quelle: Statistisches Bundesamt 2003b)

Allein die Tatsache, dass es immer mehr ältere Menschen gibt, lässt schon einen erhöhten Bedarf an Altenpflegeeinrichtungen vermuten. Hinzu kommt, dass auf Grund der steigenden Lebenserwartung immer mehr Menschen 80 Jahre und älter werden und deren Anteil an der Bevölkerung sich im Zeitraum 2001 bis 2050 wahrscheinlich verdreifachen wird. Da in dieser Altersgruppe auf Grund der stark voranschreitenden körperlichen und geistigen Abbauprozesse, die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden sehr hoch ist, wird der Bedarf speziell an stationären Pflege-einrichtungen steigen. Nicht zuletzt auch dadurch, dass es immer weniger jüngere Familienangehörige gibt, die die Pflege übernehmen können und wollen. Der politische Trend verläuft jedoch eher dahingehend, dass die kostengünstigere ambulante Pflege zunehmend vor der kostenintensiven Stationären gefördert und ausgebaut wird. Somit ist mit weiteren Einsparungen in der stationären Altenpflege zu rechnen.

Für die Pflegeheime und ihre Mitarbeiter hat das zunehmende Alter der Bewohner starke Auswirkungen. So steigt der Bedarf an medizinisch-pflegerischen Versorgungsleistungen und es erhöht sich der Anteil der demenziell oder gerontopsychiatrisch veränderten Bewohnern, die einer aufwendigen und speziellen Betreuung bedürfen.

Dies unterstützt die momentan schon problematische Entwicklung der zunehmenden Arbeitsverdichtung für Pflegeheime und vor allem für deren Mitarbeiter (vgl. dip 2003). So steigen einerseits die Anzahl der Pflege-bedürftigen und der Bedarf an spezieller und intensiver Betreuung. Andererseits steht immer weniger (qualifiziertes) Personal zur Verfügung. Begründet werden kann dies durch finanzielle Sparmaßnahmen, aber zunehmend wird es auch auf die fehlende Attraktivität des Berufes und des immer geringer werdenden Anteils der Menschen im Erwerbsalter zurückzuführen sein.

Auf die Frage, wie die Pflege alter Menschen angesichts der (demographischen) Entwicklungen zukünftig finanziert werden soll, möchte ich nicht näher eingehen, sondern sie nur als Denkanstoß aufführen.

Zusammenfassend könnte man zur Entwicklung der stationären Altenpflege sagen, dass der Bedarf und die Anforderungen an Pflegeheime und ihre Mitarbeiter steigen werden, die zur Verfügung stehenden Ressourcen (z.B. Personal, Finanzen) jedoch stagnieren bzw. sogar abnehmen werden.

2. Begriffliche Klärungen zur Thematik „Gewalt“

Nachdem das Forschungsfeld „stationäre Altenpflege“ näher betrachtet wurde, sollen im diesem Kapitel begriffliche Klärungen zur Thematik „Gewalt“ erfolgen. So geht es im ersten Abschnitt um die Findung einer für diese Diplomarbeit geltenden Arbeitsdefinition von Gewalt. Anschließend werden die Elemente des Gewaltendreiecks von Galtung kurz erläutert, da ich auf dessen Grundlage das sechste Kapitel „ Formen der Gewalt in der stationären Altenpflege“ aufgebaut habe.

2.1 Definition des Begriffs Gewalt

Zu Beginn muss gesagt werden, dass es keine einheitliche Definition von Gewalt gibt. Vielmehr existiert ein fast unüberschaubares Sammelsurium an Definitionen, die für die Praxis mehr oder weniger relevant sind. Aus diesem Grund erscheint mir die Findung einer für die Thematik dieser Diplomarbeit sinnvollen Gewaltdefinition angebracht.

Der Begriff Gewalt ist auf das althochdeutsche Wort „waltan“ zurück-zuführen, was so viel bedeutet wie „herrschen “, „stark sein“. Er wird grundsätzlich in zweierlei Hinsicht benutzt. So ist Gewalt zum einen eine (negative) Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Zum anderen hat sie sich in unserer Gesellschaft als eine legitime und von der Mehrheit geduldete bzw. gewünschte Beziehungsform im so genannten Gewaltmonopol des Staates etabliert (vgl. Büttner 1997, S.420).

Es gibt Definitionen in denen der Gewaltbegriff nur mit körperlicher Gewalt in Verbindung gebracht wird. In vorliegender Diplomarbeit soll er jedoch weiter gefasst werden, wobei ich mich der Sichtweise von Ruthemann (1993) anschließe, die teilweise auch zu anderen Definitionen konträr läuft. So lautet die für diese Diplomarbeit geltende Arbeits-definition:Von Gewalt wird gesprochen, wenn eine Person zum „Opfer“ wird. Dies geschieht dann, wenn die Person vorübergehend oder dauernd daran gehindert wird nach ihren Wünschen und Bedürfnissen zu leben und zu handeln. Diese Beeinträchtigung kann durch Personen, (institutionelle) Strukturen und kulturell bedingte Faktoren geschehen.

Gewalt sollte aus der Sicht der geschädigten Person definiert werden. Das heißt, weniger die Absicht des „Täters“ muss im Blickfeld stehen, sondern primär die unangenehme und beeinträchtigende Wirkung auf das „Opfer“.

Diese Sichtweise entspricht dem Anliegen meiner Diplomarbeit. Denn für mich geht es nicht vorrangig darum, einzelnen „Tätern“ schädigende Absichten zu unterstellen bzw. nachzuweisen. Vielmehr soll es um das Erkennen der unangenehmen oder schädlichen Auswirkungen des Handelns gehen, welche teilweise von den „Tätern“ selbst nicht bemerkt werden.

2.2 Vorstellung des „Gewaltendreiecks“ nach Galtung

In meiner für diese Diplomarbeit festgelegten Arbeitsdefinition von Gewalt heißt es, dass „die Beeinträchtigung durch Personen, (institutionelle) Strukturen und kulturell bedingte Faktoren geschehen kann“. Dieser Aussage zu Grunde liegt das vom Friedensforscher Johann Galtung definierte „Gewaltendreieck“. Nach Galtung (1975, 1993 zitiert nach Hirsch 2000) ergeben sich drei Hauptebenen von Gewalt - personale, strukturelle und kulturelle- die als „Gewaltendreieck“ zusammenhängen und wirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 „Gewaltendreieck“ nach Galtung

Personale Gewalt ist am ehesten fassbar. Sie beschränkt sich auf bestimmtes Handeln oder Nicht– Handeln einer Person bezogen auf eine andere Person. „Täter“ und „Opfer“ stehen sich in einer Beziehung gegenüber.

Strukturelle Gewalt ist eine „Gewalt von Oben“, welche häufig gar nicht bewusst wahrgenommen wird, da die Verantwortlichen meist nicht direkt erkennbar sind. Man könnte in diesem Zusammenhang von „Schreibtischtäter“ sprechen.

Oft ist strukturelle Gewalt Auslöser von personaler Gewalt, welche dann jedoch auf Grund ihrer besseren Erkennbarkeit meist stärker im Blickpunkt der Aufmerksamkeit steht.

Meiner Meinung nach Bedarf die strukturelle Gewalt gerade im Bereich der Altenpflege besonderer Beachtung, da sie nicht minder vertreten ist bzw. Ursache personaler Gewalt sein kann.

Unter kultureller Gewalt sind gesellschaftliche Wertvorstellungen und Vorurteile zu verstehen, die eine Verringerung von Gewalt erheblich erschweren (vgl. Hirsch 2000).

Zusammenfassend könnte man sagen, dass „direkte Gewalt ein Ereignis, strukturelle ein Prozess und kulturelle eine mehr oder weniger schwer veränderliche permanente Größe (ist)“ (Hirsch 2000).

Mit Hilfe dieser Gewaltebenen wird die Komplexität von Gewaltstrukturen deutlich. Es zeigt auch, dass es für deren Beseitigung zu einseitig wäre beispielsweise nur bei der von den Pflegekräften ausgehenden personalen Gewalt anzusetzen.

In welcher Gestalt die verschiedenen Gewaltformen in der stationären Altenpflege auftreten, kann in Kapitel sechs dieser Diplomarbeit nachgelesen werden.

3. Theoretische Erklärungsansätze zur Gewaltentstehung

Es gibt viele verschiedene theoretische Erklärungsansätze zur Entstehung von Gewalt. Eine Zusammenstellung einiger Ansätze kann im Anhang A nachgelesen werden. Darunter ist keine einzig wahre Theorie zu finden, denn für die Erklärung eines konkreten Gewaltphänomens ist stets eine Sammlung verschiedener Faktoren nötig. Daher ist es auch wenig sinnvoll für die Vielzahl von gewalttätigen Erscheinungen eine einheitliche Erklärung zu suchen (vgl. Nolting 1997, S.50).

Ich möchte aus diesem Grund zwei Theorien näher betrachten - die „Frustrations- Aggression- Hypothese“ nach Dollard und die Lerntheorien, hierbei insbesondere das „Lernen am Modell“ nach Bandura. Sie beruhen jeweils auf einen anderen Denkansatz und ermöglichen somit verschiedene Sichtweisen auf ein Problem. Dabei stehen sie sich jedoch nicht konträr, sondern eher ergänzend gegenüber.

In den folgenden Kapiteln werde ich die vorgestellten Theorien immer wieder zur Erklärung von Gewaltenstehungsprozessen in der stationären Altenpflege heran ziehen, jedoch für eine bessere Anschaulichkeit schon in diesem Kapitel mit kurzen Beispielen aus dem Pflegealltag ergänzen.

Die Theorien zur Erklärung von Gewalt stammen aus der Aggressions-forschung, da Aggression als Ursache für gewalttätiges Handeln angesehen wird (vgl. Meyer 1998, S.45). Aus diesem Grund soll sich der Leser nicht daran stören, wenn teilweise das Wort „Aggression“ anstatt „Gewalt“ auftaucht. Ich habe die Definition des Gewaltbegriffes in der vorliegenden Diplomarbeit sehr weit gefasst, so dass der Einfachheit halber in diesem Rahmen Aggression mit Gewalt gleich gesetzt werden kann.

3.1 Frustrations-Aggressions-Hypothese nach Dollard

Die Frustrations- Aggressions- Hypothese ist eine psychologisch orientierte Theorie, die 1939 von einer Forschergruppe um J. Dollard veröffentlicht wurde. Die ursprüngliche Kernaussage der Theorie war, dass Frustration immer zu irgendeiner Form von Aggression führt, und dass diese immer Folge von Frustration ist.

Durch zahlreiche Experimente wurde jedoch erkannt, dass die Aussage in der Form nicht stimmt. So wird beispielsweise auf Frustration nicht zwangsläufig mit Aggression, sondern auch mit anderen Reaktionen wie Weinen oder Flucht reagiert.

Aus diesem Grund modifizierte Berkowitz 1962 die Theorie dahingehend, dass die Reaktion einer Person davon beeinflusst wird, wie diese ihre Frustration wahrnimmt. So folgt auf Frustration nicht sofort Aggression, sondern erst eine interpretationsabhängige Gefühlsreaktion (vgl. Meyer 1998, S.47). Wird das Ereignis als bedrohlich empfunden entstehen Gefühle (emotionale Erregungen) wie Ärger, Wut, Zorn, aber auch Angst, wodurch sich die innere Bereitschaft für aggressives Verhalten erhöht.

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Abb. 5 Frustrations-Aggressions-Hypothese(Quelle: Möglich 2003, S.32)

Ob Aggression überhaupt auftritt ist abhängig davon, wie die Person eine Situation bewertet. Fühlt sie sich dadurch überhaupt frustriert (Für den einen ist es eine konstruktive Kritik für den anderen eine Beleidigung.) und wenn ja, in welcher emotionalen Färbung (Die einen sind entmutigt, die anderen verärgert.).

Auftretende Frustrationen werden in drei Arten unterschieden (vgl. Nolting 1997, S.69):

Hindernisfrustration:

Hier wird eine zielbezogene Aktivität durch eine „Barriere“ gestört . Dies ist eine Frustration im engeren Sinn und entspricht der Definition der ursprünglichen Fassung der Theorie. Oft führen Hindernisfrustrationen allein nicht direkt zu aggressiven Verhalten, sondern eher zu Alternativen wie der Suche nach neuen Lösungen, entschärfender Bewertung der Situation (Humor), nicht direkt gegen Person gerichtetes Fluchen oder Resignieren.

Als Beispiel aus dem Pflegealltag könnte folgende Situation genannt werden: Die Pflegkraft hat Dienstschluss und ist in Eile, da sie einen wichtigen Termin hat. Gerade als sie gehen möchte stürzt ein Heimbewohner vor deren Augen. Die Pflegekraft möchte eine zielbezogene Aktivität ausführen – sie möchte den Arbeitsplatz schnellst möglich verlassen, um den Termin wahrnehmen zu können. Der Sturz des Heimbewohners hindert sie jedoch daran. Ein Gefühl des Ärgers kommt auf. Folge dessen kann sein, dass die Pflegekraft aggressiv reagiert, indem sie den Heimbewohner mit den Worten: „Können Sie nicht aufpassen“ verbal angreift, ihn grob anfasst oder überhaupt nicht hilft. Eher wahrscheinlich ist jedoch, dass daraufhin kein aggressives Verhalten gezeigt wird. Die Pflegekraft kann beispielsweise die Situation entschärfen und neu bewerten indem sie denkt, dass der Bewohner ja nichts dafür kann, auch trotzdem noch genügend Zeit verbleibt um den Termin wahrzunehmen und Helfen jetzt einfach wichtiger ist.

Provokation:

Dies sind Bedingungen, die eine Zielaktivität nicht direkt behindern, aber auf den Menschen störend wirken. Hierzu zählen verbale Angriffe (Beleidigung, Drohungen), Belästigungen, unfreundliche Behandlungen und körperliche Angriffe (Anrempeln). Experimente zeigen, dass diese Verhaltensweisen, die man eigentlich auch schon als eine Form von Gewalt bezeichnen kann, öfter aggressive Reaktionen hervorrufen als Frustration im engeren Sinne (vgl. Nolting 1997, S.74).

Als Beispiel möchte ich hier die in der Einleitung meiner Diplomarbeit beschriebene Begebenheit anbringen, in der die Heimbewohnerin zum Essen gedrängt wird, obwohl sie dies nicht möchte. Sie fühlt sich genötigt. Diese Frustration löst vermutlich Gefühle wie Wut, aber vielleicht auch Angst aus. Dies führt dazu, dass die Heimbewohnerin mit Gewalt reagiert, indem sie die Pflegerin („Frustrationsquelle“) anspuckt. Dieser körperliche Angriff stellt für die Pflegerin wiederum eine Provokation dar, sie wird wütend und reagiert mit psychischer Gewalt, indem sie im barschen Ton „Dann eben nicht!“ sagt, aufsteht und geht.

Physische Stressoren:

Hierunter sind äußere Einflüsse wie Lärm, Hitze, schlechte Luft, Menschengedränge, aber auch Schmerzen zu verstehen. Sie können aggressives Verhalten fördern, haben aber nicht so eine hohe Gewichtung wie andere Faktoren. Oft versuchen Menschen Stressquelle auf konstruktiven Weg abzustellen, ihnen zu entfliehen oder sie zu ignorieren.

Im Pflegealltag könnten physische Stressoren wie folgt aussehen. Die Pflegekraft kommt morgens unausgeschlafen und mit starken Kopfschmerzen auf Arbeit. Als sie das erste Zimmer betritt ist die Luft stickig und es riecht nach Kot und Urin. Im Nebenzimmer schreit ein Bewohner ständig „Mamma, Mamma, Mamma!“. Die Pflegkraft könnte sich in diesem Fall so frustriert fühlen, dass Ärger in ihr aufsteigt und sie mit Gewalt reagiert, indem sie beispielsweise den Heimbewohner sehr grob und schnell wäscht. Wahrscheinlich wird sie jedoch zunächst versuchen so viel wie möglich physische Stressoren abzustellen. Sie könnte demnach erst einmal das Zimmer gut lüften, gegen die Müdigkeit einen Kaffee trinken, eine Kopfschmerztablette nehmen und den schreienden Heimbewohner beruhigen.

Treten mehrere Frustrationen gleichzeitig auf, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für aggressives Verhalten.

Aggressives Verhalten kann durch drohende Bestrafung gehemmt werden. Dabei kann es jedoch dazu kommen, dass die Aggression stellvertretend an einem „sichereren“ Ziel ausgelassen wird. Hierbei spricht man von einer „Verschiebung“ der Aggression. „Sichere Ziele“ sind dabei oft Personengruppen, die sich ohnehin schon in gefährdeten Positionen befinden und mit größter Wahrscheinlichkeit nicht zurückschlagen werden (vgl. Meyer 1998, S.47). Also beispielsweise Frauen und ältere pflegebedürftige Menschen.

Wie eine Person dann letztendlich reagiert ist bei jedem unterschiedlich und hängt mit dem zur Verfügung stehenden Verhaltensrepertoire zusammen. Menschen die häufig zu heftigen Aggressionsausbrüchen neigen haben oft ein Defizit an erlernten sozialen Kompetenzen. Sie besitzen nur die Grundausstattung „Flucht oder Angriff“ und kennen wenig konstruktive alternative Verhaltensweisen, wie sprachliches Argumentieren oder Konfliktregulierung. Die einem Menschen zur Verfügung stehenden Verhaltensweisen werden erlernt. Wie dies geschieht, kann im folgenden Abschnitt (3.2) anhand der Lerntheorien nachempfunden werden.

3.2 Lerntheorien

3.2.1 Allgemeiner Überblick

Die lerntheoretische Auffassung über die Entstehung von Gewalt ist im Vergleich zu anderen Theorien noch verhältnismäßig jung (vgl. Mayer 1998, S.48). Ihr prominentester Vertreter ist Albert Bandura auf dessen Theorie „Lernen am Modell“ ich im nächsten Abschnitt (3.2.2) näher eingehen möchte.

Die Lerntheorien gehen davon aus, dass aggressives Verhalten wie jedes soziale Verhalten überwiegend durch Lernen erworben wird. Einige der elementaren Formen körperlicher Aggression können mit minimaler Anleitung vervollkommnet werden, aber die meisten aggressiven Verhaltensweisen erfordern komplizierte Fertigkeiten, die ausgedehnte Lernprozesse verlangen (vgl. Bandura 1979, S.78).

Vom Standpunkt des sozialen Lernens aus wird der Mensch weder durch innere Kräfte getrieben noch durch Umwelteinwirkungen hilflos herumgestoßen (vgl. Bandura 1979, S.59). Verhaltensmuster können durch unmittelbare Erfahrung oder durch Beobachtung des Verhaltens anderer erworben werden. Man kann demnach folgende Arten des Lernens von aggressivem Verhalten unterscheiden:

Klassisches Konditionieren (Signallernen)

Wenn ein neutraler Reiz öfters zusammen mit einem erregenden Reiz auftritt, kann dieser eigentlich neutrale Reiz so konditioniert werden, dass er allein schon zum Auslöser für die Wirkung des erregenden Reizes wird.

Bezogen auf Gewalt in der stationären Altenpflege könnte als Beispiel der Ton der Rufanlage genannt werden. Das oft in den Augen der Pflegekräfte sinnlose Klingeln der Heimbewohner, macht die Pfleger wütend. Dies kann dazu führen, dass sie auf den Ton der Rufanlage, welcher eigentlich ein neutraler Reiz ist, schon aggressiv reagieren, obwohl ihnen das Anliegen des Bewohners noch nicht bekannt ist.

Operantes Konditionieren (Lernen am Erfolg):

Dies ist die elementare Form des Lernens und beruht auf unmittelbarer Erfahrung nach dem Prinzip „Versuch- Irrtum“. So werden in bestimmten (neuen) Situationen Verhaltensweisen ausprobiert. Wenn sie erfolgreich sind, werden sie beibehalten bei Misserfolg eher nicht.

Behandelt beispielsweise eine Pflegekraft einen Bewohner sehr unfreundlich, so wird dieser zukünftig weniger von dieser Person verlangen. Dadurch wurde das eigentlich negative Verhalten belohnt, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass dieses Verhalten wieder angewendet wird.

Lernen am Modell:

Lernen am Erfolg bzw. Misserfolg allein wäre sehr mühsam und teilweise gefährlich. So werden die meisten komplexen Verhaltensmuster durch die Beobachtung anderer Personen erlernt, was als „Lernen am Modell“ bezeichnet werden kann. Auf Grund dessen großer Bedeutung möchte ich es im folgenden Abschnitt (3.2.2) näher erläutern.

3.2.2 Lernen am Modell nach Bandura

Nach Bandura (1979) werden die meisten komplexen Verhaltensmuster, auch aggressives Verhalten, durch Beobachtung von Modellpersonen erlernt.

Durch das Betrachten eines Modells kann es zu drei verschiedenen Lerneffekten kommen:

Modellierender Effekt:

Durch Beobachtung wird eine neue Verhaltensweise erlernt und im Gedächtnis gespeichert. In einer adäquaten Situation kann diese abgerufen werden, was jedoch nicht zwangsläufig erfolgen muss. Als geeignet wird eine Situation angesehen, wenn das Verhalten Erfolg verspricht und nicht durch Strafandrohung oder moralische Bedenken gehemmt wird.

Im Pflegealltag könnte der modellierende Effekt in etwa so aussehen: Eine Pflegekraft beobachtet, wie ihre Kollegin einen ständig unruhig herumlaufenden Heimbewohner fixiert, indem sie den Stuhl so unter den Tisch schiebt, dass der Heimbewohner nicht von selbst aufstehen kann. Die Pflegekraft hat mit dieser Beobachtung eine neue Verhaltensweise kennen gelernt, welche sie in Zukunft vielleicht selbst einmal anwenden wird.

Enthemmender/ hemmender Effekt:

Durch das Beobachten von schon gelernten Verhalten sinkt oder steigt die Hemmschwelle selbiges Verhalten in einer ähnlichen Situation anzuwenden. Ist das Modell mit seinem Verhalten erfolgreich, sinkt die Hemmschwelle des Beobachters dieses Verhalten anzuwenden. Hat es nicht den gewünschten Erfolg und wird vielleicht sogar bestraft, steigt die Schwelle.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal das vorherige Beispiel anbringen. Die Pflegkraft sieht, dass auch die Pflegedienstleiterin unruhige Bewohner mit ihrem Stuhl am Tisch fixiert, um diese nicht ständig beaufsichtigen zu müssen bzw. in Ruhe das Essen ausgeben zu können. Die Pflegekraft beobachtet somit eine ihr schon bekannte Verhaltensweise und deren Erfolg. Zusätzlich besitzt das Modell auch noch einen höheren Status. Dadurch sinkt die Hemmschwelle dieses Verhalten anzuwenden. Es ist wahrscheinlich, dass die Pflegekraft dieses Verhalten in ähnlichen Situationen anwendet.

Auslösender Effekt:

Die Beobachtung von Verhaltensweisen löst beim Beobachter bereits vorhandenes (ähnliches) Verhalten aus.

Einen auslösenden Effekt im Pflegealltag kann das laute Schreien eines Heimbewohners haben. Es kann dazu führen, dass andere Heimbewohner als Reaktion darauf ebenfalls Schreien, weil sie sich beispielsweise mehr Aufmerksamkeit wünschen

Das Beobachten eines Modells kann also dazu führen, dass neue Verhaltensweisen erlernt werden, dass die Hemmschwelle für vorhandene Verhaltensweisen steigt oder sinkt und es kann bestehendes Verhalten auslösen (vgl. Bandura 1979, S.86).

Damit aber eine Person überhaupt erst als Vorbild für Lernprozesse wahrgenommen wird, muss sie bestimmte Charakteristika besitzen. So kommt beispielsweise dem sozialen Status des Modells eine große Bedeutung zu. Personen, die einen höheren sozialen Status, Macht und Prestige haben werden eher nachgeahmt als Personen mit gleichem oder niedrigerem Status, denn sie scheinen mit ihrem Verhalten mehr Erfolg gehabt zu haben. Weiterhin ist eine emotionale Beziehung zwischen Modell und Beobachter wichtig. Je intensiver die Beziehung, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Verhaltensnachahmung.

Bandura (1979) geht im Gegensatz zur Aggressions- Frustrations- Hypothese davon aus, dass Menschen nicht unbedingt in Wut gebracht oder emotional erregt werden müssen, um sich aggressiv zu verhalten. Eine Kultur kann auch wenn sie Frustrationen auf einem niedrigen Niveau hält aggressive Menschen hervorbringen, indem aggressive Fertigkeiten hoch geschätzt, erfolgreiche aggressive Modelle gezeigt werden und die Gewähr geboten wird, dass aggressives Verhalten belohnt wird.

Da aggressives Verhalten seinen Ursprung nicht im Inneren des Menschen hat und seine sozialen Bedingungen veränderbar sind, hat die Theorie des Sozialen Lernens eine optimistischere Auffassung darüber, dass der Mensch das Ausmaß seines aggressiven Verhaltens reduzieren kann (vgl. Bandura 1979, S.77).

4. Fallbeispiel

Um einen Einblick in den Pflegealltag zu gewinnen, habe ich eine in der stationären Altenpflege tätige Krankenschwester gebeten, einen ihrer Arbeitstage in Form eines „Yesterday-Protokolls“ zu schildern. Das bedeutet, dass die Pflegekraft ihren vergangenen Arbeitstag mit einem gewissen (zeitlichen) Abstand rückblickend schildert und reflektiert. In den darauf folgenden Kapiteln werde ich dieses Fallbeispiel immer wieder zur Veranschaulichung und Erklärung heran ziehen.

Ich möchte noch erwähnen, dass die von mir ausgewählte Pflegekraft die Thematik meiner Diplomarbeit kannte und demzufolge bei ihren Schilderungen eine erhöhte Aufmerksamkeit auf konflikthafte Pflegesituationen gelegt hat.

Mein heutiger Arbeitstag

Nach einer für mich wieder einmal sehr anstrengenden Frühschicht, sitze ich nun im Garten und werde versuchen meinen Arbeitstag noch einmal Revue passieren zu lassen.

Um 5.45 Uhr begann heute Morgen mein 11.Arbeitstag in Folge. Meine Arbeitszeit fängt eigentlich erst 6.00 Uhr an, aber vor dieser Zeit muss noch die Dienstübergabe gemacht werden, da wir sonst unser Arbeits-pensum nicht schaffen. Neben dem allgemeinen Übergabebericht der Nachtwache haben wir von unserer Pflegedienstleiterin heute Morgen gleich wieder einmal eine „Standpauke“ über eine Lappalie vom Vortag erhalten. Es herrschte „dicke Luft“ und mittlerweile waren wir auch schon 10 Minuten über der Zeit, was bedeutete, dass wir uns beim Wecken und Waschen der Bewohner besonders beeilen mussten, denn bis 8.00 Uhr müssen alle Bewohner am Frühstückstisch sitzen.

An diesem Morgen war ich als professionelle Pflegekraft (examinierte Krankenschwester) mit einem Pflegehelfer und einer Praktikantin für die Versorgung von 29 Heimbewohnern meist mit Pflegestufe II/III zuständig.

Ich habe schnell die Aufgaben für den Pflegehelfer und die Praktikantin verteilt und bin dann auf meine eigene morgendliche „Tour“ gegangen.

Im ersten Zimmer schlief Heimbewohnerin A noch fest. Kein Wunder denn die Nachtwache hatte mir schon berichtet, dass Frau A auf nächtlichen „Streifzügen“ durch die Gänge der Station war. Leider kann ich darauf keine Rücksicht nehmen. Also habe ich sie geweckt und zu einem „zügigen Aufstehen“ motiviert, denn sie kann sich noch selbst waschen und anziehen, benötigt dazu jedoch viel Zeit, so dass sie schon früh beginnen muss, um bis zum Frühstück fertig zu werden.. Frau A murmelte mehrfach „Lassen Sie mich in Ruhe!“. Ich konnte es aber leider nicht, so dass ich ihre Bettdecke noch hoch gehoben habe in der Hoffnung, dass sie dadurch richtig wach wird.

Ich durfte mich nicht länger verweilen, denn ich musste zu den nächsten Heimbewohnern. Das morgendliche Ablaufschema sieht in etwa so aus: Aus dem Bett heben, auf Toilette setzen, Waschen, Wundversorgung, Anziehen.

Frau B war heute Morgen wieder ganz weinerlich als ich in ihr Zimmer kam. Sie hielt meine Hand fest und sagte immer wieder unter Tränen: „Lassen sie mich nicht allein Schwester! Helfen sie mir!“. In solchen Momenten muss ich immer wieder „schlucken“. Ich habe versucht sie zu beruhigen, musste sie jedoch auch dazu drängen, dass sie aufsteht und sich waschen lässt.

Zu Herrn C gehe ich meist ungern ins Zimmer. Er wiegt fast das Doppelte meines Körpergewichtes und kann (oder will?) fast überhaupt nicht unterstützend bei der Pflege mitwirken – Schwerstarbeit! Zudem ist er mit sich und seiner Situation so unzufrieden, dass er dies regelmäßig am Personal auslässt. Heute Morgen hat er wieder einmal das Zähneputzen verweigert und mich angespuckt. Am liebsten wäre ich vor Wut aus dem Zimmer gegangen und hätte ihn sitzen gelassen. Ich mühe mich ab, habe sowieso schon starke Rückenschmerzen und er schikaniert ständig und das ganz bewusst. Ich kann und will mir nicht alles gefallen lassen! So hat Herr C heute Morgen nicht seine heiß geliebte Puddingsuppe bekommen. Ich weiß, dass es nicht in Ordnung ist, aber ich bin ehrlich und sage auch, dass es mir nach dieser „kleinen Rache“ besser ging.

Da die Praktikantin erst seit zwei Tagen bei uns arbeitet und verständlicherweise vieles noch nicht kann bzw. zu langsam ist, musste ich auch noch zwei Heimbewohner zusätzlich versorgen.

Pünktlich 8.00 Uhr sitzen dann alle Heimbewohner am Frühstückstisch. Manchmal bin ich selbst überrascht, wie wir das wieder geschafft haben. Nun wird das Frühstück von uns zurechtgemacht, ausgeteilt und wenn nötig verabreicht. Frau D wollte wie so oft wieder nichts essen oder trinken. Ich wies sie darauf hin, dass sie etwas essen und vor allem trinken muss. Als sie dies ignorierte, habe ich ihr versucht etwas Nahrung „einzuflößen“. Während dessen entstand ein Tumult unter den Heimbewohnern am Nebentisch, weil die geistig verwirrte Frau D Essen vom Teller des Herrn C genommen hatte.

Bis 8.30 Uhr müssen dann alle Bewohner aufgegessen haben, da das Geschirr um diese Zeit wieder in die Küche zurück geschickt wird.

Nach dem Frühstück ist „Toilettentraining“, d.h. alle Heimbewohner werden auf die Toilette gebracht, wo sie sich möglichst zügig „entleeren“ sollen.

Anschließend werden einige der Heimbewohner wieder zu Bett gebracht und Andere in den Aufenthaltsraum gesetzt. Aus Langeweile versuchen sich manche Heimbewohner selbst zu „beschäftigen“, indem sie Wippen, Geräusche machen oder Schreien. Die Ergotherapeutin war heute auf der anderen Station, so dass ich die Praktikantin gebeten habe, sich doch etwas um diese Pflegebedürftigen zu kümmern. Mir persönlich bleibt leider kaum Zeit diese Aufgabe zu übernehmen. Ich muss die Sonderpatienten pflegen und die medizinische Versorgung wie Injektionen, Verbände oder Messungen durchführen. Der Pflegehelfer badet während dessen die nach Badeplan vorgegebenen Heimbewohner.

Dazwischen habe ich meine 30minütige Frühstückspause. Alle Mitarbeiter haben diese zeitlich versetzt, da immer jemand auf Station sein muss. So konnte ich mich auch heute nur mit Kollegen von den anderen Stationen unterhalten.

Ganz „nebenbei“ muss ich nach den „Klinglern“ (Bewohner, die die Ruftonanlage betätigen) schauen, die Fragen der Angehörige der Heimbewohner beantworten, die Praktikantin anleiten, Ärzte „empfangen“ und über den Gesundheitszustand des Patienten informieren, Termine koordinieren, Arbeit delegieren usw.. Dabei soll ich dann immer noch ruhig, zu jedem freundlich und zugewandt sein – und das nach 11 Arbeitstagen!

Dann beginnt auch schon wieder die „Mittagstour“. Alle im Bett befindlichen Heimbewohner müssen wieder „frisch“ gemacht werden, so dass bis 11.15 Uhr alle im Speiseraum sitzen. Sie müssen dann eine halbe Stunde warten, denn in dieser Zeit verabreichen wir den Bettlägerigen ihr Mittagessen. Logischerweise müssen wir auch hier zwangsweise „Tempo machen“, denn 11.45 Uhr kommt das Mittagessen für die restlichen Heimbewohner aus der Küche. Wir geben das Essen aus und verabreichen es den Pflegebedürftigen, die es nicht allein bzw. zu langsam essen können. Heute hat Frau E während des Essens die ganze Zeit „La,la,la,la!“ gerufen, wodurch ich und auch die anderen Heimbewohner ziemlich genervt waren.

12.05 Uhr werden die ersten Heimbewohner schon wieder zu Bett gebracht, weil der Pflegehelfer nur eine 6-Stundenkraft ist, demnach 12.30 Uhr Dienstschluss hat und ich anschließend nur noch allein mit der Praktikantin bin. Die restliche Zeit vergeht mit Aufgaben wie am Vormittag. Hinzu kommt noch der zeitaufwendige „Schreibkram“ zur Dokumentation. Nach der Dienstübergabe mit der Spätschicht habe ich dann 14.30 Uhr endlich Feierabend!

Rückblickend muss ich feststellen, dass heute ein ganz „normaler“ Arbeitstag ohne größere Zwischenfälle war – keine Notfälle, keine Sterbefälle. Meine physischen und psychischen Kräfte sind jetzt jedoch wirklich aufgebraucht, so dass ich froh bin morgen endlich frei zu haben!

Und noch etwas – ich hoffe, dass mir persönlich später einmal das Schicksal unserer Heimbewohner erspart bleibt!

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Details

Seiten
124
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656894308
ISBN (Buch)
9783956871627
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289235
Note
Schlagworte
Gewalt Pflege Altenpflege Stress sexuelle Gewalt strukturelle Gewalt Demographischer Wandel

Autoren

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Titel: Gewalt in der Pflege. Helfer als Täter?