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Heilende Philosophie. Der Trost in "Consolatio philosophiae" des Anicius Manlius Severinus Boethius

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1300)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff Trost

3. Trost in der Consolatio philosophiae
3.1 Buch I
3.2 Buch II
3.3 Buch III
3.4 Buch IV
3.5 Buch V

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei einem Werk wie der Consolatio philosophiae des Anicius Manlius Severinus Boethius, welche als die wohl berühmteste und einflussreichste Trostschrift der Philosophiegeschichte aufgefasst wird[1], ist die Frage nach dem Inhalt des Trostes, den der Trostsuchende und in einem weiteren Sinne auch der Leser erfahren soll, unumgänglich.

In dieser Arbeit möchte ich mich jener Frage widmen und herausarbeiten, womit und in welcher Form die personifizierte Philosophie den trauernden und verzweifelten Boethius tröstet und letztendlich, ob und wie weit ihr dies gelingt.

Natürlich ist es bei einer Untersuchung solcher Art entscheidend, welche genaue Bedeutung des Wortes Trost (lat. consolatio) zugrunde gelegt wird. Ich werde mich demnach zunächst dieser allgemeinen Definition und Differenzierung des Begriffes Trost zuwenden und im weiteren Verlauf speziell auf den Trost in der Consolatio philosophiae eingehen, wobei ich mich auf die wesentlichen trostspendenden Aspekte jedes Buches beschränken werde. Aufgrund der eigenen Aussage des Boethius, wonach die größte Ursache seines Kummers darin liegt, dass „während doch ein guter Lenker der Welt existiert, das Böse überhaupt sein kann und auch unbestraft hingeht“[2], lege ich bei den letzten beiden Büchern stärkeren Fokus auf Buch IV und die darin behandelten Frage nach Theodizee, thematisiere dafür Buch V mit seinen Ausführungen über die Verbindung von Vorsehung und freiem Willen weniger stark.

2. Der Begriff Trost

„Trost ist der Versuch der Linderung der Trauer“[3] und kann auf vielerlei Weise gespendet und auch verstanden werden. Etymologisch hängt Trost mit den Worten treu und Teer zusammen und geht auf den indogermanischen Wortstamm deru- zurück, welcher Holz oder Baum bedeutet und womit deren Festigkeit beschrieben werden soll. Demnach ist Trost auch als eine Form von (innerer) Festigkeit zu verstehen und Trost spenden der Versuch, diesen Zustand herbeizuführen.[4]

Trost der Philosophie oder philosophischen Trost definiert Thomas Schumacher in seinem Aufsatz Heilung im Denken wie folgt:

Seine Basis ist die distanzierte Haltung der Theorie, der jeder unmittelbare Kontakt mit dem Vereinzelten notwendig abgeht. Philosophische Theorie abstrahiert, begründet das Einzelne im Allgemeinen und kann sich dabei nicht anders verhalten, als über alle Probleme, die nur ein Einzelnes betreffen, hinwegzusehen. Das Gegenteil aber scheint im Falle der Tröstung gefordert, da der Schmerz kein allgemeines, sondern ein konkretes, um nicht zu sagen: individuelles Problem darstellt.[5]

Meines Erachtens lässt sich nun in Trost materieller, theoretischer und philosophischer Natur unterscheiden. Materieller oder auch körperlicher Trost kann als eine einfache Form des Trostes verstanden werden, zeichnet sich maßgeblich durch physische Zuwendung aus und führt so zu einer Linderung der Trauer. Solcher Trost kann zum Beispiel durch Umarmung oder schlicht durch die Anwesenheit einer Person in Zeiten von Trauer gespendet werden. Ebenfalls dieser Form zugehörend ist es, wenn Trost in einem Gegenstand begründet liegt, wie es zum Beispiel bei bedeutsamen Erinnerungsstücken oder auch persönlichen Geschenken der Fall sein kann. Zu bemerken bleibt jedoch, dass hierbei der eigentliche Trost nicht in den Gegenständen selbst liegt, sondern in den damit verknüpften Gedanken und Erinnerungen.

Eine deutlich komplexere Form stellt der theoretische oder auch geistige Trost dar. Diese Form des Trostes beruht hauptsächlich auf Zuspruch, Ermutigung sowie der Beseitigung von Zweifeln und falschen Meinungen beziehungsweise der Vermittlung von Erkenntnis und Hoffnung.

Obwohl ebenfalls auf diesen Prinzipien beruhend, besteht jedoch zwischen theoretischem und philosophischem Trost ein bedeutender Unterschied. Während theoretischer Trost auf speziellen Umständen der zu tröstenden Person gerichtet ist, stellt philosophischer Trost eine eher abstrakte Form dar und beschäftigt sich mit deutlich allgemeineren Themen und Überlegungen, die dem Trostsuchenden ebenfalls Heilungen bringen können, jedoch weit über seine derzeitige Situation hinaus gehen.

3. Trost in der Consolatio philosophiae

In der Regel sind bei einer Tröstung, sei es nun materieller, theoretischer oder philosophischer Natur, immer mindestens zwei Personen beteiligt: Ein Trostsuchender und ein Trostspender.[6] Diesem Umstand ist sich auch Boethius bewusst und so lässt er, der sein Dasein einsam und allein in Verbannung fristet, die personifizierte Philosophie als eben jene zweite Person des Trostspendenden auftreten.

Diese bedient sich im Verlauf der Consolatio all dieser zuvor genannten Formen um Boethius Trost zu spenden. Dabei ist ein klarer Verlauf vom körperlichen (erste Hälfte Buch I), über den geistigen (zweite Hälfte Buch I, Buch II und erste Hälfte Buch III) hin zum philosophischen Trost (zweite Hälfte Buch III, Buch IV und V) zu erkennen, der sich auch in den eingewebten Stufen auf dem Gewand der Philosophie, welche von den „Niederungen der Praxis“[7] hinauf zu den „Höhen der Theorie“[8] führen, widerspiegelt.

3.1 Buch I

Die erste trostspendende Handlung der Philosophie ist die Vertreibung der den Boethius umgebenden Dichtermusen. Dieser war bis dahin davon überzeugt, wie er auch selbst im ersten Gesang zum Ausdruck bringt[9], dass diese ihm zu der erhofften Linderung seiner Trauer verhelfen würden. Die Philosophie gibt ihm jedoch sogleich zu verstehen, dass er in ihnen keinen wahren Trost finden wird, da sie es sind, die „der Menschen Seele an die Krankheit gewöhnen, nicht sie davon befreien“[10].

Seiner geistigen Umnachtung wird weiter entgegengetreten, indem die Philosophie ihm die tränenvollen Augen – „trüb sind von der Umwölkung durch die sterblichen Dinge“[11] – trocknet. Die „Nebel der Traurigkeit“[12] lichten sich und so besteht der erste Schritt der Heilung darin, Boethius förmlich wachzurütteln und ihn vom falschen Weg der Musen auf den richtigen Weg der Philosophie zu verhelfen. Ebenso scheint Boethius in der einfachen Tatsache, dass die Philosophie in der Einsamkeit seiner Verbannung[13] erscheint und ihm – wie auch schon Sokrates – „Beistand in ungerechtem Tod“[14] leistet, einen gewissen Halt zu finden.

Diese ersten Formen des Trostes entsprechen ihrer Natur nach der einfachen Form des materiellen Trostes. Die Vertreibung der Musen, das Trocken der Tränen und den Halt, den Boethius in der einfachen Anwesenheit der Philosophie findet, sind allesamt physisch und noch keine Formen theoretischen oder gar philosophischen Trostes. Sie dienen dazu, Boethius aus der tiefen geistigen Verwirrung, in die ihn die Trauer über das ihm widerfahrene Schicksal geleitet hat, herauszuholen und ihn für die folgende Heilung der Philosophie überhaupt erst empfänglich zu machen.

Mit der vierten Prosa, zu deren Beginn die Philosophie Boethius auffordert, die Gründe seiner Trauer zu artikulieren[15], beginnt nun der theoretische Trost. Boethius legt im Folgenden dar, wie es zu seiner Verurteilung kam, leistet einen „Rechenschaftsbericht seiner guten Taten“[16] und äußert seine Entrüstung über die Ungerechtigkeit des Schicksals, dass die Guten nicht nur nicht belohnt, sondern gar gestraft werden, während die Taten der Schlechten ungeahndet bleiben.[17] Daraufhin erklärt die Philosophie in der fünften Prosa, sie wüsste erst jetzt recht, wie weit Boethius im Elend sei[18], gibt ihm jedoch zu verstehen, er sei zwar „fern von der Heimat, doch nicht vertrieben, sondern verirrt“[19].

Durch die hieran anknüpfenden Fragen zu Beginn der sechsten Prosa, die den Geisteszustand des Boethius genauer beleuchten sollen, gewinnt die Philosophie entscheidende Einsichten, die den weiteren Weg der Heilung maßgeblich beeinflussen. Im Einzelnen sind dies auf der einen Seite die Überzeugung Boethius‘, dass die Welt nicht durch „sinnlosen Zufall“[20], sondern durch Gott beziehungsweise eine „Leitung der Vernunft“[21] gelenkt wird und auch darin „alles seinen Ursprung nimmt“[22]. Auf der anderen Seite hat Boethius jedoch vergessen mit „welchen Mitteln sie [die Welt] regiert wird“[23] und kann sich nicht mehr erinnern „was der Zweck der Dinge ist und wohin die ganze Natur strebt.“[24] Auch auf die Frage nach dem Wesen des Menschen findet Boethius keine befriedigende Antwort. Diesen letzten Umstand allerdings, dass er vergessen habe, wer er selbst sei, bezeichnet die Philosophie als die „größere Ursache seiner Krankheit“[25]. Anschließend zieht sie folgendes Resümee:

Weil du von Vergessenheit deiner selbst verwirrt bist, fühlst du dich schmerzlich als verbannt und der eigenen Güter beraubt. Weil du nicht weißt, was der Endzweck der Dinge ist, hältst du nichtswürdige Schurken für mächtig und glücklich. Weil du vergessen hast, mit welchen Mitteln die Welt regiert wird, meinst du, dass wie Wechselfälle des Glücks ohne Lenker umherwogen […].[26]

Nachdem nun die Ursachen für die Trauer, die Boethius empfindet, offenliegen, kann auch die eigentliche Tröstung der Philosophie beginnen. Es gilt diese falschen Meinungen auszuräumen, beziehungsweise die vergessenen wiederherzustellen, und so der Trauer jede Grundlage zu nehmen. Um dies zu erreichen, hat sich Boethius selbst die wichtigste Voraussetzung erhalten:

Wir haben den besten Zündstoff für deine Wiederherstellung: deine richtige Ansicht von der Leitung der Welt, weil du sie nicht dem blinden Zufall, sondern der göttlichen Vernunft unterworfen glaubst. Darum fürchte dich nicht zu sehr; aus diesem winzigen Fünkchen wird sich bald die Lebenswärme wieder entfachen.[27]

Zusammenfassend zeichnet sich der Trost in dieser zweiten Hälfte des ersten Buches im Wesentlichen dadurch aus, dass Boethius Aussicht auf Heilung und damit Hoffnung gegeben wird. Die Philosophie erklärt ihn lediglich als verirrt und gibt ihm zu verstehen, durch sie wieder zurück in seine einstige Heimat zu finden und „den Glanz des wahren Lichtes zu erkennen“[28].

3.2 Buch II

Nachdem die Philosophie gegen Ende des ersten Buch die Gründe für Boethius‘ geistige Verwirrung erfahren hat, wendet sie sich nun in Buch II dem Glück beziehungsweise dem Geschick, da Missverständnisse über dieses zu eben jenen Gründen gehören, zu. Gleich in der ersten Prosa präsentiert die Philosophie ihre Trost spendende Kernthese dieses Buches: Das Glück – durch Fortuna personifiziert – hat sich nicht gegen Boethius gewandelt; es hat „gerade in seiner Veränderlichkeit […] seine ihm eigentümliche Beständigkeit bewahrt.“[29] Hierin liegt auch die Erkenntnis begründet, dass ein Glück nicht wertvoll und wirklich erstrebenswert ist, wenn es denjenigen, dem es widerfährt, auch wieder verlassen kann.[30] Boethius hat sich jedoch auf dieses Spiel der Fortuna eingelassen und muss nun auch „den Sitten der Herrin gehorchen.“[31] Jedes Geschick sei mit Gleichmut zu ertragen[32], denn nur so werde man einerseits von den Verlockungen des Glücks nicht verführt und andererseits nicht von ihnen erschüttert, wenn sie einen wieder verlassen.

Fortuna, in der zweiten Prosa durch die Philosophie mithilfe einer Prosopopoiia dargestellt, mahnt Boethius in Rückgriff auf die vorhergehende Prosa: „[W]enn die Dinge, deren Verlust du beklagst, dein gewesen wären, so hättest du sie auf keine Weise verloren.“[33] Alles, was einem das Glück beschert, wird dadurch nicht zum Eigentum des Bescherten, sondern steht nach wie vor unter der „Botmäßigkeit“[34] der Fortuna. Wenn es ihr nun beliebt, diese wieder zurückzufordern, hat niemand das Recht, ihr zu widersprechen; die Gegenstände des Glücks waren stets in ihrem Besitz und ihr allein obliegt es, wie sie mit ihnen zu verfahren hat. Des Weiteren spricht Fortuna nahezu am Rande einen durchaus interessanten Punkt an: Gerade diese Unbeständigkeit und Veränderlichkeit des Glücks sollte für Boethius Grund sein, um auf eine Verbesserung seiner Lage zu hoffen.[35] So schnell, wie Fortuna ihn verlassen hat, kann sie sich ihm auch wieder zuwenden.

Dieser scheint jedoch darin keinen sonderlichen Trost zu finden, da er darauf gar nicht weiter eingeht und zu Beginn der dritten Prosa klagt, dass ihm alles bisher gesagte noch keine Linderung seiner Trauer verschaffen konnte. Daraufhin erklärt die Philosophie, dass das Erkennen des Wesens der Fortuna auch lediglich „nur einige Linderung für den störrischen Schmerz [ist], der sich gegen die Heilung sträubt.“[36] Erst wenn dieser überwunden sei, kann die eigentliche Tröstung beginnen. Ebenfalls zu dieser Linderung gehörend sind die nun folgenden Ausführungen der Philosophie in der dritten und vierten Prosa: Boethius soll sich bewusst machen, wie viel Glückliches ihm, dem Vaterlosen, der eine hervorragende Erziehung erfuhr und von obersten Männern des Staates wie ein Sohn behandelt wurde[37], bisher widerfahren ist. Würde er Glück und Unglück seines Lebens gegeneinander abwiegen, so kann er „nicht leugnen, noch jetzt glücklich zu sein.“[38] Boethius wendet jedoch ein, dass er eben darin keinen Trost finden kann; es sei gerade dieser Kontrast von Glück und Unglück, der seine Trauer nur noch verstärkt, denn es ist „die unseligste Art des Unglücks, glücklich gewesen zu sein.“[39] Dass er noch nicht jeglichen Anteil am Glück verloren hat, versucht die Philosophie ihm zu vermitteln, indem sie ihn daran erinnert, dass sowohl sein Schwiegervater, seine ihn liebende Gattin als auch seine Söhne, die beide das Amt eines Konsuls bekleiden, noch am Leben und in Gedanken bei ihm sind.[40] Sie spricht:

[...]


[1] Stammkötter Sp. 1525

[2] Consolatio IV 1.p. 12-14 S. 165

[3] Stammkötter Sp. 1525

[4] Vgl. Kluge Teer S. 911, treu S. 929, Trost S. 932

[5] Schumacher S. 26

[6] Als Ausnahme ist der zuvor erwähnte Trost in einem Gegenstand zu erwähnen.

[7] Kunzmann S. 54

[8] Ebd.

[9] Vgl. Consolatio I 1.m. 8 S. 5

[10] Consolatio I 1.p 33-35 S. 5

[11] Consolatio I 2.p. 16 ff. S. 9

[12] Consolatio I 3.p. 1 S. 11

[13] Vgl. Consolatio I 3.p. 6-9 S. 11

[14] Consolatio I 3.p. 22 ff. S. 11

[15] Vgl. Consolatio I 4.p. 2-5 S. 15

[16] Gruber S. 119

[17] Vgl. Consolatio I 4.p. S. 27

[18] Vgl. Consolatio I 5.p. 4 ff. S. 29

[19] Consolatio I 5.p. 6 ff. S. 31

[20] Consolatio I 6.p. 6 S. 35

[21] Consolatio I 6.p. 8 S.35

[22] Consolatio I 6.p. 33 S. 35

[23] Consolatio I 6 p. 22 ff. S. 35

[24] Consolatio I 6.p. 29 ff. S.35

[25] Consolatio I 6.p. 48 ff. S. 37

[26] Consolatio I 6.p. 51-58 S. 37

[27] Consolatio I 6.p. 61-66 S. 37

[28] Consolatio I 6.p. 73 S. 39

[29] Consolatio II 1.p. 31-33 S. 45

[30] Vgl. Consolatio II 1.p. 43 ff. S. 45

[31] Consolatio II 1.p. 65 ff. S. 47

[32] Vgl. Consolatio II 1.p. 53-55 S. 45

[33] Consolatio II 2.p. 22-24 S. 49

[34] Consolatio II 2.p. 20 S. 49

[35] Vgl. Consolatio II 2.p. 58-60 S. 51

[36] Consolatio II 3.p. 12 ff. S. 53

[37] Vgl. Consolatio II 3.p. 15-21 S. 53

[38] Consolatio II 3.p. 44 ff. S. 55

[39] Consolatio II 4.p. 5 ff. S. 57

[40] Vgl. Consolatio II 4.p. 9-30 S. 57/59

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656894384
ISBN (Buch)
9783656894391
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289200
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Heilende Trost der Philosophie Consolatio philosophiae Anicius Manlius Severinus Boethius

Autor

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