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Der Familienname Reiß, seine Bedeutung und seine ersten urkundlichen Erwähnungen

Forschungsarbeit 1995 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

DER FAMILIENNAME REIß , SEINE BEDEUTUNG UND SEINE ERSTEN URKUNDLICHEN ERWÄHNUNGEN

Vorgelegt von: Gerhard Reiß

DER FAMILIENNAME REIß [1] , SEINE BEDEUTUNG UND SEINE ERSTEN URKUNDLICHEN ERWÄHNUNGEN

Auszug aus Monumenta Boica[2]

"CCLXXIII.

Anno 1225. 2. Julii. Nuremberge.

Heinricus VII. monasterium Scotorum, Nurembergae, a se et antecessoribus suis, regibus et imperatoribus, constructum, amplissimo libertatis privilegio munit, simulque eius possessiones ac donatores nominibus designat.[3]

In nomine Sancte et indiuidue Trinitatis Heinricus Septimus dei gratia Romanorum Rex et Semper augustus. Si viris Religiosis fauoris et munificentie gratiam impenderimus, temporalium et eternorum bonorum retribucionem indubitanter consecturos nos esse speramus..."

Das Folgende enthält die Freiheiten des Klosters; es heißt dann ab "statuentes...[4] ut nulla persona humilis uel alta ecclesiastica uel secularis in eos aut bona eorum qualemcunque dominacionem habeant, preter nos et successores nostros. reges uel imperatores excepto Abbate sancti Jacobi scotorum Ratispone cuius est ex antiqua consuetudine et approbata secundum regularia statuta eos corrigere, sed securi maneant absque omni eiectione gravamine molestia et perturbatione nec quitquam (quicquam) seruitii nisi solo (soli) deo et sanctis eius reddere cogantur orantes tantum pro se et statu Imperii ac tocius ecclesie salute, Nomina autem possessionum hec sunt Vazendorff cum aduocatia sua, ex testamento regis Conradi, Idem rex Contulit duas partes decime in Heroltperg tres mansos in Lewmpurg. In typerstorff vnum mansum. Heydelpach vnum mansum. In baucshausen duos mansos. In Biberbach et symonhowe tres mansos et dimidium, Weisenprunn duos mansos ex dono Alberti de danne cum aduocatia, Huesenbuhil ex dono Alberti de Reyz cum aduocatia,..."

Übersetzung:

"... indem wir festsetzen, daß keine Person, hoch oder niedrig, geistlich oder weltlich, ihnen und ihren Gütern gegenüber eine wie auch immer geartete Herrschaft ausüben soll, außer uns und unseren Nachfolgern, Königen und Kaisern[5], mit Ausnahme des Abtes des Heiligen Jakobs der Schotten in Regensburg, dem es aufgrund einer alten und verbrieften Sitte zusteht, über sie nach den Ordensregeln die Aufsicht zu führen[6], sondern sie sollen sicher sein vor jeder Klage, Beschwerung, Belästigung und Störung und sollen nicht gezwungen werden können, irgendwelche Dienste zu leisten außer allein Gott und seinen Heiligen, indem sie nur für sich und den Bestand des Reiches und das Heil der ganzen Kirche beten. Die Namen der Besitzungen aber sind folgende[7] [:]

Vazendorff[8] mit seiner Vogtei, aufgrund des Testaments des Königs Konrad. Dieser König hat auch die Hälfte Zehntabgaben in Heroltperg[9] gestiftet; in Lewmpurg[10] drei Hufen[11]. In typerstorff[12] eine Hufe; Heydelpach[13] eine Hufe. In baucshausen[14] zwei Hufen. In Biberbach[15] und symonhowe[16] dreieinhalb Hufen, weisenprunn[17] zwei Hufen aufgrund der Schenkung des Albert de danne[18] mit Vogtei, Huesenbuhil[19] aufgrund der Schenkung des Albert von Reyz mit Vogtei..."

Es folgen weitere Schenkungen, deren geographische Zuordnung mehr als ein erdkundlich-topographisches, denn ein philologisches Problem erscheint.

Für die Zeugen der Beurkundung stehen[20]: Engelbert, Erzbischof von Köln, Heinrich, Bischof von Eichstätt, Ludwig, Herzog von Bayern.

Die Urkunde Heinrichs VII. vom 02. Juli 1225 ist nicht im Original überliefert. Die Forschung stützt sich auf eine Bestätigungsurkunde Rudolfs von Habsburg vom 21. Januar 1276. Diese Urkunde wird ebenso wie eine Abschrift aus dem 15. Jahrhundert vom Staatsarchiv Nürnberg verwahrt.[21] Im Nürnberger Urkundenbuch wird auch der Name Reyz als Reiz geschrieben.[22] Huesenbuhil erscheint als Huefenbühl.[23] Weitere Forschungen zu dieser Urkunde und spätere Veröffentlichungen[24] sind nicht bekannt.[25]

Huesenbuhil konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Weder Bundschuh[26] noch Heyberger[27] nennen in ihren Werken den Namen Huesenbuhil.

Die meisten Orte in der zitierten Passage des Urkundentextes liegen östlich und nordöstlich von Nürnberg. Das war mein Anhaltspunkt, dieses Gebiet systematisch zu erkunden. In der Literatur und auch selbst, zu Fuß und per Auto.

Es muss festgehalten werden, dass für das fränkische Gebiet kein "Historischer Atlas" in geschlossener Form bisher verfasst wurde und die zugängliche Literatur äußerst gering ist. Ausgewertet wurden die Ausgaben Historischer Atlas von Bayern, Teil Franken "Am Ende des alten Reiches." So lässt sich der Nachweis für Huesenbuhil aufgrund von späteren Besitzverzeichnissen jetzt noch nicht führen.

Das in der Urkunde erwähnte Huesenbuhil scheint jedoch von mir gefunden worden zu sein.

Huesenbuhil müsste in neuhochdeutscher Form "Husenbühl" oder "Häusenbühl" - eventuell mit "ß" oder "ss" geschrieben - lauten. Denkbar ist aber auch die Wandlung über Hufe[28] und hier bairisch Hueb[f]er mit Diphthong wie mittelhochdeutsch huober.[29] Nach Bahlow meint dies einen Bauern als Besitzer einer Hube.[30] Im Fränkischen taucht aber auch - allerdings selten - Hübner für diese Bedeutung auf.[31] Huse[32] oder auch Huese [ndd.] (Hüse) weist auf die Wohnstätte oder die Herkunft hin. Hüsing ist die Wohnung, die Behausung.[33] Der Name "Hueseler" oder "Häusler" im Sinne von "Dorfbewohner ohne Besitz"[34] ist schlesischen Ursprungs und kann hier nicht herangezogen werden, würde auch der ersten Definition von "Häusern" widersprechen. Schmeller bietet auch keine Erklärung an. Meine Erklärung: Huesenbuhil müßte heute Häuserhügel lauten. Es wäre logisch, und der Übertragungsfehler auf Hufenbuhil[35] erklärbar.

"Häuserhügel" läßt sich wegen der Allgemeinheit seiner Bedeutung fast jede Ortschaft in den Bereich des Möglichen rücken. Die Zuweisung erscheint um so sicherer, wenn man unterstellt, daß "Huesenbuhil" zur Zeit der Errichtung der Urkunde noch nicht ganz fester Ortsname, sondern noch einfache Bezeichnung/Benennung war, die später - vielleicht auch wegen der insgesamt geringen Ausdehnung und Besitzerwechsel, sich Änderungen gefallen lassen musste. Das Fehlen dieses Namens im ersten Urbar des Klosters spricht ebenso dafür wie die weiteren Ausführungen zu diesem Thema. Aber diese Schenkung gehörte bereits 1487 - zumindest unter dem ursprünglichen Namen - nicht mehr zu St. Egidien[36]. Dies ist aus dem Urbar des Klosters ersichtlich.[37]

Vorweg ein geographischer Gesamtüberblick:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grobe Übersicht über Nordbayern, Maßstab 1 cm ~ 25km

Mit diesem Gesamtüberblick soll - bevor die Detailbesprechung erfolgt - eine Übersicht geschaffen werden. In Hinblick auf die moderne Orientierungsart unserer Zeit wurde bewusst bei diesen Darstellungen auf die herkömmliche Form[38] verzichtet.

Wie schon ausgeführt liegen die bis zur Namensnennung des Schenkers Albert von Reyz genannten Orte meistens im Bereich nordöstlich von Nürnberg, speziell zwischen Gräfenberg und Pegnitz. Dieses Gebiet ist ein Siedlungsgebiet. Seit alters her bildete der Flusslauf der Trubach die Grenze zwischen den Bistümern Würzburg und Eichstätt, wie auch die des Nord- und Radenzgaues und späterhin die des Bamberger Gebietes[39] und den Besitzungen der Freien Reichsstadt Nürnberg.[40] /[41].

In diesem Gebiet, östlich der Trubach, also Nürnberger Einflussbereich, befinden sich - am Waldesrand und an einem Hügel gelegen - 4 Häuser und ein landwirtschaftliches Anwesen mit dem Namen Hunger, heute zu Betzenstein gehörend. Für die These, daß es sich bei Hunger um das in der Schenkungsurkunde genannte Huesenbuhil handelt, spricht, daß es sich hierbei in der gesamten zugeordneten Region um die einzige Ansiedlung mit wenigen Häusern an einem Hügel[42] handelt, welche immer noch eine Einheit bilden. Hunger erhielt seinen Namen wegen eines Schweinetriebes von Ungarn herauf[43] und hat mindestens schon einmal den Namen gewechselt. Nachweisbar ist auch der Name Weymannsbuhil[44] im 16. Jahrhundert.[45] Hieraus ist zu erkennen, daß der damalige Besitzer mit großer Wahrscheinlichkeit aus einer Weingegend[46] kam. Es ist durchaus möglich, daß aus "Häuserhügel" bei einer Arrondierung der Besitzungen des "Klosters der Schotten" der neue Besitzer seinem Eigentum auch seinen Namen gab. Nimmt man jetzt auch noch Bundschuh[47] zur Hilfe, so ist dort "Hungersbühl" mit den exakten Entfernungsangaben und Zuordnungen angegeben. Die Zugehörigkeit dieses Gebietes zum ehemaligen Amte Pegnitz und das Vorkommen adeliger Reiß in dieser Gegend wie z.B. in Roßdorf[48], Hirschaid[49], Dießfurth[50] und Troschelhammer[51] runden meine These ab. Auch ist bemerkenswert, daß Huesenbuhil oder später Hungersbühl unweit der mittelalterlichen Haupthandelsstraße Plauen-Bayreuth-Nürnberg liegt.[52] Bezeichnend ist, daß der Name Reiß in seinen früheren Formen nicht in Nürnberg[53] und südlich davon vorkommt.

Für die Stadt Betzenstein sei ausgeführt, daß deren kommunale Entwicklung unter den Landgrafen von Leuchtenberg begann, die zeitweilig auf der Burg Betzenstein residierten.[54] Die Landgrafen erwirkten 1359 dem Dorf von Kaiser Karl IV. Stadt- und Marktrechte. 1418 kam der Ort dann an die Wittelsbacher. Die Eingliederung des Ortes in das Territorium der Reichsstadt Nürnberg erfolgte 1505.[55]

[...]


[1] Reyz bzw. Reiz (Nürnberger Urkundenbuch)

[2] Monumenta Boica, Academia Scientiarum Boica, Teil I, S. 519 ff.

[3] "Heinrich VII"[der dt. König, der seit ca. 1220 für seinen Vater, Friedrich II., "den Sizilianer", Deutschland regierte, 1235 einen Aufstand gegen seinen Vater unternahm, gefangen wurde und 1242 Selbstmord beging] "beschenkt das Kloster der Schotten in Nürnberg, das von ihm und seinen Vorgängern, Königen und Kaisern, erbaut worden ist, mit einem sehr umfangreichen Freiheitsprivileg, und gleichzeitig benennt er dessen Besitzungen und die Schenker namentlich."

[4] Monumenta Boica, a.a.O. S. 520, Zeile 10

[5] d.h., daß das Kloster - von der Disziplinaraufsicht durch das Kloster in Regensburg abgesehen (siehe das Folgende) - reichsunmittelbar ist.

[6] wörtlich: zurechtweisen oder bessern

[7] Monumenta Boica, a.a.O., S. 520, Zeile 19ff

[8] Wetzendorf

[9] Heroldsberg

[10] Leinburg

[11] thüringisches Flächenmaß = 1855,2 qm

[12] Diepersdorf

[13] Unter- oder Oberheidelbach [?]

[14] Wird später Bancshausen und Pawthausen geschrieben, eine Lokalisierung ist mir aber nicht möglich

[15] Die Lokalisierung von Biberbach kann wegen der Häufigkeit dieses Namens schwer vorgenommen werden.

[16] Simonshofen

[17] Weißenbrunn

[18] von Danne, auch von Tanne

[19] auch Huffenpuhel und Hufenbühl [m.E. Übertragungsfehler]

[20] Monumenta Boica, a.a.O. S. 522, ab Zeile 2

[21] Veröffentlichung im Nürnberger Urkundenbuch

[22] Nürnberger Urkundenbuch, S. 126

[23] Nürnberger Urkundenbuch, S. 126 ff.

[24] Nach 1951

[25] Mitteilung des Stadtarchives Nürnberg vom 21.12.1992

[26] J. K. Bundschuh, Geographisch-statistisches-topographisches Lexikon von Franken

[27] J. Heyberger u.a., Topographisch-statistisches Handbuch des Königreichs Bayern nebst alphabetischem Ortslexikon

[28] Nürnberger Urkundenbuch, a.a.O.

[29] Hans Bahlow, Deutsches Namenlexikon, S. 249

[30] Ackerland von 60 Morgen, ndd. Hufe

[31] Hans Bahlow, a.a.O., S. 249

[32] Hans Bahlow, a.a.O., S. 254

[33] Hans Bahlow, a.a.O., S. 254

[34] Hans Bahlow, a.a.O., S. 214

[35] Nürnberger Urkundenbuch, a.a.O.

[36] "Schottenkloster" zu Nürnberg

[37] Helmut Baier, Urbar des Klosters St. Egidien in Nürnberg, 1487-1522

[38] Orientierung mit Hilfe der Flußläufe

[39] Pflegamt Pottenstein

[40] Pflegamt Betzenstein

[41] Norbert Haas, Obertrubach, S. 1

[42] obwohl es sich hierbei um eine hügelige Mittelgebirgslandschaft, nämlich Fränkischer Jura und Veldensteiner Forst, handelt.

[43] Dr. Anton Buchner, 91282 Betzenstein, Zahnarzt und Historiker, Jahrgang 1903

[44] Assimiliert aus Weinmann, d.i. der Weinhändler

[45] StA Bamberg, D 5 Nr.355

[46] Einflußbereich Bamberg! Aber zu dieser Zeit baute man auch in Kulmbach noch Wein an.

[47] J. K. Bundschuh, Bd. 2, S. 779

[48] Johann von Reyß aus Roßdorf, StA Bamberg A 221/I Nr. 15, S. 257

[49] Johann von Reyß aus Hirschaid, StA Bamberg wie oben S. 262

[50] Gerhard Reiß, Wappennachweise, S. 30

[51] Gerhard Reiß, Wappennachweise, S. 30 und Archiv Reiß

[52] Hans Scherzer, Die Bayerische Ostmark, Abb. 45

[53] Gerhard Reiß, Archiv Reiß

[54] In deren Lehenbüchern erscheint wiederum der Name Reiß in der Form "Ris" erstmals in der Oberpfalz im Jahre 1399.

[55] Klemens Stadler, Die Wappen der Oberfränkischen Landkreise und Gemeinden

Details

Seiten
18
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783656895619
ISBN (Buch)
9783656895626
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289194
Note
Schlagworte
familienname reiß bedeutung erwähnungen

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