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Laienheiligkeit in den italienischen Städten im Mittelalter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 30 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum geistigen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umbruch in der Gesellschaft
2.1 Geistige Situation: Das Erwachen der Laien und die Angst vor dem Tod in Sünde
2.2 Politische, soziale und wirtschaftliche Umbrüche in der Gesellschaft

3. Die Laienheiligkeit im kommunalen Italien
3.1 Beispiele von Laienheiligen
3.1.1 Homobonus von Cremona (†1197)
3.1.2. Raimondo „Palmerio“ von Piacenza (†1200)
3.1.3 Ranieri von Pisa (†1160)
3.1.4 Weitere erwähnenswerte Laienheilige
3.2 Ein Vergleich: Die Heiligkeit und soziale Herkunft in Italien gegenüber der in den westlichen Nicht-Mittelmeerländern
3.3 Die Grundkomponenten der Laienheiligkeit
3.3.1 Die Askese
3.3.2 Die Wallfahrt
3.3.3 Die Barmherzigkeit

4. Gründe für das Zurückgehen der städtischen Laienheiligen
4.1 Die Kanonisation von Laienpersonen
4.2 Die kirchliche Haltung gegenüber den Laienheiligen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Sekundärliteratur

„Die Einheit des Lebens der Laien ist von entscheidender Bedeutung: Sie müssen sich in ihrem alltäglichen beruflichen und gesellschaftlichen Leben heiligen.

Um ihre Berufung zu erfüllen, müssen die Laien ihr Tun im Alltag als Möglichkeit der Vereinigung mit Gott und der Erfüllung seines Willens sowie als Dienst an den anderen Menschen betrachten, um sie in Christus zur Gemeinschaft mit Gott zu führen.“[1]

1. Einleitung

Seit dem 11. Jahrhundert kam es in den norditalienischen Großstädten zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die schließlich Grundlage für die Ausbildung der Städte zur Kommune waren.

Doch auch auf geistiger Ebene entwickelte sich im Laufe des 12. Jahrhunderts ein neues Phänomen in den Ländern des Mittelmeers, vor allem in den städtischen Gebieten Nord- und Zentralitaliens: heilige Personen von nicht adeligem Ursprung, Bürgerliche und Künstler.[2] Diese lokalen Heiligen nahmen sich Christus auf dem Gebiet der Armut und der Sorge um den Nächsten zum Vorbild.

Ziel meiner Arbeit wird es sein, den Schwerpunkt auf die Heiligen aus den Reihen der Handwerker und Kaufleute in den italienischen Städten zu legen und der Frage nachzugehen, warum dieser neuartigen Kategorie von Heiligen vor allem in Italien der Durchbruch gelang. Des Weiteren werde ich diese städtischen Heiligen kurz vorstellen und werde versuchen zu zeigen welche Grundkomponenten diese Laienheiligkeit ausmachten. Schlussendlich werde ich mich noch der Frage widmen, warum das Aufkommen dieser Heiligen nur von kurzer Dauer war und was hierfür die Gründe waren.

Das erste Kapitel befasst sich mit dem allgemeinen Aufkommen von Laienheiligen, wie auch mit den geistigen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen in der Hoch- und Spätmittelalterlichen Gesellschaft.

Im folgenden Kapitel habe ich mir einige Viten herausgegriffen, um einen näheren Einblick zu vermitteln, wer diese Laienheiligen eigentlich waren. Anhand der ausgewählten Viten ist es mir auch möglich, die Grundkomponenten der Laienheiligkeit aufzuzeigen. Desweiteren werde ich einen Vergleich bezüglich der Heiligkeit und der sozialen Herkunft zwischen Italien und den übrigen Nicht-Mittelmeerländern ziehen.

Im letzten Kapitel werde ich versuchen Gründe aufzeigen, die dazu beigetragen haben, dass diese neuartige Kategorie von Heiligen sich nicht über längere Zeit bewähren konnte.

2. Zum geistigen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umbruch in der Gesellschaft

2.1 Geistige Situation: Das Erwachen der Laien und die Angst vor dem Tod in Sünde

„Unter der Bezeichnung Laien sind […] alle Christgläubigen verstanden mit Ausnahme der Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes, das heißt die Christgläubigen, die, durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig, zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben.“[3]

Die in der Liebe Gottes gründende menschliche Barmherzigkeit gilt seit dem Frühchristentum als fundamentaler Bestandteil christlichen Wirkens. Im Unterschied zur viel gerühmten Fürsorgetätigkeit von Kirche, Klostern und weltlichen Herrschern, blieben die außerordentlichen Verdienste, um die gelebte Barmherzigkeit der Laienbevölkerung, lange Zeit ungewürdigt.

Erst im Zeichen der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), das die aktive Rolle aller Getauften auf dem Weg zum Reich Gottes betonte, wurde die historische Bedeutung des religiösen Laien generell neu bewertet. Jedoch durften sie keine liturgischen Handlungen vornehmen, hatten keine Entscheidungsbefugnis in kirchlichen Angelegenheiten und waren dem Klerus in Fragen des Glaubens und der Sitte zu Gehorsam verpflichtet.[4] Die Laien spielten eine Nebenrolle in den kirchenpolitischen und theologischen Entscheidungen.

Im 11. Jahrhundert begannen die Laien eine aktivere Rolle zu spielen. Während der Krise des Investiturstreits, von welcher die Kirche erschüttert wurde, traten die Laien verschiedentlich an die Stellen der geschwächten Hierarchien und ergriffen die Initiative zu einer Reformierung der Klerus oder aber unterstützten die Geistlichen bei deren Initiativen. Als eine dieser Volksbewegungen, ist die Mailänder Pataria zu nennen.[5] Dieser aktiven Entwicklung liegt ein komplexer gesellschaftlicher Transformationsprozess aus demographischer Expansion, Belebung des Handel und Geldverkehrs, Städtewachstum, ersten kommunalen Zusammenschlüssen und zunehmender Selbstständigkeit der Landbevölkerung zugrunde, der zu einem verstärkten Selbstbewusstsein der Laien führte. Zusätzlich drangen die Leitideen des italienischen Eremitentums und der burgundisch-lothringischen Klosterreformen des 10. Jahrhunderts – Weltflucht, gemeinschaftliches christliches Leben, freiwillige Armut und Nächstenliebe – in die politisch und ökonomisch aufstrebende Laiengesellschaft ein.[6]

Zudem strebte auch das Volk nach intensiveren Glauben und tiefer Frömmigkeit, denn es herrschte eine allgemeine Unzufriedenheit unter den Gläubigen. Der Klerus war mehr mit sich selber und der Erhaltung seiner Macht beschäftigt als mit seiner eigentlichen Daseinsberechtigung, der Seelsorge und der Glaubensunterweisung.[7]

Hinzu kommt, dass die Bibel und die meisten theologischen Schriften in lateinischer Sprache waren, die der Großteil der Christen, hierzu zählte auch der gewöhnliche Klerus, nicht lesen und verstehen konnten. So blieb der Mehrzahl der Menschen der theoretisch-theologische Zugang zu den Glaubensschriften verborgen.

Das geistige, wie Kirchen- und weltpolitische Klima dieser Zeit begünstigten einen Umschwung in der Stellung der Laien, denn der Glaube der Laien gründete sich weniger auf die theologischen Kenntnisse der damaligen Zeit als auf bestimmte prägende Überzeugungen und Sicherheiten.[8]

Eine der prägendsten Überzeugungen jener Zeit, war das Bedürfnis für die Seelen der Verstorbenen noch etwas Gutes tun zu müssen. Bis zum 11. Jahrhundert kannte die Theologie für die Seelen der Verstorbenen nur den Himmel oder die Hölle. In den Himmel gingen die Seelen nur rein und makellos ein. Das bedeutete, dass man vor dem Tod ein absolut reines Gewissen haben und dabei alles unternehmen musste, damit man durch einen Priester von seinen Sünden los gesprochen wurde. In der Praxis war diese Theorie nicht immer voll und ganz umsetzbar. Aus diesem Grund entwickelte sich zum Beginn des 11. Jahrhundert die Ansicht, dass Gott für die in Sünde und nicht gleich in die Hölle verdammten Verstorbenen noch einen weiteren „Ort“ zur Verfügung stellt. Den Seelen an diesem Ort konnten die Lebenden noch durch Gebete und gute Gaben zur Seite stehen um sie schneller zu reinigen. Die Theologie machte aus diesem überwiegend von den Laien praktizierten Glauben die Lehre vom Purgatorium, dem reinigenden Ort oder besser bekannt unter dem Begriff: „Fegefeuer“.[9]

Diese Glaubenspraxis der Menschen entwickelte sich aber sehr schnell von einem Gefühl der Zufriedenheit, den Seelen der Verstorbenen in einer gewissen Weise helfen zu können, zu einem Gefühl der Angst vor dem Fegefeuer. So setzte man auf den Schutz der Heiligen, die als himmlische Mittler galten. Die Heiligen, die dem Volk näher waren als Gott, sollten mit ihrer Fürsprache bei Gott die Seelen retten. Die Heiligen besaßen jeweils eine Zuständigkeit für ihren Grab-Ort und ihren speziellen Festtag. Die Bewohner eines Grab-Ortes, wie auch die am Festtag zu einem Heiligen-Grab Herzupilgernden, erfuhren einen besonderen Schutz, das Patronat der Heiligen: auf Erden bei Not und Tod, im Letzten Gericht als Fürsprache und am Ende als Himmelsgeleit. Die innere Kraft der Heiligen, sprich ihre Virtus, die sich in Form von Wundern, sei es bereits zu Lebzeiten als auch nach ihrem Tod am Heiligen-Grab äußerte, zog die ganze Volksgunst auf sich. Die Heiligenverehrung befand sich im 12. Jahrhundert auf dem Höhepunkt und spielte im religiösen Leben der Christen eine bedeutende Rolle. Das Interessen galt vor allem ihren Wundern und Reliquien als ihrer herausragenden Lebensführung. Die Stätten an denen die Reliquien, vor allem die Berührungsreliquien aufbewahrt wurden, übten auf die Pilger eine enorme Anziehungskraft, so dass die Reliquien eine weitere finanzielle Einnahmequelle für die Stadt darstellten.[10]

Weil die Heiligen vorbildlich die Nachfolge Christi verwirklicht hatten, galten sie als „zweiter Christus“ und so war ihnen nachzueifern, dass gute Christen auch bestimmte Heilige widerspiegeln konnten. So entstand ein allgemeines religiöses Bewusstsein, ein intensives Leben nach dem Evangelium zu führen, um sich nach dem Tod einen Platz im Himmel zu sichern. Die Überzeugung nach dem Tod mit dem Paradies belohnt zu werden setzte zu jener Zeit unglaubliche positive Kräfte frei. Die evangelischen Räte, Keuschheit und Armut sowie die karitative Zuwendung zu den Armen, Unterdrückten, den Gefangenen und den Verlierern der Gesellschaft standen für viele Christen von nun an im Mittelpunkt ihres Lebens. Vor allem aber die Barmherzigkeit spielte eine zentrale Rolle im religiösen Leben der Gläubigen.[11]

2.2 Politische, soziale und wirtschaftliche Umbrüche in der Gesellschaft

Im 11. und 12. Jahrhundert änderten sich im Verlauf der sog. „Revolution der Barmherzigkeit“ als Ergebnis wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen, Armutsverständnis, so wie Stellung und Behandlung der Bedürftigen in der Gesellschaft. Die sich bis 1100 durchsetzende Lehensherrschaft stellte eine große Belastung für die niederen Klassen dar.[12] Zusätzlich führten zahlreiche Missernten, Hungersnöte, Epidemien und Kriege mit Verteuerung, Verschuldung und einem Bevölkerungsanstieg zu einer wachsenden Pauperisierung. Die Wirtschaftskrise löste zudem Versorgungsengpässe innerhalb der klösterlichen Armenfürsorge aus. Das Phänomen der Armut wurde in dieser Zeit als soziales, die gesellschaftliche Ordnung bedrohendes, Problem erkannt.[13]

All dem, wurde in Italien mit der vorzeitigen Eigenständigkeit der Kommunen und dem Aufstieg des Bürgertums entgegengesetzt, denn der zentrale Hintergrund der kommunalen Bewegung war die Unabhängigkeit von den Lehnsherren. Die Bürger in der Kommune waren freie und unabhängige Personen. Die vordringlichsten Interessen galten Handel und Gewerbe, dem Markt und dem ungehinderten Handelsverkehr. Durch den Handel stiegen die kommunalen Städte sehr rasch zu einer Finanz- und Handelsmacht auf, welche vor allem dem deutschen Kaiser sehr gefährlich erschienen.[14] Das Spätmittelalter ist bekannt für die Kämpfe zwischen den Adels- Fürsten und Königsfamilien, dem Papst und Kaiser, zwischen weltlicher und geistiger Macht. Norditalienische Städte wie Cremona, standen in den politischen Auseinandersetzungen zwischen Papsttum und Kaisertum, auf Seiten der Guelfen wie auch ein Großteil der Kaufleute.[15]

Abstammung oder höfisches Besitztum hatte in den Städten nicht mehr viel Bedeutung. Reichtum und nicht ererbter Stand ließen in der Stadt an der Macht partizipieren. Der wirtschaftliche Aufschwung dieser neuen Stadtkultur ermöglichte neue „Herren“: die städtische Patrizier, Kaufleute und Handwerker, die ausreichenden Wohlstand besaßen um erweiterte karitative Möglichkeiten für die Armen zu bieten. Fürsorge markierte nach außen die soziale Stellung des Wohltäters, legitimierte seine gesellschaftliche Position, diente als moralische Rechtfertigung geschäftlicher Erfolge zum Wohle der städtischen Gemeinschaft und war dem Seelenheil dienlich. Die christliche Vollkommenheit war nun nicht mehr unabdingbar dem geistlichen Stand vorbehalten oder mit Adel und Jungfräulichkeit verbunden, sondern konnte im Dienst am Nächsten selbst von einfachen, religiösen Persönlichkeiten aus dem Bürgertum erarbeitet werden.[16]

3. Die Laienheiligkeit im kommunalen Italien

3.1 Beispiele von Laienheiligen

3.1.1 Homobonus von Cremona (†1197)

Homobonus war der einzige Heilige von nicht adeligem Ursprung der auf Betreiben von Sicardus[17], dem Biographen von Homobonus und Bischof von Cremona, 1199 von Papst Innozenz III. offiziell heiliggesprochen wurde. Die Heiligsprechung von Homobonus wurde in der Bulle Quia pietas von Papst Innozenz III. festgehalten[18] und war von besonderer Brisanz, es galt nämlich bis dahin die Vorstellung, dass diese Personengruppen nicht jenen Grad an Vollkommenheit zu erreichen mögen, der für eine Heiligsprechung erforderlich sei, weil die Ausübung ihrer auf Maximierung des Profits ausgerichteten Berufe dies von selbst verbiete.

Die norditalienischen Städten, vor allem Cremona, war von einer großen Zahl von Häretikern befallen. Diese sammelten sich vor allem unter den handwerklichen Berufen an, so ging es Papst Innozenz III. bei der Kanonisation vom Handwerker Homobonus darum, den häretischen Bewegungen in der Stadt, mit einem Heiligentypus der sowohl das Armutsideal als auch einen häretischen Gegner verkörpert, entgegenzusetzen.[19] Laut Innozenz III. waren Virtus und die erzeugten Wunder erforderliche Voraussetzungen für die Heiligkeit. Diese Voraussetzungen erfüllte Homobonus. So bestand eine seiner Hauptaufgaben darin, die Häretiker, welche oftmals mit dem Teufel verglichen wurden, anhand seiner erzeugten Wunder an seinem Grabe, zum wahren Glauben zu bekehren.[20] Bereits zu Lebzeiten sorgte Homobonus mit seinem politischen Engagement für Befriedung in seiner Stadt, indem er versuchte interne Konflikte in Cremona zu schlichten, wobei er von seinen Gegnern harte Schläge einstecken musste.[21]

Neben der bekanntesten Quelle Quia pietas, gibt es noch weitere Quellen über die Vita und Wunder Homobonus, wie die Cum orbita solis, Quoniam historia, Labentibus annis aus dem 15. Jahrhundert oder die Vita Authentica.[22] Aus den Quellen geht hervor, dass Homobonus als Schneider und Tuchhändler arbeitete, verheiratet war und Kinder hatte. Er pflegte gewöhnlich zur Nachtzeit der Mette beizuwohnen und im Gebete bis zur ersten Messe die er täglich hörte, zu verharren. Den Bedürftigen machte er stets großzügige Geschenke. Nach seiner Bekehrung gab er seinen Beruf und sein ganzes Vermögen auf, um sich bis ans Lebensende in den unermüdlichen Dienst der Armen und Kranken zu stellen. Seine Ehefrau hatte für diese Bekehrung kein Verständnis, sie bezeichnete Homobonus als verrückt und machte ihm ständig Vorwürfe, weil sie Angst hatte er könne die Familie nicht mehr ernähren. Homobonus ließ sich aber von seinem Weg den Gott ihm zeigte nicht abbringen, auch nicht von seiner Ehefrau. Aufgrund seiner büßenden und karitativen Taten, galt er schon bald als „Vater der Armen“.[23]

Homobonus erzeugte angeblich schon vor seinem Tode Wunder. So verschenkte er einen Kuchen an Bedürftige und während Homobonus sich dann dem Beten zu widmete, ist der Kuchen wieder bei ihm aufgetaucht. So auch, als er Wein an Arbeitern liefern sollte, diesen aber an Bettler verschenkte. Homobonus füllte die Krüge der Arbeiter mit Wasser, damit es nicht auffällt. Gott hat schließlich diese Krüge in Wein umgewandelt.[24]

Auch nach seinem Tod geschahen zahlreiche Wunder an seinem Grabe. Er war der einzige Laie von nichtadeligem Ursprung, dem es gelang eine größere kultische Verehrung zu erreichen, auch wenn sein Kult erst im späten 13. und vor allem im 14. Jahrhundert in Italien erblühte. Dies dürfte mit dem zunehmenden Ansehen und der neuen, politisch gewachsenen Rolle der Kaufleute in den aufstrebenden Städte in Verbindung stehen. Die neuen Bruderschaften der Zünfte sahen in ihrer Wirtschaftsethik durchaus auch eine karitative Verpflichtung.[25]

Homobonus wird noch heute als Patron der christlichen Kaufleute, Händler, Schmiede und Schneider verehrt und ist der Schutzpatron von Cremona, Lyon und Modena.

3.1.2. Raimondo „Palmerio“ von Piacenza (†1200)

Seine Biographie stammt aus der Feder von Meister Rufinus, ein Domherr aus Piacenza. Raimondo war ein einfacher Schuhmacher und pilgerte schon in seinen jungen Jahren mit seiner Mutter nach Jerusalem. Er wurde oft mit Homobonus von Cremona verglichen, jedoch nie heiliggesprochen. So lebte er wie Homobonus in einer Ehe und hatte Kinder. Er versuchte seine Frau davon zu überzeugen, sich den sexuellen Relationen zu enthalten, damit sie sich ganz Gott widmen könne, diese lehnte aber ab. Nach dem Tod seiner Frau gab Raimondo sein ganzes Vermögen auf und begab sich auf Pilgerfahrten. Nach einer Vision mit Gott, fühlte Raimondo sich dazu verpflichtet seine Pilgerfahrt abzubrechen, um sich von nun an nur noch in den Dienst seiner Stadt zu stellen die von sozialem Elend und Randgruppen geprägt ist. Er war der erste, der gegen die Mängel der kommunalen Ordnung öffentlich vorging, indem er zum Beispiel den Bischof der Stadt beschuldigte, dieser würde sich mehr seiner Machtinteressen zuwidmen und diese versuchen zu verteidigen als für Frieden in der Stadt zu sorgen. Desweiteren bekämpfte Raimondo die Prostitution, setzte sich für die Gefangenen ein und bei ungerechten gesetzlichen Entscheidungen gegenüber den Armen, trat er als deren Fürsprecher vor dem bürgerlichen Tribunal auf. Er zögerte auch nicht in den Straßen eine Veranstaltung zugunsten der Armen zu organisieren, wobei die skrupellosen Christen angeprangert wurden, die im Überfluss lebten während andere an Hunger sterben würden. Auch bei internen Konflikten mit den Nachbarstädten, wie beim Streit zwischen Piacenza und Cremona griff er ein, um den Frieden in der Stadt wieder herzustellen, denn wo die Obrigkeiten diese politischen Kämpfe nutzten um ihre Macht auszudrücken waren die Leidtragenden wiederum die Armen. Für seine Tat des Friedens kam er ins Gefängnis, wurde aufgrund seiner Heiligkeit wieder entlassen, ließ sich von seinen sozio-zivilen Taten nicht abbringen und kämpfte verbissen weiter für die soziale Gerechtigkeit der Randgruppen in seiner Stadt. Dass sich jemand so aktiv für politische und soziale Konflikte in einer Stadt einsetzte, war ein ganz neuer Aspekt der Laienheiligkeit.[26]

Raimondo gründete viele Einrichtungen die den sozialen Bedürftigen zugute kamen, er war wohl der bekannteste Hospiz-Gründer.[27] Er starb mit 60 Jahren an Fieber und nach seinem Tod geschahen zwischen 1209 und 1247 viele Wunder in verschiedenen Orten Oberitaliens, die man seiner Fürsprache zu schrieb.[28]

[...]


[1] JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben „Christifideles laici“ über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt v. 30. Dezember 1988, Nr. 17.

[2] Vgl. Vauchez, André: Gottes vergessenes Volk. Laien im Mittelalter. Freiburg 1993, S.67.

[3] Vgl. Rahner, Klaus/Vorgrimler, Herbert (Hrsg.): Kleines Konzilskompendium. Freiburg im Breisgau 1990, S. 161.

[4] Vgl. Schreiner, Klaus: Laienfrömmigkeit im späten Mittelalter. München 1992, S. 16f.

[5] Vgl. Vauchez, André: Gottes vergessenes Volk, 1993, S. 22.

[6] Vgl. Ebd., S. 15-59.

[7] Vgl. Webb, Diana: Saints and Cities in Medieval Italy. Manchester University Press 2007, S. 18.

[8] Vgl. Vauchez, André: Gottes vergessenes Volk, 1993, S.75.

[9] Mit Entwicklung der Fegefeuer-Doktrin und deren Dogmatisierung 1274 integrierte die Kirche das im Volksglauben schon lange präsente Konzept des Purgatoriums als Reaktion auf häretische-Konzeptionen der Seelenreinigung. Vgl. Dinzelbacher, Peter: Die letzten Dinge. Himmel, Hölle, Fegefeuer im Mittelalter. Freiburg/Basel/Wien 1999, S. 89-93.

[10] Vgl. Vauchez, André: Gottes vergessenes Volk, 1993, S. 79.

[11] Vgl. Vauchez: Gottes vergessenes Volk, 1993, S.81.

[12] Vgl. Ebd., S. 17.

[13] Vgl. Mollat, Michel: Die Armen im Mittelalter. München 1987, S. 37, S. 56-81.

[14] Vgl. Fried, Johannes: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. München 2009, S. 251.

[15] Vgl. Fried, Johannes: Das Mittelalter, 2009, S.256

[16] Vgl. Vauchez, André: Gottes vergessenes Volk, 1993, S. 67-72.

[17] Vgl. Webb, Diana: Saints and Cities in Medieval Italy, 2007, S. 47f.

[18] Vgl. Hageneder, Othmar/ Haidacher, Anton.: Die Register Innozenz III, Bd. 1. Köln/Wien 1964, S. 761-764.

[19] Vgl. Goodich, Michael.: Vita Perfecta: The Ideal of Sainthood in the thirteenth Century. Stuttgart 1982, S. 23.

[20] Vgl. Goodich, Michael: Miracles and Wonders. The Development of the Concept of Miracle, 1150-1350. Aldershot 2007, S. 48.

[21] Vgl. Vauchez, André: La sainteté en Occident aux derniers siècles du Moyen Âge d’après les procès de canonisation et les documents hagiographiques (Bibliothèques des Écoles Francaises d’Athènes et de Rome 241). Roma 1994, S. 413.

[22] Vgl. Webb, Diana (2007), S. 48-53.

[23] Vgl. Ebd., S. 57f.

[24] Vgl. Thompson, Augustine: Cities of God. The religion of the Italian communes, 1125-1325. The Pennsylvania State University 2005, S. 193.

[25] Vgl. Vauchez, André: Une nouveauté du XIIe siècle: les saint laics de l’Italie communale, in: L’Europa dei secoli XI e XII fra novita e tradizione: sviluppi di una cultura (Atti della decima Settimana internazionale di Studio, Mendola, 25.-29.7.1986), Milano 1989, S. 78f.

[26] Vgl. Webb, Diana: Saints and Cities in Medieval Italy, 2007, S. 67-93.

[27] Vgl. Thompson (2005), S. 195.

[28] Vgl. Miracula (BHL 7068 und 7069), in: AA.SS. Juli VI, S. 657-663.

Details

Seiten
30
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656893820
ISBN (Buch)
9783656893837
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289152
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
Mittelalter Italienische Städte im Mittelalter Laienheilige Laienheiligkeit Mittelalterliche Geschichte

Autor

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Titel: Laienheiligkeit in den italienischen Städten im Mittelalter