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Interkulture systematische Beratung

Akademische Arbeit 2007 59 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Interkulturelle systemische Beratung
1.1 Aspekte interkultureller Beratung aus systemischer Perspektive
1.1.1 Kulturelle Zugehörigkeit aus systemischer Sicht
1.1.2 Zirkularität von kultureller Differenz und Integration
1.1.3 Kulturelle Differenz in der Beratung
1.2 Die Nützlichkeit der systemischen Perspektive für die interkulturelle Beratung
1.2.1 Gestaltung einer konstruktiven Beratungsbeziehung
1.2.2 Berücksichtigung des kulturellen Kontextes
1.2.3 Berücksichtigung des migrationssspezifischen Kontextes
1.3 Leitfaden für die systemisch-interkulturelle Beratung
1.3.1 Erstkontakt
1.3.2 Erstgespräch
1.3.3 Abschluss des Beratungsprozesses
1.4 Resümee

Praxisbeispiel

2. Systemisch-interkulturelles Praxisbeispiel
2.1 Falldarstellung und Auswertung der systemischen Vorgehensweise
2.2 Fallanalyse
2.3 Einsatz systemischer Prinzipien und Interventionen

Fazit

Literatur (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

„In der Begegnung mit Fremden kann die Toleranz nur der Anfang sein.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

In einer Gesellschaft, die von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft geprägt ist, gehören interkulturelle Begegnungen zur alltäglichen Realität.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge, haben die in Deutschland lebenden Migranten Ende 2005 8,2% der Gesamtbevölkerung ausgemacht. Spätaussiedler, Folgegenerationen und Eingebürgerte nicht einbezogen (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2006, 79). Die Begegnung unterschiedlicher Kulturen stellt eine Bereicherung dar, birgt aber auch Konfliktpotenzial. Entscheidend ist, wie Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten den Aspekt kultureller Differenz bewerten.

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist deutlich geworden, dass Toleranz für ein friedliches Zusammenleben nicht ausreicht. Der konstruktive Umgang mit kultureller Differenz erfordert eine kontinuierliche Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich auf transkulturelle Prozesse einzulassen. Damit ist gemeint, sich über den kulturellen Austausch auf einen gemeinsamen Veränderungsprozess zu begeben.

Die Zahl der Klienten mit Migrationshintergrund im Handlungsfeld der Beratung nimmt zu. Beratungsstellen müssen sich der Aufgabe stellen, interkulturelle Dimensionen zu entwickeln. Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen sind herausgefordert, interkulturelle Kompetenz zu erwerben.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit interkultureller und systemischer Beratung. Es wird untersucht, welchen Beitrag systemische Konzepte für die interkulturelle Beratung in der Sozialen Arbeit leisten können.

Die Arbeit versucht die These zu belegen, dass interkulturelle Beratung nach systemischen Konzepten verlangt und befasst sich mit der Synthese interkultureller und systemischer Beratung. Es wird ein Leitfaden für die systemisch-interkulturelle Beratungspraxis erstellt.

Anhand eines Fallbeispiels werden Möglichkeiten systemischer Konzepte für die interkulturelle Beratung veranschaulicht.

Sowohl über systemtheoretische als auch über interkulturelle Beratung gibt es zahlreiche Fachliteratur. Demgegenüber besteht ein vergleichsweise geringes Angebot an Literatur, die sich mit der Verbindung beider Ansätze befasst. Das wissenschaftliche Interesse daran hat jedoch in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Meine persönliche Motivation, mich mit der interkulturellen Thematik zu befassen, beruht auf eigenen kleinen „Migrationserfahrungen“. Vor der Aufnahme meines Studiums absolvierte ich einen sechsmonatigen Europäischen Freiwilligendienst in Spanien. Die Erfahrung fremd in einem Land zu sein, verdeutlichte mir die Relativität der eigenen kulturellen Denk- und Verhaltensmuster und weckte mein Interesse an anderen Kulturen und Sichtweisen.

Den Anstoß für die Bearbeitung des Themas erhielt ich während eines Praktikums in der Migrationsberatung beim Fachdienst für Integration und Migration. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich im Rahmen der Vorbereitung auf die Prüfung im Fach Konzepte Sozialer Arbeit mit Modellen systemischer Beratung. Die Erfahrung mit der Praxis des interkulturellen Handlungsfelds einerseits und der theoretischen Auseinandersetzung mit systemischen Konzepten andererseits, weckten meine Neugier, die beiden Konzepte miteinander zu verbinden.

Ich hoffe, den Leser mit meiner Diplomarbeit für die interkulturelle Dimension zu sensibilisieren und ihn anzuregen, sich beruflich oder privat, für den interkulturellen Dialog mit Menschen anderer Kulturen zu öffnen.

Anmerkungen zur Begriffsdefinition:

Zugunsten des Textflusses habe ich diese Arbeit in der männlichen Schreibweise verfasst.

Die von mir verwendete Bezeichnung Migranten umfasst sowohl die aus anderen Ländern zugewanderten Personengruppen als auch Personen mit Migrationshintergrund, die der zweiten Generation angehören und in Deutschland geboren sind.

1. Interkulturelle systemische Beratung

Nachdem die Bedeutung von interkultureller Kompetenz als Schlüsselqualifikation für die interkulturelle Beratung herausgestellt und grundlegende Aspekte der systemischen Perspektive erläutert worden sind, beschäftigt sich dieses Kapitel mit der Synthese von interkultureller und systemischer Beratung.

Zu Beginn des Kapitels werden zentrale Aspekte interkultureller Beratung aus der systemischen Perspektive betrachtet (Punkt 1.1). Anschließend wird die Nützlichkeit der systemischen Perspektive für die interkulturelle Beratung analysiert (Punkt 1.2). Der für die systemisch-interkulturelle Beratung entwickelte Leitfaden schließt das Kapitel ab (Punkt 1.3). Im abschließenden Resümee werden die Ergebnisse dieses Kapitels zusammengefasst (Punkt 1.4).

1.1 Aspekte interkultureller Beratung aus systemischer Perspektive

Im Folgenden werden Aspekte interkultureller Beratung aus der systemischen Perspektive beleuchtet. Zunächst werden die Erkenntnisse des zweiten Kapitels angewendet, um eine systemische Bestimmung kultureller Zugehörigkeit vorzunehmen. Anschließend wird die Zirkularität von kultureller Differenz und Integration herausgestellt. Es folgen die aus dieser Diskussion resultierenden Konsequenzen für den Umgang mit kultureller Differenz in der Beratung.

1.1.1 Kulturelle Zugehörigkeit aus systemischer Sicht

Aus systemischer Perspektive stellt Kultur ein symbolisches System dar. Menschen sind als Rollenträger Angehörige des Kultursystems. Als psychisches System gehören sie der Systemumwelt an (Miller 2001, 118-121). Durch Beobachtung differenzieren sie ihr Umfeld und konstruieren mittels Sprache subjektive Beschreibungen über die Welt (Kersting 2002, 192). Diese Konstrukte unterscheiden die jeweilige Kultur von anderen Kultursystemen. Kultur entsteht erst durch die Differenzierung von Kultur und Umwelt. Entsprechend der systemspezifischen Struktur reproduziert das Kultursystem seine Elemente (Werte, Normen, Lebensstile, Sprache, Religion etc.) autopoietisch durch Kommunikation und Handeln.

Einzelne Kulturelemente können sich widersprechen. So verhalten sich beispielsweise Religion und Wissenschaft in einigen moralischen Grundfragen konträr zueinander (z.B. in Bezug auf die embryonale Stammzellenforschung). Die Unterscheidung einer Kultur von anderen Kultursystemen definiert die Grenze, innerhalb derer die autopoietischen Prozesse stattfinden (Miller 2001, 117-118).

Die zu Beginn dieser Arbeit vorgenommene Definition von Kultur betont deren Dynamik und Gestaltbarkeit. Kultur schließt selbstreferenziell an die eigene Struktur an. Über fremdreferenzielle Prozesse ist es möglich Veränderungen im System anzuregen, wodurch sich die Struktur der Kultur neu gestaltet.

„Pfeiffer (1994) beschreibt Kultur als einen Komplex von überlieferten Erfahrungen, Vorstellungen und Werten sowie gesellschaftlichen Ordnungen, Kategorien und Verhaltensregeln, nach denen Menschen ihr Handeln in einem rekursiven, reflexiven und zirkulären gemeinsamen Prozeß mit anderen Angehörigen dieser Kultur ausrichten“ (Oesterreich 1998, 143).

Kultur besitzt eine sinn-, orientierungs- und identitätsstiftende Funktion. Menschen entwickeln ihre Identität im Kontext ihrer Kultur. Das Denken, Fühlen und Handeln erfolgt nach kulturspezifischen Mustern. Die Selbstbezüglichkeit bewirkt, dass der soziale Identitätsprozess über die Enkulturation hinaus aufrechterhalten wird (Grosch/ Leenen 2000, 36).

Menschen sind einerseits in das Kultursystem eingebunden, andererseits können sie Elemente einer Kultur ablehnen, sowie Elemente anderer Kulturen in das Kultursystem integrieren. Es ist ihnen möglich die Unterscheidung von System und Umwelt zum Gegenstand der Beobachtung zu machen und die vorgenommene Differenz zu reflektieren. Auf diese Weise gelingt es kulturelle Systeme zu adaptieren, sie zu reproduzieren oder zu modifizieren. Durch differente Kulturadaption entstehen Subkulturen, die sich durch teilweise divergente Überzeugungen voneinander abgrenzen. Ältere Generationen verfügen beispielsweise häufig über diverse Vorstellungen hinsichtlich der Rollenaufteilung oder einen anderen Musikgeschmack als jüngere Generationen (Miller 2001, 118-119).

Die identifikatorische Funktion von Kultur bewirkt sowohl eine innere Stabilisierung des Kultursystems als auch eine Abgrenzung des Systems zur Außenwelt. Kulturelle Identität und Abgrenzung bedingen sich somit wechselseitig (Grosch/ Leenen 2000, 36).

1.1.2 Zirkularität von kultureller Differenz und Integration

In einem Land wie Deutschland, in dem Einwanderung konstitutive Realität ist und Menschen verschiedener Kulturen aufeinandertreffen, wird Integration als Möglichkeit angestrebt, um die Stabilität des Gesellschaftssystems zu bewahren (Kersting 2002, 190).

„Interkulturelle Integration bedeutet dann ein Gleichgewicht zwischen einer sich ständig wandelnden Ausdifferenzierung einer Gesellschaft und ihrer Fähigkeit, die einzelnen Elemente auf der Basis von geteilten Werten und Normen als eine Einheit zusammen zu halten“ (Kersting 2002, 190).

Da an der Konstruktion einer interkulturellen Kultur mehrere Kulturen beteiligt sind, handelt es sich um einen fortlaufenden Prozess mit einem offenen und flexiblen Ergebnis (Kersting 2002, 191). Der Integrationsprozess gestaltet sich in der Realität häufig als schwierig. Einen systemischen Erklärungsansatz liefert das Konzept der Autopoiese.

Gesellschaftssysteme sind operationell geschlossen. Menschen, die von einem Gesellschaftssystem in ein anderes migrieren, werden mit den Wirklichkeitskonstrukten der autochthonen Kultur konfrontiert. Sie erleben die Identität des eigenen Systems in Frage gestellt. Eine solche Situation wird von dem System als bedrohlich empfunden. Um die wahrgenommene Differenz nicht zu vergrößern und Kulturangehörige auf ihre kulturellen Eigenschaften zu reduzieren, bedarf es selbstreferenzieller Leistungen (Miller 2001, 121; Zacharaki 2006, 176).

„Sie sind Voraussetzung, um Angehörige einer Kultur nicht lediglich als TürkInnen, AlbanerInnen oder AfrikanerInnen zu sehen, sondern als Personen mit einer biographischen Geschichte und Identität, die nicht allein auf Kulturspezifika zurückzuführen sind“ (Miller 2001, 121).

Dafür müssen Gemeinsamkeiten gefunden werden, an die im Rahmen des autopoietischen Prozesses angeschlossen werden kann. Je mehr Identifikations-punkte eine fremde Kultur bietet, desto stärker ist das Interesse an struktureller Koppelung und damit die Wahrscheinlichkeit, dass über Fremdreferenz Veränderungen in die eigene kulturelle Adaption eingeleitet werden. So besteht beispielsweise im akademischen Bereich, in dem eine gemeinsame Grundlage bezüglich Bildung, Sprachkenntnissen und Interessen vorhanden ist, oft eine große Bereitschaft zur Kooperation (Miller 2001, 123).

Kulturelle Differenz wird durch die Vertreter beider Kultursysteme konstruiert und durch Kommunikation reproduziert. Als ein maßgeblicher Faktor für die Aufrechterhaltung von Differenz sind in Kapitel eins gesellschaftliche Machtasymmetrien beschrieben worden. Aufgrund ungleicher Machtverteilung besitzen viele Migranten in Deutschland einen benachteiligten rechtlichen und sozialen Status. Die damit verbundenen eingeschränkten Partizipationsmöglichkeiten wirken sich destruktiv auf den Integrationsprozess aus. Die Aufwertung der Mehrheitskultur durch die Ungleichbehandlung der Minderheitenkultur begünstigt die Reproduktion kultureller Differenz. Je fremder eine Kultur der eigenen erscheint, desto weniger Akzeptanz wird ihr entgegengebracht. In einer Kultur, in der Bildung und Statussymbole von hoher Relevanz sind, bestehen wenige Identifikationspunkte für gering qualifizierte sozialschwache Migranten. Dementsprechend findet nur in wenigen Teilbereichen der Kultur (z.B. in der Esskultur) eine strukturelle Koppelung statt. Die strukturelle Benachteiligung und fehlende Akzeptanz seitens der Aufnahmegesellschaft lassen bei vielen Migranten ein Gefühl von Haltlosigkeit entstehen. Die zunehmende Entfremdung der Migranten von ihren Herkunftskulturen verstärkt das Gefühl der Entwurzelung. Der Wunsch nach Zugehörigkeit fördert den Rückzug in die eigenen kulturellen Grenzen und die strikte Hinwendung zum Traditionalismus (Miller 2001, 122-126).

„Systemisch ausgedrückt: die strukturellen Abkoppelungen vom Heimatland können durch die neuen strukturellen Koppelungen nicht oder nur sehr schwer aufgefangen werden. Für das Gefühl und das Wissen um Zugehörigkeit bleibt dann häufig nur noch die direkte Mikroebene, die aber das, was sie an Integration, Identität, an Orientierung und Sicherheit zu leisten hat, kaum noch verarbeiten mag“ (Miller 2001, 124).

Die kulturspezifische Grenzziehung verstärkt die Differenz. Eine gegenseitige Annäherung der Kulturen wird erschwert.

1.1.3 Kulturelle Differenz in der Beratung

Interkulturelle Beratung ist ein Ort transkultureller Begegnung. Menschen unterschiedlicher Kulturen treffen aufeinander und müssen eine gemeinsame Verständigungsbasis finden (Gallisch et al. 2002, 607-608).

Die Konstruktionen psychosozialer Beratung betrachten die Adressaten häufig als Opfer von Stigmatisierungs- und Ausgrenzungsproblemen.

Unreflektiert bleibt, dass eine solche problembezogene Sicht maßgeblich zur Produzierung und Aufrechterhaltung von Stigmatisierung beiträgt. Die Klienten verhalten sich in den meisten Fällen komplementär. Sie tolerieren die problemorientierte Sichtweise und bilden ihrerseits Konstrukte im Hinblick auf die Kultur des Beraters. Die konstruierten Zuschreibungen erschweren eine Identifikation innerhalb des Beratungssystems und verhindern den Aufbau einer vertrauensvollen und konstruktiven Beratungsbeziehung (Miller 2001, 120).

Aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive liegt das Problem interkultureller Begegnungen weniger in der kulturellen Differenz begründet, als in den darüber gebildeten Beschreibungen (El Hachimi 2000, 4). Interkulturelle Beratung beabsichtigt nicht kulturelle Differenzen abzubauen. Sie zielt auf einen veränderten Umgang damit (Miller 2001, 127). Eine Überbetonung der Differenz schafft Distanz und wirkt einer Anschlussbildung entgegen. Der Berater wird darüber hinaus verleitet, sozialstrukturelle Bedingungen auf die kulturelle Problematik zu reduzieren. Ignoriert er die kulturellen Differenzen, bleiben wichtige Aspekte der Lebensrealität von Migranten unberücksichtigt. Die potenzielle Möglichkeit an Lösungskonstruktionen wird auf diese Weise eingeschränkt (Kersting 2002, 194).

Aus den Ausführungen resultiert das Erfordernis nach einem spezifischen Beratungskonzept, welches sowohl die durch kulturelle Differenz bestehenden Herausforderungen berücksichtigt als auch die darin liegenden Chancen anerkennt, um so eine Basis für den transkulturellen Austausch zu eröffnen. Es geht darum, Aspekte von Migration und Kultur neu zu bewerten und die Vielzahl von Perspektiven der Weltsicht zu nutzen, um Unterschiede zu bisherigen Wirklichkeitskonstruktionen herzustellen. In diesem Kontext hat sich das in Kapitel eins beschriebene Konzept der interkulturellen Kompetenz bewährt.

Im nachfolgenden Kapitel wird beleuchtet, wie sich Prinzipien und Methoden systemischer Konzepte zur Erweiterung, Entwicklung und Umsetzung des Konzepts der interkulturellen Kompetenz nutzen lassen.

1.2 Die Nützlichkeit der systemischen Perspektive für die interkulturelle Beratung

Das Kapitel untersucht den Nutzen der sytemisch-konstruktivistischen Perspektive für die psychosoziale Beratungsarbeit im interkulturellen Kontext.

In der vorliegenden Arbeit sind spezifische Aspekte aufgezeigt worden, die den interkulturellen Beratungsprozess beeinflussen und die aus diesem Grund bei der Gestaltung des Settings berücksichtigt werden müssen. Vor dem Hintergrund der Heterogenität der Lebenssituationen von Migranten kann es nicht das Ziel sein, eine migrantenspezifische Symptomatik zu entwerfen. Stattdessen wird erläutert, in welcher Weise Handlungsansätze systemischer Konzepte konstruktiv zur Initiierung und Gestaltung eines interkulturellen Beratungsprozesses beitragen können.

1.2.1 Gestaltung einer konstruktiven Beratungsbeziehung

Von essentieller Bedeutung für die Qualität des Beratungsprozesses ist das Herstellen und Aufrechterhalten einer konstruktiven Beratungsbeziehung (s. Abb. 8) (von Schlippe et al. 2004, 75).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung1: Herstellen und Aufrechterhalten einer konstruktiven Beratungsbeziehung

Quelle: von Schlippe et al. 2004, 77

Beratung kann als ein Prozess zwischen Stabilität und Instabilität verstanden werden. Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung bietet dem Klientensystem einen sicheren Rahmen für die durch den Beratungsprozess initiierten Veränderungen. Dem Berater kommt dabei die Funktion des Prozessbegleiters zu. Seine Aufgabe besteht darin, hilfreiche transkulturelle Umstrukturierungs- und Veränderungsprozesse in die Wege zu leiten. Eine grundlegende beiderseitige Akzeptanz und Anerkennung ist die Voraussetzung dafür (von Schlippe et al. 2004, 75-76).

Aufgrund der kulturell unterschiedlich geprägten Glaubenssysteme, die in der Beratungssituation aufeinander treffen, empfiehlt es sich ausreichend Zeit in das gemeinsame Kennenlernen und die Entwicklung der Beratungsbeziehung zu investieren. Die besonderen Erfahrungshintergründe von Migranten können es erschweren Vertrauen aufzubauen und einen Zugang zum Klientensystem zu finden (Gallisch et al. 2002, 610). Wertschätzung, Offenheit und eine Haltung respektvoller Neugier an der Migrations- und Familienbiographie sowie an den Lebensvorstellungen der Klienten, sind bedeutsame systemischen Prinzipien, die es dem Berater erleichtern, eine gemeinsame Basis für den Beratungsprozess zu schaffen (Tuna 1998, 54). Die systemische Technik des Joinings ermöglicht es einen Zugang zu der Lebenswelt der Klienten herzustellen und an das Klientensystem anzuschließen (von Schlippe et al. 2004, 76).

1.2.2 Berücksichtigung des kulturellen Kontextes

Umgang mit kultureller Vielfalt

Die grundlegende Prämisse für eine kooperative Beratungsbeziehung im interkulturellen Kontext besteht darin, kulturelle Vielfalt als Bereicherung anzuerkennen (Schwabe/ Palmowski 1999, 80). In der Beratung von Migranten entstehen interkulturelle Überschneidungssituationen, die von den Interaktionspartnern die Bereitschaft verlangen, sich auf einen Austausch einzulassen (Tuna 1998, 50). Das Konzept der interkulturellen Kompetenz, welches sich in diesem Kontext als adäquat erwiesen hat, fordert kultur- und migrationsspezifische Kompetenzen. Die Vielzahl von Kulturen mit denen der Berater in der Beratung konfrontiert wird, macht es ihm unmöglich, sich über alle Kulturen zu informieren. Die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Hintergrund der Klienten und den Phasen des Migrationsprozesses gibt zudem keinen Aufschluss darüber, wie das konkrete Klientensystem die Kultur adaptiert hat.

Der Berater muss sich bemühen mittels systemischer Interventionen, die Einzigartigkeit jeder Familie zu erkunden (Gallisch et al. 2002, 600 ff.). Über die Berücksichtigung der zirkulären Wechselbeziehungen versucht er, sich den kulturellen Landkarten der Klienten anzunähern (Schwabe/ Palmowski 1999, 77).

Der systemisch-denkende Berater berücksichtigt die kulturelle Identität des Klienten bei der Hypothesenbildung und bezieht den kulturellen Kontext in den Problemlösungsprozess mit ein (Oesterreich 1998, 145). Er ist sich dabei der Grenzen seines eigenen (Nicht-) Wissens bewusst und begreift den Beratungsprozess als gemeinsame Suche nach Erkenntnissen und Lösungswegen. (Heimannsberg 2000, 20).

Eine zentrale Forderung interkultureller Kompetenz besteht in der Notwendigkeit, die Dominanz der eigenen kulturellen Wertvorstellungen zu reflektieren. Das systemische Prinzip der Neutralität erkennt die unterschiedlichen Weltsichten der Klienten als gleichberechtigt an.

Interkulturelle Kommunikation

Unterschiedliche Sprachkompetenzen

Kernelement der erfolgreichen Beratung mit Klienten anderer Kulturen ist die interkulturelle Verständigung. Diese wird in erster Linie von der Sprachkompetenz der Beteiligten bestimmt. Insbesondere wenn das Beratungsgespräch zu Beginn des Migrationsprozesses stattfindet, kann sich eine sprachliche Verständigung als schwierig gestalten. In vielen Familien üben Kinder die Rolle des Übersetzers aus. Die Abhängigkeit von der sprachlichen Kompetenz der Kinder führt zu einer Verschiebung der familiären Strukturen. Die Eltern werden in der Autorität eingeschränkt (von Schlippe et al. 2004, 81-82). Die Differenzierung der Subsysteme ist durch die diffuse Grenze zwischen elterlichem und geschwisterlichem Subsystem nicht gewährleistet, wodurch die Stabilität des Familiensystems gefährdet ist (Minuchin 1984, 131).

Systemische Konzepte empfehlen in diesem Fall einen Sprachmittler oder Dolmetscher heranzuziehen. Dabei muss beachtet werden, dass dieser durch seine Anwesenheit zu einem Teil des zirkulären Wechselprozesses wird.

Nach Möglichkeit sollten professionelle muttersprachliche Fachkräfte hinzugezogen werden. Sie verfügen über die erforderliche sprachliche Sensibilität in der Übersetzung und sind darin geübt möglichst wenig eigene Emotionen in die Wiedergabe einfließen zu lassen (von Schlippe et al. 2004, 80-82).

Unterschiedliche kulturelle Bedeutungssysteme

Das Konzept der interkulturellen Kommunikation basiert auf der konstruktivistischen Erkenntnis, dass Menschen ihre Wirklichkeiten gemeinschaftlich konstruieren. Diese Konstruktionen stehen in zirkulärer Wechselbeziehung mit dem je spezifischen sozialen und kulturellen Referenzsystem. Jede Kultur hat ihre individuelle Sichtweise über Ursachen, Konsequenzen und Lösungen von Problemen und Konflikten (Hegemann 2001, 116-119). Das Konzept der interkulturellen Kompetenz fordert den Berater auf, sensibel zu sein für die kulturellen Wirklichkeitskonstruktionen der Klienten (Schwabe/ Palmowski 1999, 79). Sluzki beschreibt dies als gezielte Aufmerksamkeit für Unterschiede in der Weltsicht (Sluzki 2001, 113). Der Berater muss sich immer wieder Kenntnisse über die spezifischen Landkarten des Klientensystems verschaffen und die eigenen kulturellen Standards reflektieren (Gallisch et al. 2002, 612). In diesem Kontext erweist sich eine systemische Grundhaltung anteilnehmender Neugier als hilfreich, um einen gemeinsamen Suchprozess zu eröffnen (Hegemann 2001, 129).

„Neugier ermöglicht, nach alternativen Hypothesen und Beschreibungen zu suchen im Bewusstsein, dass es nicht die eine endgültige Beschreibung gibt“ (Oesterreich 1998, 156).

Berücksichtigung der besonderen familiären Bindungen in Migranten-familien

Für die Mehrzahl von Migranten spielt der familiäre Zusammenhalt eine zentrale Rolle. Im Kontext des Migrationsprozesses gewinnt die Solidarität mit der Familie zusätzlich an Bedeutung. Selbst wenn Angehörige ohne ihre Familien migrieren, stellen die Mitglieder einen wichtigen Bezugspunkt für die Betroffenen dar.

Die systemische Denkweise betrachtet den Klienten im Kontext seiner familiären Beziehungen (Hegemann 2001, 126). In der systemisch-interkulturellen Beratung wird die Familie eines Klienten direkt oder indirekt in den Problemlösungsprozess einbezogen. In den Kulturen vieler Migranten nimmt die Großfamilie einen besonderen Stellenwert ein. Es ist daher bedeutsam zu ergründen, wer zu dem Familiensystem dazu gehört. Insbesondere für Familien, die aus ländlichen Regionen nach Deutschland migriert sind, ist es im Hinblick auf die Wirksamkeit von Interventionen erforderlich, die familiäre Eingebundenheit zu berücksichtigen (von Schlippe et al. 2004, 78).

Die Technik des zirkulären Fragens ermöglicht es, bedeutende in der Heimat gebliebene Bezugspersonen mit in den Beratungsprozess einzubeziehen. Der Einsatz visualisierender systemischer Methoden eignet sich, um die Familiengeschichte und deren aktuelle Dynamik zu explorieren (von Schlippe et al. 2004, 104).

Umgang mit differenten kulturellen Bezugsrahmen

Umgang mit differenten Wirklichkeitskonstruktionen

Der systemisch-konstruktivistische Denkansatz geht davon aus, dass Systeme die Wirklichkeit so konstruieren, wie sie diese in ihrem Kontext als passend erleben (Oesterreich 1998, 147). Eine psychische Störung kann als genetisch bedingt, als Konsequenz unzulänglicher Erziehung oder als Folge eines bösen Blicks gedeutet werden (Oesterreich 2004, 167). Die Tatsache, dass eine Person Stimmen wahrnimmt, kann in einer Kultur als psychische Erkrankung diagnostiziert werden, während der Person in einem anderen kulturellen Bezugsrahmen hellseherische Fähigkeiten zugesprochen werden (von Schlippe et al. 2004, 29). Ein grundlegendes Prinzip systemischen Handelns besteht in der Erweiterung des Denk- und Handlungsspielraum. Die kulturelle Bedingtheit von Wirklichkeitskonstruktionen impliziert, dass die Probleme der Klienten möglicherweise eine Lösung verlangen, die auf der kulturellen Landkarte des Beraters nicht verzeichnet ist (Schwabe/ Palmowski 1999, 82). Im Veränderungsprozess geht es nicht darum herauszufinden, ob eine Beschreibung wahr oder falsch ist, sondern ob sie sich in dem betreffenden kulturellen Kontext als nützlich erweist (Oesterreich 1998, 147).

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Details

Seiten
59
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656892441
ISBN (Buch)
9783668063549
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289047
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,0
Schlagworte
interkulture beratung

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Titel: Interkulture systematische Beratung