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Interkulturelle Dimension der Beratung

Akademische Arbeit 2007 53 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I: Theoretische Grundlagen

1. Die interkulturelle Dimension in der Beratung
1.1 Beratung im interkulturellen Kontext
1.1.1 Beratung als eine Handlungsform der Sozialen Arbeit
1.1.2 Kultur und Interkulturalität
1.1.3 Die interkulturelle Perspektive in Beratungssituationen
1.2 Aspekte multiperspektivischer Beratung im interkulturellen Kontext
1.2.1 Die soziale Lage der Migranten in Deutschland
1.2.2 Migrationsspezifische Aspekte
1.2.3 Kulturspezifische Aspekte
1.3 Interkulturelle Kompetenz
1.3.1 Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation
1.3.2 Die interkulturelle Öffnung sozialer Beratungsdienste
1.4 Resümee

Literatur

Einleitung

„In der Begegnung mit Fremden kann die Toleranz nur der Anfang sein.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

In einer Gesellschaft, die von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft geprägt ist, gehören interkulturelle Begegnungen zur alltäglichen Realität.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge, haben die in Deutschland lebenden Migranten Ende 2005 8,2% der Gesamtbevölkerung ausgemacht. Spätaussiedler, Folgegenerationen und Eingebürgerte nicht einbezogen (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2006, 79). Die Begegnung unterschiedlicher Kulturen stellt eine Bereicherung dar, birgt aber auch Konfliktpotenzial. Entscheidend ist, wie Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten den Aspekt kultureller Differenz bewerten.

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist deutlich geworden, dass Toleranz für ein friedliches Zusammenleben nicht ausreicht. Der konstruktive Umgang mit kultureller Differenz erfordert eine kontinuierliche Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich auf transkulturelle Prozesse einzulassen. Damit ist gemeint, sich über den kulturellen Austausch auf einen gemeinsamen Veränderungsprozess zu begeben.

Die Zahl der Klienten mit Migrationshintergrund im Handlungsfeld der Beratung nimmt zu. Beratungsstellen müssen sich der Aufgabe stellen, interkulturelle Dimensionen zu entwickeln. Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen sind herausgefordert, interkulturelle Kompetenz zu erwerben.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit interkultureller Beratung.

Der Text beschäftigt sich mit der interkulturellen Dimension in der Beratung. Es wird darauf verzichtet, Anleitungen zum konkreten Umgang mit spezifischen Kulturen zu geben. Stattdessen wird das Ziel verfolgt, die Relevanz der Berücksichtigung kultureller Differenz zu betonen. Das Kapitel mündet in der Beschreibung interkultureller Kompetenz.

Meine persönliche Motivation, mich mit der interkulturellen Thematik zu befassen, beruht auf eigenen kleinen „Migrationserfahrungen“. Vor der Aufnahme meines Studiums absolvierte ich einen sechsmonatigen Europäischen Freiwilligendienst in Spanien. Die Erfahrung fremd in einem Land zu sein, verdeutlichte mir die Relativität der eigenen kulturellen Denk- und Verhaltensmuster und weckte mein Interesse an anderen Kulturen und Sichtweisen.

Den Anstoß für die Bearbeitung des Themas erhielt ich während eines Praktikums in der Migrationsberatung beim Fachdienst für Integration und Migration. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich im Rahmen der Vorbereitung auf die Prüfung im Fach Konzepte Sozialer Arbeit mit Modellen systemischer Beratung.

Anmerkungen zur Begriffsdefinition:

Zugunsten des Textflusses habe ich diese Arbeit in der männlichen Schreibweise verfasst.

Die von mir verwendete Bezeichnung Migranten umfasst sowohl die aus anderen Ländern zugewanderten Personengruppen als auch Personen mit Migrationshintergrund, die der zweiten Generation angehören und in Deutschland geboren sind.

Teil I: Theoretische Grundlagen

1. Die interkulturelle Dimension in der Beratung

Dieses Kapitel hat die interkulturelle Dimension in der Beratung zum Gegenstand.

Der erste Teil widmet sich der Beratung im interkulturellen Kontext (Punkt 1.1). Anschließend werden Aspekte der multiperspektivischen Beratungsarbeit dargestellt und ihre Relevanz für den Beratungsprozess im Hinblick auf beraterische Interventionen herausgearbeitet (Punkt 1.2). Der letzte Abschnitt befasst sich mit dem Konzept der interkulturellen Kompetenz (Punkt 1.3). Im abschließenden Resümee werden die Ausführungen des Kapitels zusammengefasst und in einen Gesamtzusammenhang gebracht (Punkt 1.4).

1.1 Beratung im interkulturellen Kontext

In diesem Kapitel werden zunächst die zum Verständnis von Beratung im interkulturellen Kontext erforderlichen Begriffe definiert. Es erfolgt eine Definition von Beratung und die Auseinandersetzung mit den Konzepten von Kultur und Interkulturalität. Die interkulturelle Perspektive in der Beratung wird bestimmt und ein multidimensionales Modell zur Fallanalyse im interkulturellen Kontext präsentiert.

1.1.1 Beratung als eine Handlungsform der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit integriert die Disziplinen Sozialarbeit und Sozialpädagogik.

Die Aufgaben Sozialer Arbeit umfassen die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung von Menschen, die Verwirklichung von sozialer und materieller Chancengleichheit und die Prävention, Bewältigung und Lösung individueller und kollektiver sozialer Probleme (Hochschule Fulda 2006).

„Soziale Probleme bedeuten, dass entweder das Problem selber eine soziale Dimension aufweist, z.B. Arbeitslosigkeit, Isolation oder das Problem durch einen sozialen Mechanismus entsteht, z.B. ungleicher Zugang zu Bildungschancen“ (Klassen 2001, 113).

Der Berufsverband Soziale Arbeit e.V. nennt folgende Handlungsarten, in denen die Soziale Arbeit ihren praktischen Bezug findet: Beratung, Befähigung/Bildung, Behandlung, Vermittlung/Koordination, Betreuung/Langzeitbegleitung, gutachtliche Stellungnahme, Interessenvertretung/politische Einflussnahme, Leitung und Führung (Hochschule Fulda 2006). Lüssi benennt darüber hinaus Verhandlung, Intervention und Beschaffung. Unabhängig davon welche Handlungsart dominiert, ist die Beratung als zentrale Handlungsform der Sozialen Arbeit allgegenwärtig (Lüssi 2001, 392-393). Sie durchzieht als Querschnittsmethode alle Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit. Professionelle Berater müssen um den Beratungsprozess professionell zu gestalten sowohl über Beratungskompetenz als über handlungsfeldspezifisches Wissen verfügen (Nestmann et al. 2004, 34-35).

Für die Definition von Beratung wird die im angelsächsischen Sprachraum etablierte Begriffsbestimmung des Counselings herangezogen. Sie liefert eine disziplinübergreifende Perspektive von Beratung (Nestmann et al. 2004, 36).

Beratung ist gekennzeichnet durch einen Interaktionsprozess zwischen min-destens zwei Personen. Der Prozess bezieht sich auf die Lösung und Bewältigung von Problemen sowohl in lebenspraktischen Fragen, wie auch in persönlichen oder beruflichen Konflikten und existenziellen Lebenskrisen. Der Beratungsprozess umfasst die kognitive, emotionale und praktische Lernebene der Problemlösung und Lebensbewältigung von Klienten bzw. Klientensystemen (Familien, Paare, Gruppen oder Teams). Er ist darauf angelegt Orientierungs- und Entscheidungshilfen in einer sich verändernden und von Globalisierungsprozessen geprägten Welt zu vermitteln (Sickendiek et al. 1999, 13-15). Beratung grenzt sich von der Psychotherapie ab, die sich mit der Therapie psychischer Störung befasst (Nestmann 2004, 62).

Eine umfassende Definition von Counseling bzw. Beratung stammt von Dietrich:

„Beratung ist in ihrem Kern jene Form einer interventiven und präventiven helfenden Beziehung, in der ein Berater mittels sprachlicher Kommunikation und auf der Grundlage anregender und stützender Methoden innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums versucht, bei einem desorientierten, inadäquat belasteten oder entlasteten Klienten einen auf kognitiv-emotionaler Einsicht fundierten aktiven Lernprozess in Gang zu bringen, in dessen Verlauf seine Selbsthilfebereitschaft, seine Selbststeuerungsfähigkeit und seine Handlungskompetenz verbessert werden können“ (Dietrich 1983, zit. n. Nestmann 2004, 62).

Die Beratungspsychologie geht davon aus, dass Menschen in der Lage sind sich zu verändern und die inneren Entwicklungskräfte zu aktivieren. Je nach Situation des Klienten können im Beratungsprozess folgende Dimensionen von zentraler Bedeutung sein: Prävention, Entwicklungs- bzw. Wachstumsförderung, Heilung, Rehabilitation, Steigerung des Wohlbefindens bzw. Verbesserung der Lebensqualität (Nestmann 2004, 65).

Aufgabe des Beraters ist es alternative Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, um dem Ratsuchenden die Möglichkeit zu geben, die für seine Situation passende auszuwählen. Er lenkt den Ratsuchenden auf seinem Weg zur Problemlösung, indem er ihn durch kreative Inspiration zum Mitdenken auffordert. Der zu Beratende wird hierdurch in seiner Entscheidungsfähigkeit gestärkt und zur Selbsthilfe angeregt (Pöggeler 1999, 18-19). Ziel ist es den Klienten darin zu unterstützen bestehende Wachstumshindernisse zu überwinden und seine persönlichen Ressourcen optimal zu entwickeln (Sickendiek et al. 1999, 16). Counseling wird demnach als Prozess verstanden, bei dem „pädagogisch-therapeutisches Wissen so vermittelt wird, dass die Klientel zu lösungsorientiertem Denken und Handeln“ befähigt werden (Lumma 2002, 92).

Der Berater betrachtet den Klienten dabei immer im Kontext seines sozialen Sachverhalts. Er erkennt ihn als Angehöriger verschiedener Sozialsysteme, die Einfluss auf die Lösung des Problems haben können (Lüssi 2001, 394). Eine bedeutsame Fähigkeit für eine erfolgreiche Beratung ist somit die des integrativen oder systemischen Denkens. Sie ermöglicht es dem Berater, Strukturen und Verläufe in ihrer Gesamtheit zu erfassen (Pöggeler 1999, 17).

1.1.2 Kultur und Interkulturalität

Um den Terminus der Interkulturalität bestimmen zu können, wird zunächst das dieser Arbeit zugrundeliegende Kulturverständnis erläutert.

Der Begriff Kultur leitet sich von dem lateinischen colere ab, was soviel bedeutet wie Land bebauen. Kultur wird hier als Gegensatz zur Natur verstanden.

Das in der interkulturellen Bildungsarbeit häufig verwendete Eisbergmodell gliedert Kultur in künstlerische Elemente (Theater, Literatur, Malerei, Musik, Architektur etc.), Alltagskultur (Essen, Kleidung, Wohnstil, die Art der Festgestaltung etc.), institutionalisierte Kultur (Sprache, Gesetze, Heirat, Sexualität, Geselligkeit etc.) und internalisierte Kultur (geschlechtsspezifische Rollenmuster, Schamgefühl, Zeitgefühl, Raumorientierung, Gestik, Mimik etc.). Nicht alle dieser Elemente sind direkt beobachtbar. Entscheidende Komponenten, hierzu zählen insbesondere die internalisierten Einstellungen, Werthaltungen, Normen und Weltbilder, sind nicht unmittelbar erkennbar, sondern lediglich aus dem menschlichen Handeln bzw. in Interaktionen zu erschließen (Freise 2005, 16-17).

Hofstede beschreibt Kultur als im Laufe des Lebens erworbene Denk-, Fühl- und Handlungsmuster eines Menschen. Sie werden mehrheitlich bereits in der frühen Kindheit erlernt. Er differenziert zwischen Kultur Eins und Kultur Zwei. Kultur Eins bezeichnet die Verfeinerung des Geistes. Hierzu zählen etwa Bildung, Kunst, Musik und Literatur. Kultur Zwei subsumiert die alltäglichen Dinge des Lebens, wie Begrüßung, Essen, Kleidung, aber auch Geselligkeit, Sexualität und Hygienevorstellungen (Hofstede 1997, 2-4).

„Sie [die Kultur Zwei] ist die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet“ (Hofstede1997, 4).

Die Definition impliziert, Kultur konstituiere sich aus verschiedenen Kategorien bzw. Kulturebenen, denen Menschen gleichzeitig angehören. Solche kulturellen Ebenen bezeichnen identitätsbestimmende Merkmale wie Nationalität, Ethnie, Religion, Geschlecht, Generation oder soziale Klasse. Statt von einem einheitlich nationalen bzw. ethnischen Kulturverständnis, wird von der Ausbildung kultureller Teilidentitäten ausgegangen (Fischer 2006, 34).

Wenn im Verlauf dieser Arbeit kulturelle Zugehörigkeit im eingeschränkten Verständnis von national-ethnischer Zugehörigkeit benutzt wird, so begründet sich dies darin, dass in der Literatur häufig ausnahmslos eine Klassifizierung nach dem Kriterium der Nationalität bzw. Ethnizität vorgenommen wird (Mecheril 2002, 21). Auernheimer spricht diesbezüglich von einem Trend zur Kulturalisierung (Auernheimer 2002a, 183). Die Assoziation von Kultur mit national-ethischen Differenzen wird der Komplexität der gesellschaftlichen Divergenz jedoch nicht gerecht (Mecheril 2002, 21).

Eine umfassende Begriffsbestimmung von Kultur ist vom Center for Contem-porary Studies der Universität in Birmingham erarbeitet worden:

„Die Kultur einer Gruppe oder Klasse umfasst die besondere und distinkte (klare und deutliche) Lebensweise einer Gruppe oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Bedeutungen, in den Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der dieses Material und diese gesellschaftliche Organisation des Lebens Ausdruck findet. Eine Kultur enthält die „Landkarten der Bedeutungen“, welche die Dinge für ihre Mitglieder verstehbar machen. (…) Männer und Frauen werden daher durch Gesellschaft, Kultur und Geschichte geformt und formen sich selbst. So bilden die bestehenden kulturellen Muster eine Art historisches Reservoir, ein vorab konstituiertes „Feld der Möglichkeiten“, das die Gruppen aufgreifen, transformieren und weiterentwickeln. Jede Gruppe macht irgendwie etwas aus ihren Ausgangsbedingungen, und durch dieses „Machen“, durch diese Praxis wird Kultur reproduziert und vermittelt“ (John Clarke et al. 1979, zit. n. Barth 1998, 16).

Kennzeichnend für diese Definition sind die Dynamik und Ausdifferenzierung des Kulturbegriffs. Kultur wird als etwas Uneinheitliches und Gestaltbares verstanden, wodurch die potenzielle Flexibilität eines Individuums gegenüber der eigenen und anderen Kulturen zum Ausdruck gebracht wird. Das Individuum wird begriffen als aktiv mitgestaltendes Subjekt (Kalpaka 2004, 34). Wesentliche Funktionen von Kultur sind Sinnkonstitution, Orientierung und Identitätsbildung. Kulturelle Zugehörigkeit wirkt stabilisierend auf die Identität und das Selbstwertgefühl von Menschen. Die Landkarten der Bedeutung vermitteln den Mitgliedern einer Gruppe ein gültiges Sinnsystem und bieten ihnen eine Orientierung für ihre Lebenswelt (Kalpaka 2004, 35; Thomas 2003, 22).

Der Ausdruck interkulturell bezeichnet Interaktionen und Interdependenzen von Menschen unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds (Hinz-Rommel 1994, 32). Es entstehen kulturelle Überschneidungssituationen (s. Abb. 1), in denen Angehörige unterschiedlicher Kulturen aufeinander treffen und in eine wechselseitige Beziehung treten (Thomas 2003a, 46).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Dynamik kultureller Überschneidungssituationen

Quelle: Thomas 2003a, 48

In der Begriffsdefinition von Kultur ist die sinn- und orientierungsstiftende Funktion von Kultur genannt worden. In interkulturellen Überschneidungssituationen befinden sich die Interaktionspartner in einer Situation, in der sich das jeweilige kulturspezifische Orientierungssystem als ungeeignet erweist, um die Bedeutung von Verhaltensweisen des Gegenübers zu erschließen. Thomas geht davon aus, dass in kritischen Interaktionssituationen kulturspezifische Orientierungsmerkmale zur Lösung von Problemen aktiviert werden. Er wählt hierfür den Begriff der Kulturstandards (Thomas 2003a, 24-25).

„Kulturstandards sind Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich und andere als normal, typisch und verbindlich angesehen werden“ (Thomas 2003a, 25).

Für die Beratungspraxis in der Sozialen Arbeit impliziert der Terminus interkulturell zweierlei. Er steht „einerseits für die prinzipielle Affirmation kultureller Pluralität und weiterhin für das Bewusstsein um die durch Vielfalt und Differenz gestellten Herausforderungen, die an gesellschaftliche Strukturen und Prozesse gestellt werden“ (Mecheril 2004, 295).

1.1.3 Die interkulturelle Perspektive in Beratungssituationen

Von interkultureller Beratung wird üblicherweise gesprochen, wenn es sich um einen Beratungskontext handelt, an dem Menschen verschiedener ethnisch-kultureller Hintergründe beteiligt sind. Sie bezeichnet sowohl ein Arbeitsfeld (Beratung in speziellen Beratungsstellen für Migranten) als auch eine Querschnittsaufgabe der sozialen Beratungsarbeit (Beratung von Migranten in allgemeinen Beratungsstellen).

Vielfach wird unter interkultureller Beratung die Situation verstanden, dass ein Berater, welcher der kulturellen Mehrheit angehört, einen Klienten berät, der einer kulturellen Minderheit zugehörig ist. Dieses Verständnis wird den vielfältigen Beratungskonstellationen nicht gerecht. Interkulturelle Beratung lässt sich nicht auf die Beratung bestimmter Personengruppen wie Migranten beschränken (Mecheril 2004, 295-296). Allerdings stehen die Konstellationen „in denen Menschen mit einem persönlich relevanten internationalen Migrationshintergrund involviert sind“ (Mecheril 1998, 140) im Vordergrund der Konzeptionen interkultureller Beratung.

Mecheril und Castro Vela schlagen vor, den Ausdruck interkulturelle Beratung durch den der interkulturellen Dimension von Beratung zu ersetzen. Gemeint ist eine Beratungssituation, in der die persönliche kulturelle Zugehörigkeit der Beteiligten eine zentrale Rolle für den Beratungsvorgang spielt oder in der die Beratung selbst eine interkulturelle Thematik zum Inhalt hat (Mecheril 2004, 300). Letzteres ist der Fall, „wenn die Lebenssituation des Klienten oder der Anlass, Beratung in Anspruch zu nehmen, von den Akteuren in einen direkten oder indirekten thematischen Zusammenhang mit kollektiven Unterscheidungspraxen gebracht wird und diese Praxen und ihre Beziehungen zueinander als „Problem“ oder „Problembedingung“ verstanden werden“ (Mecheril 2004, 300).

Entscheidend für Mecheril ist hierbei, dass es keine an sich interkulturellen Situationen gibt. Die interkulturelle Dimension der behandelten Themen und der interpersonellen Beziehung wird durch die interkulturelle Perspektive auf ihre Relevanz für den Beratungsprozess geprüft. Dies bedeutet, dass die Einschätzung davon, ob eine Beratungssituation als interkulturell angesehen wird, immer das Ergebnis eines Interpretationsprozesses darstellt. Es geht darum den Anderen wahrzunehmen und zu erkennen, ohne ihn auf dieses Sein festzulegen.

„Es geht um Handlungsfähigkeit auslotende, professionelle Differenzsensibilität, die Differenz nicht festschreibt, sondern als perspektiven- und kontextabhängiges Produkt versteht“ (Mecheril 2004, 302).

Für die Beratung im interkulturellen Kontext resultiert daraus das Erfordernis, migrations- und kulturspezifische Aspekte zu erkennen und diese in die Beratungspraxis einzubeziehen, ohne das Auftreten von Konflikten ausschließlich auf die wahrgenommenen kulturellen Differenzen zu reduzieren. Von Bedeutung ist die Frage, inwiefern die Betrachtung des ethnisch-kulturellen Hintergrunds zu einer Erhellung der Verhältnisse beiträgt bzw. inwieweit hierdurch von anderen bedeutenden kulturellen Differenzkategorien (Klasse, Geschlecht, Sexualität, Alter) und strukturellen Bedingungen der Ungleichheit abgelenkt wird.

Interkulturalität stellt demnach eine in der Beratungssituation zusätzlich zu berücksichtigende Perspektive dar (Mecheril 2004, 300-301).

Um die Vielzahl der im interkulturellen Beratungskontext relevanten Faktoren zu erfassen, bedarf es eines multiperspektivischen Ansatzes (Pavkovic 2004, 309).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Modell der multidimensionalen Fallanalyse

Quelle: Demmer-Gaite/ Friese 2004, 198

Das in Abbildung zwei zu sehende Modell der multidimensionalen Fallanalyse 28umfasst vier Dimensionen, die für die Entstehung, Aufrechterhaltung und Lösung von Problemen von Bedeutung sein können: die migrationsspezifische, die kulturspezifische, die psychologische und die soziale Dimension (Pavkovic 1999, 27-28).

„Das Abwägen kulturspezifischer und migrationsspezifischer Faktoren, sozialer Rahmenbedingungen und psychologischer Aspekte gegeneinander erleichtert ein umfassendes Fallverstehen“ (Demmer-Gaite/ Friese 2004, 198) und hilft Fehlinterpretationen zu vermeiden. Der Berater muss darauf achten, kulturspezifische Faktoren nicht zu pathologisieren sowie sozial-gesellschaftliche Faktoren nicht zu psychologisieren. Im Mittelpunkt der Beratung steht die professionelle Beziehung zwischen Klient und Berater. Eine vertrauensvolle Beziehung ist für die Qualität des Beratungsprozesses von großer Bedeutung (Pavkovic 1999, 27-28).

1.2 Aspekte multiperspektivischer Beratung im interkulturellen Kontext

Da interkulturelle Beratung mehrheitlich von Menschen mit Migrationshintergrund in Anspruch genommen wird, müssen die spezifischen Bedingungen dieser Lebenssituation in der Beratung Beachtung finden.

Die Berücksichtigung von Migranten als Zielgruppe psychosozialer Beratung darf nicht dazu verleiten, ein einheitliches Bild der Personengruppe entstehen zu lassen, „denn gemein ist dieser Personengruppe nur eine Migrationgeschichte, die gesellschaftlichen Lebensbedingungen in Deutschland und die Orientierung an zwei umfassenden Handlungssystemen (Kulturen), wobei deren jeweilige Ausgestaltung abhängig ist von den je individuellen Lebensentwürfen und Bewältigungskompetenzen“ (Schwabe/ Palmowski 1999, 77).

Der Berater muss sich bemühen, die jeweils spezifische Situation des konkreten Klienten zu verstehen.

Im Folgenden werden drei für die multiperspektivische Beratungsarbeit zu berücksichtigende Dimensionen erläutert: die soziale Lage der Migranten in Deutschland (soziale Dimension), migrationsspezifische Faktoren (migrationsspezifische Dimension) und kulturspezifische Faktoren (kulturelle Dimension).

1.2.1 Die soziale Lage der Migranten in Deutschland

Migration oder Wanderung bezeichnet die räumliche Bewegung von Individuen oder Gruppen, durch welche diese relativ dauerhaft aus einem Gesellschaftssystem in ein anderes überwechseln (Bundeszentrale für politische Bildung 2000, 361). Mit dem Wechsel des Wohnortes sind Veränderungen in der Lebenswelt verbunden. Augrund der spezifischen Situation sind Migranten, insbesondere wenn sie einer sozial unterprivilegierten, bildungsfernen Bevölkerungsschicht angehören, mit im besonderen Maße belastenden Lebensumständen konfrontiert. Diese betreffen die ökonomische, gesundheitliche, politische, rechtliche und soziale Lage (Lanfranchi 2004, 14).

Im Folgenden werden die sozialen Lebensbedingungen von Migranten in Deutschland aufgezeigt. Der Einfluss auf den Lebensalltag der Menschen muss in der Beratungssituation Berücksichtigung finden.

Bildung

Die internationalen Vergleichsstudien PISA und IGLU haben ergeben, dass die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland stark durch die kulturelle Herkunft und den sozialen Status der Eltern bestimmt werden. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in höheren Bildungsgängen durchschnittlich weniger repräsentiert als Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Der Vergleich der Schulabschlüsse von deutschen und nichtdeutschen Schülern unterstreicht den eklatanten Abstand hinsichtlich des Bildungserfolgs. Unabhängig vom Schulabschluss wird Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Zugang zu beruflicher Qualifizierung erschwert. So liegt die Ausbildungsbeteiligung ausländischer Jugendlicher deutlich unter der Beteiligung deutscher Jugendlicher. Gründe hierfür liegen in der gesellschaftlichen bzw. institutionellen Diskriminierung (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2005, 37 ff.).

Arbeitsmarkt

Die Arbeitslosenquote der Migranten ist in den Jahren 2003 und 2004 fast doppelt so hoch gewesen wie die allgemeine Arbeitslosenquote.

Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Chancen auf eine Integration in den Arbeitsmarkt nicht von der Nationalität, sondern vom Bildungsgrad und vom Alter abhängen. Aufgrund der eingeschränkten Bildungschancen ist bei Migranten eine erhöhte Gefahr von Arbeitslosigkeit zu verzeichnen. Damit verbunden ist das Risiko auf Transferleistungen angewiesen zu sein. Häufig werden die schulischen und beruflichen Abschlüsse aus den Herkunftsländern der Migranten nicht anerkannt oder es bestehen sprachliche Defizite, wodurch die berufliche Integration zusätzlich erschwert wird (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2005, 95 ff.).

Soziale und wirtschaftliche Lage

Aufgrund niedriger Erwerbseinkommen und der hohen Ausländerarbeitslosigkeit sind Migranten überproportional stark von Armut betroffen. Bedingungsfaktoren sind neben Arbeitslosigkeit, die Aufenthaltsdauer und die Struktur der Familie. Ein besonders hohes Armutsrisiko weisen Familien auf, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben, Familien mit vielen Kindern und Alleinerziehende (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2005, 105 ff.). Die daraus resultierende psychosoziale Belastung kann zu Frustration, Aussichtslosigkeit und einem Gefühl der sozialen Entwertung führen. In der Konsequenz kommt es nicht selten zu innerfamiliären Spannungen (Fischer 2006, 12). Sind mit der Migration bestimmte Erwartungen bezüglich einer wirtschaftlichen Verbesserung verbunden, die sich innerhalb eines gewissen Zeitraums nicht erfüllen, kommt es darüber hinaus zu Enttäuschungen (Lanfranchi et al. 2004, 105).

Sozialraum und Wohnsituation

Insbesondere für Kinder, Jugendliche und erwerbslose Erwachsene ist das Wohnungsumfeld Lebensmittelpunkt, Sozialisations- und Lernraum, sowie soziales Kontaktfeld zugleich. Aufgrund der benachteiligten wirtschaftlichen Situation wohnen viele Migranten in von Armut und Arbeitslosigkeit geprägten Stadtteilen. Sie leben vielfach in beengten und schlechten Wohnverhältnissen. Die Wohnumgebung ist häufig durch Lärm oder Luftverunreinigung belastet (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2005, 113 ff.).

Gesundheitsversorgung

Der Zugang von Migranten zur Gesundheitsversorgung ist in der Regel eingeschränkt. Die interkulturelle Öffnung in den Regeldiensten des Sozial- und Gesundheitssystems hat sich noch nicht im ausreichenden Maße vollzogen (Lanfranchi et al. 2004, 113). So fehlt es den Einrichtungen der Regelversorgung beispielsweise an Fachpersonal mit Migrationshintergrund, das über die erforderlichen Sprachkompetenzen und kulturelles Hintergrundwissen bezüglich der jeweiligen Gesundheits- und Krankheitskonzepte verfügt (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2005, 141-142).

Lanfranchi et al. nennen folgende migrationsspezifische Faktoren, die sich negativ auf die Gesundheit von Migranten auswirken und das Krankheitsrisiko erhöhen können: ausländerpolitische Belastungen, insbesondere verursacht durch Unsicherheiten bezüglich des Aufenthaltsstatus, soziale Belastungen, interkulturelle Konflikte und Spannungen durch Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung, aber auch psychische Belastungen infolge der Erfahrungen im Herkunftsland. So leiden insbesondere Asylsuchende unter posttraumatischen Belastungsstörungen, ausgelöst durch Krieg und Folter (Lanfranchi et al. 2004, 105-106).

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Details

Seiten
53
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656892427
ISBN (Buch)
9783668139664
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289045
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,0
Schlagworte
interkulturelle dimension beratung
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Titel: Interkulturelle Dimension der Beratung