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Entwicklungen im nachhaltigen Alpentourismus am Beispiel des Ökotourismus

Seminararbeit 2011 40 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Naturraum der Alpen
1.2 Entstehung und Entwicklung des Alpentourismus
1.3 Die ökologische Gegenbewegung zum Massentourismus

2. Definition von Ökotourismus

3. Nachhaltigkeitsprinzip im Tourismus
3.1 Leitlinien des nachhaltigen Tourismus
3.2 Kriterien für eine nachhaltige Tourismusentwicklung
3.2.1 Die ökologische Dimension
3.2.2 Die ökonomische Dimension
3.2.3 Die sozial-kulturelle Dimension
3.2.4 Die institutionelle Dimension

4. Auswirkungen des Massentourismus
4.1 Ökologische Auswirkungen
4.2 Belastungen sozial-kultureller Art

5. Ökotourismus in den Alpen – am Beispiel der GTA im Piemont
5.1 Entstehungsgeschichte
5.2 Ziele der GTA

6. Möglichkeiten für den alpinen Tourismus der Zukunft

7. Fazit

8. Gesamtverzeichnis

9. Glossar

„Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter.

Der Mensch beherrscht die Natur,

bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“

(Albert Schweitzer, 14.01.1875 – 04.09.1965

Deutscher Arzt und evangelischer Theologe)

1. Einleitung

Jährlich zieht es Millionen von Urlaubern in die gigantische Bergwelt des Alpenraums. Die Alpen sind schon fast zu einem Mekka des Wintersports geworden, das jedes Jahr eine gigantische Zahl an Besuchern aus allen Kontinenten beherbergt und bereits in frühen Phasen einen Massentourismus erfahren hat. Somit sind die Alpen zum internationalen Zentrum von touristischen Großunternehmen geworden, die im Mittelpunkt des dortigen wirtschaftlichen Geschehens stehen. Die alpine Umwelt leidet dadurch unter der ständigen Zunahme touristischer Infrastrukturen und vielerlei Modifikationen wie z.B. der Bergwaldrodung, deren negative Auswirkungen uns leider oft erst in dem Auftreten von Naturkatastrophen bewusst werden. Es entstehen somit erhöhte Lawinengefahren in Skigebieten, Erdrutsch-Katastrophen, Schlammlawinen oder Felsstürze, um nur einige Folgen des Aus- bzw. Raubbaus in den Alpen anzuführen.[1] Zudem bringt dieses Eingreifen in den Naturraum sogar Auswirkungen auf den Wasserkreislauf Europas mit sich, deren Grad ich im Hauptteil darstellen werde. Der alpine Massentourismus hat des Weiteren nicht nur ökologische Probleme, sondern auch kulturelle Nachteile für die Einheimischen in der Urlaubsregion herbeigeführt. Um den zahlreichen Problemen vieler Art entgegenzuwirken, bedarf es unbedingt einem Umdenken zu einer alternativen, ökologischeren Form des touristischen Wirtschaftens, das zugleich ein soziales Gleichgewicht zwischen den Interessengruppen der alpinen Urlaubsregionen gewährleisten muss.

Ziel meiner Seminararbeit ist es folglich, die Wichtig- und Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung im alpinen Tourismus darzustellen. Anhand eines Fallbeispiels aus den italienischen Alpen möchte ich einerseits auf die Problematik hinweisen und andererseits die Chance und Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens zeigen. Dadurch will ich außerdem noch prüfen, ob der Ökotourismus wirklich die Chance für eine nachhaltige Entwicklung verkörpern kann.

Zunächst wird dazu der Naturraum der Alpen sowie die historischen Lebens- und Nutzungsformen vor der Zeit des Alpentourismus dargestellt, um ein besseres Verständnis des Mensch-Natur Verhältnisses der Bergbevölkerung wie auch der späteren Gästeströme zu ermöglichen. Zur Beantwortung der unabwendbaren Frage „Warum ist eine nachhaltige Entwicklung von Nöten?“ werden die ökologischen und sozial-kulturellen Auswirkungen des Tourismus dargelegt, die sich in der Untersuchung der ökologischen, ökonomischen, sozialen sowie institutionellen Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung manifestieren und unter anderem zeigen sollen, dass eine nachhaltige Entwicklung nur in Zusammenarbeit aller sozialen und wirtschaftlichen Interessengruppen realisiert werden kann. Im Anschluss daran wird kurz skizziert, wie eine solche Zusammenarbeit - speziell auf den Alpenraum bezogen - aussehen bzw. funktionieren könnte, um abschließend die ökologisch nachhaltigen Ansätze zu bewerten.

1.1 Naturraum der Alpen

Die Alpen sind eines der großflächigsten und höchsten Gebirge Europas. Ihre Gebirgskette erstreckt sich vom Golf von Genua am Mittelmeer über 1.200 km bis hin zur Donau bei Wien. Sie nehmen somit eine Fläche von etwa 220.000 Quadratkilometern ein und umfassen die acht Alpenstaaten Frankreich, Monaco, Italien, Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, Österreich und Slowenien, wobei die Länder Österreich, Italien, Frankreich und Schweiz den größten Anteil an der gesamten Alpenfläche haben.[2] Zudem wird die Hälfte der Wasserführung von den Flüssen Donau, Rhein, Po und Rhone von den Alpen gespeist sowie die ökologische Nische gewährleistet, da über die Hälfte der in Europa als gefährdet bezeichneten Pflanzen und Tiere in den Alpen leben.[3]

Die Entstehung der Alpen begann bereits vor etwa 150 Mio. Jahren, als der damals einzige Kontinent Pangäa in die Kontinente Godwana (heute: Afrika) und Laurasia (heute: Europa) zerbrach. Durch die Bewegung der afrikanischen Platte begannen die beiden Urkontinente das zwischen ihnen liegende Urmeer Thetys allmählich zusammenzudrücken.[4] Am Boden dieses Meeres hatten sich Sand- und Kalkschichten abgelagert, die sich nun durch den Schub zu Kalk- und Sandstein verfestigten. Diese neu gebildeten Gesteinsschichten, die früher den Meeresboden darstellten, überlagerten sich nun dachziegelartig und wurden aufgefaltet, da das Meer durch die Plattentektonik zusammengeschoben wurde.[5] Somit stiegen die Alpen vor ca. 30 Mio. Jahren empor und es entstanden folglich die nördlichen Kalkalpen, die Zentralalpen und im Süden die Dolomiten. Ihre heutige Erscheinungsform erhielten sie durch gigantische Gletscher, die Richtung Tal flossen und dadurch die obige Gesteinsschicht rund schliffen. Hat ein Gletscher Löcher in den Untergrund gerissen, füllte es sich mit Schmelzwasser aus und es entstanden somit Seen. Aufgrund dieser Entstehungsmerkmale spricht man im Falle der Alpen von einem Faltengebirge. Wichtige Indizien hierfür sind vor allem die Versteinerungen von Muscheln, Korallen und anderen Lebewesen, die man in den Alpen in Höhen, die nie zuvor mit Wasser überflutet waren, vorfinden kann.[6] Die wichtigsten klimatischen Einflüsse auf den Alpenraum sind Westwinde mit milden, feuchten Luftmassen vom Atlantik, kalte Polarluft von Norden, trockene kontinentale Luftmassen aus Osten (kalt im Winter, heiß im Sommer) und warme mediterrane Luft von Süden.[7] Die Alpen werden jedoch vorwiegend vom mitteleuropäischen Klima beeinflusst, sodass die größten Niederschlagsmengen im Sommer erreicht werden. Die den Westwinden ausgesetzten Randzonen der Alpen erhalten vielfach 2.000 bis 3.000 mm Niederschlag pro Jahr, wo hingegen die inneralpinen Täler und Becken (Wallis, Vinschgau, Kärnten) mit unter 800 mm Niederschlag pro Jahr eher trocken sind, da sie im Regenschatten liegen.[8] Zudem werden die Alpen in unterschiedliche Höhen- bzw. Klimastufen eingeteilt, die vorwiegend das lokale Klima bestimmen: Mit zunehmender Höhe sinken die Temperaturen, was mit dem Aufbau der Atmosphäre zusammenhängt. Niederschläge fallen somit - unabhängig von der Jahreszeit - zunehmend in Form von Schnee. Daher werden die Höhenstufen unterschiedlich durch den Menschen genutzt: Die Kolline Stufe der Alpen (bis 600m) eignet sich besonders gut für den Obst- und Ackerbau, während die Alpine Stufe (bis 3.300m) eine Nutzung von Bergbauern erfährt, auf die ich im Folgenden genauer eingehen werde.[9]

1.2 Entstehung und Entwicklung des Alpentourismus

Vor der Entstehung des Tourismus in den Alpen galten der Futterbau und die Viehhaltung in Form von Transhumanz als wichtigste Einnahmequellen der Alpenbevölkerung. Ab dem 14. Jahrhundert stellte man den Ackerbau vollständig ein, wodurch sich die gesamte Wirtschaft auf die Viehhaltung ausrichtete, die sich mit dem Schwerpunkt der Milchwirtschaft auf die Herstellung und den Export von Käse und Vieh spezialisiert hatte.[10] Der feuchte und kühl gemäßigte Alpennordrand zeichnet sich durch hohe Niederschläge und eine günstige Topographie, d.h. große Almflächen aus, was der Viehwirtschaft gute Ausgangsbedingungen in Aussicht stellte. Man gab also bereits in der Epoche der Frührenaissance die Selbstversorgung in dem so genannten alpinen „Hirtenland“ auf, da sich die mitteleuropäische Landwirtschaft von nun an arbeitsteilig organisierte: Die wachsende Bevölkerung auf dem Land und das Flächenwachstum der Städte bewirkte, dass man bald nicht mehr ausreichend Platz für die Viehwirtschaft hatte und somit – aufgrund der steigenden Nahrungsmittelnachfrage aus den Städten - die Weideflächen durch Ackerland ersetzte.[11] Die alpinen Bauern nutzten diese Entwicklung der innereuropäischen Landwirtschaft zu ihrem Vorteil aus: Sie spezialisierten sich auf die Almwirtschaft und glänzten aufgrund einer stark ausgeprägten Käse- und Viehproduktion von äußerst hoher Qualität, was sogar noch in unsere heutige Zeit hineinreicht.[12] Die großen Bauern, welche in diesen Branchen tätig waren, wurden so wohlhabend, dass man sie in ihrem Besitz- bzw. Reichtum kaum von den meisten Adeligen unterscheiden konnte.[13] Diesen wirtschaftlichen Aufschwung kann man heute noch an den prachtvoll verzierten Holzhäusern in den Alpen erkennen, die größtenteils in der Epoche der Renaissance erbaut wurden und den Wohlstand der damals auf Viehzucht spezialisierten Bergbauern repräsentieren:

Abbildung 1: Das Berner Oberländer Haus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bätzing, Werner: Die Alpen, S.49

Sie stellen heute in ihrem Aussehen und der umgebenden Landschaft einen reizvollen Aspekt im Zusammenhang mit der touristischen Attraktivität in den Alpen dar.

Dieser konjunkturelle Aufschwung dauerte noch bis ins 19. Jahrhundert an, wurde aber schlussendlich durch die Folgen der Industrialisierung Europas beendet. Dadurch kam es zu einer Massenabwanderung der Alpenbevölkerung, da ihnen die städtischen Industriegebiete in ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht auf Grund des Einkommens und der familiären Situation attraktiv erschienen: Lange Arbeitszeiten bei schwindend geringem Lohn, keine soziale Absicherung, keine Bildungs- und Aufstiegschancen und noch dazu die soziale Stellung der Frau waren die Beweggründe, weshalb viele engagierte und motivierte Bewohner ihre Heimat zwangsweise verließen.[14] Neben diesen Auswirkungen der Industrialisierung kamen noch die negativen Einflüsse der beiden Weltkriege hinzu, wodurch ein Großteil der Alpen zu einem strukturschwachen Raum mit stark sinkender Bevölkerung (siehe hierzu Tabelle 1) wurde und viele sozioökonomische Einbrüche erlitt.

Tabelle 1: Gesamtbewohnerzahl eines kleinen Nebentals in den südlichen Cottischen Alpen Italiens (Ortschaften gegliedert nach Höhe)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung; Daten: Bätzing, Werner: Orte guten Lebens, S.30

Aber schon bald bildete sich aus dieser negativen ökonomischen Entwicklung der Alpen eine Gegenbewegung heraus, nämlich der Tourismus. Er ist ein Phänomen des industriellen Zeitalters und wurde in Folge eines neuen Naturempfindens – besser bekannt als „Naturalismus“ - als Gegenbewegung zur Industrialisierung verursacht: Menschen, die das ganze Jahr lang durchgehend in urbanisierten Gegenden leben und arbeiten, sehnen sich nun nach einer Auszeit in „natürlich“ geprägten Landschaften.[15] Dieses Konzept ließ sich perfekt auf die Alpen übertragen und somit war auch schon der Weg in Richtung „Alpen als natürliche Urlaubsregion“ für viele Reiseunternehmer geebnet. Mit steigender Lebensqualität der europäischen Bevölkerung ab den 1950er Jahren und dem Einsetzen des Tourismus als Standard-Konsumgut in der Gesellschaft, waren die Grundvorrausetzungen für einen Massentourismus erfüllt und folglich wurden die Alpen als riesige Fremdenverkehrsgebiete erschlossen.[16] Diese Entwicklung betreffend wurde jedoch lediglich etwa die Hälfte des Alpenraums vom Massentourismus intensiv erschlossen, wobei die andere Hälfte weiterhin strukturschwach blieb und nur ein geringes Maß an Erschließung erfuhr. In den 80er Jahren wurden - beginnend in Gebieten mit guter Straßenerschließung - viele sowohl privat als auch gewerblich genutzte Ferienhäuser errichtet, was in breiten Bevölkerungsteilen der Mittel- und Oberschicht schon quasi als Grundbedürfnis galt und erkennen lässt, dass schon damals in der städtischen Bevölkerung eine gewisse Sehnsucht nach Erholungsgebieten mit „ländlichen“ Strukturen und Merkmalen vorhanden war.[17] Von diesem neuartigen Phänomen des industriellen Zeitalters in Gang gesetzt und zugleich unterstützt, setzte in den 80er Jahren eine ökonomische Wiederbelebung der Alpen dank ihren touristischen Potenzialen als „schöne und erholsame“ Urlaubsregion ein. Man sah die Alpen nicht mehr als „schreckliche, furchterregende Berge“ an, wie es früher im Mittelalter der Fall war, sondern nahm sie inzwischen als ästhetische Schönheit und sportliche Herausforderung im Sinne von Wander- und Klettersport wahr. Eine völlig neue Entwicklung begann ab 1965 mit dem alpinen Skilauf im Winter: Die Alpen wurden erstmals als reine Sport- und Urlaubsregion genutzt, in der die Urlauber tagsüber sportliche Aktivitäten unternehmen und die Nacht mit anderen Reisenden aus der Umgebung in Diskotheken und Kneipen verbringen konnten. Dieses Reiseverhalten steht im völligen Gegensatz zu dem eines Sommerurlaubers: Während der traditionell orientierte Sommerurlauber dem natürlichen Erscheinungsbild der Alpen einen äußerst hohen Stellenwert beimisst und ihn dieses Merkmal essentiell zu seiner Reise in die Alpen inspiriert, dienen die Alpen dem „modern“ geprägten Winterurlauber lediglich als Kulisse.[18] Das natürliche Landschaftserlebnis rückt hierbei also deutlich in den Hintergrund und wird nur noch gering empfunden. Man sieht das unter anderem daran, dass sich ein Skifahrer konstant an einem Ort aufhält, wo er seinen sportlichen Aktivitäten nachgeht und sich sozusagen kaum für die Umgebung seines Aufenthaltsortes interessiert, was für einen Sommerurlauber, der sich in seinem Aufenthalt auf bäuerliche Kulturlandschaften, Wanderungen und Sozialkontakte mit den Einheimischen bezieht und oft in den gleichen Urlaubsort zurückkehrt, praktisch undenkbar wäre. Die Gruppe der Winterurlauber, die meist jung, ambitioniert und vermögend ist, nahm zur Besorgnis der Umweltschützer immer mehr zu und die Gruppe der traditionellen Sommerurlauber hingegen seit der Mitte der 70er Jahre kontinuierlich ab.[19] Erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre erfuhr der Sommertourismus wieder einen Aufschwung, was jedoch daraus hervorgeht, dass in den Alpen mit neuen Sportarten geworben wurde, wie zum Beispiel mit Mountain-Biking, River-rafting, Canyonig, Lama-Trekking, Paragliding, Sportklettern, Eisklettern, Berg-, Lang- und Cross-Laufen, Tennis, Golf etc.[20]

Abbildung 2: Alpine Sportarten früher und heute

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Stradas, Wolfgang: Auswirkung neuer Umwelttrends auf die Umwelt, S.102

Hierbei fällt auf, dass auch der Sommertourismus, der vorher immer traditionell geprägt und oft auf wenige Sportarten wie Wandern und Klettern beschränkt war, genau wie der Wintertourismus nun einen aktiven Sporturlaub anbietet und sich auf modisch bestimmte, hochspezialisierte Sportarten einstellt, die eine kostenaufwendige und umfangreiche Infrastruktur erfordern. Der Sommertourismus hat somit im Rahmen des veränderten Freizeitverhaltens der europäischen Bevölkerung eine neue Gestalt angenommen und zu einer „zeitgemäßen“ Form gefunden, bei der die alpine Landschaft ebenfalls nur noch als Kulisse dient. Wie der Winterurlauber muss sich jetzt auch der Sommerurlauber auf bestimmte, für seine Sportart speziell ausgebaute und hergerichtete Flächen konzentrieren, um diese auch ausüben zu können.

Er ist somit nicht mehr dazu in der Lage, wie im Falle des traditionellen Sommerurlaubers, beliebig und frei das bäuerlich oder natürlich geprägte Umfeld touristisch zu nutzen. Dieser Wandel im Tourismus hat zu einer vollständigen Abgrenzung der touristischen Nutzung von der alpinen Natur bewirkt, sodass wir es in den Alpen, ähnlich wie bei einem Freizeitpark, mit einem von Menschenhand erstellten Konstrukt zu tun haben, dessen Funktionalität durch technische Infrastrukturen weitgehend unabhängig von jeglichen äußeren Faktoren wie Wind, Wetter, Sonne, Schnee und Wasser ist. Durch solche infrastrukturellen Maßnahmen ist es erst möglich geworden, dass die Alpen heute zusätzlich zu den 13 Millionen Einwohnern jährlich etwa 60 Millionen Touristen in den 5 Millionen verfügbaren Betten beherbergen.[21]

1.3 Die ökologische Gegenbewegung zum Massentourismus

Unter diesen Umständen stellt man sich zu Recht die Frage, ob eine solche Entwicklung, die in heutiger Zeit zunehmend von Trends und Schnelligkeit mit all ihren Anforderungen an die Umwelt und Gesellschaft des Alpenraums geprägt ist, im alpinen Tourismus fatale Nebenwirkungen für die Natur mit sich bringen könnte.

Mit dieser Frage beschäftigen sich mittlerweile auch viele Urlauber und vor allem die Internationale Alpenschutzkommission (CIPRA), die sich seit ihrer Gründung 1952 intensiv für die ökologische Bewahrung des Alpenraums einsetzt: Nutzung der in der Ferienregion bereits vorhandenen Infrastrukturen, Verzicht auf zusätzliche Tourismusinfrastrukturen, die zusätzliche Landschaften beeinträchtigen und die Erhaltung der Erholungslandschaft.[22] Mit 4,5 Millionen Mitgliedern und engen Beziehungen zu über 106 alpinen Organisationen ist sie ein Zeichen dafür, dass sich mittlerweile ein Umdenken in der Gesellschaft bezüglich Tourismus in den Alpen vollzogen hat und sich immer mehr Menschen aktiv an der Verhinderung von neuen touristischen Flächenerschließungen in den Alpen beteiligen.[23]

2. Definition von Ökotourismus

Es gibt derzeit keine eindeutige oder offiziell bestätigte Definition für den Ökotourismus, sodass hierbei mehrere Erklärungen zur Verfügung stehen.

Das Bundesamt für Naturschutz definiert den Ökotourismus folgendermaßen:

„Ökologischer Tourismus ist die Weiterentwicklung der Konzeptidee des umweltverträglichen bzw. umweltfreundlichen Tourismus. Da im deutschen Sprachgebrauch Umweltverträglichkeit tendenziell unter anthropozentrischer Sichtweise auf die Umwelt des Menschen eingegrenzt wird, obwohl umfassender eigentlich ein intakter Naturhaushalt und eine auch für wildlebende Pflanzen und Tiere angemessene Umwelt erforderlich ist, ist die Sichtweise im Ökotourismus auf ökosystemare Zusammenhänge ausgedehnt worden. Ziel […] ist ein "Ökologisch verantwortlicher Tourismus".[24]

Der touristische Aufenthalt in einem nahezu ungestörten Naturraum hat nach Definition der Welttourismusorganisation WTO (2000) einen besonders hohen Stellenwert:

„Ecotourism is practised in relatively undisturbed natural areas, for the main purpose of admiring and learning more about them“.[25]

Im direkten Vergleich einiger Definitionen über Ökotourismus erkennt man, dass die ökologischen Grundgedanken stets gleich bleiben oder nur geringe Abweichungen voneinander aufweisen, welche man in der Übersicht von Definitionen der im Tourismus tätigen Institutionen und Organisationen wiedererkennen kann:

Tabelle 2: Definitionen von Nachhaltigem Tourismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Leuthold, Margit: Potentiale des Ökotourismus in Österreich (Endfassung), S. 35

Meines Erachtens nach ist die Definition von Leuthold (2001) für den Begriff des Ökotourismus die passende, da sie mit der Rolle des Reisenden, der lokalen Bevölkerung und Umwelt argumentiert und deren Wechselwirkungen schematisch und klar verständlich erläutert, sodass diese Definition von ihrem Inhalt her nicht so eindimensional wie die anderen wirkt. Sie lautet wie folgt:

„Ökotourismus […] ist ein verantwortungsbewusster Aufenthalt in Natur- und naturnahen Gebieten, dessen Organisation und Realisierung sich aus den regionalen Bedürfnissen über die Mitbestimmung der Beteiligten heraus entwickelt und dabei die Umwelt, die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Gegebenheiten achtet sowie sie nachhaltig schützt, fördert und finanziert.“[26]

Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass die Begriffe „Ökotourismus“ und „Naturtourismus“ nicht verwechselt werden sollten, was heutzutage oft der Fall ist: Beim Naturtourismus ist einzig und allein die Natur als Motiv ausschlaggebend für den Reisenden, während der „Ökotourismus“ die Erhaltung der ökologischen und kulturellen Werte des gastgebenden Urlaubsstandortes sowie den ökonomischen Nutzen für die lokale Bevölkerung als Gastgeber vorsieht und dadurch mit dem Begriff der Nachhaltigkeit argumentiert.

3. Nachhaltigkeitsprinzip im Tourismus

Die Tourismusbranche erfährt in unserem Zeitalter ein ständiges Wachstum und stellt den größten Wirtschaftssektor der Welt dar. Sie ist weltweit für über 230 Millionen Arbeitsstellen verantwortlich und wies alleine im Jahr 2006 eine Wertschöpfung von über 6,5 Billionen Dollar auf.[27] In der Schweiz belegte der Tourismus im Jahr 2007 mit 14,6 Milliarden Franken Einnahmen den vierten Rang in der Exportstatistik, was einem Anteil von 6,2% am gesamten BIP der Schweiz entspricht.[28]

Durch diese positive ökonomische Entwicklung der Tourismusbranche, die auf einen zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung, Verstädterung, Motorisierung und eine zunehmende Freizeit zurückzuführen ist, ergeben sich zahlreiche Konflikte in Bereichen wie Ökologie, Soziologie und Politik.[29] Die größten negativen Auswirkungen des Tourismus finden jedoch im Bereich der Ökologie statt, welche durch einen unkontrollierten Umgang mit der Natur als wertvolle Ressource ausgelöst werden. Es entsteht das Dilemma, dass Touristen oft Zielregionen mit unberührter und reizvoller Natur auswählen, diese aber gerade durch den maßgeblichen Verbrauch von Ressourcen belasten. Die Umwelt solcher Orte - im Falle meiner Seminararbeit die Alpen – werden durch technische Maßnahmen wie die touristische Infrastruktur, den Verkehr, die Beherbergung der Reisegäste sowie die Gastronomie und sportliche Urlaubsaktivitäten enorm belastet und übernutzt (siehe Abbildung 3).[30]

Abbildung 3: Umweltbeanspruchung in einer ausgewählten Zielregion durch Tourismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Akademie für Umweltforschung und -bildung in Europa e.V.: Nachhaltiger Tourismus, S. 3

Vor diesem Hintergrund entstand auch im Tourismus der Begriff bzw. die Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung, was vor allem durch den Klimagipfel 1992 in Rio de Janeiro zusätzlich gestärkt wurde. Die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung wurde zum Treffpunkt von 130 Staatsoberhäuptern, 17.000 Konferenzteilnehmern und 8.500 Journalisten und stellt somit das größte diplomatische Ereignis des 20. Jahrhunderts dar.[31] Die anstehenden Umweltprobleme lösten einen weltweiten Aktionsplan aus, nämlich die so genannte Agenda 21. Der Inhalt der Agenda 21 ist durch das zukünftige Anstreben einer nachhaltigen Entwicklung bestimmt und stellt das wichtigste Beschlussdokument der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro dar. Das Dokument wurde von 179 Staaten unterzeichnet und fordert diese zu ihrem verstärkten Einsatz in Sachen Umwelt auf: Fundamentale Intentionen sind der Schutz der Erdatmosphäre, der sparsame und schonende Umgang mit den Ressourcen und der Erhalt der Artenvielfalt.[32] Man kam also zu der Erkenntnis, dass ein beständiger Fortschritt und langfristiger Erfolg in der Wirtschaft nur in Hinsicht auf Umweltschutz und der Auseinandersetzung mit sozialen Fragen möglich ist. Daher wurden auch soziale und gesellschaftliche Aspekte wie Armutsbekämpfung, Änderung des Konsumverhaltens, Schutz der menschlichen Gesundheit und Förderung benachteiligter Bevölkerungsgruppen in der Agenda zur Sprache gebracht.[33] Dieses Ereignis bewirkte unter anderem auch, dass der Begriff der Nachhaltigkeit so stark wie nie zuvor an die Weltöffentlichkeit drang. Die nachhaltige Entwicklung blieb also nicht mehr ein Diskussionsgegenstand, der nur in Expertengruppen und Fachkreisen behandelt wurde. Sie gewann allmählich an politischer und öffentlicher Präsenz. Folglich ist auch die Tourismusbranche als weltweit größter Wirtschaftssektor von der Erkenntnis der nachhaltigen Entwicklung stark betroffen und auch gezwungen, im Zuge der nachhaltigen Entwicklung Veränderungen vorzunehmen.

3.1 Leitlinien des nachhaltigen Tourismus

Es stellen sich die Fragen: Was genau bedeutet Nachhaltigkeit im Tourismus? Was sind ihre Leitlinien? Und wie wird sie umgesetzt? Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, da die Antwort das Aufgreifen von differenzierten Sachgebieten in Verbindung mit einer objektiven Herangehensweise erfordert. Eine objektive Herangehensweise bedeutet in diesem Fall, dass man z.B. der Ökologie nicht einen höheren Stellenwert als anderen Teilbereichen – in diesem Beispiel der Ökonomie - beimessen sollte, wodurch unter Umständen das Gleichgewicht zwischen den beiden Bereichen gestört werden würde.

Diese unsachgemäße Herangehensweise und eher subjektive Haltung tritt leider häufig bei radikalen Umweltschützern und Akteuren aus der Tourismusbranche zugleich auf, wodurch der Begriff der Nachhaltigkeit oft für eigene Zwecke missbraucht wird. Nachhaltigkeit im Tourismus muss der korrekten Begrifflichkeit und Objektivität zuliebe in Hinblick auf die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen den im Tourismus existierenden Komponenten bzw. Dimensionen erklärt werden. Mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit ist also die Pflicht verbunden, eine Balance zwischen den drei Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft zu erzeugen, sodass alle drei Komponenten gleichberechtigt von einer positiven Entwicklung profitieren können. Durch dieses Konzept ist die bisherige Denkweise „ökonomischer Fortschritt vor sozialen sowie ökologischen Aspekten“ hinfällig geworden. Für eine nachhaltige Tourismusentwicklung sind damit einhergehende Kriterien zu erfüllen, die ich im nächsten Abschnitt genauer erläutern möchte.

[...]


[1] Vgl. Opaschowski: Umwelt, Freizeit und Tourismus, S. 8

[2] Vgl. Stichwort: Alpen http://www.umweltlexikon-online.de/RUBnaturartenschutz/Alpen.php (07.05.2011)

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Astrolexikon: Känozoikum http://lexikon.astronomie.info/erde/geschichte.html (08.05.2011)

[5] Vgl. http://www.diercke.de/kartenansicht.xtp?artId=978-3-14-100770-1&stichwort=Tethys&fs=1 (08.05.2011)

[6] Vgl. Klett: Die Entstehung der Alpen http://www.klett.de/sixcms/media.php/8/23910_052_053.pdf (08.05.2011)

[7] Vgl. Klima in den Alpen http://www.alpenklima.org/ALPENKLIMA/alpenklima.html (08.05.2011)

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Klett: Infoblatt Alpen: http://www.klett.de/sixcms/list.php?page=geo_infothek&node=Alpen&article=Infoblatt+Alpen (08.05.2011)

[10] Vgl Bätzing: Die Alpen, S.44

[11] Vgl. ebd., S.45

[12] Vgl. Swissworld: Käsegesch. http://www.swissworld.org/de/schweiz/dossiers/kaese/kaesegeschichte (03.04.11)

[13] Vgl. Bätzing: Die Alpen, S.47

[14] Vgl. Niederer: Ökonomie und Formen des traditionellen Lebens in den Alpen, 1980

[15] Vgl. Bätzing: Die Alpen, S.93

[16] Vgl. ebd., S.97

[17] Vgl. Enzensberger: Tourismus in den Alpen http://www.emmet.de/g_a_tou.htm (04.04.11)

[18] Vgl. Emmet: Alpen als Sportgerät oder Landschaft als Kapital? http://www.emmet.de/g_a_cipra.htm (04.04.11)

[19] Vgl. Bätzing: Die Alpen, S.142

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. CIPRA: Alpentourismus, S.31

[22] Vgl. Danielli: Naturtourismus, S. 20

[23] Vgl. Bundesamt für Naturschutz: Steckbrief Cipra http://www.bfn.de/0310_steckbrief_cipra.html (07.04.11)

[24] Bundesamt für Naturschutz: http://www.bfn.de/0323_iyeoeko.html (07.04.2011)

[25] Vgl. Bundesamt für Naturschutz: http://www.bfn.de/0323_iyeoeko.html (07.04.2011)

[26] Leuthold, Margit: Potentiale des Ökotourismus in Österreich

[27] Vgl. Danielli: Naturtourismus, S. 21

[28] Vgl. ebd.

[29] Vgl. Akademie für Umweltforschung und -bildung: Nachhaltiger Tourismus

[30] Vgl. Wöhler/Saretzki: Umweltverträglicher Tourismus, S. 4

[31] Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung: Erdgipfel Rio http://www.worldsummit2002.de/web/joburg/167.html (21.04.2011)

[32] Vgl. Danielli: Naturtourismus, S.29

[33] Vgl. ebd.

Details

Seiten
40
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656888345
ISBN (Buch)
9783656888352
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288620
Note
1,5
Schlagworte
Alpen Tourismus Wirtschaft Ökotourismus Nachhaltigkeit Schweiz Österreich Italien Massentourismus Umweltschutz Geographie Kultur Geschichte

Autor

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