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Metaphorischer Prozess in der Dichtung von Franz Czernin am Beispiel eines Sonettes

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Metapherntheorie nach Lakoff&Jonson (2011)

3. Metaphern in der Dichtung von Franz Josef Czernin am Beispiel von einem Erde-Sonett (I)
3.1 Gedichtanalyse
3.2 Bedeutungen von Metaphern/Redewendungen und Wechselspiel zwischen den metaphorischen und den wörtlichen Wahrnehmungen

4. Fazit

5. Literaturangaben

1. Einleitung

In der Schule lernt man, dass eine „Metapher“ ein rhetorisches Mittel ist, das in der Literatur verwendet wird: „als Redefigur, in welcher eine Sache anderen repräsentiert wird oder von ihr als einer anderen Sache gesprochen wird“1. Die Menschen denken kaum daran, dass unser Alltag durch sehr viele metaphorische Ausdrücke geprägt ist. Wenn wir jemandem sagen „etwas liegt mir auf der Zunge“, wird jeder zuerst daran denken, dass der Sprecher dringend etwas loswerden möchte und nicht mehr warten kann2, oder aber bei „es liegt mir auf der Zunge“ einfach nur nicht das richtige Wort findet, um sich konkret ausdrücken zu können. Keiner wird daran denken, dass z. B. ein Kind etwas im Mund hat und sagt: „Mama, mir liegt was auf der Zunge“, und es auch wörtlich meint. Aber nicht jeder metaphorische Ausdruck ergibt einen Sinn, wenn man versucht ihn wörtlich zu verstehen3. Wie die Metaphern in unserem Leben integriert sind, zeigt die Theorie von Lakoff & Jonson (1980), die im nächsten Kapitel zusammengefasst wird.

In der modernen Lyrik gibt es einen Autor, der nicht mehr nur in metaphorischen Bildern spricht. Franz Josef Czernin hat ein anderes Ziel vor Augen. Er möchte, dass der Leser immer von einem poetischen Stern zur Erde kommt und wieder zu diesem zurückkehrt4. Dabei experimentiert der Autor mit der Sprache. Anhand eines Sonettes von Franz Czernin soll in dieser Arbeit gezeigt werden, wie umgangssprachliche Ausdrücke als metaphorische Ausdrücke dienen können. Lakoff und Johnson behaupten, dass die metaphorischen Ausdrücke unseren Alltag prägen, und Czernin zeigt, dass alltägliche Redewendungen in der Dichtung gebraucht werden können.

2. Metapherntheorie nach Lakoff&Jonson (2011)

Im Buch „Leben in Metaphern“ verstehen Lakoff und Jonson die Metapher nicht nur als rhetorisches Mittel, sondern als alltägliche sprachliche Bilder, die die Menschen zum Sprechen, Handeln und Denken benötigen5. Die Autoren haben das Ziel zu belegen, „wie metaphorische Ableitungen ein kohärentes System metaphorischer Konzepte und ein entsprechendes kohärentes System metaphorischer Ausdrücke für diese Konzepte bestimmen können.“6. Dabei ist unser Denken nach metaphorischen Konzepten strukturiert7. Die Autoren teilen Metaphern in drei Arten ein: konzeptuelle; orientierende und ontologische Metapher8.

Konzeptuelle Metapher

Die konzeptuelle Metapher wird als eine „Domänenverbindung ("X ist Y") [definiert, in der die] […] Ursprungsbereiche (Y) und [die] […] Zielbereiche (X) auftreten“9. Das bedeutet, dass „X als Y verstanden [wird], [wobei] die eine konzeptuelle Domäne durch Rückgriff auf einen anderen Erfahrungsbereich kognitiv verfügbar gemacht [wird]“10. Sehr oft verbinden diese Metaphern etwas Abstraktes als Zielbereich (X) und etwas Konkretes als Ursprungsbereich (Y)11. Die konzeptuellen Metaphern haben eine Erklärungs- und Verständnisfunktion in bestimmten Bereichen, die in unserem Denken kaum anders zugänglich sind12. Dies kann man am Beispiel der Metapher ZEIT IST GELD13 verdeutlichen.

Zur konzeptuellen Metapher ZEIT IST GELD gehören die folgenden alltagsprachlichen Ausdrücke (nach Lakoff und Johnson, 2011:16):

ZEIT IST GELD

Sie vergeuden meine Zeit.

Ich habe keine Zeit zu verschenken.

Du nutzt deine Zeit nicht optimal.

Diese Beispiele zeigen, dass die Menschen mit Zeit umgehen, als ob es um ein wertvolles Gut geht14. In unserer Kultur ist Zeit EINE BEGRENZTE RESSOURCE: Seine Tage sind gezählt15. Mithilfe der Metapher ZEIT IST GELD gehen die Menschen mit der Zeit wie mit einem WERTGEGENSTAND um: Danke für die Zeit, die Sie sich für mich genommen haben16. Schließlich wird die Zeit wie ein GEGENSTAND behandelt: Haben Sie noch viel Zeit17. Somit impliziert ZEIT IST GELD eine ganze Reihe von sprachlichen Metaphern und Ausdrücken, und diese werden dadurch zu einer Gruppe der konzeptuellen Metaphern18. Das Beispiel zeigt, „auf welche Art und Weise wir die Informationen über die Welt konzeptualisieren“19. Diese Metaphern sind so strukturiert, dass kein Wechsel zwischen den Ziel- und Ursprungsbereichen vorgesehen ist20. Anders ist es bei Orientierungsmetaphern.

Orientierungsmetapher

Unter einer Orientierungsmetapher verstehen die Autoren ein metaphorisches Konzept, „bei dem ein ganzes System von Konzepten in ihrer wechselseitigen Bezogenheit organisiert wird“21. Die meisten Metaphern haben mit einer Raumorientierung zu tun: „oben-unten, inne-außen, vorne-hinten, dran-weg, tief-flach, zentral-peripher“22, z. B. WACH SEIN IST OBEN und SCHLAFEN IST UNTEN.

WACH SEIN IST OBEN;

SCHLAFEN IST UNTEN

Steh auf. Wach auf. Ich bin schon auf. Er steht morgens früh auf.

Er versank in tiefen Schlaf. Er glitt in den Schlaf. Sie steht unter Hypnose. Er fiel ins Koma.

Die Autoren geben eine physische Erklärung dafür: „Der Mensch und die meisten Säugetiere schlafen im Liegen und stehen auf, wenn sie wach sind“23.

Die Orientierungsmetaphern sind auf physischen und kulturellen Erfahrungen aufgebaut, die von der jeweiligen Kultur abhängen24. Die Autoren sagen, dass diese Metaphern die Funktion haben können, „ein Konzept nur kraft ihrer Grundlage in der Erfahrung verstehbar zu machen“25. Mit orientierenden Metaphern wird eine Grundlage für die nächste Art von Metaphern geschaffen, da wir mit unseren Erfahrung „bestimmte Sichtweisen von Ereignissen, Aktivitäten, Emotionen, Ideen usw.“26 als physische Objekte identifizieren können. Das sind diejenigen Metaphern, die mithilfe unserer Erfahrung von konkreten Objekten und Materien eine Basis für das Verstehen von Konzepten bilden, die über die bloße Orientierung hinausgehen27.

Ontologische Metapher

Ontologische Metaphern werden als Metaphern definiert, die „unterschiedlichen Zwecken [dienen], und die verschiedenen Arten von konkreten Metaphern reflektieren die Zielsetzung, die diese verfolgen“28. Dies ermöglicht uns „einem diffusen Geschehen aus numerischen, ökonomischen und sozialen Einzelphänomenen eine metaphorische Ganzheit [zu geben], die es uns erlaubt, im Singular der dritten Person mit ihr zu hantieren, als sei es eine gegenständliche Entität“29:

INFLATION IST EINE ENTITÄT

Die Inflation verringert unseren Lebensstandard.

Wir müssen die Inflation bekämpfen.

Die Inflation treibt uns in die Enge.

Die Inflation macht mich verrückt.

[...]


1 Vgl. Reimer/Camp 2007, S. 24, Hervorhebungen nach dem Original.

2 Vgl. Baschera 2007, S. 287.

3 Vgl. Fricke 2007, S. 202.

4 Vgl. Czernin 2007, S. 19.

5 Vgl. Lakoff und Johnson 2011, S. 13f.

6 Ebd., S. 17.

7 Ebd.

8 Vgl. Lakoff&Johnson 2011.

9 Vgl. Jäkel 1996, S. 27.

10 Vgl. Jäkel 1996, S. 41.

11 Ebd.

12 Ebd., S. 42.

13 Die Notierungsweise wird nach Lakoff&Johnson verwendet.

14 Vgl. Lakoff&Johnson 2011, S. 16-17.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. Jäkel 1996, S. 23.

19 Vgl. Kerész 2004, S. 41.

20 Ebd.

21 Vgl. Lakoff&Johnson 2011, S. 22.

22 Ebd.

23 Ebd., S. 25.

24 Ebd., S. 26-28.

25 Ebd., S. 26.

26 Ebd., S. 35f.

27 Ebd., S. 35.

28 Ebd., S.36.

29 Vgl. Schmitt 2004, S. 7f.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656887652
ISBN (Buch)
9783656887669
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288494
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
Schlagworte
Lyrik Metapher Metapherntheorie nach Lakoff&Jonson
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Titel: Metaphorischer Prozess in der Dichtung von Franz Czernin am Beispiel eines Sonettes