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Das neoliberale Marktmodell - Ist das Niedriglohnmodell geeignet, zusätzliche Beschäftigung zu schaffen ?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 27 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt

1 Vorwort

2 Das Niedriglohnmodell

3 Das neoliberale Arbeitsmarktmodell
3.1 Zentrale Annahmen des neoliberalen Arbeitsmarktmodells
3.2 Der Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und dem Lohnniveau
3.2.1 Der Zusammenhang zwischen Arbeitsangebot und Mindesteinkommen
3.2.2 Der Zusammenhang zwischen Arbeitszeitvorgaben und Arbeitsangebot
3.3 Die Wirkung von Einkommensänderungen
3.4 Die Wirkungen von Preisänderungen

4 Modelle des Niedriglohnsektors
4.1 Das Mainzer Modell
4.2 Das Modell Saar
4.3 Das Modell der Friedrich – Ebert – Stiftung

5 Kritische Betrachtung
5.1 Zur Gültigkeit der Voraussetzungen
5.2 Zur Gültigkeit des Marktmodells
5.3 Die Situation auf dem Markt
5.4 Die Wirkung von Kapital auf Beschäftigung

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

1 Vorwort

In der Diskussion zur Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit wird immer wieder eingebracht, die hohen Lohnkosten seien zu einem großen Teil schuld an der schlechten Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Um die Arbeitslosigkeit zu senken und den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken und zu erhalten, wird daher von liberaler Seite eine Senkung der Lohn(neben)kosten verlangt, damit in Deutschland zusätzliche Beschäftigung erschlossen werden kann.

Als Instrument der aktiven Arbeitsmarktpolitik und zur Wirtschafts- bzw. Wachstumsförderung wird daher die Erschließung des Dienstleistungssektors mit Hilfe eines Niedriglohnmodells gefordert. Wie dieses Niedriglohnmodell funktionieren soll und welche Erwartungen sich daraus ergeben, soll Gegenstand der folgenden Ausarbeitung sein.

Dabei sollen an erster Stelle die theoretischen Grundlagen des Niedriglohnmodells dargestellt werden, gefolgt von einer Darstellung der wichtigsten ökonomischen Zusammenhänge der neoliberalen Wirtschaftstheorie, auf der diese Forderung beruht. Dabei soll die Frage beantwortet werden, ob sich das Modell theoretisch eignet, zusätzliche Beschäftigung zu schaffen. In einem zweiten Teil sollen dann kurz verschiedene praktische Vorschläge zur Ausgestaltung des Niedriglohnmodells besprochen werden, verbunden mit einer Darstellung des erwarteten Beschäftigungszuwachses und der damit verbundenen Kosten für die Volkswirtschaft. Der dritte Teil soll dann eine kritische Diskussion der neoliberalen Theorie darstellen, von den theoretischen Grundlagen bis zur Gegenüberstellung tatsächlicher Marktbedingungen anhand des Beispiels der Substitution von Arbeit durch Kapital und den daraus resultierenden beschäftigungspolitischen Problemen.

Das zugrunde liegende mikroökonomische Modell ist das Standard - Modell der liberalen Wirtschaftstheorie zur Beschreibung ökonomischer Zusammenhänge, ohne weiter auf die diversen Spezifizierungen durch unterschiedliche Schulen einzugehen.

Letztendlich soll die Frage beantwortet werden, ob die Erschließung des tertiären Sektors auf diesem Wege möglich ist.

2 Das Niedriglohnmodell

Die These, mit der die Einführung eines Niedriglohnsektors in Deutschland gefordert wird, lautet : einfache Arbeit ist in Deutschland zu teuer[1]. Nach Dieter Hundt, Vorsitzender des BDA ist einfache Arbeit, d.h. geringproduktive und arbeitsintensive Tätigkeit, in Deutschland zu teuer. Deshalb wird sie in Deutschland nicht ausgeführt oder driftet in die Schwarzarbeit ab. Dies gilt vor allem für Tätigkeiten im tertiären Bereich.

Im Konzept des Niedriglohnmodells als aktives Arbeitsmarktinstrument wird deshalb vorgeschlagen, das Lohnniveau solcher Tätigkeiten der Produktivität anzupassen, einem zentralen neoliberalen Standpunkt. In diesem Dienstleistungssektor sollen dann zumeist un- und geringqualifizierte Arbeitnehmer, die z.T. von staatlichen Transferleistungen leben, beschäftigt werden. Die zusätzliche Beschäftigung soll durch ein Absenken des Lohnniveaus geschaffen werden, wie es in neoliberalen Modellen beschrieben wird. Um die Arbeitnehmer durch die geringen Löhne zum einen zur Annahme solcher Tätigkeiten zu motivieren und zum anderen einen angemessenen Lebensstandard zu gewährleisten, sollen die dort beschäftigten Arbeitnehmer (weiterhin) zusätzlich staatliche finanzielle Unterstützung als Transferleistungen erhalten. Damit wäre das Lohnabstandsgebot eingehalten und die Arbeitnehmer wären eher bereit, eine solche Tätigkeit zu übernehmen. Weiterhin kann die Wirtschaft aufgrund gesunkener Löhne zusätzliche Beschäftigung schaffen.

Innerhalb dieser Niedriglohnkonzeption gibt es verschiedene Überlegungen zur Höhe der Transferleistungen und des Mindestlohnes sowie den daraus resultierenden Beschäftigungszuwächsen. Die grundlegende Methode ist jedoch gleich und basiert auf dem neoliberalen Wirtschaftsmodell. Wie die Zusammenhänge zwischen Preisen für Güter bzw. Dienstleistungen, Lohnhöhe, Einkommen und Arbeitsangebot bzw. –nachfrage sind und wie sich Veränderungen dieser Faktoren auswirken, soll im folgenden dargestellt werden.

Im Speziellen soll dabei das Verhältnis von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage und diverser Einflußfaktoren vorgestellt werden.

3 Das neoliberale Arbeitsmarktmodell

3.1 Zentrale Annahmen des neoliberalen Arbeitsmarktmodells

Die neoliberale Theorie unterliegt einigen Grundbedingungen, welche erfüllt sein müssen, damit das Modell wie angenommen funktioniert. Für die Auseinandersetzung mit der Arbeitsmarkttheorie sind fünf Grundannahmen relevant :[2]

a) es herrscht auf dem Markt vollkommene Konkurrenz in allen Bereichen,
b) alle Anbieter von Arbeit sind homogen (auf einem speziellen Arbeitsmarkt[3]),
c) jeder Marktteilnehmer ist jederzeit vollkommen informiert,
d) die Arbeitnehmer (Arbeitsanbieter) sind vollkommen flexibel und mobil sowie
e) die Unternehmen auf dem Markt können jederzeit ihre gesamte Produktion gewinnmaximal absetzen.

Zusammenfassend beschreibt das Modell den idealen Arbeitnehmer als „homo oeconomicus“, welcher einkommensmaximierend handelt, vollkommen informiert sowie mobil und flexibel ist. Alle Arbeitnehmer sind homogen und daher untereinander frei substituierbar. Die Arbeitskraft ist ein Gut wie jedes andere auf dem Markt und unterliegt somit den Marktgesetzen.

3.2 Der Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und dem Lohnniveau

Wie in der Einleitung beschrieben, soll mit Hilfe eines Niedriglohnsektors im Dienstleistungsbereich zusätzliche Beschäftigung geschaffen werden.[4]

Das theoretische Fundament bildet die Annahme, daß ein Absenken des Lohnniveaus zusätzliche Beschäftigung schafft. Dabei gilt, daß das Beschäftigungsangebot der Arbeitgeber (Arbeitsnachfrage) und das Arbeitsangebot des Arbeitnehmers allein durch den Preis des Gutes Arbeitskraft, dem Lohn, bestimmt wird, bei sonst konstantem Einfluß aller anderen Einflußfaktoren auf dem Markt („Ceteris paribus“ Klausel). Mit steigendem Lohnniveau steigt auch das Arbeitsangebot während die Arbeitsnachfrage sinkt. Unter der ceteris paribus Klausel gleichen sich auf dem Markt Arbeitsangebot und –nachfrage am optimalen Punkt aus, so daß jeder Arbeitnehmer, der bereit ist, zum angebotenen Preis zu arbeiten, auch Beschäftigung findet und der Unternehmer seine gewinnmaximale Produktion hinsichtlich des Arbeitskräfteeinsatz realisieren kann. An diesem Punkt würde Vollbeschäftigung herrschen; jeder Arbeitslose wäre „freiwillig“ arbeitslos.

Der Arbeitnehmer bietet am Arbeitsmarkt die für ihn optimale Arbeitszeit an, um sein Einkommen zu maximieren. Die Zeit, die er anbietet, hängt wiederum von seiner persönlichen Präferenzliste ab : Wieviel Nutzen ihm Freizeit und der damit verbundene Konsum der vom Einkommen gekauften Güter bringt. Dieser Nutzen ist in der neoliberalen Denkweise kardinal meßbar und somit auch genau bestimmbar. Die Arbeitszeit dagegen hat keinen Nutzen sondern dient lediglich der Einkommensbeschaffung. Mit Hilfe des Freizeit- und Konsumnutzens sowie des Preises der Konsumgüter indirekt und über den Lohnsatz direkt wird das Arbeitsangebot des Arbeitnehmers bestimmt. Die Bestimmung des optimalen Arbeitsangebotes geht mit dem Grenznutzen[5] einher, welcher den Nutzen der Freizeit bestimmt.

Der Grenznutzen ist aus mikroökonomischer Sicht der Nutzen, den die letzte verbrauchte einzelne Einheit eines Gutes stiftet; mathematisch dargestellt als die erste Ableitung der Nutzenfunktion nach dem entsprechenden Gut[6]. Auf den Arbeitsmarkt übertragen bedeutet dies für den Arbeitnehmer den Punkt des Lohnsatzes, wo es sich für ihn nicht mehr lohnt, seine (nützliche) Freizeit gegen (einkommenswirksame) Arbeitszeit zu substituieren, da seine Kosten für entgangene Freizeit größer sind als der Nutzen des zusätzlich erwirtschafteten Einkommens (Opportunitätskosten).

Der Arbeitgeber stellt dagegen so lange Arbeitskräfte ein, wie die Grenzkosten des zuletzt eingestellten Arbeiters kleiner oder gleich dem Grenzertrag sind. Anders ausgedrückt : Der Unternehmer stellt sich die Frage, wieviel Einheiten eines Produktes oder einer Dienstleistung er produzieren soll, um bei gegeben Marktbedingungen (Kosten der Herstellung und Verkaufspreise der Produkte) seinen Gewinn zu maximieren. Er wird so lange die Produktion steigern, bis die Kosten des letzten hergestellten Gutes höchstens gleich dem Gewinn aus dem letzten hergestellten Gut ist. An diesem Punkt realisiert der Unternehmer mit Hilfe der gesamten Produktionsmenge den maximal möglichen Gewinn bei gegebenen Bedingungen.

Die Grenzkosten sind analog zum Grenznutzen die Kosten, die benötigt werden, eine kleinstmögliche zusätzliche Einheit eines Gutes herzustellen[7]. Der Grenzertrag gibt an, um wieviel Einheiten sich die Produktion eines Gutes ändert, wenn bei sonst gleichen Bedingungen der Einsatz eines Produktionsfaktors (Arbeit) um die kleinstmögliche Einheit verändert wird. Bei gegebenen (konstanten) Faktorpreisen kann der Arbeitgeber dann genau anhand des Lohnniveaus bestimmen, wieviel Arbeitskräfte er einstellen kann, um eine gewinnmaximale Produktion zu realisieren.

Zusammen gleichen sich Arbeitsangebot und –nachfrage am Markt ohne weitere Einflüsse am optimalen Lohnniveaupunkt aus. An diesem Punkt herrscht Vollbeschäftigung, wenn jeder Arbeitnehmer zu diesem Lohn bereit ist, zu arbeiten. Bei steigendem Lohnniveau steigt das Arbeitsangebot und die Arbeitsnachfrage sinkt (und umgekehrt). Dieser Punkt ist also bei sonst konstanten Bedingungen nur vom Lohnsatz abhängig.

3.2.1 Der Zusammenhang zwischen Arbeitsangebot und Mindesteinkommen

Ohne weiteres Einwirken entsteht wie beschrieben am Markt ein Punkt, an dem sich Arbeitsangebot und –nachfrage optimal ausgleichen. Was passiert aber, wenn der Staat, aus z.B. sozialpolitischen Erwägungen, einen Mindestlohn festsetzt und damit die freien Kräfte des Marktes behindert ?

Für dieses Mindesteinkommen gilt methodisch folgendes : ist das erreichte Einkommen kleiner als das staatlich garantierte Mindesteinkommen, so zahlt der Staat die Differenz bis zum Mindesteinkommen, z.B. in Form einer negativen Einkommenssteuer oder direkten Transferleistungen. Ist das Einkommen größer oder gleich dem Mindesteinkommen, zahlt der Staat nichts.

Wenn ein Arbeitnehmer zu einem angebotenen Lohnsatz, der unter dem staatlichen Mindesteinkommen liegt, sein optimales Arbeitsangebot berechnet und dabei bemerkt, daß er ganz ohne Arbeit durch entsprechende Kompensationsleistungen seitens des Staates das Mindesteinkommen erreichen könnte, so würde der Arbeitnehmer gar keine Arbeitszeit anbieten. Wenn er arbeitet, so erreicht er ein Einkommen unterhalb des Minimums, welches bis zum Mindesteinkommen vom Saat kompensiert wird. Wenn er aber gar nicht arbeitet, so erreicht er zwar kein eigenständig erwirtschaftetes Einkommen, aber der Staat kompensiert das Einkommen bis zur Mindesthöhe. Ist das Lohnniveau gleich dem Mindesteinkommen, so wird der Arbeitnehmer ebenfalls keine Arbeitszeit anbieten- auch wenn er theoretisch zu diesem Lohnsatz Arbeitszeit anbieten würde- da wiederum die Kosten für die entgangene Freizeit größer sind als das selbständig erwirtschaftete Einkommen in Mindesthöhe. Erst ab einem Lohnniveaupunkt größer als dem Mindesteinkommen, abhängig von der persönlichen Präferenzordnung, wird der Arbeitnehmer wieder Arbeitszeit anbieten. Die Folge des staatlich garantierten Mindesteinkommens ist nun, daß sich im Falle einer Lohnniveaubildung am Markt unterhalb des Mindesteinkommens kein Arbeitsangebot bildet, somit „freiwillige“ Arbeitslosigkeit entsteht. Der Arbeitgeber wird sein Lohnangebot nicht weiter erhöhen, da er seinen optimalen Lohnsatz zur gewinnmaximalen Produktion nicht überschreiten darf; ansonsten macht er zumindest langfristig Verluste. Die Festsetzung eines Mindestlohnes würde also die Lohnbildung beeinträchtigen und wird daher von den Arbeitgebern weitestgehend abgelehnt.

[...]


[1] Hundt, D., Niedriglohnbereich durch Gesamtkonzeption erschließen., Transkript des Pressestatements im Presseclub der ARD, Bonn 17.05.1999, in : <http://www.bda-online.de/www/bdaonline.nsf/MainFrameSet> am 07.06.2001.

[2] Vgl. Sesselmeier, W. und Blauermel, G., Arbeitsmarkttheorien. Ein Überblick, zweite überarb. und erw. Auflage, o.O. 1998.

[3] z.B. alle Maschinenbauingenieure innerhalb Deutschlands haben die gleiche Produktivität usw.

[4] vgl. Demmler, H., Grundlagen der Mikroökonomie, 3. verb. Auflage, München u.a. 1996, S. 128ff.

[5] vgl. Oberender, P., Grundbegriffe der Mikroökonomie, 6. Auflage, Bayreuth 1996, S. 44.

[6] Dies unterstellt allerdings, daß sich der Nutzen kardinal messen, sich die persönliche Präferenzordnung eindeutig bestimmen und mathematisch formulieren läßt. In diesem Fall wird der Grenznutzen durch 0=U(x1+x2+...+xn) bestimmt.

[7] Die Grenzkosten sind mathematisch die erste Ableitung der Kostenfunktion nach dem Faktorpreis (Arbeit). Es gilt : 0=K(p1a1+p2a2+...+pna n). vgl. ebd., S. 42f.

Details

Seiten
27
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638117456
ISBN (Buch)
9783638676168
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2884
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Niedriglohnmodell Wirkungen Auswirkungen Marktmodell Liberal Neoliberal Theorie Niedriglohn

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