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Veröffentlichte Privatheit. Selbstinszenierung Jugendlicher auf SNS durch Profilbilder

Hausarbeit 2013 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Medialisierung der Gesellschaft
1.2 Einführung in die Problematik der Arbeit

2. Funktionen des Profilbildes

3. Klassifikation der Profilbilder

4. Kommunikationsfreiheit
4.1 Schutz der Kommunikationsfreiheit
4.2 Mögliche Gefahren
4.2.1 Identität und das Internet
4.2.2 Freiheit und Kontrolle

5. Privatsphäre als ethischer Schutzbereich
5.1 Privatheit vs. Öffentlichkeit
5.2. Transformation der Öffentlichkeit durch das Internet: Das Konzept der veröffentlichten Privatheit

6. Schlussbetrachtungen
6.1 Zusammenfassung des ethischen Problems
6.2 Eigene Positionierung

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Medialisierung der Gesellschaft

Die Menschen nutzen das Internet zunehmend für Informationsbeschaffung, Unterhaltung und Kommunikation. Beispielsweise nutzen die meisten Facebook-Nutzer das Medium mehrmals am Tag, um nach Aktualisierungen und Nachrichten zu schauen (vgl. Debatin 2009, S. 14). Bei der Herausbildung von Identität spielen die Medien eine entscheidende Rolle. Vor allem auf Social Network Sites (SNS) können sich die Jugendlichen (12 bis 18 Jahre), alleine oder in Gruppen, in neuen Rollen ausprobieren sowie sich zu aktuellen Themen positionieren (vgl. Tillmann 2006, S. 33).

Wir leben in einer Mediengesellschaft, die zahlreiche Chancen mit sich bringt, jedoch genauso viele Herausforderungen birgt, vor allem was moralisch korrekte Handlungen betrifft. Online-Medien bieten etliche neue Möglichkeiten für die Wissenschaft. So stellen SNS der Kommunikations- und Sozialforschung eine Reihe neuer Instrumente zur Verfügung, beispielsweise für die Analyse der sozialen Welt der Nutzer. Doch in diesem Zusammenhang stellt sich die ethische Frage danach, wie weit die Forschung gehen darf (vgl. Beck 2010, S. 152). Darf man in die Privatsphäre der Nutzer eindringen und das eventuell mit Hilfe eines „Fake-Accounts“, um wissenschaftliche Fragen zu beantworten? Um ethisch korrekt handeln zu können, müssen die Menschen sich selbst neue Grenzen aufzeigen, um damit ihre Freiheitsräume zu sichern. In der vorliegenden Arbeit sollen diese Grenzen und Freiheitsräume im Bereich der Selbstdarstellung der Jugendlichen auf SNS gezeigt werden.

1.2 Einführung in die Problematik der Arbeit

Zahlreiche Medienkritiker sehen Kinder und Jugendliche als eine besonders gefährdete Gruppe der Mediennutzer, wenn es um das Thema der zunehmenden Medialisierung der Gesellschaft geht (vgl. Fenner 2010, S. 316). Deshalb ist der Bereich für die Medienethik besonders interessant. Die Medienethik stellt zwei große Bereiche einander gegenüber: die Produzenten- und die Rezipientenethik (vgl. ebd., S. 264). Das in dieser Arbeit zugrunde liegende Problem betrifft die Frage nach der Verantwortung der Produzenten, der Profilinhaber. Die Profilbilder werden auf individuelle Art und Weise gestaltet, wobei einige wiederkehrende Muster zu erkennen sind. Dank der technischen Möglichkeiten, wie z.B. einer integrierten Webcam im Laptop oder einem Smartphone, wird das Erstellen eines Profilbildes zu einem Kinderspiel, wodurch oftmals keine Zeit für Bedenken übrig bleibt.

Anders als in der Realität, können die Jugendlichen in Sozialen Netzwerken eine aktive Selbstinszenierung betreiben, wobei sie sich der Gemeinschaft so präsentieren, wie sie sich selbst sehen bzw. wie sie von ihren Mitmenschen gesehen werden wollen. Ein wichtiger Bestandteil dieser Selbstdarstellung ist das Profilbild, mit dem sich die Nutzer ausweisen können. Dieses ist zwar als ein Einzelbild identifizierbar, jedoch befindet es sich immer im Kontext eines umfassenden Kommunikationsprozesses, kann jenen aber nicht vollständig repräsentieren (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/Schmidt 2011, S. 88). Eine Klassifikation der Profilbilder (s.a. Kapitel 3) erlaubt einen ersten Umriss der gängigen Praktiken der visuellen Selbstdarstellung.

Die virtuellen Gemeinschaften werden zum Informationsaustausch sowie zur Herstellung oder Aufrechterhaltung sozialer Kontakte genutzt. Bei der Selbstdarstellung und der Kommunikation auf SNS treffen zahlreiche Problemfelder aufeinander. Auf der einen Seite steht die Kommunikationsfreiheit (Informations- und Meinungsfreiheit) mit ihren Vorzügen, auf der anderen der Aspekt der Verantwortung, der unmittelbar daraus resultiert. Soziale Netzwerke bilden einen sozialen Treffpunkt der Online-Welt. Hier steht es den Nutzern frei, wie sie sich selbst darstellen (vgl. Tillmann 2006, S. 43). Allerdings kann die Preisgabe vieler persönlicher Informationen zahlreiche negative Konsequenzen nach sich ziehen. Einige Nutzer greifen daher auf Instrumente der Online-Kommunikation, wie Anonymität und Pseudonymität, zurück. In diesem Zusammenhang stellt der Wandel des Begriffs Öffentlichkeit ein weiteres Problem dar. Das Private wird schnell zum Öffentlichen und vice versa, was zu einer vermehrten Verunsicherung der Nutzer führt.

Hieraus ergibt sich die Frage: Wie authentisch soll die Kommunikation auf Sozialen Netzwerken sein und wird zu viel Authentizität nicht zu ethischen Problemen führen? Dazu ist es zunächst wichtig, die Funktionen und Gestaltungsweisen der Profilbilder ins Blickfeld zu rücken.

2. Funktionen des Profilbildes

Eine der Grundlagen für diese Arbeit bildet der Beitrag von Astheimer, Neumann-Braun und Schmidt, welcher die Beantwortung der Frage nach dem Zweck der Profilbilder auf SNS zum Gegenstand hat (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/Schmidt 2011). Im Rahmen des Forschungsprojektes Jugendbilder im Netz untersuchten die Autoren insgesamt 327 Profilbilder von jungen Leuten zwischen 12 und 25 Jahre aus insgesamt 20 verschiedenen Netzwerken, darunter Facebook, MySpace, YouTube usw. Das Erkenntnisinteresse der Untersuchung richtete sich auf die Rolle der Profilbilder bei der Kommunikation Jugendlicher auf Social Network Sites.

Die Ergebnisse der Portalanalyse von Astheimer et. al. legen nahe, dass die Online-Kommunikation in Sozialen Netzwerken einen Akteur braucht, welcher durch sein Profilbild repräsentiert wird. Das Profilbild dient der Vorstellung der eigenen Person. Insofern ist es aus kommunikationstheoretischer Sicht ein Kommunikationsakt (vgl. ebd., S. 80 f.). Überdies macht der Nutzer damit sichtbar, dass er derjenige ist, der er vorgibt zu sein, ob nun mit Hilfe eines Namens oder eines Profilbildes (vgl. Benkel 2012, S. 6). Durch das eigene Profilbild inszeniert der Benutzer seine persönliche Erscheinung und eventuell auch Gestik (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/Schmidt 2011, S. 88). Der erste Eindruck entsteht über den visuellen Kanal und im Fall der Kommunikation auf SNS - durch das Profilbild (vgl. ebd., S. 98).

Da Facebook zurzeit das populärste Netzwerk unter Jugendlichen ist, beziehen sich die nachfolgenden Ausführungen hauptsächlich auf dieses Portal. Die Profilbilder werden hierbei in Hinblick auf ihre soziale Struktur und Funktion analysiert und anschließend nach den Darstellungsarten klassifiziert. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang das Erkennen beider Seiten des Profilbildes: Die eine Seite ist das Dargestellte per se, die andere beinhaltet, was der Profilinhaber mit diesem Bild kommunizieren möchte.

Die Gestaltung der Profilseiten auf SNS ist so angelegt, dass der Nutzer möglichst viele Informationen über sich offenbart. Einige Nutzer geben viele persönliche Daten preis, welche sie z.B. bei einer Telefonumfrage nicht freiwillig gegeben hätten (vgl. Debatin 2009, S. 13). Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, möglichst viele Freunde, Likes und Kommentare zu bekommen, welche den Jugendlichen die Anerkennung im Freundeskreis verdeutlichen. Das Profilbild ist ein fester Bestandteil eines solchen Profils und repräsentiert den Profilinhaber. Dadurch ermöglicht es in vielerlei Hinsicht die Kommunikation auf Social Network Sites (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/ Schmidt 2011, S. 79).

Bereits der Name des Netzwerks Facebook spielt auf die Dokumentation der körperlichen Darstellung der Nutzer an. Abbildung der Körperlichkeit wird dadurch zur Voraussetzung der weiteren Kommunikation auf der Plattform. Dabei geht es nicht primär um die Identifizierungsfunktion des Bildes, sondern um das Sichtbarmachen des Akteurs (vgl. Benkel 2012, S. 1 f.). Auf der Profilseite erscheint es in Form eines großen Anzeigebildes, wird gleichzeitig jedoch auch allen Aktivitäten im Netzwerk hinzugefügt, sei es in Form von Miniaturbildern bei Mitteilungen und Kommentaren, in Bildergalerien oder im Profilbild-Album (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/Schmidt 2011, S. 89). Das aktuelle Profilbild (jedoch nicht das Profilbilder-Album) ist dabei öffentlich, das heißt es ist nicht nur für alle Facebook-Nutzer, sondern für die ganze Internet-Gemeinschaft sichtbar[1] (vgl. Facebook 2013).

Das Profilbild wird jeder Aktivität auf sozialen Netzwerken automatisch beigefügt und suggeriert damit die Substitution des abwesenden Körpers (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/Schmidt 2011, S. 87). Es ist ein Werkzeug zur Selbstdarstellung und Selbstinszenierung der Nutzer. Sie können sich so darstellen, wie die Gesellschaft sie sehen soll und erlangen damit Kontrolle über ihre virtuelle Sichtbarkeit (vgl. Benkel 2012, S. 7). Dabei gilt: Ein hochgeladenes Profilbild wird automatisch auf dem Server der SNS sowie im eigenen Profilbild-Album gespeichert. Hier sind alle bisherigen Profilbilder (chronologisch geordnet) des Users vorhanden, soweit sie nicht vom Nutzer gelöscht wurden (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/Schmidt 2011, S. 89). Überdies kann man ein Foto aus bereits bestehenden Fotoalben zum Profilbild wählen. Somit ist ein Profilbild zugleich ein Teil der biografischen Dokumentation, denn es stellt einen bestimmten Lebensabschnitt des Individuums dar (vgl. ebd., S. 93). Doch selbst wenn ein Bild bereits gelöscht wurde, ist es schwer abzuschätzen, wie viele und vor allem welche Personen es bereits gesehen haben. Hierbei stellt sich auch die Frage nach den Konsequenzen. Die Tatsache, dass jemand das Bild bereits gesehen hat, ist ein unumkehrbarer Prozess und wird von Christoph Kappes deshalb pointiert als „unwiderruflicher Kopiervorgang“ bezeichnet (Kappes 2013).

Ein Vorhandensein von einem Profilbild macht es einfacher, Kontakte zu knüpfen, denn, wie bereits erwähnt, dient es dem Erkennen des Gegenübers. Die Wurzeln dieser Funktion liegen in der Fotografie des 19. Jahrhunderts. Dort sind die Anfänge der Fotografie zur Identifizierung der Personen, prototypisch im polizeilichen Erkennungs- bzw. Passfoto verankert. Die wichtigste Grundregel dabei war die körperliche Ähnlichkeit mit dem dargestellten Individuum. Insofern ist auch das Profilbild eine Art des Porträtbildes, welches seit geraumer Zeit eine dokumentarische Funktion erfüllt. Die dargestellten Personen werden innerhalb eines bestimmten Raum-Zeit-Gefüges eingeordnet und erlauben bestimmte Rückschlüsse auf die Person (vgl. Astheimer/Neumann-Braun/Schmidt 2011, S. 92 f.).

3. Klassifikation der Profilbilder

Für eine weitere Bearbeitung des ethischen Problems ist es erst einmal sinnvoll, die Fülle der unterschiedlichen Profilbilder nach der Art der Personendarstellung zu klassifizieren. Astheimer et al. unterscheiden sechs Haupttypen: Ausweis/Passbild, Dummy, Beziehungen, Körperposen, Fiktionalisierung/Verkunstung und Anlässe.

Die urtypische Form der fotografischen Personendarstellung bildet der Typus des Ausweises/Passbildes. Diese ist auf SNS die häufigste Art der Profilbilder. Sie zeigen in Großeinstellung Kopf, Gesicht und Oberkörper des Individuums, wodurch sich die Identität feststellen lässt (vgl. ebd., S. 100 f.). Akteure, welche im Sozialen Netzwerk unerkannt bleiben möchten, wählen dagegen eher den Profilbild-Typus des Dummys. Hier wird nicht die Person selbst dargestellt, sondern Tiere, Pflanzen, Symbole oder Ähnliches. Ein Dummy-Bild dient nicht mehr der Identifizierung der Person, sondern der Identifikation des Akteurs mit der Abbildung. Besonders beliebt sind bei Jugendlichen Stars- und Tierbilder. Eine weitere Möglichkeit innerhalb dieses Bild-Typus ist es, gar kein Bild zu verwenden. In diesem Fall wird ein für das Portal üblicher „Platzhalter“ gebraucht.

Ein weiterer Profilbildtyp wird durch „Beziehungsbilder“ dargestellt. Im Mittelpunkt der Darstellung steht nicht mehr das Individuum selbst, sondern seine Freundschafts- oder Liebesbeziehung, wobei die Interaktion der dargestellten Personen eine besonders wichtige Rolle spielt (vgl. ebd., S. 103 f.).

Die nächste Klasse der Profilbilder wird durch unterschiedliche Körperposen gebildet. In diese Kategorie fallen Profilbilder, welche auf Flirt bzw. erotische Selbstdarstellung abzielen, Vermummungsbilder, Bilder mit Model-Posen sowie gestenlastige Bilder. Bei den gestenlastigen Bildern stehen die Zeichen mit der klar umrissenen Bedeutung im Vordergrund, welche vor allem für die Jugendkultur typisch sind, wie z.B. das Peace-Zeichen. Diese Art der Bilder zielt unmittelbar auf Kommunikation mit dem Betrachter (vgl. ebd., S. 111).

Nicht weniger wichtig erscheint für die Jugendlichen der Aspekt der Fiktionalisierung und eigenen künstlerischen Bearbeitung ihrer Bilder (vgl. ebd., S. 100). Profilbilder dieses Typs machen etwa zehn Prozent der von Astheimer et al. untersuchten Facebook-Profilbilder aus. Auffällig ist hierbei, dass diese Art von Profilbildern eher von weiblichen Nutzerinnen gebraucht wird (vgl. ebd., S. 118).

Die letzte Gruppe bilden Profilbilder, welche bestimmte Anlässe aus dem Leben des Profilinhabers in den Vordergrund rücken (vgl. ebd., S. 100). Biografisch bedeutsame Momente des Lebens spielen hier eine wichtige Rolle, wie beispielsweise Reisen, Festivals, Sportevents, Feste oder Ausflüge (vgl. ebd., S. 115 f.). Diese Klasse ist ein „Aushängeschild persönlicher Interessen und Vorlieben“ (ebd., S. 116), denn der Profilinhaber zeigt noch mehr von seiner Privatsphäre als nur das Gesicht oder den Körper. Er zeigt anderen Usern einen für ihn wichtigen Moment in seinem Leben, ein Lebensereignis, mit dem er sich identifiziert.

4. Kommunikationsfreiheit

4.1 Schutz der Kommunikationsfreiheit

Bei der Thematik der Selbstdarstellung der Jugendlichen auf SNS mit Hilfe von Profilbildern lässt sich der übliche Konflikt zwischen der Kommunikationsfreiheit und den berechtigten Schutzinteressen der Jugendlichen beobachten, aus welchem die Frage nach Zensur erwächst (vgl. Beck 2010, S. 134). Die Kommunikationsfreiheit wird durch das Recht auf Informations- und Meinungsfreiheit des Art. 5 GG, durch die EU-Grundrechtecharta (Art. 11) sowie die Europäische Menschenrechtskonvention (Art. 8) gewährleistet und ist eine Voraussetzung für demokratische Ordnung.

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Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656885504
ISBN (Buch)
9783656885511
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288289
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
soziale Netzwerke Ethik moralisches Handeln ethische Kommunikation Privates

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