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Wissenschaft trifft Gesellschaft. Wissenschaftskommunikation am Beispiel des Science Center

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Wissenschaftskommunikation

3. Das Science Center
3.1 Konzeption
3.2 Geschichte
3.3 Beispiel: Das Phaeno in Wolfsburg

4. Fazit

1. Einführung

Zweifelsohne verlief die Beziehung zwischen der Gesellschaft und ihrem Teilbereich der Wissenschaft nicht immer reibungslos: Seien es die Anti-Atomkraft-Demonstrationen der späten 1960er Jahre oder die andauernde Skepsis gegenüber Gentechnologie und anderen naturwissenschaftlich-technischen Erzeugnissen – oft genug schon haben gesellschaftliche Vertreter ihr Misstrauen und ihren Unmut gegenüber der Wissenschaft öffentlich geäußert. Dies passierte nicht immer ohne Folgen, wurden einige Lösungen doch wegen der starken öffentlichen Ablehnung politisch untragbar1.

Es mögen eben diese historischen Erfahrungen sein, die die Gestaltung der Kommunikation zwischen Gesellschaft und Wissenschaft so vielfältig gemacht haben: Wissenschaftsdialoge, populärwissenschaftliche Zeitschriften und ähnliche Einrichtungen sollen Öffentlichkeit und Wissenschaftssektor näher zusammenrücken lassen.

Dieser Essay versucht innovative Lösungen der Wissenschaftskommunikation exemplarisch am Konzept des Science Center zu beleuchten. Dazu soll zunächst eine allgemeine Einführung in die Motive und Formen von Wissenschaftskommunikation stattfinden, bevor anschließend Konzept und Geschichte des Science Center skizziert werden. Das Beispiel des Science Center „Phaeno“ im niedersächsischen Wolfsburg soll daraufhin als konkreter Fall beleuchtet werden und dabei helfen, letztlich ein Fazit zu ziehen, das die Konzeption des Science Center vor dem Hintergrund der Ziele von Wissenschaftskommunikation – auch unter Bezugnahme auf kritische Stimmen – beurteilt.

2. Wissenschaftskommunikation

Das Feld der Wissenschaftskommunikation wird häufig mit aktuellen Konzepten wie interaktiven Ausstellungen in Museen oder populärwissenschaftliche Zeitschriften, die einem Laienpublikum Neues aus vorwiegend naturwissenschaftlicher Forschung näherbringen, assoziiert. Tatsächlich lassen sich die ersten Formen der Wissenschaftskommunikation jedoch bereits im 17. Jahrhundert ausmachen. Hier war es die Etablierung des Journals, die die wissenschaftliche Kommunikation über privaten Briefverkehr hinaus formalisierte2. Mit dem Journal, dessen Geschichte mit der Auflage von Zeitschriften wie dem französischen „Journal des Sçavans“ den Londoner „Philosophical Transactions of the Royal Society“ begann3, wurde die Kommunikation der eigenen Ergebnisse nach außen hin fester Bestandteil des wissenschaftlichen Treibens, allerdings fand sie zu Anfang vorwiegend unter Experten derselben oder einer verwandter Disziplin statt.

Inzwischen hat sich der Blick auf die Zuständigkeit der wissenschaftlichen Kommunikation geändert: Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die öffentliche Fortschritts- und Technikkritik immer lauter und schließlich zum politischen und gesellschaftlichem Problem. Die breite Öffentlichkeit äußerte zunehmend Interesse am Geschehen einzelner gesellschaftlicher Sektoren, drängte auf Transparenz und Teilhabe und erhob Anspruch auf Aufklärung über die Auswirkungen von Wissenschaft und Technik, die ihr Lebensumfeld und ihre Lebensqualität betrafen. Von Medikamenten über Großprojekte, die Einfluss auf Umwelt und Lebensraum haben, bis hin Technologien, die die unmittelbare Lebensgestaltung beschleunigen oder andersartig verändern, rücken die technischen Erzeugnisse der Wissenschaft immer näher in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit4. Zugleich verschärft sich die Skepsis darüber, ob die Wissenschaft die ihr zur Verfügung gestellten Mittel adäquat nutzt – speziell, was die Lösung von gesamtgesellschaftlichen Problemen wie Krankheiten und Epidemien oder Naturkatastrophen betrifft. In derartigen Fällen zeigt sich ein zunehmend stärker werdender Erwartungsdruck der Gesellschaft gegenüber der Wissenschaft, die Strategien für kritische Situationen erarbeiten soll.

Wachsendes Interesse und konkreter werdende Erwartungen an die Akteure des Wissenschaftssektors resultieren in der Bundesrepublik seit den 1960ern und 1970er Jahren in dem Wunsch nach Teilhabe durch Aufklärung über den Wissenschaftsbetrieb – nicht nur seitens ziviler, gesellschaftlicher Interessengruppen, sondern auch vonseiten wissenschaftlicher Einrichtungen selbst, die in wachsender Aufklärung eine Chance zur Reduzierung der öffentlichen Skepsis sahen5.

Heute sind die Akteure und Institutionen sowie die Formen der Gestaltung von Wissenschaftskommunikation recht vielseitig. Neben Fachzeitschriften, die den Journals von damals im Kern sehr ähnlich sind6, sind dies auch Magazine, die wissenschaftliche Themen für interessierte Laien aufarbeiten7. Ähnliches ermöglichen so genannte Science Blogs, die ein Portal mit online abrufbaren und diskutierbaren Artikeln zu wissenschaftlichen Themen bieten8. Darüber hinaus betreiben auch die Akteure des Wissenschaftssystems, etwa Hochschulen, Forschungsinstitute und wissenschaftliche Einrichtungen aus Industrie und Wirtschaft9 Öffentlichkeitsarbeit in Form von Publikationen oder Veranstaltungen. Sonderformen der Wissenschaftskommunikation, die weitaus weniger häufig anzutreffen sind, sind hingegen die oft vonseiten öffentlicher Einrichtungen initiierten Wissenschafts- oder Bürgerdialoge, die Gesellschaft, Politik und Wissenschaft zusammenbringen und über jeweils einen zuvor festgelegten Themenkomplex diskutieren lassen10.

Diese verschiedenen Formen der Wissenschaftskommunikation zeigen im Verlauf ihres Aufkommens ein scheinbar zunehmend wichtiger werdendes interaktives Moment, das die Vermittlung zwischen Wissenschaft auf der einen und Gesellschaft auf der anderen Seite integrativer gestalten soll. Dabei zeichnet sich eine klare Entwicklung weg vom monologartigen Erklären der Wissenschaftsvertreter hin zu einem integrativen, dialogartigen Zusammenwirken beiden Parteien ab.

Dafür spricht auch das Aufkommen der so genannten Science Center: Die interaktiven Museen bieten eine Reihe von Exponaten und Probierstationen, anhand derer die Besucher wissenschaftliche Phänomene auf Basis des informellen Lernens selbst erleben können. Damit ist diese Form der Vermittlung eine besonders interaktive und steht repräsentativ für einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaftskommunikation11.

3. Das Science Center

3.1 Konzeption

Science Center werden in der Regel als Erlebnislandschaft gestaltet. Sie kehren damit das klassische Konzept des Museums um: Während diese ihre Besucher vorwiegend zum passiven Betrachten von Relikten und Kunstgegenständen einladen, kreieren die Besucher im Science Center ihr Erlebnis selbst. Je nach Größe des Science Centers, werden den Besuchern in der Regel mehrere Hundert Probierstationen präsentiert, an denen sie meist naturwissenschaftliche Phänomene selbst erleben können12. Das Science Center ist dabei, ähnlich wie reguläre Museen, in einzelne Themenschwerpunkte gegliedert, nach denen die Stationen organisiert sind.

Die einzelnen Themenschwerpunkte können jeweils unterschiedlich ausfallen, für gewöhnlich stellen Science Center allerdings zahlreiche unterschiedliche Phänomene des alltäglichen Lebens plastisch dar: Von biologischen Prozessen wie der Verdauung oder dem Geburtsvorgang bis hin zu physikalisch erklärbaren Wettererscheinungen wie Blitz und Donner oder chemischen Prozessen können Besucher zahlreiche verschiedene Effekte kennenlernen. Die Stationen fordern dabei zu unterschiedlichen Arten des Erlebens auf: Geht es bei einigen von ihnen ausschließlich ums Beobachten, Fühlen, Riechen oder Hören, müssen die Besucher an anderen Stationen selbstständig einfache Experimente durchführen, Hebel in Gang setzen, Schalter betätigen, Gegenstände kippen, stoßen oder ziehen und können dabei jeweils unterschiedliche Effekte wahrnehmen. Dementsprechend werden meist alle Sinne in den Erlebnisprozess im Science Center eingebunden, wobei bei den so genannten „Hands-On“-Exponaten, d.h. Ausstellungsstücke, bei denen der Besucher wortwörtlich selbst ‚Hand anlegen‘ muss und die für die Science Center charakteristisch sind13, vor allem Neugier als Motivator für diesen Sinneseinsatz dienen soll:

“Hands-on is just a short way of saying: the person is curious and they are investigating something because they really want to. They found something in the world, they need to touch it, they need to see it, they need to hear it, they need to interact with it. And they use their whole body, all their senses in exploring their world.”14

Selbst erklärtes Ziel der Science Center ist das ‚Erlernen durch Erleben‘, das durch Konzepte wie dem Hands-On-Prinzip erreicht werden soll: Mithilfe der sinnlichen Erfahrung sollen Effekte veranschaulicht und so nachvollziehbar gemacht werden. Dabei steht das Erklären nicht zwangsläufig im Vordergrund15, sondern tritt meist als zusätzliche Information an nebenstehenden Tafeln oder Beschriftungen auf.

Diese Prioritätensetzung hat unterschiedliche Gründe. Zum einen möchten viele Science Center vermeiden, als streng-lehrende Instanzen aufzutreten und ihre Besucher ‚von oben herab‘ zu unterrichten. Abenteuerartiges Erleben soll als positive Erfahrungen mit Wissenschaft verbunden werden und damit eher im Vordergrund stehen als detaillierte, wissenschaftlich vollständige Erklärungen. Als letztlicher Effekt wird hier sogar auf eine „Einstellungsänderung gegenüber Fragestellungen aus Naturwissenschaft und Technik“16 abgezielt.

Nicht nur konzeptionell-pädagogisch unterscheidet sich das Science Center von konventionellen Museen. Während Museen in der Regel einen eigenen Bestand an Sammlungen und Archiven besitzen, verfügen die Science Center über keinerlei Exponate und Relikte, die im musealen Sinne wertvoll oder rar sind. Auch aus diesem Grunde werden sie offiziell vom Museum abgegrenzt17.

3.2 Geschichte

Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts beschrieb der Philosoph Francis Bacon ein Konzept der Wissenschaftsvermittlung, die dem der heutigen Science Center nahekommt und häufig mit diesem in Verbindung gebracht wird. In seinem Werk „New Atlantis“ spricht sich Bacon für die Vorführung der Effekte von Farben und Licht zum Demonstrieren wissenschaftlicher Phänomene aus18. Das Erkennen und Verstehen naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten soll laut Bacon über das Beobachten und Verallgemeinern einzelner Phänomene im Sinne eines induktiven Lernens gelingen19.

Parallel zu dieser theoretischen Reflexion zeigten sich vereinzelt erste praktische Konzepte: 1656 machte etwa Otto von Guericke Wissenschaft zum Show-Event, als er die so genannten „Magdeburger Halbkugeln“, zwei durch ein Vakuum zusammengehaltene Kugeln, von Zugpferden vor öffentlichem Publikum auseinanderzuziehen versuchte, um so den Effekt des luftleeren Raums zu verdeutlichen20.

Rund 200 Jahre später institutionalisierte sich die publikumsfreundliche Wissenschaftsvermittlung: Im Jahre 1888 gründeten die Astronomen Max Wilhelm Meyer und Wilhelm Foerster die „Berliner Urania“ und später nach deren Vorbild die „Wiener Urania“ – zwei Gesellschaften, die sich der Vermittlung wissenschaftlicher Phänomene an ein Laienpublikum verpflichtet hatten und in Wien eine der Öffentlichkeit zugängliche Sternwarte etablierten, die zusätzlich Ausstellungsabteilungen für physikalische Phänomene und Räume für wissenschaftliche Diskussionsrunden und Vorträge bot21.

In Verbindung mit ihrer neueren Geschichte wird von der Etablierung der Science Center häufig auch von der „Science Center Bewegung“ gesprochen. Deren Anfang wird gegen Mitte der 1960er Jahre verortet22. Mit Beginn der Studentenbewegung und Umbrüchen in der Pädagogik änderte sich der Blick auf das Lernen und Lehren in verschiedenen Hinsichten. Im Jahre 1967 stellte der deutsche Handwerker und Pädagoge Hugo Kükelhaus auf der in diesem Jahre stattfindenden EXPO in Montreal etwa 30 kleinere Probierstationen vor, mithilfe derer er Schülern wissenschaftliche Phänomene näher bringen wollte23. Diese Konzepte erschienen in der Folge weltweit auf weiteren Wissenschaftsausstellungen und galten unter anderem als vorbildhaft für die Vermittlung vor allem naturwissenschaftlicher Gesetze nach dem Prinzip „Learning by Doing“.

Zu Beginn der 1970er Jahre startete die Etablierung einer Serie von Science Center in Nordamerika, wobei das Exploratorium in San Francisco, das das menschliche Erleben und Erfahren zum Kernprinzip hat, und das Ontario Science Centre in Kanada zu den bekanntesten gehören24. Nach ihrem Vorbild haben sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte weltweit rund 400 Science Center etabliert, die neben den Parallelen in der pädagogischen Konzeption auch andere Gemeinsamkeiten aufweisen: Eine extravagante, oft futuristische Architektur zählt ebenso zu den häufig anzutreffenden Charakteristika der Science Center und soll das Erlebnis des Besuchs zusätzlich unterhaltsamer und spannender gestalten25.

[...]


1 Dies lässt sich derzeit etwa in der aktuellen Debatte rund um die Energiewende beobachten, vgl. Iwaniec 2010, S.157-158

2 Voigt 2011, S.13

3 Kaden 2009, S.53

4 Uhlmann 1989, S.47

5 Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (2011), S.32

6 z.B. British Medicine Journal: http://www.bmj.com

7 z.B. PM-Magazin: http://www.pm-magazin.de

8 z.B. Fraunhofer Forschungs-Blog: http://www.forschungs-blog.de

9 z.B. Institut für Mobilitätsforschung (ifmo) der BMW Group: www.ifmo.de

10 z.B. Bürgerdialog des Deutschen Museums ‚Nano im Körper‘:http://www.deutsches-museum.de/information/kalender/ereignis/termine/event//tx_cal_phpicalendar/buergerdialog_nano_im_koerper/museumsinsel/2012/10/10

11 Geyer 2007, S.56

12 Steinecke 2007, S.134

13 Ebd.

14 Joe Ansel, zitiert über Gramelsberger und Kramer 2005, S.3

15 Deutsche Akademie der Technikwissenschaften 2011, S.21

16 Englert 2006, S.7

17 Englert 2006, S.4

18 Geyer 2007, S.58

19 Bade 2010, S.27

20 Gramelsberger und Kramer 2005, S.4

21 Zetzsche und Weingart 2004, S.30

22 Reussner 2010, S.25

23 Gramelsberger und Kramer 2005, S.3

24 Ebd.

25 Beispiele sind etwa das Phaeno in Wolfsburg, das Science Center Berlin oder das Universum Bremen

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656884064
ISBN (Buch)
9783656884071
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288259
Note
1,7
Schlagworte
wissenschaft gesellschaft wissenschaftskommunikation beispiel science center

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Titel: Wissenschaft trifft Gesellschaft. Wissenschaftskommunikation am Beispiel des Science Center