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Eignet sich Kevin Brooks Jugendroman "Killing God" für den Deutschunterricht?

Didaktische Überlegungen

von Ariana Mangi (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gegenstandsorientierte Betrachtung
2.1 Thematisch- inhaltliche Kriterien im Werk Killing God von Kevin Brooks
2.2 Analyse des Gegenstandes Killing God

3. Didaktische Begründung
3.1 Ausbildung literarischer Kompetenzen
3.2 Methodische Umsetzungen
3.3 Aneignung von Kompetenzen durch Killing God?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In empirischer Perspektive sind das Schulfach Deutsch und insbesondere der Literaturunterricht die nach der Familie einflussreichste Instanz literarischer Sozialisation. Nicht verwunderlich ist die nach dem PISA-Schock zentrale Aufgabenzuschreibung der Kultusministerkonferenz, die Qualität schulischer Bildung zu sichern. Folglich beschreiben die sogenannten Bildungsstandards erwartete Lernergebnisse und formulieren fachliche und fachübergreifende Basisqualifikationen, die für die weitere schulische und berufliche Ausbildung von Bedeutung sind und anschlussfähiges Lernen ermöglichen. Genauer noch ist „das Fach Deutsch für Schüler und Schülerinnen von grundlegender Bedeutung und beinhaltet Voraussetzungen, die für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben oder Vorbereitung einer beruflichen Orientierung wesentlich sind“, nämlich u. a eine solide schriftliche und mündliche Kommunikations- und Darstellungsfähigkeit.1 Die für die Fragestellung der vorliegenden Ausarbeitung relevanten Teilkompetenzen für das Fach Deutsch werden in Kapitel 3.3 vorgestellt. Vorab soll der Frage nachgegangen werden, ob sich das Werk Killing God von Kevin Brooks für den Literaturunterricht eignet. Welche thematisch-inhaltlichen Kriterien nach Pfäfflin könnten das Werk für Heranwachsende in der Pubertät so interessant machen? Welchem stilistischen Genre kann das Werk zugeordnet werden und wie relevant ist die Funktion dieser Zuordnung für den Kompetenzerwerb? Kann das Werk methodisch gut umgesetzt werden? Diese und weitere Ansätze sollen in der vorliegenden Abhandlung skizziert und anschließend im Fazit kritisch beleuchtet werden.

2. Gegenstandsorientierte Betrachtung

2.1 Thematisch- inhaltliche Kriterien im Werk Killing God von Kevin Brooks

Der britische Autor, Kevin Brooks, der sich hauptsächlich auf problemorientierte Jugendliteratur fokussiert, ernennt in seinem Werk Killing God, erschienen im Jahre 2011, das 15-jährige Einzelkind, Dawn, zur Protagonistin seines Buches. Dawn verfolgt die Absicht Gott zu töten, der ihr die Unschuld geraubt hat und für ihre persönliche Tragödie verantwortlich ist. Der Vater des Mädchens, ein rastloser „Draufgänger“, verfällt der Bibel und entwickelt sich zu einem anderen Menschen, Dawn zu Folge zu einem Wahnsinnigen, und verlässt die Familie von heute auf morgen. Zurück bleiben Dawn, ihre alkohol- und tablettensüchtige Mutter, eine Sporttasche voller Geldscheine und eine Pistole: Die Außenseiterin zieht sich zurück, übernimmt die Verantwortung für sich und ihre Mutter und hält die Familie mit dem Geld über Wasser. Nachdem sich aber die angesagtesten Mädchen der Schule, Mel und Taylor, Dawn annähern wollen, was sie anfangs sehr skeptisch findet, sich aber doch auf diese einlässt, tritt das Familienschicksal immer mehr zum Vorschein. Der Leser wird letztlich mit einem halb offenen Schluss und verschiedenen Thematiken konfrontiert.

Das Werk setzt sich demnach mit aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen auseinander, sodass der Schüler2 auf unterschiedliche Perspektiven der Gegenwart sensibilisiert wird. Mit dem Aufschwung der Popkultur in den 1980er Jahren und den verschiedenen sozial-gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwanzig Jahre in der westlichen Welt (Der Untergang der Sowjet Union und die damit einhergehende Aufhebung des Ost-West-Konflikts, Globalisierung, Massenmedienkultur etc.) enthalten gegenwartsliterarische Texte ein hohes Maß an zeitdiagnostischem Potential. In diesem Zusammenhang stellt Sabine Pfäfflin nicht zuletzt aufgrund der Erweisung literaturästhetischer und exemplarischer Relevanz von Gegenwartsliteratur im Gegensatz zur traditionellen Kanon-Auswahl, bestimmte Auswahlkriterien für die Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht auf. Jedoch sollen diese „nicht zu Festschreibung eines statischen Kanons „unterrichtstauglicher“ Gegenwartsliteratur führen, sondern vielmehr als Reflexionsbasis für Lektüreauswahlprozesse – und deren Revision – dienen“, da die Lehrpläne für das Fach Deutsch überwiegend keinen verbindlichen Lektürekanon mehr vorschreiben, sondern eher Lektüreempfehlungen liefern.3 Ein Kriterium nach Pfäfflin bildet das zeitdiagnostische Potential, das durch die gesellschaftlichen, sozial-kritischen und ökonomischen Zusammenhänge des Werks zum Vorschein treten. Der gesellschaftliche Aspekt spiegelt sich in der sozialen Beschichtung von Dawns Familie wider: Sie stammt aus einem sozial schwachen Milieu, in dem Armut, Gewalt und Kriminalität präsent sind. Weder Vater noch Mutter führen ein geregeltes und strukturiertes Leben, das von Arbeit und „normalem“ Tagesablauf geprägt ist. Dawns drogensüchtiger Vater führt kriminelle und illegale Geschäfte, in denen der Handel von Drogen und Waffenbesitz involviert sind, wohingegen ihre Mutter alkohol- und tablettenabhängig vor dem Fernseher vegetiert.4 Demnach bildet der Drogenhandel die einzige Einnahmequelle für den Lebensunterhalt der Familie. Weiterhin wird das gesellschaftliche Phänomen der „Schönheitsideale“ angesprochen. Dawn ist ein pummeliges, unauffälliges und zurückgezogenes Mädchen, das Rockmusik hört und weite, schwarze Kleidung trägt, um sich hinter ihrem „Unsichtbar-Mantel“ zu verstecken.5 Jedoch träumt sie oft davon besser auszusehen, schlanker zu sein, um zu den „Coolen“ der Schule zu gehören. Sie denkt über Schönheit und Idealvorstellungen der Gesellschaft nach und vergleicht sich mit gleichaltrigen Mädchen, wie mit Taylor und Mel, die ihrer Meinung nach diesem Ideal entsprechen.6 Insbesondere mit diesem Thema können Jugendliche sich identifizieren, da die heutige Wahnvorstellung des idealen Körpers, nach Vorbild von Personen aus den Medien, einen sensiblen Bereich für Heranwachsende während der Pubertät darstellt. Der letzte Punkt, der dem zeitgenössischen Potential zugeordnet werden kann, ist das Hauptthema des Werks, nämlich der Missbrauch von Dawn. Das junge Mädchen wird von ihrem Vater vergewaltigt, schweigt nicht nur über den Vorfall, sondern versucht durch ihre Liebe zum Vater die Schuld jemand anderem zuzuschieben, nämlich Gott. Denn Dawn zu Folge änderte sich ihr Vater zum Negativen hin, nachdem Missionare ihn von der christlichen Glaubensvorstellung überzeugt hatten. Folglich beging er die Tat, weil Gott oder der Glaube an Gott sein Wesen umformte.7 Dawn, die ihrem Vater scheinbar sehr nahe stand, versucht die plausibelste Erklärung dafür zu finden, warum der Vater sich an ihr vergriff: Zunächst kann gesagt werden, dass mit der Sinneswandlung zur Religiosität eine positive Umstellung zu erwarten ist (die Tugenden der Offenbarungsreligionen, wie etwa Enthaltsamkeit, Liebe, Demut, Keuschheit etc.). Bei Dawns Vater bewirkt der Erkenntnisgewinn über die Religion jedoch etwas Negatives, nämlich die Veränderung, mit der die Familie nicht umgehen kann:

„Es war fast, als ob er eine Art Wiedergeburt als Alkoholiker erlebt hätte, wonach er suchte – seine Erlösung -, nur dass das Trinken jetzt mit Gott zusammengemixt war, wobei ein ganz ekelhafter Cocktail herauskam. Und es war der Gott-Teil von dem Cocktail, der mich in Stücke riss. Ich meine, es hatte mir auch nicht gefallen, als er nur Junkie oder nur Alkoholiker war, aber wenigstens war er da noch mein Dad gewesen. Selbst wenn er total neben der Spur war, hatte er immer noch was von seiner Dadhaftigkeit gehabt. (…) Ich hasste ihn. Mum hasste ihn.“8

Aufgrund der Enttäuschung über die Religion schiebt sie letztlich damit auch den Vergewaltigungsakt auf Gott, der ihren Vater zu dem Menschen gemacht hatte, der er nun war. Dawn geht so weit, dass sie sich mit der Bibel auseinandersetzt und bei einem Pfarrer nach Aufklärung sucht.9 „Wieso ist es für Gott in Ordnung, es einfach geschehen zu lassen?“, also es geschehen zu lassen, dass sie vergewaltigt wird.10 Brooks macht hier sicherlich auf philosophische Ansätze der Religionskritik, wie es Nietzsche vollbrachte, aufmerksam: Das Übel der Welt geht auf Gott zurück, so auch Dawns Ansicht. Widersprüchlich ist ihre Gottesansicht insofern, weil sie ihn zum Einen hasst und Bibeln verbrennt, aber zum Anderen ihn um Hilfe bittet.11 12 Weiterhin wird bei dem Thema Missbrauch die Opfer-Täter-Rolle in Frage gestellt. Dawn versucht ihren Vater in Schutz zu nehmen, indem sie die Schuld für die Vergewaltigung auf Gott schiebt. Sie denkt oft an ihren Vater und stellt ihn fast schon als Opfer dar. Von Hass, was eine natürliche Reaktion eines Vergewaltigungsopfers sein könnte, ist nicht die Rede. Vermutlich drängt Dawns Koalkoholismus sie in eine Position der Aufopferung und der größeren Verantwortungsübernahme. Das entscheidendste Merkmal eines Koalkoholikers ist wohl der Versuch Erklärungen und Entschuldigungen für das Verhalten des Alkoholikers abzugeben oder zu suchen.13 Dawn legt ebenfalls dieses Verhalten an den Tag, denn sie gibt sich selbst die Erklärung ab, dass Gott für den Akt verantwortlich ist und entschuldigt indirekt das Verhalten ihres Vaters. Sowohl der Missbrauch als auch die damit verbundene Thematik des Alkoholismus sind aktuelle Themen, die Schüler betreffen könnten. Der Bereich legt einen guten Grundstoff für Diskussionen bereit und kann vielseitig bearbeitet und betrachtet werden. Der ökonomische Punkt des Textes spiegelt, wie bereits erwähnt, die soziale Stellung der Familie wider. Die finanziellen Einnahmen der Gemeinschaft scheinen aus Drogenhandel und korrupten Geschäften zu erfolgen, was den sozial-kritischen Gegenstand des Werks ausmacht, nämlich indem die Kriminalität in den Vordergrund gestellt wird. Weiterhin bildet die Reflexion der Vergangenheit aus gegenwärtiger Perspektive ebenfalls ein thematisch-inhaltliches Kriterium nach Pfäfflin, allerdings tritt es in diesem Kontext nicht zum Vorschein. Die Reflexion alltagsästhetischer Elemente, die von der Autorin als ein weiteres Faktum der Kriterien bezeichnet wird, meint das kulturelle Material aus dem Alltag. Es werden gängige Codes und Symbole aufgegriffen und eröffnen einen bestimmten kulturellen Assoziationshintergrund. Pfäfflin gibt an, dass „Szene- und Jargonsprache, Kleidungsstile, Tanzstile, Musikgruppen oder medial vermittelte Inhalte aus Werbung, Film und Fernsehen“ darunter fallen.14 Killing God bedient sich ausschließlich dieser Elemente, die sowohl der milieuspezifischen Abgrenzung als auch der symbolischen Selbstvergewisserung dienen. Sie drücken das bestimmte Lebensgefühl der Figuren aus und betonen ihre Wertvorstellungen. Die Jugendsprache tritt durch Taylor und Mel zum Vorschein, da diese in einer Jargonsprache miteinander kommunizieren, bei der Ausdrücke fallen, wie etwa „Verdammt (…). Was weiß denn ich… ist so ein Energydrink oder so, wie Red Bull oder so.“, „Ein verfickter Drink eben, klar? Scheiße, verdammt, da versucht man bloß, freundlich zu sein.“15, „Man, wir motzen dich richtig auf, Mädel.“16. Die Kleidungsstile von Dawn, Taylor und Mel werden sehr ausführlich beschrieben. Während Dawn sich nur in schwarzen Klamotten versteckt, damit diese ihre „Plumpheit“ verdecken sollen, tragen die beiden anderen Mädchen kurze, enge Sachen, die ihre weiblichen Kurven zur Schau stellen17: „[Mel] trägt ein abgeschnittenes Shirt mit weitem Ausschnitt, auf dem vorn (in Goldbuchstaben) GLORIOUS steht, dazu sehr kurze, sehr enge Jeansshorts und Rocket-Dog-Schuhe mit der Aufschrift SEXY ARMY.“18 Dieser Kleidungsstil steht in einem Kontrast zu dem von Dawn und scheint den aktuellen Modetrend der Postmoderne darzustellen, nicht nur zuletzt weil Taylor und Mel die angesagtesten Mädchen der Schule sind. Obwohl die beiden Kleidungsstile der Mädchen weit auseinander gehen, haben diese dennoch etwas gemeinsam. Der Autor lässt seine Figuren keine bekannten Marken (z.B Polo, Levis, Adidas etc.) tragen, was als kritischer Ansatzpunkt im Unterricht für die Ausarbeitung der finanziellen Situation der drei Mädchen genommen werden kann, denn auch Taylor und Mel stammen aus einem sozial schwachen Milieu. Im Schulalltag und vor allem im identitätsfindenden Pubertätsalter spielen der Kleidungsstil und die daraus entstehenden Gruppenzugehörigkeiten der Schüler eine große Rolle. Letztlich wird die Musik, als ein weiteres alltagsästhetisches Element, in den Vordergrund gestellt. Dawn bevorzug die Rockgruppe The Jesus and the Mary Chain, wohingegen Taylor und Mel Popmusik bevorzugen (Lilly Allen, Kanye West, Mika).19 Die Songtexte der Rockgruppe begleiten das gesamte Werk und bilden einen roten Faden, was zu einem späteren Zeitpunkt der vorliegenden Ausarbeitung ausführlicher dargeboten wird. Auch wenn Schüler sich mit der Rockgruppe nicht identifizieren können, was das Lesen des Textes erschweren könnte, sind die erwähnten Musiker und Musikrichtungen (Lilly Allen etc.) repräsentativ für den heutigen Musikgeschmack der Jugend. Letzten Endes ist das kulturelle Material aus dem Buch literaturdidaktisch betrachtet nur teilweise ein Erkenntnisgewinn über die Gegenwart: Der Schulalltag, wie er beschrieben wird, ist sicherlich repräsentativ für den westlichen Kulturraum, jedoch ist die Protagonistin nicht charakteristisch für Jugendliche ihrer Zeit. Ebenso kann anhand des Musikgeschmacks von Taylor und Mel festgehalten werden, dass diese im Zeitalter der Popkultur das „Main Stream“ ausleben, was Schülern durchaus vertraut ist. Pfäfflin betont die Klärung der Frage im Unterricht, ob das Werk ein soziologisches Zeitgeist-Dokument darstellt oder eher ein zeitgenössisches Lebensgefühl. Angenommen wird hier eher letzteres, da, wie bereits erwähnt, die Ausführungen in dem Buch nicht alle Facetten der heutigen Zeit herauskristallisieren, nicht nur zuletzt aufgrund der Tatsache, dass nur eine soziale Schicht im Vordergrund steht, nämlich die schwache. Weiterhin erfüllt der Text nicht die Funktion eines Reportes, der mit dokumentarischen Mitteln Erfahrungen transportiert. Eine Erklärung hierfür könnte Gansel zu Folge die Tatsache sein, dass Erwachsene, die einen wichtigen Teil der realen Gesellschaft ausmachen, in den jugendkulturellen Entwicklungen ausgeschlossen bleiben.20 Eine ganzheitliche Darstellungsform wird demnach nicht geliefert, so auch in Killing God. Zwar spielt Dawns Vater als Täter eine wichtige Rolle, doch die Hauptakteure sind Jugendliche: Dawn, Taylor und Mel.

2.2 Analyse des Gegenstandes Killing God

Wie bereits im vorherigen Kapitel kurz angesprochen fällt Brooks Werk in die Rubrik der Problemorientierten Jugendliteratur oder des Adoleszenzromans. Grundsätzlich klärt Ewers (1989) auf formaler Ebene einen Unterschied zwischen den beiden Genres, der ihm zu Folge darin besteht dass im Adoleszenzroman „konkrete Handlungsweisen“ fehlen und die dargestellten Problematiken eher der „Sinnorienteriung“ dienen. Die problemorientierte Jugendliteratur hingegen ist eher eine „engagierte Literatur, die etwas bewegen, die gezielte Aufklärung bezwecken, Einstellungsänderungen bewirken oder für bestimmte politische bzw. soziale Forderungen mobilisieren will.“21 Weiterhin legt Ewers dem Adoleszenzroman u. a die literarische Grundstruktur des Initiationsromans zu Grunde, in dem einschneidende Erfahrungen eines bestimmten Lebensabschnittes fokussiert werden, durch die der Protagonist eine Außenseiterposition einnimmt.22 Es wird angenommen, dass Killing God eine Mischform der beiden Stile darstellt, da zum Einen sozialkritische Themen angesprochen werden, die durchaus der gezielten Aufklärung dienen sollen und den Lernenden auf bestimmte Bereiche sensibilisieren und mobilisieren soll. Zum Anderen nimmt Dawn eine Außenseiterposition ein und berichtet über einen bestimmten Lebensabschnitt, was ein Merkmal des Adoleszentromans ist. Um jedoch auf die Gegenstandsanalyse einzugehen, kann gesagt werden, dass die Erzählperspektive in dem Roman recht eindeutig ist, denn die Erzählung wird aus Dawns Sicht erzählt. Demnach findet nach Gérard Genette eine homodiegetische Stellung des Erzählers statt; aufgrund der Tatsache, dass die Erzählerin Teil der Diegese und gleichzeitig die Protagonistin ist, kann auch schon von einer autodiegetischen Erzählhaltung gesprochen werden.23 Stanzel würde den Ausdruck des Ich-Erzählers bevorzugen, der jedoch die Sichtweise des Erzählenden nicht ganz konkretisiert. Genette definiert diese Sichtweise recht genau und bezeichnet sie als Fokalisierung, die unter dem Aspekt des Modus fällt. Die Fokalisierung in Killing God vollzieht sich hier in Form einer internen, denn die Wahrnehmung ist an eine Figur gebunden, nämlich an Dawn.24 Die Informationen werden hauptsächlich über Dawns „Innenleben“ gegeben, wonach der Erzähler genauso viel weiß wie die Figur. Ersichtlich wird diese Erzählhaltung insbesondere dadurch, dass Dawn nicht genau versteht, was Taylor und Mel beabsichtigen und warum diese sich Dawn annähern. Für den Leser erzeugt diese Erzählweise eine spannende Atmosphäre und er lernt die Protagonistin recht gut kennen; er kann ihr folgen, sich mit ihr identifizieren und mit ihr mitfühlen. Im Unterricht gewährt dieser Punkt viele Möglichkeiten für die Umsetzung eines handlungs- und produktionsorientierten Lernens, worauf im späteren Verlauf genauer eingegangen wird. Dadurch, dass der Schüler die Protagonistin gut kennenlernt, fällt es ihm leichter beispielsweise Tagebucheinträge aus Dawns Sicht zu verfassen oder etwa Charakteristika aufzustellen. Die formal-ästhetischen Kriterien nach Pfäfflin sind in diesem Werk ebenfalls recht ausgeprägt, da der Polyvalenzgrad, der „eine Rezeptionsnorm für literarische Texte [bezeichnet], die besagt, dass diese ‚nicht eindeutig rezipierbar‘ sind“, eine Rolle spielt.25 Polyvalent sind alle Texte, aber das Ausmaß dessen unterscheidet sich in der Ambiguität literarischer Sprache, in der Poetizität eines Textes und in den vorhandenen Beteiligungsspielräumen.26 Weiterhin werden die Bedeutungen verschiedener literarischer Texte erst im Lesevorgang generiert, die individuell interpretiert werden. Killing God liefert viele Stellen, die dem Leser viele Interpretationsspielräume überlassen. Zum Einen können die Songtexte von Dawns Lieblingsrockgruppe The Jesus and the Mary Chain, die auch von Dawns Vater bevorzugt wird, als Beispiel genannt werden (Beispielsongtext S. 193). Verschiedene Verse werden je nach Dawns Stimmungslage inzwischen ihrer Monologe, Dialoge oder Handlungen eingefügt und begleiten den Leser während des gesamten Werks. Etwas schwierig könnte sich die Identifizierung seitens der Schüler mit den Texten erweisen, da diese auf Englisch wiedergegeben werden und die Rockgruppe in Deutschland keinen hohen Bekanntheitsgrad aufweist. Dennoch kann die Lehrkraft medienintegrativ arbeiten und die Lieder im Unterricht vorspielen lassen, sodass die recht dunkle Atmosphäre der Inhalte, die gleichzeitig Dawns Stimmung und Einstellung zum Leben widerspiegelt, dem Lernenden näher gebracht wird. Weiterhin liefert der Autor Frage-Antwort-Schemata: „Frage: Wieso fühlst du dich dann wohl? Ich meine, wie kommt es, dass es dir sogar Spaß macht? Wieso gefällt es dir, hier zu sitzen und dich im Spiegel zu betrachten, während Mel dir das T-Shirt straff zieht? Antwort: Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wieso ich mich wohlfühl.“27 Der Autor schafft es damit tatsächlich den Leser so weit zu bringen, dass er an seine eigenen Frage-Antwort-Gedanken erinnert wird. Eine didaktische Umsetzung im Unterricht könnte die Verwendung dieser in Form von Leerstellen sein, sodass der Lernende die Möglichkeit hat Dawns Gedanken weiter auszuführen. Dem Schüler wird damit außerdem eine weitere Identifikationsmöglichkeit geboten. „Ich heiße Dawn“- Textstellen28 treten zwischendurch auf und geben dem Leser immer neue Hinweise, z. B auf den Missbrauchsfall. Sie haben ein gewisses Irritationspotential, da anfangs nicht ganz deutlich wird, worauf der Autor mit den fragmentarischen Informationen hinaus will. Zuletzt regen die Bibelstellen, wie etwa auf Seite 32, ebenso das Interpretationsvermögen der Schüler an. Dawns Anschauung kann fokussiert werden, da die Bibel fragwürdige Stellen für sie aufweist, womit die Schüler sicherlich ebenfalls vertraut sind, denn im Laufe der Identitätsfindung ergeben sich Fragen hinsichtlich Religion, Gesellschaft, Wirtschaft, Moral etc., die zur Sozialisation des Menschen beitragen. Grundsätzlich können mit den genannten Beispielen Transferleistungen vollbracht werden, da eine fächerintegrative Behandlung von Literatur (in diesem Fall Musik, Religion, Ethik) dargeboten wird.29 Fächerübergreifende Konzepte zum Umgang mit Literatur zeichnen sich damit durch Offenheit der Fächergrenzen aus und nähern sich deshalb dem „offenen Unterricht“, der Merkmale, wie etwa verändertes Lehrer- und Schülerverhalten; entdeckend-problemlösendes lernmethodischen Grundprinzip; Unterrichtsformen, die auf Wochenplan, Stationenarbeit, Frei- und Projektarbeit, vorweist.30 Trotz der verschiedenen Leerstellen und Einfügungen bleibt die erzähltechnische Gestaltung stilistisch recht einfach. Aufgrund der unkonventionellen Schreibweise, lässt sich das Werk flüssig lesen, demnach ist eine Leseherausforderung nicht vorhanden. Allerdings weist Ewers darauf hin, dass das sprachliche und kognitive Entwicklungsniveau des Rezipienten beachtet werden sollte.31 Da die anvisierte Lerngruppe sich im Alter von dreizehn bis siebzehn Jahre befindet, entsprich das geistige Niveau durchaus den Anforderungen des Buchs. Ob Killing God die Ausbildung literarischer Kompetenzen fördert, soll im folgenden Kapitel erläutert werden.

[...]


1 Beschlüsse der Kultusministerkonferenz (2004): Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Mittleren Schulabschluss. München: Wolters Kluver Deutschland. S. 6

2 Im Folgenden werden geschlechtsbezogene Begriffe in ihrer männlichen Form verwendet; dies impliziert selbstverständlich auch die weibliche Form; aus Gründen der besseren Lesbarkeit auch auf die permanente Verwendung der kumulativen Form („Schüler und Schülerinnen“).

3 Pfäfflin, Sabine (2010). Auswahlkriterien für Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengeren. S. 15

4 Brooks, Kevin (2011): Killing God. München: Deutscher Taschenbuchverlag. S. 41ff, S.56

5 Ebd. S. 12 ff

6 Ebd. S. 22 ff

7 Ebd. S. 58 ff

8 Ebd. S. 60

9 Ebd. S. 32, S. 111 ff

10 Ebd. S. 112

11 Ebd. S. 120

12 Die Bibelverbrennungen finden deshalb statt, weil Dawn einen ersten Ansatz sucht Gott zu töten. Ebd. S. 134 ff

13 BKI Suchtkrankenhilfe, Blaues Kreuz

14 Pfäfflin, Sabine (2010): Auswahlkriterien für Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 32

15 Brooks, Kevin (2011): Killing God. München: Deutscher Taschenbuchverlag. S. 138

16 Ebd. S. 144

17 Ebd. S. 66

18 Ebd. S. 70

19 Ebd. S. 70

20 Gansel, Carsten (1994): Jugendliteratur und jugendkultureller Wandel. In: Ewers, Hans-Heino (Hrsg): Jugendkultur im Adoleszenzroman., Jugendliteratur der 80er und 90er Jahre zwischen Moderne und Postmoderne. Weinheim/ München: Juventa Verlag 1994. S. 22

21 Ewers, Hans-Heino (1989): Zwischen Problemliteratur und Adoleszenzroman. Aktuelle Tendenzen der Belletristik für Jugendliche und junge Erwachsene. In: Informationen des Arbeitskreises für Jugendliteratur, 15. Jg., München, S. 6

22 Ebd. S. 11

23 Genette, Gérard (1998): Die Erzählung. München: Fink. S. 22

24 Ebd. S. 34

25 Pfäfflin, Sabine (2010). Auswahlkriterien für Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengeren. S. 20

26 Ebd. S. 20

27 Brooks, Kevin (2011): Killing God. München: Deutscher Taschenbuchverlag. S. 149

28 Siehe Beispiel: Ebd. S. 120

29 Abraham, U./ Kepser. M. (2006): Literaturdidaktik Deutsch. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag. S. 108

30 Ebd. S. 111

31 Ewers, Hans-Heino (2000): Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung in grundlegende Aspekte des Handlungs- und Symbolsystems Kinder- und Jugendliteratur. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 264

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656881643
ISBN (Buch)
9783656881650
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288054
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
14 Punkte (1=sehr gut)
Schlagworte
Killing God Kevin Brooks Adoleszenzroman Didaktik Deutsch Literaturwissenschaftliche Analyse Methodik Kinder-und Jugendliteratur Germanistik Pubertät didaktische Analyse Deutschunterricht problemorientierte Literatur Jugendroman handlungsorientierter Unterricht handlungs-und produktionsorientierter Unterricht

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    Ariana Mangi (Autor)

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