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Vaterlosigkeit und weiblicher Heroismus am Beispiel von Kleists "Penthesilea" und Schillers "Jungfrau von Orleans"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vaterlosigkeit – eine sozialpsychologische Bestandsaufnahme

3. Die vaterlosen Heroinnen Penthesilea und Johanna
3.1. Die Amazone - Kleists Penthesilea
3.2. Die Kriegerin - Schillers Jungfrau von Orleans

4. Die vaterlose Frau als Bild der Imagination

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff der „Vaterlosen Gesellschaft“ ist fester Bestandteil der deutschen Literatur seit einigen Jahrzehnten. Er tauchte erstmals in Freuds „Totem und Tabu“ im Jahr 1913 auf und wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur Kampfparole junger Intellektueller, Schriftsteller und Künstler, die damit königlich-kaiserlichen Repräsentanten für die Grauen des Krieges anklagten.1 Aktuell wird die Debatte um die Vaterlosigkeit und die Vaterverwandlung in den Kontext der Krise der Familie gestellt. Dies führt zu einer Verschärfung der Debatte.2

Mit der „68er Bewegung“ setzte durch die erstarkende Frauenbewegung ein fundamentales Umdenken ein, das bis heute zu neuen Vaterbildern und zu neuen Rollenverständnissen in der Familie führte. In kürzester Zeit sorgte der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau für Veränderungen in den verfestigten patriarchalen Ordnungen in Familie, Gesellschaft und Politik.3 Im Zuge des damaligen Generationskonflikt und der Studentenrebellion kam es außerdem zur Thematisierung eines weiteren tabuisierten Themas: der Konflikt zwischen Vater und Tochter. Freuds Analyse des Vater-Sohn-Konflikts in der Ödipusgeschichte zielte in erster Linie auf die Identitätsbildung des Mannes ab. Erst später wurde diese auch auf das weibliche Geschlecht und dessen Identitätsentwicklung abgewandelt.4 Der selbstbewusste feministische Diskurs um die Vaterfigur spiegelt sich in zahlreichen „Vaterbüchern“ der letzten 50 Jahre, in denen nun auch Töchter den Konflikt mit dem Vater beschreiben oder auf „Vatersuche“ gehen. Vater-Tochter-Konzepte werden nicht mehr nur aus der Perspektive der heterosexuellen Beziehung diskutiert, sondern sie sind Teil des gegenwärtigen Generations- und Familien-Konflikts.5

In dieser Arbeit sollen die Themen der Vaterlosigkeit und des Vater-Tochter-Konflikt vereint werden. Anhand der Penthesilea von Heinrich von Kleist (1808) und der Jungfrau von Orleans6 (1801) von Friedrich Schiller wird die Figur der weiblichen Kriegerin unter dem Aspekt der vaterlosen Tochter analysiert.

Beide Frauen suchen ihr Heil im Krieg und damit in einem von Männern dominierten Raum. In der Literaturforschung sind die Werke unter anderem aktuell auf die Inszenierung der anmutigen weiblichen Gewalt und das weibliche Heldentum7 untersucht worden. Jedoch wurde auch die widersprüchliche Geschlechteridentität8 der beiden Frauen, die sogar bis zu einer versteckten Homosexualität9 führen könnte, diskutiert.

Die Werke zeichnen ein Frauenbild, das nach der Französischen Revolution im Geschlechterdiskurs unterbunden werden musste. Nach der Logik des Geschlechterdiskurses nach 1800 musste eine funktionierende Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass der Mann die Geschicke der Öffentlichkeit lenkt und der Frau einen geschützten Privatraum bietet. Die Teilnahme der Frau am politischen-öffentlichen Leben musste verhindert werden, da die weibliche emotionale Natur dafür als nicht geeignet erschien und die männliche Ordnung daher empfindlich stören würde.10

In dieser Arbeit wird untersucht, welche Entwicklungen und Fähigkeiten aufgrund der vermeintlichen Leerstelle der familiären patriarchalen Vaterrolle bei Penthesilea und Jungfrau von Orleans stattfinden. Ausgehend von einer sozialpsychologischen Analyse der Vaterlosigkeit und der Vater-Tochter-Beziehung, soll am Beispiel der Penthesilea und der Johanna in der Jungfrau von Orleans ermittelt werden, inwiefern ihre Loslösung von den männlichen Ordnungshütern bestimmend für ihre Daseinsfunktion als kriegerische Heldin ist.

Es soll zunächst auf die psychoanalytischen Aspekte der Vaterlosigkeit und der Vater-Tochter Beziehung eingegangen werden. Darauf folgend wird das Verhalten und die Entwicklung der vaterlosen Protagonistinnen Penthesilea und Johanna erläutert und analysiert. Es soll verdeutlicht werden, dass die Loslösung von der patriarchalen Ordnung eine Voraussetzung das weibliche Heldentum ist und dennoch eine Illusionen menschlicher Existenz darstellt.

2. Vaterlosigkeit – eine sozialpsychologische Bestandsaufnahme

Der Vater ist ebenso wie die Mutter, ein in der menschlichen Seele verankertes Prinzip.11 Aber auch wenn der „Archetyp“ Vater in jedem Menschen vorhanden ist, entscheidet nict nicht über die Entwicklung des Kindes, sondern nur die gelebte oder nicht gelebte Beziehung zum realen Vater.12

Der Autor Horst Petri kritisiert in seiner Monographie Das Drama der Vaterentbehrung (2011), dass große Sozialpsychologen wie Sigmund Freud, Erich Fromm oder Alexander Mitscherlich sich zu wenig mit den realen Auswirkungen des Vaterverlustes auseinander gesetzt haben.13 Obwohl sie selbst Zeitzeugen der Weltkriege waren, die sich verheerend auf die nachfolgende Kindergeneration auswirkte, gehen sie in ihren Schriften nicht darauf ein.14

Wie eingangs schon erwähnt, griff Freud in Totem und Tabu den Begriff der „Vaterlosen Gesellschaft“ auf, indem er sie mit einer Theorie in drei Akten beschrieb. Es handelt sich um eine Vereinigung aus Brüdern, die ihren Vater „erschlugen und verzehrten“15 um die Macht des Vaters (und seinen Alleinanspruch auf die Frauen) zu beenden. Jedoch endet die Herrschaft der Brüder, wie auch die Französische Revolution, im Zerfall.16 Freud verlor selbst den eigenen Vater im Alter von 40 Jahren und entwickelte ab 1910 seine Theorien zum Ödipuskomplex.17 Seine Ausgangsthese ist, dass alle inneren Konflikte und alle psychischen Störungen ein Resultat der väterlichen Autorität sind.18 Der Vater gilt als Vertreter der Tradition und der Ordnung, während die Mutter die Vertreterin der Natur ist. Der Mensch kann erst in den Vollbesitz seiner eigenen Natur kommen, wenn er sich von der Tradition der Väter verabschiedet ohne den Einfluss der Eltern dabei einzudämmen.19 Der Ödipuskomplex und die Angst vor Kastration gelten als überwunden, wenn die Inzestwünsche mit der Mutter aufgegeben werden und der Vater als Ordnungsbewahrer identifiziert wird, anstelle seiner zu bekämpfen.20 Eine große Schwäche an der Theorie des Ödipuskomplexes liegt, nach Petri, in der Anpassung an das weibliche Geschlecht zum „weiblichen Ödipuskomplex“, der von C.G Jung auch weiter zum „Elektrakomplex“ entwickelt wird.21 Bei Freud ist der Penisneid der Frau ausschlaggebend und somit die unbewusste Phantasie als Frau bereits kastriert zu sein. Die Abwehr dieser Phantasie, die mit Minderwertigkeitsgefühlen einhergeht, resultiert in Neid, Eifersucht und in dem Wunsch den Vater inzestuös zu besitzen.22 Der Elektrakomplex von C.G. Jung beschreibt das weibliche Gegenstück zum Ödipuskomplex. Elektra ist in der griechischen Mythologie die Tochter Agamemnons und Klytämnestras. Sie hängt mit abgöttischer Liebe an ihrem Vater und lässt aus abgründigem Hass ihre Mutter durch den Bruder Orest umbringen.23

Besteht keine klassische Bindungsstruktur von Vater-Mutter-Kind, indem die Vaterrolle fehlt oder verschwindet, ist dies die tragischste Konstellation des Ödipuskonflikts für Mädchen als auch für Jungen, da der Vater eine existentielle Rolle in der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben der Kinder spielt.24 In Bezug auf die Vater-Tochter-Beziehung bedeutet dies, dass die Tochter mit ihrem Vater nicht rivalisieren muss um ihre Identität als Frau zu erlangen. Pubertierende Töchter hegen eine „Verliebtheit“ zu ihrem Vater, den sie zum männlichen Liebesobjekt stilisieren. Im Sinne Freuds ödipaler Konstellation wird in diesem Fall vom Vater eine Gradwanderung zwischen väterlicher Zuneigung und Grenzsetzung gefordert, damit die Tochter ein positives Männerbild entwickeln kann.25

Ein weiterer wichtiger Psychoanalytiker zu Thema der Vaterlosigkeit ist Alexander Mitscherlich. In seinem Werk Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft (1963) definiert er Vaterlosigkeit in zwei Varianten. Entweder handelt es sich um eine konkrete körperliche Abwesenheit des leiblichen Vaters in der Umwelt des Kindes, die etwa durch Trennung der Eltern oder durch Todesfall verursacht wurde. Kinder erleiden durch diesen Vaterverlust eine starke Einschränkung in der Beziehung zum genetischen Vater. Weiterhin bedeutet aber Vaterlosigkeit auch das Fehlen von männlichen Bezugspersonen in der Kindheit. Dies ist zum einen auf die Überfeminisierung in erzieherischen Institutionen wie Schule oder Kindergarten zurückzuführen, zum anderen auch auf das Desinteresse und die Unfähigkeit des Mannes zur Erfüllung des Erziehungsauftrags.26 Gerade Kinder, die sich ungenügend mit dem Vater identifizieren konnten, sind unbeständig, labil und leicht von äußeren Umständen zu beeinflussen. Im weitesten Sinne stellt eine ungenügende Identifikation mit dem Vater eine Gefahr für totalitäre Entwicklungen einer Gesellschaft dar.27 Mitscherlich beschreibt mit dem Vorgang der verblassenden (väterlichen) Vorbilder ein Szenario, das bis heute nicht an Gültigkeit verloren hat. So verhalten sich vaterlose Generationen neurotisch, indifferent oder aggressiv und haben Angst vor erwachsener Reife und Verantwortung. Obwohl Mitscherlich dies schon vor der Studentenbewegung, dem zunehmenden Feminismus und den Forderungen nach einem antiautoritären Erziehungsstil formulierte, sollte man dennoch an dieser Stelle zwischen der „alten vaterlosen Welt“ und der „neuen vaterlosen Welt“ unterscheiden, da sich der Eindruck verstärkt, dass erst seit jüngster Zeit das Motiv der Vaterlosigkeit von Bedeutung ist.28

Der Zustand der Vaterlosigkeit bedeutet gleichzeitig die Notwendigkeit eines Familienverständnisses oder im weiteren Sinne auch Generationskonfliktes. Der junge Friedrich Schiller empfand in seiner Sturm und Drang-Zeit vor der Französischen Revolution eine Welt ohne Patriarchen und oberste Machtinstanz in Form des Vaters als wünschenswert und proklamierte: „Alle Menschen werden Brüder.“ Schillers Protest gegen den Patriarchen gründet auf seiner eigenen Erfahrung der Unterdrückung durch den Herzog Karl Eugen, vor dem er letztendlich fliehen musste um ohne Zensur als Schriftsteller arbeiten zu können. Jedoch muss bei folgender Betrachtung der Vaterlosigkeit in den Dramen Jungfrau von Orleans und Penthesilea berücksichtigt werden, dass beide Stücke nach dem Scheitern der Französischen Revolution geschrieben wurden. In Schillers Die Räuber scheitert der Bund der Brüder und die Position der Väter wird deflationär behandelt.29 Jedoch treten in Schillers Stücken zahlreiche Vaterfiguren auf, die verschiedenste Varianten der Vaterschaften beschreiben.30 Ob Schiller in seinen Dramen nach dem Bild des guten Vaters sucht ist wohl nicht eindeutig zu beantworten, aber Schillers Unschlüssigkeit gegenüber der Existenz und der Art der Vaterfigur setzt sich bis heute ins 21. Jahrhundert fort.31 32

3. Die vaterlosen Heroinnen Penthesilea und Johanna

Die beiden Dramen von Heinrich von Kleist und Friedrich Schiller wurden konträr zu zeitgenössische Stimmung und entgegen die Erwartung des Publikums geschrieben. Schiller empfahl in einem Brief das Stück eher zu lesen als zu spielen, da durch die Bühne vieles entstellt und herabgestimmt werden könnte. Er war sich bewusst, dass er eine Gegenposition zur eigenen Zeit beschrieb.33 Auch Kleist gibt an, er hätte die Penthesilea ohne Rücksicht auf die Bühnendarstellbarkeit geschrieben.34 Kämpfende Frauen entsprechen der Nicht-Darstellbarkeit auf der zeitgenössischen Bühne.

Beide Protagonistinnen entsagen auf verschiedener Weise der väterlichen Ordnung. Penthesileas Existenz als Amazone verbietet jedwede Unterdrückung durch das männliche Patriachat und gibt die „Gesetze der Frau“ als gesellschaftliche Richtlinie vor. Johanna hingegen löst sich kategorisch von ihrer Familie und aus der gesellschaftlichen Ordnung um der höheren Berufung als Kriegerin zum Wohl das Vaterlandes Frankreich folgen zu können.

In beiden Fällen werden die Frauen ihrer „natürlichen“ weiblichen Daseinsfunktion nicht gerecht, da sie sich väterlichen und patriarchalen Gesetzen als Frau nicht unterordnen möchten und können. Da dies der „Natur“ der Frau widerspricht, muss ihre Daseinsfunktion in Frage gestellt werden.

Diese Frauen haben im Gegensatz zu dem „natürlichen“ Frauenbild, ein anderes gesellschaftliches Ordnungsverständnis. Penthesilea richtet sich nach den Vorgaben des Amazonengesetzes und die Jungfrau von Orleans erhält durch den Ruf Gottes eine besondere Lebensaufgabe. Solange sich Penthesilea und Johanna an diese Gesetze halten, sichern sie ihre Daseinsberechtigung. Beide Richtlinien setzten voraus, dass die Liebe zu einem Mann im seelischen wie triebgerichteten Sinne unbedingt unterlassen werden muss. Dies bringt beide Protagonistinnen in ein Dilemma zwischen Existenzauftrag und weiblicher Identität. In der patriarchalen Weltordnung ist der Vater die erste männliche Bezugsperson, die eine Tochter als Frau legitimiert. Fehlt einer Frau die väterliche Bezugsperson entfällt die Legitimation zur Frau durch den Vater. Daher gelten Penthesilea und Johanna als denaturiert, da sie weiblichen Trieben nicht nachkommen bzw. unterliegen dürfen, um ihre Daseinsberichtigung und ihr Hierarchieverständnis in einer sonst patriarchalen Ordnung zu wahren.

Die Kämpferinnen scheitern an vergleichbaren inneren Widersprüchen, die mit dem Bruch patriarchalischer Herrschafts- und Instrumentalisierungsansprüche oder mit dem Befolgen einer gegensätzlichen Ordnung (wie dem Amazonengesetz) im Zusammenhang stehen.

3.1. Die Amazone - Kleists Penthesilea

Penthesilea gehört zu dem Volk der Amazonen, das in der griechischen Mythologie als ein Kriegerinnen-Volk beschrieben ist, das nur Mädchen tolerierte.35 Es gibt verschiedene Beschreibungen über die Beschaffenheit des Amazonenstaates in der Literatur. In Kleists Penthesilea entstand der Amazonenstaat aus einem Bündnis der skythischen Frauen mit Mars. Die Männer der skythischen Frauen wurden von den männlichen Eroberern der Äthiopier getötet und zwangen die Frauen sich ihnen zu unterwerfen. Die skythischen Frauen aber töteten die Äthiopier und deren männliche Nachkommen stattdessen und wurden zum Volk der Amazonen. 36 Penthesilea beschreibt Achill die Legitimation und Aufgaben des Frauenstaates wie folgt:

Frei, wie der Wind auf offnem Blachfeld, sind

Die Frau'n, die solche Heldenthat vollbracht,

Und dem Geschlecht der Männer nicht mehr dienstbar.

Ein Staat, ein mündiger, sei aufgestellt,

Ein Frauenstaat, den fürder keine andre

Herrschsücht'ge Männerstimme mehr durchtrotzt,

Der das Gesetz sich würdig selber gebe,

Sich selbst gehorche, selber auch beschütze:37 (V. 1954 f.)

Die Amazonen leben daher ohne die Gesellschaft von Männern. Sie ziehen in den Krieg um Erzeuger für ihre Kinder zu finden. Die männlichen Nachkommen werden dann entweder zu den Vätern geschickt, getötet oder so verstümmelt, dass sie keine Waffen mehr tragen können.38 Ein besonderes Merkmal der Amazone Penthesilea bei Kleist ist das Fehlen der rechten Brust, die den jungen Mädchen entfernt wird um besser mit Pfeil und Bogen schießen zu können.39 Gerade das Bild der fehlenden Brust soll ein deutliches Zeichen der entfremdeten Weiblichkeit und zugleich die dafür unnatürlichen Gesetze des Frauenstaates darstellen.40 Die amazonische Lebensweise mit Reiten, Jagen und kriegerischer Aktivität gilt als unvereinbar mit dem konventionellem weiblichen Verhalten. Auch die Kleidung, die Penthesilea trägt, ist die der Männerwelt. Ihre Rüstung liegt jedoch eng am Körper an und wird von dem Griechen Odysseus mit „Schlangenhäuten“ (V.18) beschrieben. Damit vereint die Rüstung die Funktion der Panzerung, aber erlaubt gleichzeitig die Kriegerin ihren anmutigen weiblichen Körperbau zu betonen. Die Rüstung scheint aus magischem Material zu bestehen, dass wie eine zweite Haut und somit als ein natürlicher Bestandteil des Körpers fungiert um die Amazone immer vor feindlichen männlichen Angriffen zu schützen.41

Penthesilea ist die junge Königin der Amazonen, denn sie folgt ihrer soeben verstorbenen Mutter auf den Thron. Daher wohl auch der Name „Penthesilea“, der bedeutet, dass sie Leid und Trauer trägt.42 Ihre sterbende Mutter prophezeite ihr die Begegnung mit ihrem auserkorenen Liebhaber, weshalb sie sich, dem Willen der Mutter folgend, in den Krieg begibt. Das Amazonengesetz untersagt Penthesilea sich in ihren Liebhaber zu verlieben, den sie besiegen muss, um somit den Fortbestand des Herrscherhauses der Amazonen zu sichern.

Der Mann, der von Penthesilea im Kampf erobert werden muss, ist der einzige würdige irdische Stellvertreter zu Gott Mars, dem Urvaters der Amazonen. (V. 2145-2147)

Somit repräsentiert der Grieche Achill zum einen die gegensätzliche patriarchale Ordnung und zum anderen die irdische Vaterfigur des Gottes Mars.43 Der Kampf, den Achill und Penthsilea führen zeigt den Kampf zweier Geschlechterordnungen und er trägt Züge, als ob ein Jüngling mit seinem Vater raufen möchte und ihn zum Wettkampf auffordert.44 Achill selbst belächelt zuerst Penthesileas Verhalten. Dies verletzt die Amazone, da sie sich dabei wie ein nicht ernst zu nehmendes Mädchen fühlt. Allerdings wird Achill dadurch gleichzeitig herausgefordert ihr Respekt vor ihm zu lehren.45 Obwohl beide Leitfiguren sind, riskieren sie mit dem Austritt aus den Verbindlichkeiten gegenüber der Gemeinschaft ihre Existenz. Die persönliche und triebgesteuerte Fehde duldet keinen Kompromiss mit dem Verhaltenskodex der Gemeinschaft.46 Neben dem offensichtlichen gleichberechtigten Geschlechterkampf47 findet parallel ein Vater-Tochter-Kampf statt. Obwohl Achill Penthesilea bereits besiegt hat, verschweigt er diesen Triumph und begegnet ihr zuletzt unbewaffnet um sich ihren Gesetzen zu fügen. Achill opfert seine mächtige Stellung (im Wissen, dass er der stärkere ist) um auch Penthesilea den Erfolg zu schenken. Dies erinnert an einen gutmütigen Vater, der sein Kind gewinnen lässt.

Penthesilea erfährt in der Begegnung mit Achill zum ersten Mal die Gefühle, die das Verlangen und Begehren bis zur Besessenheit nach einem Mann steuern. Sie ist mit dieser Erfahrung überfordert, da sie ihre weibliche Identität in dieser Beziehung (zu einem Mann) in ihrer Entwicklung nie kennen lernen konnte. Penthesilea wird durch die leidenschaftliche Begegnung mit Achill in eine Identitätskrise manövriert und erleidet dadurch völligen Kontrollverlust über sich. Sie kann das Dilemma zwischen selbstverwirklichter Amazone und extremer Leidenschaft zu Achill nicht mehr auflösen. Penthesilea unterliegt der erwachten Macht ihre weiblichen Gefühle. Bisher konnte sie durch das zielgerichtete Streben nach Dominanz und Macht, dass der männlichen Art entspricht, ihrer Identität als Kriegerin der Amazonen sicher sein. Sie konnte aber nie üben, wie Töchter es mit ihrem Vater tun, ihre Machtposition gegenüber einem Mann auch unter emotionalen Einfluss zu behaupten. Da sich die Wahl des Liebhabers der Tochter auch nach dem Vorbild des Vaters richtet, muss der Vater indirekt eine erste Liebe für die Tochter sein, von der sie gelernt hat sich zu lösen. Der Amazone Penthesilea fehlen die „natürlichen“ Spielregeln im Umgang mit dem männlichen Gegenüber Achill. Als dieser letztendlich freiwillig kapituliert und keine männliche Dominanz ihr zuliebe mehr entgegen stellen möchte, beendet die wahnsinnig gewordene Penthesilea mit Kannibalismus die auswegslose Leidenschaft.48 Penthesileas innerer Konflikt wird unerträglich, so dass sie die bewusste Kontrolle aufgeben muss. Sie folgt unbewusst ihren Grundtrieben, die sie nicht mehr von einem Tier unterscheiden. Kleist beschreibt diesen Zustand auch in seinem Marionettentheater, da der menschliche „Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat“ 49.

[...]


1 Petri, H.(2011): Das Drama der Vaterentbehrung. 7. Aufl. München: Reinhardt. S. 12

2 Thomä, Dieter (Hg.) (2010): Vaterlosigkeit. Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee. 1. Aufl. Berlin: Suhrkamp. S. 12

3 Petri (2011): S.14

4 Herrmann, B. (2001): Töchter des Ödipus. Zur Geschichte eines Erzählmusters in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Tübingen: Stauffenburg. S.9

5 Herrmann (2001): S. 10-11

6 Im Folgenden werde ich die Protagonistin der Jungfrau von Orleans mit dem Namen Johanna bezeichnen.

7 Siehe hierzu: Marwyck, Mareen van (2010): Gewalt und Anmut. Weiblicher Heroismus in der Literatur und Ästhetik um 1800. Bielefeld, und: Kollmann, Anett (op. 2004): Gepanzerte Empfindsamkeit. Helden in Frauengestalt um 1800. Heidelberg

8 Siehe hierzu: Cremerius, Johannes (Hg.) (1998): Widersprüche geschlechtlicher Identität. Freiburger literaturpsychologische Gespräche. 17 Bände. Würzburg.

9 Siehe hierzu: Detering, Heinrich (1994): Amphibion, Kentaurin, Mestize – Heinrich von Kleist. In: ders.: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann. Göttingen

10 Marwyck (2010): S. 183

11 Petri (2011): S.20

12 Ebd.: S.24

13 Petri (2011): S.20

14 Ebd.: S.20

15 Freud (1913): S.196

16 Thomä (2010): S.37

17 Petri (2011): S.21

18 Kuttner (2008): S.30

19 Kuttner (2008): S.6

20 Petri (2011): S.31

21 Siehe hierzu: Jung, Carl Gustav (1913): Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie.

22 Siehe hierzu Freud, Sigmund (1924): Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Leipzig, Wien, Zürich: Internat. Psychoanalyt. Verlag,

23 Siehe hierzu: Jung, Carl Gustav (1913): Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie.

24 Petri (2011): S.32

25 Petri (2011): S.40

26 Siehe hierzu: Mitscherlich, Alexander (1963): Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft;. Ideen zur Sozialpsychologie. München

27 Kuttner (2008): S.7

28 Thomä (2010): S.19

29 Thomä (2010): S.31

30 Ebd.: S.32

31 Ebd.: S.34

32 Die Protagonistinen Penthesilea in dem gleichnamigen Drama Penthesilea und Johanna in der Jungfrau von Orleans werden in dieser Arbeit ohne kursive Kennzeichnung angeführt.

33 Sauder, G. (1992): Die Jungfrau von Orleans. In: Schillers Dramen. S. 379–379.

34 Brandstetter, G. (1997): Penthesilea - "Das Wort des Geräulrätsels". Die Überschreitung der Tragödie. In: Kleists Dramen. S.78

35 Vgl. Abenstein, R. (2012): Griechische Mythologie. 3. Aufl. Paderborn ; München: Schöningh. S.180

36 Die skytischen Frauen widersetzten sich in der Hochzeitsnacht. Dies wird mythisch als „Marshochzeit“ interpretiert. Siehe hierzu: Greiner, Bernhard (2003): "Ich zerriß ihn." Kleists Re-Flexion der antiken Tragödie. ("Die Bakchen" — "Penthesilea"). In: Beiträge zur Kleist-Forschung. S. 13f.

37 Zitierte Ausgabe: Kleist, Heinrich von (1983): Penthesilea. Ein Trauerspiel. Stuttgart: Reclam. Zitatbelege erfolgen unter Versangabe: hier: Vers 1954 und folgende (= V. 1954 f.)

38 Wie in Benjamin Hederichs “Gründliches mythologisches Lexicon” von 1770. Vgl. Appelt/Nutz (1992): Erläuterungen und Dokumente, Heinrich von Kleist – Penthesilea: S. 62f.

39 „Brustlos“ heißt auf Griechisch „a-mazos“. Um das fremdartige Wort „Amazone“ zu erklären, entstand vermutlich die Legende der brustlosen Frau.

40 Marwyck (2010): S. 206

41 Marwyck (2010): S. 208

42 Poluda, E. (1998): Widersprüche geschlechtlicher Identität in H. v. Kleists „Penthesilea“. In: Widersprüche geschlechtlicher Identität. Bd.17. S. 73

43 Siehe hierzu: Gallas, H.: Kleists „Penthesilea“ und Lacans vier Diskurse, In: Schöne, Albrechte (Hg.) (1986): Kontroversen, alte und neue. Für und wider einer Psychoanalyse literarischer Werke, Bd. 6, Tübingen. S. 208

44 Vgl. hierzu: Brandstetter (1997): S.77 und Poluda (1998): S.78

45 Poluda (1998): S.78

46 Kollmann (2004): S.135

47 Ebd., S.135

48 Wolf, C. (1987): Kleists 'Penthesilea, In: Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze, Reden und Gespräche. 1959-1985. S.660

49 Zitierte Ausgabe: Kleist, Heinrich von (2002, c1965): Das Marionettentheater, In: Ausgewählte Werke. Gedichte. Erzählungen. Anekdoten. Kleine Schriften. 1. Aufl. Berlin: Aufban Verlag, S.321

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656881186
ISBN (Buch)
9783656881193
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288014
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1
Schlagworte
Vaterlosigkeit Amazone Kleist Jungfrau von Orleans

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