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Facetten des Automatenmotivs in Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Philosophische Einflüsse auf Büchners Automatenmotiv
2.1. René Descartes Illustration des Dualismus
2.2. Julien Offray de La Mettries Maschinenmensch (l’homme machine)
2.3. Baruch Spinozas monistische Weltanschauung
2.4 Büchners Philosophie

3. Das Automatenmotiv
3.1. Differenzierung des Motivs
3.2. Bedeutungen des Automatenmotivs
3.2.1. Psyche
3.2.2. Sprache
3.2.3. Gesellschaft
3.2.4. Poetik

4. Schlußwort

Bibliographie

1. Einleitung

Die Idee des künstlichen Menschen fasziniert den Menschen seit dem er denken kann. In der griechischen Mythologie wird Pandora, die erste Frau, künstlich aus Lehm geschaffen. Ähnliches gilt für den Golem, ein Geschöpf aus der jüdischen Legende. Die Faszination an dem Motiv des künstlichen Menschen ist verbunden mit dem Wunsch, selbst Herr und Schöpfer über lebendige Kreaturen zu sein.

Seit der naturwissenschaftlichen Revolution im 16. und 17. Jahrhundert wird die Frage nach einem Schöpfer, einem existenten freien Willen oder einer immanenten Seele auch von der Philosophie neu und anders beantwortet. Mit der Zeit der Aufklärung entsteht ein neues mechanistisches und deterministisches Weltbild.

Die Motive der Marionette und des Automaten spiegeln diese Thematik in der Literatur wider. In der Romantik erzeugen die Motive eine Wirkung des Unheimlichen und Unberechenbaren, während im Realismus Marionette und Automat zu einfachen, seelenlosen und steuerbaren Wesen werden.

Georg Büchner verwendete oft das Motiv der Marionette in seinen Werken Lenz und Dantons Tod. In Leonce und Lena steht hingegen das Motiv des Automaten in besonderem Fokus. Das Lustspiel ist eines der letzten Werke von Büchner. Er fertigte es aus Geldmangel für ein Preisausschreiben 1836 an, welches er letzendlich aber nicht gewann.

Leonce und Lena unterscheidet sich immens von Büchners anderen Werken oder wurde sogar als Gegenstück zu Dantons Tod begriffen.1 Büchner übernahm aus Breantons Ponce de Leon die zu Grunde liegende Handlungsstruktur für das Lustspiel, das zudem gespickt ist mit zahlreichen Zitaten aus Werken von Shakespeare, Jean Paul, Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann.

In dieser Seminararbeit soll die Bedeutung des Automatenmotivs im Sinne Büchners aufgezeigt werden, indem als erstes die philosophischen Einflüsse und im zweiten Schritt die Facetten und Funktionen des Motivs in Leonce und Lena dargestellt werden.

2. Philosophische Einflüsse auf Büchners Automatenmotiv

In der Entstehungsphase von Woyzeck und Leonce und Lena erstellt Büchner parallel Skripte für eine geplante philosophische Vorlesung „über die philosophischen Systeme des Deutschen seit Cartesius und Spinoza“ in Zürich. Büchner schreibt in einem Brief an seine Braut im März 1984:

„Ich bin ein Automat; die Seele ist mir genommen.“2

Diese Äußerung erlaubt die Frage, wie dieser Satz zu interpretieren ist und welche Denkansätze von Descartes, Spinoza und la Mettrie von Büchner aufgenommen wurden.

Büchners Denkfiguren, Marionette und Automat, weisen auf Debatten des 17. und 18. Jahrhunderts, in denen immer neue Systemverwandtschaften zwischen Tier, Maschine und Mensch ausgemacht wurden. Seit Descartes Konzept von einer mechanisch willkürlich agierende physiologische Natur und mit der Entdeckung der Naturgeschichte wurde diskutiert, ob der Mensch ein bloßes Naturprodukt oder ein frei handelndes Wesen mit eigenen Willen sein kann.3 Auch Büchner teilte dieses zeitgenössische Unbehagen.

2.1. René Descartes Illustration des Dualismus

Descartes versucht das Universum und den Menschen rational, mechanistisch-materialistisch zu erklären. Allerdings formuliert er seine Thesen im Vergleich zu seinen Vordenkern „wie Galileis“ vorsichtiger. Das einzige Sichere scheint Descartes die eigene Denkfähigkeit zu sein: „Je pense, donc je suis.“

Er unterscheidet äußere Körperwesen „res extensa“ von reinen Geisteswesen „res cognitas“. Die „res extensa“ ist kennzeichnet durch Eigenschaften des Körpers wie Ausdehnung, Bewegung, Gestalt, Anzahl, Ort und Zeit und folglich empirisch oder mathematisch erfassbar.4 An diese äußerlichen Eigenschaften sind die körperlichen Wesen gebunden. Folglich kann nur ein „res cognitas“, ein Wesen das Geist, Vernunft und Seele in sich vereint, wirklich frei von Mangel sein, da es an keine äußeren Eigenschaften gebunden ist. Das „res cognitas“, die reine Geistesnatur, kann nur Gott und die einheitliche Idee des Bewusstseins sein, die von der Außenwelt unabhängig ist. Wenn Gott wahrhaftig ist, so garantiert dieses eine reine Geisteswesen alle Richtigkeit der Welt.5 Daraus schließt Descartes, dass alles was wahr und richtig ist auch rational und logisch erfasst werden kann. Es ist notwendig als erstes die Erkenntnis auf die Materie zu reduzieren.

Auch der Mensch funktioniert nur durch ein System aus ständiger Energiezufuhr um nötige Lebensprozesse am Laufen zu halten. Aber er ist nicht nur „res extensa“, sondern er vereint in sich körperliche und geistige Substanz. Wenn der Mensch auf dieser Welt das einzige Wesen ist, das „res cognitas“ und „res externa“ vereint, so hat es die Möglichkeit durch das bessere Verstehen der Vorgänge und mechanischen Abläufe der Natur zu profitieren. Würde der Mensch seine geistigen Fähigkeiten nicht in Anspruch nehmen, so würde er selbst nur dem „res extensa“ gleichen.

Ein wichtiger Beweis, dass der Mensch auch ein „res cognitas“ ist, ist ein Indiz für die Sprachfähigkeit, das auch ein Unterscheidungsmerkmal für Mensch und Tier ist. In diesem Punkt unterscheidet sich Descartes von la Mettrie, dessen Ansichten ich im nächsten Punkt erläutern werde. Büchner scheint mit Descartes im Bezug auf die Sprachfähigkeit übereinzustimmen, denn gerade die Sprache ist in Leonce und Lena ein wichtiges ästhetisches Mittel für die Darstellung des Automaten.

Aber auch wenn Descartes dem Menschen geistige Fähigkeiten zuspricht, versucht er in seinem „De l’homme“ den Menschen auf physische Gesetze zurückzuführen. Descartes Dualismus und seine Unterscheidung zwischen der menschlichen und der tierischen Maschine, führt zu Kontroversen bei Theologen und Philosophen. Je nach Denkansatz kann man im Dualismus eine Degradierung des Menschen, Gotteslästerung, aber auch die Möglichkeit zur Gottesbefreiung interpretieren.

2.2. Julien Offray de La Mettries Maschinenmensch (l’homme machine)

La Mettrie radikalisiert den Gedanken von Descartes und bezeichnet nicht nur das Tier als eine Maschine, sondern weitet diesen Ansatz auch auf den Menschen aus. Die Anatomie, Gefühle und Sprache sind keine Aspekte, die den Menschen vom Tier unterscheiden sondern sind Teil der Maschinerie. Die einzigen Differenzen zwischen Mensch und Tier sind das besser trainierte Gehirn des Menschen und dessen verkümmerter Instinkt. La Mettrie spricht dem Menschen folglich keine außerordentliche Stellung oder geistige Natur zu. Dennoch unterscheidet er zwischen einer vegetativen und einer sensitiven Seele. Die vegetative Seele wird einer passiven Materie zugeordnet zu der alle sinnlich erfassbaren Eigenschaften zu zählen sind, wie auch der Körper. Die sensitive Seele, oder die aktive Materie, besitzt damit eine immanente Bewegungsfreiheit und das „Principe de vie“.6

La Mettries These richtet sich nicht gegen den Menschen an sich, sondern der Grundtenor seines Werks L’homme machine ist hauptsächlich eine Antwort auf die Lehre der Kirche.7 Der Mensch kann nur erkennen oder erklären, was empirisch beobachtet werden kann und zu Gesetzmäßigkeiten führt. Daher kann er nicht „obere Wesen“ für existent halten und befreit sich damit aus der Willkür Gottes, für die es keine Gesetzesmäßigkeit gibt. Alle Fähigkeiten, die bisher der Seele zugesprochen wurden, ordnet La Mettrie der Funktion des Gehirns unter.8 Körper und Seele sind einer mechanischen Notwendigkeit unterworfen. Allerdings gelingt diese Annahmen La Mettrie nur, weil er den mechanischen Begriff ausweitet und zunehmend spiritualisiert.

2.3. Baruch Spinozas monistische Weltanschauung

In seinen „Philosophischen Schriften“ befasst sich Büchner außer mit Descartes auch ausführlicher mit Spinoza. Spinoza und Descartes haben den Gedanken des Parallelismus von Körper und Geist gemein. Jedoch lässt Büchner in seinen Schriften wichtige Unterschiede zwischen Descartes und Spinoza außer Acht, denn Spinoza lehnt beispielsweise Descartes dualistische Substanztheorie ab.9

Die Kluft zwischen Denken und Sein, die bei Descartes noch Voraussetzung ist, vermag Spinoza zu schließen.10 Denn diese Kluft zwischen Leib und Seele, Körper und Geist, Ausdehnung und Denken, schließt Spinoza durch eine Grundsubstanz: Gott.11

Die wahre Freiheit besteht für Spinoza in der Erkenntnis, dass alles unabänderlich notwendig ist.

Diese absolute Notwendigkeit, die alles beherrscht, wird von La Mettrie ebenfalls erklärt ,allerdings ist Spinozas Notwendigkeit fast das Gegenteil zu La Mettries‘. Der Spionismus ist ein Fatalismus, da die Freiheit mit der Erkenntnis der Notwendigkeit zusammenfällt und das ganze Sein sich in „ordine geometrico“ durch die „Natur Gottes“ determiniert. „Gott existiert notwendig und so auch die Welt. „Der Mensch ist ein geistiger Automat.“12 Im Gegensatz zu Descarte und La Mettrie reduziert Spinoza nicht die geistige Welt auf die materielle, so dass sie verschwindet, sondern er dehnt das mathematische und mechanische Denken auf eine seelische und geistige Welt aus.

2.4 Büchners Philosophie

Georg Büchners materialistisch-deterministisches Weltbild wurde durch mehrere Aspekte geprägt. Er lebte in einer Zeit des Umbruches und sah sich konfrontiert mit den Folgen des Wiener Kongresses, die unter anderem aus politischer Unterdrückung des Liberalismus, Zensur und nationalem Einheitsstreben bestanden. Diese Umstände zwangen den aufständisch-politischen Büchner ins Exil nach Straßburg zu gehen. Dort erlebte er ab 1830 das Aufblühen der französischen revolutionären Bewegung. In den politischen Umständen, dem technisch-empirischen Fortschritt der Zeit und seinen medizinischen-naturphilosophischen Studien sind die Gründe für seine Gedanken über existenzielle Zwänge und Determiniertheit zu suchen:

„Ich studiere die Geschichte der Revolution. Ich fühle mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.“13 (Brief an die Braut: 3. März 1834, Gießen)

Zwar verweisen Büchners literarische Werke sehr auf seine philosophischen und naturwissenschaftlichen Interessen hin, jedoch wäre es zu einfach, in diesen Interessen den scharfen Blick auf die ihn umgebende Welt und damit auch den abweichenden politischen Willen zu begründen.

„Ich werde ganz dumm in dem Studium der Philosophie; ich lerne Armseligkeit des menschlichen Geistes wieder und von einer neuen Seite kennen. Meinetwegen! Wenn man sich nur einbilden könnte, die Löcher in unseren Hosen seien Palastfenster, so könnte man schon wie ein König leben; so aber friert man erbärmlich.“ 14

Büchner übernimmt nicht nur die Thesen der Philosophen, die ihn beschäftigten, um sie für richtig oder falsch zu erklären. Sondern er entfaltet daraus seine eigene deterministische und materialistische Überzeugung, die aus Determiniertheit und Fatalismus, Vorhersehung und Unveränderlichkeit der Umstände besteht. Gerade das Motiv der Marionette und des Automaten werden in diesem Bezug eingearbeitet. Aus dem Gedankengut von la Mettrie, Descartes oder Spinoza filtert Büchner ein mechanistisches Weltbild mit Melancholie und Verzweiflung.

Büchners Erkenntnis über die Sinnlosigkeit von Idealen und Strebsamkeit wird anfangs in Datons Tod mit ernsten, appellierenden Worten verarbeitet.

Danton: "Wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muß gefallen? Wer hat das Muß gesprochen, wer? Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nicht, nichts wir selbst! Die Schwerter, mit denen Geister kämpfen, man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen." (Dantons Tod" II,5)

Doch in seinen letzten Werk Leonce und Lena findet er für diese Vergeblichkeit versöhnliche Worte des Galgenhumors.

Valerio: "Sehen Sie hier meine Herren und Damen, zwei Personen beiderlei Geschlechts, ein Männchen und ein Weibchen, einen Herrn und eine Dame. Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern ... Geben Sie Acht, meine Herren und Damen, sie sind jetzt in einem interessanten Stadium, der Mechanismus der Liebe fängt an sich zu äußern ..."15

[...]


1 Borgards, R., & Neumeyer, H. (2009). Büchner-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. (B. R. Neumeyer, Hrsg.) Stuttgart-Weimar: J.B.Metzler. S.75

2 (Pörnbacher, 2006, S. 287)

3 (Borgards & Neumeyer, 2009, S.255)

4 Kunzmann, P. B.-P. (2005). dtv-Atlas zur Philosophie, 11. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S.107

5 (Kunzmann, 2005 S. 105)

6 Sauer, L. (1983). Marionetten, Maschinen, Automaten. Der künstliche Mensch in der deutschen und englischen Romantik. Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann. S.53

7 (Sauer, 1983, S. 55)

8 (Sauer, 1983, S.56)

9 Osawa, S. (1999). Georg Büchners Philosophiekritik. Marburg: Tectum Verlag. S. 37

10 (Osawa, 1999, S.40)

11 Kolb, A. (2006). Realismus als Lösung von Widersprüchen in Philosophie und Naturwissenschaft: wider den Materialismus und den Determinismus. S. 34

12 (Kolb, 2006, S.34)

13 (Pörnbacher, 2006, S. 288)

14 (Pörnbacher, 2006, S. 311)

15 (Pörnbacher, 2006, S. 186)

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656881308
ISBN (Buch)
9783656881315
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288013
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Schlagworte
Automatenmotiv Marionette

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