Lade Inhalt...

"Soldados de Salamina" als Beitrag zur nationalen Versöhnung Spaniens

Hausarbeit 2011 15 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund: Von der Verdrängung hin zur Aufarbeitung des spanischen Bürgerkriegs

3. Versöhnungspolitik in Soldados de Salamina
3.1. Vergangenheitsrekonstruktion des Ich-Erzählers
3.2. Dekonstruierung der Dos Españas durch vertauschte Täter- und Opferrollen
3.3. Miralles als Bekämpfer des Pacto del Olvido

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs (1936 - 1939), lastet noch immer ein Schatten der damaligen Ereignisse auf der Iberischen Halbinsel, wie das folgende Zitat von Juan Benet zeigt:

Nada ha conformado de tal manera la vida de los españoles del siglo xx y todavía está lejos el día en que los hombres de esta tierra se quedan sentir libres del peso y la sombra que arroja todavía aquel funesto conflicto.[1]

Schon zu Beginn der Segunda República gab es eine tiefe Kluft in der spanischen Politik und der Bevölkerung, die noch von der vorherigen Militärdiktatur herrührte. Als der Staatsstreich des Militärs am 18. Juli 1936 glückte, standen sich die republikanische und die nationale Zone feindlich gegenüber, woraus schließlich ein dreijähriger Bürgerkrieg resultierte. Mit der Errichtung der Diktatur Francos am 1.4.1939 endete offiziell der Bürgerkrieg. In der Folge blieb das Land zweigeteilt: nun in Sieger und Besiegte.[2] Während des Franquismus und teilweise noch in der Phase der Transition wurde im Sinne einer franquistischen Propaganda die Geschichte der Sieger des Bürgerkrieges erzählt, während die Verlierer zum Schweigen verurteilt waren. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde offiziell mit der Aufarbeitung des Krieges und der Diktatur begonnen.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Literatur des letzten Jahrzehnts wieder, in dem zahlreiche novelas memorialísticas auf den Markt kamen. In dieser Arbeit wird es um den Roman Soldados de Salamina von Javier Cercas, der 2001 erschienenen ist und zwei Jahre später verfilmt wurde, gehen. Das erklärte Ziel ist zu untersuchen, inwiefern Cercas Werk zur nationalen Versöhnungspolitik Spaniens beigetragen hat. Werner Altmann hat in seinem Aufsatz: „Ein literarischer Beitrag zur ‚nationalen Versöhnung‘: Soldados de Salamina de Javier Cercas“[3] bereits dazu Stellung genommen, indem er unterschiedliche Positionen die dafür und dagegen sprechen gegenübergestellte. Im Folgenden werden Altmanns Thesen zwar wiedergegeben, allerdings sollen sie in eigene Erkenntnisse eingebettet werden und darüber hinaus relevante Informationen aufzeigen.

Zunächst versucht ein historischer Rückblick die Hintergründe des Erinnerungsbooms der letzten beiden Jahrzehnte zu rekapitulieren: von der Verdrängung hin zu der Aufarbeitung des spanischen Bürgerkrieges. Dabei ist es notwendig etwas weiter auszuholen. In einem ersten Schritt soll die Erinnerungspolitik Francos beschrieben werden, die eine sehr einseitige Darstellung des Guerra Civil verfolgte. Nach dem Tode des Caudillo, in der Phase der Transition, einigten sich die Politiker darauf die Vergangenheit ruhen zu lassen und einen Mantel des Schweigens über sie auszubreiten. Welche Auswirkungen dies auf die Literatur hatte und wie die Übereinkunft einer Ausblendung der Vergangenheit einer Ära der memoria histórica gewichen ist, wird ebenso Gegenstand der Betrachtung sein.

Nach diesen Einblicken in den historischen Hintergrund der aufkommenden spanischen Vergangenheitsbewältigung, soll im Folgenden eine gezielte Analyse von Soldados de Salamina versuchen die Ausgangsthese zu stützen. Die besondere Art und Weise, wie der Ich-Erzähler einen Teil der Biographie des falangistischen Schriftstellers Rafael Sánchez Mazas rekonstruiert, soll examiniert werden. Sánchez Mazas war gegen Ende des Bürgerkrieges überraschenderweise einer Massenerschießung durch die Republikaner entkommen, worauf im zweiten Teil des Romans, in Form eines Buches im Buch, explizit eingegangen wird. Dabei rückt Cercas die Biographie der Person Sánchez Mazas und sein Überleben des fusilamiento en masa in den Mittelpunkt des Interesses. Seine Flucht endete nur deshalb glücklich, weil ein republikanischer Milizionär ihn in seinem Versteck verleugnete und ihm damit die Freiheit schenkte. Inwiefern diese vertauschten Täter- und Opferrollen das Image der Dos Españas dekonstruieren verdient eine genauere Betrachtung. In einem letzten Schritt wird die Schlüsselfigur Miralles vorgestellt. In den Augen des Erzählers steht Miralles für den namenlosen Milizionär, der Sánchez Mazas das Leben schenkte. Der Behauptung, dass die Aussagen die Miralles während der Begegnung mit dem Erzähler trifft, den Pacto del Olvido der Transition bekämpfen, soll nachgegangen werden.

Die Zusammenfassung versucht schließlich nicht nur die Arbeit zu summieren, sondern auch, mit Blick auf den Titel, zu einem Fazit zu gelangen, ob Soldados de Salamina tatsächlich einen Beitrag zur nationalen Versöhnung Spaniens geleistet hat und noch leistet oder nicht.

2. Historischer Hintergrund: Von der Verdrängung hin zur Aufarbeitung des spanischen Bürgerkriegs

Die Erinnerungspolitik während des Franquismus war geprägt von Repressionen, geschlossenen Archiven und Zensuren antifranquistischer Literatur. Ihre Intention war:

Das eigene Regime zu legitimieren, es als quasi selbstverständliche Konsequenz der Entwicklung in der Tradition der glorreichen spanischen Geschichte zu verankern, zugleich die Erinnerung an die Gegenseite […] auszulöschen.[4]

Das historische Gedächtnis der spanischen Bevölkerung sollte durch gezielte Manipulation und Kontrolle, im Sinne einer „Gehirnwäsche“, die Erinnerung an ein republikanisches Spanien vergessen machen. Somit wurde die Perspektive der Sieger verherrlicht und keine andere neben ihr zugelassen. Noch während des Bürgerkriegs und in besonderem Maße nach der Machtübernahme versuchte das Regime um Franco den gesamten öffentlichen Raum zu beherrschen: demokratische Symbole wurden entfernt, Plätze, Straßen und Orte umbenannt und profranquistische Feierlichkeiten sowie Kundgebungen abgehalten.[5] Die Damnatio historiae, also die Ausschaltung jeglicher historischer Erinnerung, äußerte sich physisch durch die Ermordung von Regimegegnern, politisch durch die kompromisslose Aufteilung Spaniens unter den Siegern, intellektuell durch Zensur sowie verhängten Verboten, propagandistisch durch einseitige Indoktrinierungen und kulturell durch die Eliminierung der Symbole des Anti-Spaniens.[6] Einzig die Erinnerung an das goldene Zeitalter unter der Herrschaft der Reyes Católicos wurde hochgehalten und zahlreiche Erinnerungsorte unterschiedlichster Art geschaffen. In den Medien propagierte die Wochenschau No-Do[7] die Ansichten der Regierung und im literarischen Sektor wurden zahlreiche Kriegsromane der Sieger veröffentlicht. Währenddessen konnten prorepublikanische Werke lediglich im Ausland publiziert und verkauft werden, was sich erst 1975 ändern sollte.

Nach dem Tode Francos (20.11.1975) und dem damit einhergehenden Ende der Diktatur stand die Demokratie und die wiederhergestellte nationale Einheit zunächst auf wackligen Beinen, was durch die besondere Art des politischen Übergangs bedingt war. In dieser Phase der Transition beschlossen die politischen Parteien beider Lager, die linksgerichtete PSOE und die rechtsgerichtete PCE, die Vergangenheit in einem Konsens des Schweigens und Vergessens vorerst ruhen zu lassen. Ihre Rechtfertigung war im Sinne einer Politik der Reconciliación und des Consenso zu verstehen.[8] Dieser Pakt stellte „eine ungeschriebene Verpflichtung zu kollektiver Amnesie gegenüber den dunkelsten Kapiteln der jüngeren spanischen Vergangenheit.“[9] dar. Festgeschrieben wurde die amnesia histórica[10] in zwei Amnestiegesetzen (1976/1977), die eine juristische Aufarbeitung der Verbrechen der vergangenen 40 Jahre verhinderten.[11] Somit wurde das Ansinnen der Literaten und Wissenschaftler, die traumatisierende Vergangenheit aufzuarbeiten, und einen Frieden mit ihr zu schließen von Seiten der Politik stark zurückgedrängt. Ein Grund für diese Verschleierungstaktik war der Wunsch der neuen Regierung nicht für die Opfer und begangenen Verbrechen geradestehen zu müssen. Auch die Bevölkerung hielt sich stark zurück, was möglicherweise auf die Angst vor einer Aufdeckung eigener Untaten und der Verdrängung als einem persönlichen Verarbeitungsprozess zurückzuführen sein könnte.

Diese Zurückhaltung und Geschichtsvergessenheit der Spanier bedeutete aber nicht, dass es nicht stets Randveröffentlichungen zum Thema des spanischen Bürgerkriegs gab. Seit dem Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts gab es einen regelrechten “Boom de la historia.”[12] Eingeleitet von verschiedenen zivilgesellschaftlichen und politischen Anstößen wollte die neue Erinnerungskultur einen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung leisten. Der Journalist Emilio Silva hatte im Jahr 2000 ein Massengrab ausheben lassen und sich damit erfolgreich „auf die Suche nach den sterblichen Überresten seines im Bürgerkrieg verschollenen Großvaters begeben.“[13] Für diese Aktion bekam er viel Zuspruch aus der Bevölkerung und es bildete sich unter anderem aus einer lokalen Bürgerinitiative die Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (ARMH) und das sogenannte „Erinnerungsforum“ (Foro para la Memoria).[14] Froidevaux definiert die Recuperación de la memoria histórica wie folgt:

Los perdedores de la Guerra Civil y sus herederos (políticos) abordan la tarea de recordar las historias calladas del movimiento obrero español: historias de revolución y Guerra, fuga y exilio, cautiverio y tortura, ejecuciones y discriminación social.[15]

Natürlich stellt sich die Frage, warum die intensive Aufarbeitung des Guerra Civil erst in der Generation der Enkel begonnen hatte. Javier Cercas versucht die späte Beschäftigung der spanischen Literaten mit ihrer Vergangenheit folgendermaßen zu begründen:

Die Demokratie war für uns jung, und wir wollten Romane über die Gegenwart schreiben […]. Später erst haben wir begriffen, dass wir, um die Zukunft richtig gestalten zu können, uns der Vergangenheit aktiv stellen müssen.[16]

Die seither zum Thema veröffentlichte Literatur hat neue „Erinnerungsorte“[17] geschaffen, die sich zumeist im Sinne einer Versöhnung verstehen lassen. Auch politisch fand die Erinnerungsarbeit und -aufarbeitung am 26.12.2007 durch das umgangssprachlich genannte Ley de memoria histórica[18], das die Opfer des Bürgerkriegs und der Diktatur zumindest moralisch rehabilitieren wollte, einen gesetzlichen Anker.[19] Im Angesicht der vielen Fortschritte hin zur Aufklärung darf aber nicht vergessen werden, dass es immer noch viele Spanier gibt, die der Vergangenheitsbewältigung und der Aufhebung des Kontrastes der Dos Españas entgegensteuern. Vermutlich schlicht und ergreifend aus der Angst heraus welche Gräueltaten alle ans Licht kommen könnten.[20] Bis heute existieren franquistische Symbole in der spanischen Öffentlichkeit und Streitpunkte sind beispielsweise die Bestattung der republikanischen Gefallenen, die lange Zeit aufgeschoben wurde und noch nicht ihren Abschluss gefunden hat.[21]

3. Versöhnungspolitik in Soldados de Salamina

Javier Cercas scheint mit seinem Roman Soldados de Salamina (2001) den Puls der Zeit getroffen zu haben. Nur so lassen sich die große Zahl der Leser, die Übersetzungen in mehr als 20 Sprachen, die zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen, sowie die anschließende Verfilmung David Truebas erklären.[22]

Cercas Werk setzt sich aus drei Teilen zusammen: Los amigos del bosque, Soldados de Salamina und Cita en Stockton, wobei der zweite Teil einen relato real konstituiert. Die Gattung des relato real beabsichtigt durch reale Personen und Ereignisse eine Erzählung nach der Wirklichkeit vorzunehmen (vgl. Soldados 50): „Será como una novela […] sólo que en vez de ser todo mentira, todo es verdad“. (Soldados 66) Tatsächlich gab es die historische Figur Sánchez Mazas (1894-1966) und auch die Massenerschießung nahe dem Kloster Santa Maria del Collell, bei der er mit dem Leben davonkam; ein Fakt der von Mazas selbst wiederholt nacherzählt wurde. Nach seiner erfolgreichen Flucht halfen ihm drei republikanische Soldaten sich zu verstecken. Diesen „amigos del bosque“ (vgl. Soldados 34), wie Sánchez Mazas sie nannte, erzählte er, dass er einen Roman mit dem Titel „Soldados de Salamina“ (vgl. Soldados 71) über ihre gemeinsame Zeit schreiben möchte.

Soldados de Salamina ist somit ein Beispiel für metahistoriografische Fiktion[23], da es drei verschiedene Romane verbindet: den Roman, den Sánchez Mazas beabsichtigte zu schreiben; den relato real, den der Erzähler im Laufe des Romans schreibt und den Roman selbst, der von dem realen Autor Cercas verfasst wurde.[24] Nach dem Ende des Franquismus war es üblich, vermehrt die Geschichte der Verlierer des Bürgerkrieges und die der Unterdrückten der Diktatur zu verbreiten. Cercas Roman dagegen rückt, zumindest in den ersten beiden Teilen, die Biographie eines Falangisten in den Vordergrund. Dies kritisiert Conchi, die Freundin Cercas°:

¡Mira que ponerse a escribir sobre un facha, con la cantidad de buenísimos escritores rojos que debe de haber por ahí! García Lorca, por ejemplo! (Soldados 67)

Damit wirft Conchi Cercas°[25] nicht nur vor, sich von einem falangistischen Schriftsteller mehr angezogen zu fühlen, als von der Realität der Republik, sondern sie verkörpert auch allgemein die Aktualität der Aufarbeitung.[26] Laut Ralph Wildner ist das zentrale Thema des Romans die „Versöhnung mit der Generation der Väter durch Erinnerungsarbeit und die Aussöhnung der noch immer verfeindeten Bürgerkriegsparteien untereinander“.[27] Inwiefern der reale Cercas gerade mit diesem gewagten Versuch, das Leben von Sánchez Mazas nachzuerzählen, einen Beitrag zur Aussöhnung der beiden Lager leistet, wird in den folgenden Unterkapiteln untersucht.

3.1. Vergangenheitsrekonstruktion des Ich-Erzählers

Der homodiegetische Erzähler Cercas° versucht als „rekonstruierender Metabiograf“[28] die Biographie von Rafael Sánchez Mazas nachzuvollziehen. Damit begibt er sich an einen Akt des konsensorientierten Erinnerns: das was vergessen, verdrängt, verschwiegen oder umgangen wurde soll durch Nachforschungen und Recherchen wieder aufgegriffen werden. Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass der Erzähler zwar denselben Namen und gewisse Parallelen zum realen Autor des Romans hat, aber in Wirklichkeit nur eine linguistische Konstruktion ist, denn „su mujer aún no lo ha abandonado […] no es un periodista, sino un professor de literatura en la Universidad de Gerona.”[29] Schon der Titel, mit seiner bereits behandelten Dreifachfunktion, macht deutlich, wie weit weg der Bürgerkrieg für den Erzähler, als Vertreter der heutigen Generation, liegt; denn die Seeschlacht von Salamis (480 v. Chr.) ist eine Metapher für etwas lange Zurückliegendes.[30] Laut Ana Luengo durchgeht Cercas° im Laufe des Romans eine “evolución ideológica”.[31] Anfangs möchte er lediglich eine „historia novelesca“ (Soldados 198) schreiben, aber im Laufe der Recherchearbeit beginnt er sich immer mehr für den spanischen Bürgerkrieg zu interessieren, obwohl oder gerade weil er zu der Zeit noch gar nicht geboren war:

Empecé a sentir curiosidad […] por la guerra civil, de la que hasta aquel momento no sabía mucho más que de la batalla de Salamina […] y por las historias tremendas que engendró, que siempre me habían parecido excusas para la nostalgia de los viejos y carburante […] para la imaginación de los novelistas sin imaginación. (Soldados 21)

Laut Hans-Jörg Neuschäfer ist die Schreibmotivation des Ich-Erzählers zwar glaubhaft, allerdings kritisiert er die marktkonforme Position, woraus er eine Episode über Mazas schreibt.[32] Cercas° Vorgehensweise ist es, die einzelnen Bruchstücke nach und nach zu einem vollständigen Puzzle zusammenzusetzen: durch primäre Kommunikation (Rafael Sánchez Ferlosio, Miquel Aguirre, Jaume Figueras, Roberto Bolaño), den Medien (Zeitungsartikel, Leserbriefe, Bücher, Tagebuch, Geschichtsarchive, Bibliotheken,…), Zeitzeugen (María Ferre, Joaquín Figueras, Daniel Angelats, Antonio Miralles) sowie dem Besuch der relevanten Orte (wie Santa Maria del Collell).

Javier Cercas entwickelt nach und nach einen fesselnden Plot, in dem er sich dem populären Genre des Detektivromans bedient: die zentrale Frage „Wer ist der Täter?“[33], in Soldados de Salamina „Welcher Soldat rettete Sánchez Mazas vor der Erschießung?“ steht schon früh im Mittelpunkt. Desweiteren findet im klassischen Detektivroman stets ein Mord am Anfang statt und die Aufklärung desselbigen am Ende.[34] Im vorliegenden Roman wird eine lückenhafte Geschichte über Mazas Überleben des Fusilamiento wiedergegeben, die durch eine erfolgreiche Recherche zum Schreiben eines relato real führt und letztendlich im dritten Teil die zentrale Frage klärt. Die Art und Weise der Rekonstruktion Cercas° durch den Einsatz verschiedener Mittel und Wege kann als Symbol für die Erinnerungsarbeit Spaniens angesehen werden, die ebenso durch diverse Vermittlungsinstanzen versucht die verdrängten Erinnerungen an den Bürgerkrieg herauszufiltern.

3.2. Dekonstruierung der Dos Españas durch vertauschte Täter- und Opferrollen

Im Vergleich zu den anderen beiden Teilen, ist der relato real im Stil einer Reportage geschrieben, in der sich der Erzähler stark zurücknimmt und auf wertende Kommentare größtenteils verzichtet. In diesem Teil vertauschen sich die Täter- und die Opferrollen, was letztendlich die scharfe Trennung der zwei Spanien, des republikanischen und des franquistischen, aufhebt und zum kollektiven Gedächtnis beiträgt. In Soldados de Salamina wird dies bereits deutlich, als Cercas° eine Parallelität zwischen dem linken Dichter Antonio Machado, der auf der Flucht vor Francos Truppen nach Italien flüchtete, und dem rechten Sánchez Mazas, der zeitgleich erschossen werden sollte, herstellt. (vgl. Soldados 23) Laut Ralph Wildner ist diese Versöhnungsmission Cercas aber zwiespältig, da Mazas Bücher nun gefragter sind als je zuvor.[35]

In den Wirren der letzten Kriegsjahre wird die Schwarz-Weiß-Malerei oft aufgehoben; die Grenzen verschwimmen: die Schlüsselszene des Romans, um deren fehlendes Puzzlestück sich der gesamte dritte Teil dreht, ist ein Paradebeispiel dafür. Der Schriftsteller und Mitbegründer der Falange, Sánchez Mazas sollte am 30.01.1939 durch ein republikanisches Erschießungskommando zusammen mit 50 anderen Gefangenen umgebracht werden. Durch einen glücklichen Zufall konnten er und Jesús Pascual Aguilar entkommen. Allerdings wird Mazas schon bald von einem republikanischen Soldaten in seinem Versteck entdeckt. Anstatt das auf Mazas gerichtete Gewehr abzufeuern, entscheidet sich der junge Milizionär ihn zu verschonen und dem Suchtrupp zuzurufen: „¡Por aquí no hay nadie!“ (Soldados 18, 102) Letztendlich ist es die Geschichte eines späteren Falange-Führers, der sich in der Opferrolle befindet, während die „bösen“ Republikaner ihn erschießen lassen wollen. So stellt Cercas das historische Verhältnis zwischen Siegern und Verlierern kurzerhand auf den Kopf.[36] Das heißt, die späteren Verfolger werden zu Verfolgten, die Verfolgten zu Verfolgern.

[...]


[1] Benet, Juan, La sombra de la guerra. Escritos sobre la Guerra Civil Española, Madrid 1999, S. 25.

[2] Vgl. Bernecker, Walther L.; Brinkmann, Sören, Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2008, Nettersheim 42008, S. 60.

[3] Altmann, Werner, „Ein literarischer Beitrag zur ‚nationalen Versöhnung‘: Soldados de Salamina von Javier Cercas“, in: Altmann, Werner u.a. (Hgg.), Debates sobre la memoria histórica en España: Beiträge zu Geschichte, Literatur und Didaktik, Berlin 2009, S. 205-223.

[4] Bernecker/Brinkmann, Kampf, S. 155

[5] Bernecker/Brinkmann, Kampf, S. 151.

[6] Vgl. Bernecker/Brinkmann, Kampf, S. 153.

[7] = Noticiarios y Documentales; Bernercker/Brinkmann, Kampf, S. 1981.

[8] Vgl. Froidevaux, Alexandre, „Recuperación de la memoria histórica: una cultura del recuerdo ‘desde abajo’”, in: Altmann, Werner u.a. (Hgg.). Debates sobre la memoria histórica en España: Beiträge zu Geschichte, Literatur und Didaktik, Berlin 2009, S. 42/44.

[9] Bernecker, Walther L.; Brinkmann, Sören, „Zwischen Geschichte und Erinnerung. Zum Um- gang mit der Zeitgeschichte in Spanien“, in: Nützenadel, Alexander; Schieder, Wolfgang (Hgg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa (Reihe: Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 20), Göttingen 2004, Bernecker, S. 90.

[10] Froidevaux, „Recuperación […]“, S. 42.

[11] vgl. Bernecker, Walther L., “Demokratisierung und Vergangenheitsbewältigung in Spanien”, in: Bannasch, Bettina; Holm, Christiane (Hrsg.), Erinnern und Erzählen. Der Spanische Bürgerkrieg in der deutschen und spanischen Literatur und in den Bildmedien, Tübingen 2005, S. 16.

[12] Froidevaux, „Recuperación […]“, S. 43.

[13] Bernecker/Brinkmann, Kampf, S. 292.

[14] Vgl. Bernecker/Brinkmann, Kampf, S. 292f.

[15] Froidevaux, „Recuperación de la memoria histórica“, S. 42

[16] Schüle, Christian (Die Zeit 22.5.2003), „Die Wahrheit um jeden Preis. Ein Gespräch mit dem spanischen Schriftsteller Javier Cercas“, in: http://www.zeit.de/2003/22/Spanien_2fCercas, 27.02.2011.

[17] Vgl. Nora, Pierre, “Entre Mémoire et Histoire. La problématique des lieux”, in : Les Lieux de mémoire Bd. 1, hg.v. Pierre Nora, Paris : Gallimard 1984, S. XV-XLII.

[18] = LEY 52/2007 de 26 de diciembre, por la que se reconocen y amplían derechos y se establecen medidas en favor de quienes padecieron persecución o violencia durante la guerra civil y la dictadura vgl. Ley 52/2007, “Ley de la memoria histórica”, in: http://leymemoria.mjusticia.es/paginas/es/ley_memoria.html, 28.02.2011.

[19] Vgl. Werner, „Ein literarischer Beitrag zur ‚nationalen Versöhnung‘ […]“, S. 9.

[20] Vgl. Froidevaux, „Recuperación […]“, S. 61.

[21] Vgl. Bernecker, „Demokratisierung […]“, S. 17.

[22] Vgl. Cercas, Javier, Soldados de Salamina, Barcelona 62010 (Tusquets Editores S.A), Buch-Rückseite. Die weiteren Nachweise erfolgen im laufenden Text und beziehen sich auf diese Ausgabe, abgekürzt mit Soldados.

[23] Historiographic metafiction = textos intensamente autorreflexivos e irónicos sobre la naturaleza de la escritura de la Historia y la relación de ésta con la ficción; vgl. Lluch Prats, Javier, „La dimensión metaficcional en la narrativa de Javier Cercas”, in: Escritura y conflicto. Actas del XXI Congreso Aispi, Catania-Ragusa 16-18 mayo 2004, Universidad de Bologna 2004, S. 298.

[24] Vgl. Juan Ginés, Luis Javier, El espacio en la novela española contemporánea, Dissertation, Universidad Complutense de Madrid 2004, S. 382.

[25] Cercas° steht im Folgenden für den Ich-Erzähler, um ihn von dem realen Autor Cercas abzugrenzen.

[26] Luengo, Ana, La encrucijada de la memoria: la memoria colectiva de la Guerra Civil española en la novela contemporánea, Berlin 2004, S. 241.

[27] vgl. Wildner, Ralph (2001/2003), „Javier Cercas: Soldados de Salamina und Verfilmung von David Trueba“, in: Erinnern und Erzählen. Der Spanische Bürgerkrieg in der deutschen und spanischen Literatur und in den Bildmedien, Tübingen 2005, S. 548.

[28] Wildner, „Javier Cercas […]“, S. 548.

[29] Valdés, Enrique (2007), “Héroes y villanos en Soldados de Salamina de Javier Cercas”, in: http://www.scielo.cl/scielo.php?pid=S0718-22012007000200013&script=sci_arttext, 3.03.2011.

[30] Wildner, „Javier Cercas […]“, S. 552/3.

[31] Luengo, La encrucijada, S. 240.

[32] Vgl. Altmann, „Ein literarischer Beitrag zur ‚nationalen Versöhnung‘ […]“, S. 216.

[33] Alewyn, Richard, “Anatomie des Detektivromans“, in: ders., Probleme und Gestalten, Frankfurt am Main 1974, S. 370.

[34] Vgl. Alewyn, „Anatomie des Detektivromans“, S. 370f.

[35] Vgl. Altmann, „Ein literarischer Beitrag zur ‚nationalen Versöhnung‘ […]“, S. 218.

[36] Buschmann, Albrecht, „Detektive der Erinnerung. Vier neue Romane aus Spanien“, in: Neue Zürcher Zeitung vom 5.4.2003.

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656881445
ISBN (Buch)
9783656881452
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287931
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
Spanischer Bürgerkrieg; Guerra Civil Espanola; Javier Cercas; Dos Espanas; Soldados de Salamina;

Autor

Zurück

Titel: "Soldados de Salamina" als Beitrag zur nationalen Versöhnung Spaniens