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Erzähltheoretische Untersuchung der Fallgeschichte „Anna O.“ aus „Studien zur Hysterie“ von Josef Breuer und Sigmund Freud

Essay 2012 7 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Die Fallgeschichte „Anna O.“ erschien 1895 im Gemeinschaftswerk „Studien über Hysterie“ von Josef Breuer und Sigmund Freud. Breuer hatte Bertha Pappenheimer alias Anna O. von Juli 1880 bis zum Juni 1882 behandelt. Die Krankengeschichte gilt als Grundsteinlegung für die Psychoanalyse. Der Text gliedert sich in sechs Teile. Der Erste ist eine Art Einleitung, der Anna O als Hauptfigur gewissermaßen einführt [1]. Die nächsten vier Teile hat Breuer selbst vorgezeichnet[2] . Wie er jedoch selbst schreibt, hält er die Reihenfolge der Gliederung nicht ganz ein, er hat sie auch für den Krankheits- nicht für den Textverlauf geschrieben, sodass man den Teil A[3] zwischen Teil B und Teil C einordnen müsste. Außerdem sind Breuers Gliederung noch einige ergänzende Punkte hinzuzufügen: Im zweiten Teil wird außer Anna O.s Zustand bei Beginn der Behandlung und ihren ersten Symptomen die anfängliche Behandlung ihres Zustands durch Erzählen der Phantasien angedeutet[4]. Daraufhin wird im dritten Teil, während Anna Os Behandlung auf dem Land und ihrer Rückkehr in die Stadt, vor allem die Besserung ihres Zustands durch die Talking Cure beschrieben. Im letzten Teil des von Breuer gegliederten Krankheitsverlaufs erläutert er detailliert das Verschwinden der Symptome durch Erzählen des traumatischen Ereignisses.

So, wie man den ersten Teil als Einleitung auffassen kann, ist der der sechste Teil eine Art Schluss, in dem Breuer die theoretischen Einzelheiten des Falls noch einmal zusammenfasst, Schlussfolgerungen zieht, sogar persönlich Stellung bezieht und Vermutungen anstellt.

Bei der genaueren Formanalyse der Fallgeschichte fällt zunächst die Zeitordnung auf. Nach Breuers selbsteingeführter Gliederung sollte die Zeitordnung durchgehend chronologisch sein, es häufen sich jedoch Analepsen und Prolepsen. Analepsen baut Breuer beispielsweise bei der Entstehung von Anna O.s Trauma[5] oder überhaupt bei Ereignissen, die vor der Zeit der Behandlung von Breuer geschahen[6] ein. Das Vorgreifen Breuers, dass Anna O.s Tagträume Voraussetzung für die späteren Halluzinationen sind [7], sowie häufige Verweise auf spätere Stellen im Text[8] sind Beispiele für Prolepsen.

Der Unterschied zwischen erzählter Zeit, die sich bei den meisten Krankengeschichten über Monate erstreckt und hier sogar über Jahre, und Erzählzeit ist typisch für alle Texte in „Studien über Hysterie“. Die Erzählzeit beträgt bei „Anna O.“ aufgrund häufiger Raffungen ungefähr eine Stunde. Die meisten dieser Raffungen sind die Zusammenfassung der Verbesserung oder Verschlechterung des Zustands von Anna O. Beispielsweise die Verschlechterung ihrer Symptome nach dem Tod des Vaters im April 1881 bis zu der Verlegung in das Landhaus einige Monate darauf[9]. Dennoch gibt es einige Zeitdeckungen, einerseits natürlich bei Annas O.s Schilderung von traumatischen Erlebnissen [10], andererseits auch bei Breuers theoretischen Überlegungen, die er nach Abschluss der Krankengeschichte noch hinzufügt[11].

Vor allem diese Schlussfolgerungen und eigenen Gedanken Breuers werfen die Frage nach der Distanz auf. Es gibt kaum Dialoge und überhaupt wenig Rede, egal ob direkt oder indirekt. Breuer rückt also als Erzähler sehr in den Vordergrund, eben auch bei der Mitteilung seiner Schlussfolgerungen und Gedanken am Schluss, bei denen er entweder in der ersten Person schreibt, die unpersönliche dritte Person Singular verwendet oder den Leser durch ein „wir“ miteinbezieht, als Erzähler also immer präsent bleibt. Der Text ist eindeutig narrativ mittelbar, wie man es vom Bericht eines Arztes über eine Kranke erwartet.

Bei der Fokalisierung wird zum ersten Mal Breuers Doppelrolle als Erzähler und Figur deutlich. Der Text ist null-fokalisiert, da Breuer die Informationen, die der Leser über den Krankheitsverlauf und seine eigenen Gedanken bekommt reguliert. Teilweise hat Breuer typische Merkmale für eine null- fokalisierte Erzählung eingebaut, beispielsweise Anna O.s Charakterisierung und Beschreibung ihrer Empfindungen[12], die sich liest wie eine Exposition, obwohl Breuer ja bei dieser faktualen Geschichte nicht mehr über seine Patientin wissen kann, als diese selbst. Eben dadurch, dass Breuer in diesem Text eine Figur ist hat man auch oft das Gefühl, man liest seine Mitsicht der Ereignisse. Die oft nicht chronologische, sondern eben nach Breuers Erleben geordnete, Reihenfolge der Handlung und seine persönliche Stellungnahme zur Wahrhaftigkeit der Hysterikerinnen [13] erwecken ebenfalls den Eindruck einer Mitsicht.


[1] Breuer Josef und Freud Sigmund: Studien über Hysterie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1991, S.42
[2] Ebd., S.43
[3] Ebd., S.58 f.
[4] Ebd., S.48
[5] Ebd., S.60- 66
[6] Ebd., S.58
[7] Ebd., S.43
[8] Ebd., S.43, S49
[9] Ebd., S.46- 48
[10] Ebd., S.55, S.58
[11] Ebd., S.60- 65
[12] Ebd., S.42
[13] Ebd., S.63

Details

Seiten
7
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656878841
ISBN (Buch)
9783656878858
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287843
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,0
Schlagworte
Sigmund Freud Psychoanalyse Anna O Breuer

Autor

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Titel: Erzähltheoretische Untersuchung der Fallgeschichte „Anna O.“  aus „Studien zur Hysterie“ von Josef Breuer und Sigmund Freud