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Syntax und Semantik. Konstruktionsvarianz bei Gefühlsverben

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 21 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychologische Verben in der sprachwissenschaftlichen Diskussion

3. Kritik an Aufsatz vonVan Voorts (1992)

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Zusammenhang zwischen Semantik und Syntax steht heutzutage im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Diskussion. Mehrere Theorien nehmen sich zum Ziel, Probleme der Syntax-Semantik-Schnittstelle zu untersuchen. Eine der interessantesten Fragen ist die der Zuordnung von thematischen Rollen zu syntaktischen Funktionen im Satz.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Problemfall, der das 1:1-Verhältnis zwischen Syntax und Semantik in Frage stellt und zwar: Konstruktionsvarianz bei psychologischen Verben.

Unter psychologischen Verben (psychische Verben, psych-Verbs) im engeren Sinne versteht man Gefühlsverben wie ängstigen, fürchten, bewundern, lieben, hassen, anhimmeln, gefallen, mögen. Diese Verben bezeichnen Emotionen, Gefühle, psychische Zustände

Aus der Bedeutung psychologischer Verben folgern 2 Argumente: Experiencer (Wahrnehmer) und Stimulus (Reiz, Auslöser)

(1) a) Maria fürchtet Hans.

b) Hans ängstigt Maria.

In Bezug auf Ereignisstruktur zeichnen sich psychologische Verben dadurch aus, dass sie eine Konstruktionsvarianz aufweisen. Wenn man Beispielsätze 1a und 1b vergleicht, stellt man fest, dass zwei partiell synonymische Verben unterschiedliche Realisierungsmöglichkeiten haben. Im Satz 1a tritt Experiencer als Satzsubjekt auf, im Satz 1b wird Experiencer in der Objektposition realisiert.

In dieser Hinsicht sind psychologische Verben ein Problem für Argumentselektion.

Aufgrund der Unterschiede in der Argumentrealisierung unterscheidet man 2 Klassen der psychologischen Verben:

fürchten-Verben, Experiencer-Subjekt- oder Experiencer-Stimulus-Verben (weiter E-S-Verben): lieben, mögen, hassen, bewundern, fürchten, verabscheuen.

ängstigen-Verben, Experiencer-Objekt- oder Stimulus-Experiencer-Verben (weiter S-E-Verben): ängstigen, überraschen, langweilen, nerven, ermüden, aufregen.

Es stellt sich die Frage, warum diese Verben, die auf den ersten Blick gleiche Situationen bezeichnen und gleiche Argumente implizieren, verschiedene syntaktische Realisierungsmuster haben.

Diese Frage wird in den Aufsätzen von Dowty, Grimshaw, Van Voorst, Marin/McNally behandelt. Diese Ansätze bilden die wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit.

Dowty, Grimshaw, Marin/McNally plädieren dafür, dass verschiedene Rollenkonstellationen bei psychologischen Verben durch Unterschiede in ihrer Ereignisstruktur verursacht sind. Da diese Verbklassen verschiedene Aktionsarten haben, werden ihre Argumente syntaktisch unterschiedlich realisiert

Van Voorst dagegen beweist anhand von ereignisstrukturellen Diagnostiken, dass sich psychologische Verben in Bezug auf Aktionsart nicht unterscheiden.

Diese Arbeit setzt sich mit der Ereignisstruktur von psychologischen Verben auseinander und geht der Frage nach, ob Stimulus-Experiencer-Verben und Experiencer-Stimulus-Verben in dieser Hinsicht Unterschiede aufweisen.

Dementsprechend ist die vorliegende Arbeit folgenderweise gegliedert:

Nach einer kurzen Einleitung werden in Kapitel 2 Studien von Dowty, Grimshaw, Van Voorst, McNally/Martin zu psychologischen Verben vorgestellt, dabei steht im Vordergrund die Frage, wie diese Ansätze das Problem der Konstruktionsvarianz bei psychologischen Verben betrachten.

In Kapitel 3 folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Theorie von Van Voorst, die im Vergleich zu anderen Studien dafür plädiert, dass psychologische Verben innerhalb ihrer Verbklasse keine aspektuellen Unterschiede aufweisen.

In der Zusammenfassung werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit aufgelistet. Es wird auch unter anderem auf die Fragen und Problemfälle eingegangen, die im Laufe der Arbeit nicht gelöst werden konnten und ein Untersuchungsfeld für weitere Arbeiten bieten.

2. Psychologische Verben in der sprachwissenschaftlichen Diskussion

In diesem Kapitel wird ein kurzer Überblick über die wissenschaftlichen Aufsätze gegeben, die sich mit psychologischen Verben und ihren Besonderheiten beschäftigen. Als erstes wird der Aufsatz von Dowty (1991) in Betracht gezogen, danach wird die Theorie von Grimshaw (1990) skizziert, anschließend werden die Aufsätze von Van Voorst (1992) und McNally/Marin (2011) kurz zusammengefasst.

David Dowty entwickelt in seinem klassischen Werk Thematic Proto-Roles and Argument Selection (1991) eine Theorie der Argumentselektion, die ein neues Konzept der thematischen Rollen vorschlägt und Prinzipien der Argumentrealisierung beschreibt.

Dowtys Theorie stellt den traditionellen diskreten thematischen Rollen (Agens, Patiens, Thema, Experiencer, Stimulus) Protorollen gegenüber. Dowty definiert 2 Protorollen-Typen: Proto-Agens und Proto-Patiens. Diese sind Cluster-Konzepte, die aus verschiedenen Komponenten bestehen.

Proto-Agens-Eigenschaften sind:

willentliche Beteiligung an einem Ereignis oder Zustand Beteiligung durch Empfindung und/oder Wahrnehmung Verursachen eines Ereignisses oder einer Zustandsveränderung eines anderen Mitspielers Bewegung (relativ zu der Position eines anderen Mitspielers) (Existenz unabhängig von der von ihm bezeichneten Situation) Proto-Patiens-Eigenschaften werden von Dowty folgenderweise definiert: macht einen Zustandswechsel durch inkrementelles Thema wird kausal von einem anderen Partizipanten betroffen bewegt sich nicht gegenüber einem anderen Partizipanten (existiert nicht unabhängig vom Ereignis, oder existiert überhaupt nicht)

Daraus ergibt sich das Argumentlinking-Prinzip:

Das Argument mit den meisten Proto-Agens-Eigenschaften wird zum Subjekt und das Argument mit den meisten Proto-Patiens-Eigenschaften zum Objekt des Satzes. Dabei muss man beachten, dass diese Eigenschaften aus der Verbbedeutung logisch folgern.

In seinem Aufsatz behandelt Dowty auch besondere Verbklassen, deren Argumentselektion angeblich nicht durch seine Theorien erklärt werden kann.

Zu diesen Problemfällen gehören unter anderen auch psychologische Verben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Beispiel 2a impliziert das Verb fear, dass Experiencer x den Stimulus y wahrnimmt ---eine Proto-Agens-Eigenschaft von x.

In Beispiel 2b verursacht Stimulus y eine emotionale Reaktion des Experiencers x -eine Proto-Agens-Eigenschaft von y.

Es stellt sich die Frage, welches von beiden Argumenten subjektwürdiger ist, wenn beide eine Proto-Agens-Eigenschaft haben.

Unter Berufung auf Croft schreibt Dowty, dass die Verben der fear-Klasse Zustände bezeichnen, Verben der frighten-Klasse dagegen sowohl stativ als auch inchoativ interpretiert werden können.

Inchoativ bedeutet dass dieses Verb „die Anfangsphase eines Geschehens, den Beginn oder Einsetzen eines Vorgangs, bzw. den Eintritt eines Zustands bezeichnen“. Lewandowski (1976: 432)

Inchoative Interpretation von einem Verb der frighten-Klasse impliziert, dass der Experiencer einen Zustandswechsel erlebt, was eine Proto-Patiens-Eigenschaft ist. Auf solche Weise muss der Experiencer nach dem Argumentlinking-Prinzip als Objekt kodiert werden.

In ihrem Aufsatz The structure of argument structure (1990) entwickelt Grimshaw folgende Hierarchie der thematischen Rollen

Agens > Experiencer > Goal/Source/Location > Thema

Diese hierarchische Anordnung ermöglicht Verknüpfung zwischen thematischen Rollen und syntaktischen Positionen und erklärt, warum bestimmte Verbargumente mit entsprechenden syntaktischen Positionen verknüpft werden.

Laut dieser Theorie, wo Experiencer in der Hierarchie eine höhere Position als Thema einnimmt, müsste Experiencer immer Subjekt sein und Stimulus (oder Thema bei Grimshaw) ein Objekt. Satz 2b zeigt aber, dass bei psychologischen Verben der frighten-Klasse Experiencer in der Objektposition realisiert wird. Die Subjektposition ist aber vom Stimulus (Thema) besetzt.

Diese Eigenschaft der psychologischen Verben führt Grimshaw auf den Unterschied in der Ereignisstruktur zurück:

Experiencer-Stimulus-Verben sind ihrer Aktionsart nach Zustände und weisen eine einfache Ereignisstruktur auf. Der Experiencer, der sich in der Hierarchie höher befindet, als Stimulus, wird mit der Subjektposition verknüpft.

Stimulus-Experiencer-Verben sind Verben der Accomplishment-Klasse. Sie bezeichnen ein kausales Ereignis, das aus zwei Teilereignissen besteht, die mit einem CAUSE-Operator verbunden sind. Stimulus ist ein Argument aus dem ersten Teilereignis, Experiencer-Argument gehört zum zweiten Teil des Ereignisses.

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Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656883173
ISBN (Buch)
9783656883180
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287796
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
Ereignisstruktur Psychologische Verben Thematische Rollen

Autor

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Titel: Syntax und Semantik. Konstruktionsvarianz bei Gefühlsverben