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Mahatma Gandhi. Gewaltlose Revolution zur Unabhängigkeit Indiens 1947

Examensarbeit 2014 69 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biographischer Einstieg (1869 – 1893)

3 Südafrika – Ursprung von Satyagraha (1893 – 1915)

4 Aufstieg in Indien (1915 - 1919)
4.1 Ausgangslage in Indien nach Gandhis Rückkehr
4.2 Der Satyagraha-Ashram als Bewährungsprobe
4.3 Ende des Beobachtungsjahres – Einsatz für Bauern und Arbeiter

5 Aufbruch zum Widerstand (1919 – 1922)
5.1 Ziviler Ungehorsam als Reaktion auf die Rowlett Acts
5.2 Kampagne der Nichtzusammenarbeit

6 Die Botschaft des Spinnrades (1922 – 1928)

7 Im Einsatz für die symbolische Revolution (1928 – 1933)
7.1 Steuerverweigerungskampagne in Bardoli
7.2 Der Salzmarsch
7.3 Der Pakt mit dem Vizekönig

8 Im Dorf liegt die Kraft (1934 – 1939)

9 Die letzten Etappen bis zur Unabhängigkeit (1939 -1947)
9.1 Kampagne des Individuellen Satyagraha
9.2 „Quit India!“
9.3 Freude und Leid – Mit „geteilter“ Meinung in die Freiheit

10 Fazit und Ausblick

11 Fremdwörtver- und Abkürzungsverzeichnis

12 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„Künftige Generationen werden es kaum glauben, dass einer wie er jemals in Fleisch und Blut auf dieser Erde gewandelt ist“[1], huldigte Albert Einstein Mohandas Karamchand Gandhi. Vom indischen Volk wurde er als Mahatma[2] verehrt. Er war zweifelsohne eine der führenden Figuren des indischen Unabhängigkeitskampfes und wird häufig als Erlöser des indischen Volkes gesehen. Doch es waren nicht seine politischen Fähigkeiten oder Errungenschaften, die ihn zu dieser großen Persönlichkeiten machten. Er gab selbst zu, dass er auf diesem Gebiet nie über große Kenntnisse verfügte und musste dadurch immer wieder auch große Niederlagen einstecken. Vielmehr waren es seine reformerischen Methoden und seine große moralische Stärke, die ihn zu einer der bekanntesten Personen des 20. Jahrhunderts machten. Seine Methoden beruhten auf Gewaltlosigkeit, die für ihn kein politisches Mittel, sondern eine Lebenshaltung waren, durch die er aber trotzdem großen politischen Einfluss gewann.

In der folgenden Betrachtung soll zunächst ein kurzer biographischer Einstieg zur Person Gandhi mit anschließender Definition einiger Grundsätze seines Denkens und Handelns erfolgen, die er während seiner Zeit in Südafrika erprobte und die als Grundlage für den späteren Aufschwung der Unabhängigkeitsbewegung Indiens dienten. Diese soll ab dem Zeitpunkt von Gandhis Rückkehr nach Indien im Jahre 1915 bis zur Erlangung der Unabhängigkeit 1947 betrachtet werden. Als Orientierungspunkte dieser Darlegung sollen die verschiedenen Kampagnen Gandhis im Zuge der Freiheitsbewegung dienen, durch die er immer wieder Ratlosigkeit bei der britischen Besatzungsmacht auslöste und in denen er die erstaunliche Wirkung seiner Methoden zum Vorschein brachte. Doch neben der Fremdherrschaft, gab es für Gandhi noch weitaus mehr Missstände in Indien, die es zu beseitigen gab. Er setzte sich für die Einheit der verfeindet gegenüberstehenden Hindus und Muslime ein, für die Rechte der Unberührbaren und für die sozialen Nöte seines Volkes. Dabei soll die Frage geklärt werden, wie groß letztendlich der Anteil Gandhis für die Loslösung der langjährigen Kolonialherrschaft der Briten wirklich war und wie viel von dem, was Gandhi persönlich im Zuge dessen erreichen wollte, sich schließlich realisieren ließ. Über Allem stand für Gandhi die Idee der Gewaltlosigkeit, die eine Grundlage für sein sämtliches Denken und Handeln darstellte. Demzufolge versuchte er diese auch auf den Unabhängigkeitskampf zu übertragen. Doch welche Wirkung hatte diese utopisch klingende Idee der Gewaltlosigkeit, im Rahmen eines Befreiungskampfes? Und ließ sich derartiges in Anbetracht der vielen Missstände und resultierender Unzufriedenheit in der indischen Bevölkerung überhaupt realisieren? Diese Punkte sollen ebenfalls herausgestellt werden. Abschließend gilt es die Folgen der Unabhängigkeit Indiens genauer zu betrachten. Vor allem in Bezug auf die Frage, in welchen Bereichen die Loslösung der Inder aus der Kolonialherrschaft, über den Status der politischen Autonomie hinaus, letztendlich wirklich revolutionären Charakter aufwies.

Die Quellenlage zur Person Gandhi gestaltet sich äußerst umfangreich und ist durch eine unwahrscheinliche Vielfalt geprägt. Mit der Sammlung seiner Werke The Collected Works of Mahatma Gandhi (1958 – 1984) liegt eine äußerst umfangreiche Kollektion seiner Schriften vor. Diese besteht größtenteils aus Beiträgen seiner Zeitschriften Navajivan (1919 – 1931), Young India (1919 – 1932), Harijan (1933 - 1956), aus Briefen, öffentlichen Reden oder Beiträgen anderer Tageszeitungen. Außerdem beinhaltet sie auch Gandhis Werk Hind Swaraj (1909), indem er die Grundsätze seines Denkens niedergeschrieben hat. Die Sammlung setzt sich aus 90 Bänden zusammen, die sich insgesamt auf rund 450000 Seite erstrecken.[3] Eine nach inhaltlichen Themen strukturierte Sammlung von Gandhizitaten wurde von Prabhu und Rao (1967, Navajivan Publishing house) unter dem Titel The Mind of Mahatma Gandhi erstellt. Eine weitere wichtige Quelle stellt seine eigene Autobiographie An Autobiography or The Story of my Experiments with truth dar. Nach einer Gujarati-Version 1927 erschien die endgültige zweite und von Gandhi selbst durchgesehene englische Auflage 1940 im Navajivan Publishing House und ist seitdem, auch in Form deutscher Übersetzungen, oft nachgedruckt worden. Sie deckt seine Lebenszeit bis 1921 ab und gewährt einen sensiblen Eindruck der Gedanken Gandhis. Auch die Sekundärliteratur besticht durch eine große Vielfalt. Unzählige Autoren haben sich der Aufgabe gewidmet Gandhis bemerkenswertes Leben zu schildern. Als sehr ausführliche Biographie mit detaillierter Betrachtung der politischen Ereignisse in den einzelnen Lebensabschnitten Gandhis ist hier Dietmar Rothermunds Mahatma Gandhi. Der Gewaltlose Revolutionär (1989) zu erwähnen. Sie basiert größtenteils auf Auswertungen der Collected Works of Mahatma Gandhi und gewährt dadurch einen tiefen Einblick in sein Leben. Weiterhin ist Gandhi. Prophet der Gewaltlosigkeit von Louis Fischer (1983) zu nennen. Er war ein Zeitgenosse Gandhis und hat ihn für seine Biographie persönlich begleitet. Dadurch wird dem Leser ein sehr enger Kontakt zur Person Gandhi vermittelt und ermöglicht es diese durch viele Anekdoten näher kennenzulernen und besser zu verstehen.

Zur Verständlichkeit gilt es noch einige Hinweise für den Leser zu machen. Die Schreibweise der indischen Wörter richtet sich nach der gegenwärtig in Indien gültigen Umschrift in englischer Sprache (z. B. Mumbai) statt nach der älteren englischen Umschrift (Bombay). Diese Schreibweise ist in jüngster Zeit korrigiert worden, da sie auf Hörfehlern und Vereinfachungen beruhte. Der korrigierten neuen Version ist jeweils bei der ersten Nennung, im Falle einer Veränderung des Wortes im Zuge der Reform, die ältere Schreibweise in Klammern angefügt.[4]

2 Biographischer Einstieg (1869 – 1893)

Mohandas Karamchand Gandhi (1869 – 1948) wurde am 2. Oktober 1869 in dem kleinen Fürstenstaat Porpandar, auf der Halbinsel Kathiawar an der Westküste Indiens, in Gujarat geboren. Sein Vater Karamchand Gandhi nahm dort, wie auch bereits seine Vorfahren, das Amt des Premierminister des Fürsten ein. Er hatte zwar keine reguläre Schulausbildung, war jedoch ein aufrechter und ehrlicher Mann, der seine Arbeit durch große Erfahrung gewissenhaft erledigen konnte. Als er später in Rajkot die Position eines Richters einnahm, bewunderte Gandhi besonders seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Dadurch, dass sein Vater ein einflussreicher Mann war, konnte Gandhi in wohlhabenden Verhältnissen aufwachsen.[5] Seine Familie gehörte der Bania-Kaste (Kaufleute) an, die sich zu den Vaishyas, der hierarchisch dritten der vier klassischen Varnas (Kasten), der indischen Kastenordnung einordnen ließ. Gandhis Mutter Putlibai war eine fromme Frau, die viele Gelübde ablegte, in Form von Fasten oder anderen religiösen Praktiken und nie begann zu essen, bevor sie ein Gebet abgelegt hatte. Er bewunderte ihre große Disziplin. Die religiösen Einflüsse der Eltern erfuhr Gandhi in Form des im Gujarat vorherrschenden Vaishnavismus. Bei dieser Form des Hinduismus wird Vishnu, der für hingebungsvolle Andacht, Gebet sowie Frömmigkeit steht, als höchster Gott angesehen. Zusätzlich prägte ihn die alte Form des Janismus, bei der Geist und Materien miteinander verbunden sind. Ein wichtiger Grundsatz des Janismus ist die Gewaltlosigkeit (ahimsa) gegenüber allen Lebewesen.. Die Ansichten dieser Religionen und die Prägung derer durch seine Mutter sollten Gandhi auf seinem späteren Weg immer wieder begleiten. Besonders das Ablegen von Gelübden, das Fasten und die Gewaltlosigkeit sollten zu fest verankerten Bestandteilen seines Lebens werden. Allerdings herrschte im Hause Gandhi schon früh große religiöse Toleranz, da sie oft Vertreter anderer Religionen zu Gast hatte. Auch dies schien Gandhi in seinem Einsatz für die Rechte der Unberührbaren, mit denen der Kontakt als Hindu eigentlich verboten ist, oder der Hindu-Muslim Einheit sehr zu beeinflussen.[6]

Gandhi, der schon zu Schulzeiten mit der englischen Sprache zu kämpfen hatte, war ein mittelmäßiger Schüler. Später behauptete er, dass er Fächer wie Mathematik in seiner Muttersprache sicherlich rascher verstanden hätte. Er besuchte eine Schule in Rajkot, wohin er im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie gezogen war. Als jüngster im Bunde war Gandhi ein eher schüchternes und zurückhaltendes Kind, wovon jedoch im späteren Kampf für sein Heimatland Indien und auch bereits in seinem Südafrikaeinsatz nicht mehr das Geringste zu spüren war. 1882 wurde er im Alter von 13 Jahren mit der gleichaltrigen Katsurba verheiratet. Später kritisierte er die Kinderheirat und sah keinerlei moralische Begründung darin. Gandhi versuchte früh die Rolle des strengen hinduistischen Ehemanns einzunehmen, machte ihr Vorschriften und kontrollierte sie. Trotz einiger Auseinandersetzungen und anfänglichen Sträubens Katsurbas, blieb sie Gandhi stets eine treue Begleiterin. Als Frau stand Katsurba in der indischen Rangfolge eigentlich an letzter Stelle, jedoch hatte sie das Glück, von Gandhis Familie stets gut behandelt zu werden. Gandhi und Katsurba vervollständigten ihre Familie im Laufe der Jahre durch vier gemeinsame Söhne.[7]

Die politische Lage Indiens kennzeichnete sich Ende des 19. Jahrhunderts durch eine britische Herrschaft über rund zwei Drittel des indischen Kontinents. Bis 1857 wurde die indische Kolonie noch von der East India Company, einer ehemaligen Handelsgesellschaft, regiert. Nach einem Aufstand einer aufgebrachten Menge indischer Soldaten, übernahm der britische Staat jedoch selbst die Regierung und sandte alle fünf Jahre einen Vizekönig als Oberhaupt nach Kolkata (Kalkutta). Im Zuge der Machtübernahme wurde Indien maßgeblich durch die britische Regierung geprägt. Gandhi bekam in seinen jungen Jahren von alledem noch nicht viel mit, da er in Gujarat aufwuchs, das nicht primär unter britischer Herrschaft stand, sondern zu dem Gebiet gehörte, das unter britischer Aufsicht von einheimischen Fürsten regiert wurde.[8]

Trotz dieser Distanz zum britischen Indien zog es den jungen Gandhi 1988 zum Jurastudium nach London. Seine Familie stand hinter ihm und wollte, dass er in die Fußstapfen des einige Jahre zuvor verstorbenen Vaters tritt. Gandhi musste zu diesem Zeitpunkt auch seine eigene kleine Familie, mit Katsurba und seinem jüngsten Sohn Marilal, zurücklassen. Diese wurde in Gandhis Großfamilie in Indien jedoch wohl behütet. Aus Angst der junge Gandhi könne den unmoralischen westlichen Einflüssen zum Opfer werden, ließ ihn seine Mutter ein Gelübde ablegen, dass er auf Fleisch, Alkohol und Frauen verzichten werde. Trotz anfänglicher Sprachschwierigkeiten und Unwohlbefinden in London, versuchte sich Gandhi schnell an die klassenbewusste britische Gesellschaft zu gewöhnen. Er strebte danach das Bild eines englischen „Gentleman“ zu erfüllen. Dies spiegelte sich nicht nur in seinem Verhalten, sondern ebenfalls in seinem Kleidungsstil wider, den er, wie in Abbildung 1 zu erkennen, auch noch einige Zeit beibehielt. Sowohl seine charakterlichen Züge als auch sein äußeres Erscheinungsbild sollten jedoch im Verlauf seines Lebens einen starken Wandel durchlaufen. Rückblickend bezeichnet er diese Bemühungen in seiner Autobiographie als „Periode der Narrheit“[9]. Nach drei Jahren gewissenhaften Studiums, hatte Gandhi sein Examen erfolgreich bestanden. Zusätzlich hatte er durch die Vegetarische Gesellschaft, der er sich während seines Studiums anschloss, als Schriftführer erste Erfahrungen in organisatorischen und journalistischen Bereichen sammeln können. Nach dem Studium, kehrte Gandhi nach Indien zurück und übernahm ab 1891 eine eigene Anwaltspraxis in Mumbai.[10] Da dies, unter der anhaltenden Schüchternheit Gandhis, jedoch wenig erfolgreich verlief, kam ihm 1893 das Gesuch einer Handelsfirma aus Gujarat für einen Rechtsbeistand in Südafrika gerade recht. Gandhi erklärt sich bald darauf bereit, für einen größeren Streitfall dorthin zu reisen. In Südafrika sollten ihm seine ersten beruflichen Erfolge gelingen und auch darüber hinaus eine sehr prägende Zeit bevorstehen. Wieder ließ er seine Frau und mittlerweile zwei Kinder in Indien zurück, plante jedoch dieses Mal lediglich mit einem einjährigen Aufenthalt.[11]

3 Südafrika – Ursprung von Satyagraha (1893 – 1915)

Gandhis Aufenthalt in Südafrika sollte sich länger gestalten als ursprünglich geplant. Insgesamt verbrachte er dort 22 Jahre seines Lebens und kämpfte für die Rechte der unterdrückten indischen Minderheit. Er kam 1893 als Kuli[12] -Anwalt, wie ihn die Briten dort nannten, nach Südafrika und sollte bei der Rückkehr in sein Heimatland 1915 als Mahatma gefeiert werden. Ausgelöst wurde sein Kampf gegen die Rassendiskriminierung, als er diese, auf dem Weg nach Südafrika, am eigenen Leib erfahren musste. Trotz gültigen Tickets, wurde Gandhi aufgrund seiner Hautfarbe von den Zugbeamten auf entwürdigende Art und Weise aus dem 1. Klasse Abteil geworfen und sollte anschließend in den Gepäckwagen steigen.[13] Seine diesbezüglich anschließende erste öffentliche Rede, vor einer eigens einberufenen Versammlung für alle ansässigen Inder in Pretoria, stellte den Startpunkt für seinen lebenslangen Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht dar. Während seiner zahlreichen Kampagnen für die Rechte der indischen Minderheit in Südafrika vollzog sich ein entscheidender Sinneswandel in Gandhis Denken.[14] Die wichtigsten Gedanken sollen im Folgenden näher erläutert werden, da sie die Grundlage für seine späteren Methoden im Unabhängigkeitskampf Indiens darstellen.

Der übergeordnete Begriff, der Gandhis Denken ab seiner Südafrikazeit bestimmte war s atyagraha. Dieser von Gandhi eigens neugeschöpfte Begriff bedeutet wörtlich Festhalten (g raha) an der Wahrheit (s atya). Bevor man an dieser Wahrheit festhalten konnte, musste man nach ihr suchen, was gleichzeitig ein Grundprinzip allen Lebens darstellt. Gandhi sieht in der Wahrheit Gott, sodass es auch als eine Suche nach Gott gesehen werden kann. Interpretieren lässt sich dieser Denkansatz wie ein Suchen nach Moral oder dem eigenen Gewissen, was bei Gandhi Gott darstellte, das einen lebenslangen Prozess mit sich zieht. Das Finden dieser Wahrheit lässt sich nur durch selbstloses Streben nach Gewaltfreiheit (a himsa) und ein hohes Maß an Selbstkontrolle von Körper und Geist (brahmacarya), was sexuelle Enthaltung bedeutet, realisieren. Das selbstlose Handeln bildet bei Gandhi die Grundlage für eine moralische und wahrhaftige Lebensweise. Zusammenfassend lassen sich die Grundlagen für satyagraha in Gewaltfreiheit, Gottessuche und Selbstkontrolle.[15]

Gandhi benutzte satyagraha in Südafrika, um gegen die Regierung für die Rechte der unterdrückten Inder zu kämpfen. Die dafür gewählten Formen des gewaltlosen Widerstands[16] äußerten sich in Streiks, Boykotts, Nichtzusammenarbeit, oder in gewaltlosem zivilen Ungehorsam. All diese Formen fanden auch später in Indien ihre Anwendung. Allerdings ist satyagraha als reine politische Strategie wirkungslos. Menschen müssen es verinnerlichen und danach leben, da ihr Geist sonst nicht frei von Hass ist. Gleichzeitig ist der Erfolg von satyagraha und die Erlösung des Einzelnen (moksha) an das soziale Engagement und Wohlergehen Aller gebunden. Demzufolge können Gruppenbewegung satyagraha nur erfolgreich umsetzen, wenn jedes einzelne Mitglied dessen Botschaft verinnerlicht hat. Damit dies Gewährleistet war, gründete Gandhi in Südafrika für sich und seine Anhänger die Phoenix-Farm, auf der sie nach den Satyagraha-Grundsätzen lebten.[17]

Das übergeordnete Ziel stellt bei Gandhi swaraj (Selbstregierung, Freiheit). Dieser Begriff hatte für ihn jedoch eine Doppelbedeutung. Er interpretierte es nicht nur als reine Selbstregierung im Sinne der Unabhängigkeit seines Landes, sondern zusätzlich als Selbstbeherrschung. Damit meinte er die Kontrolle, jedes einzelnen über seinen eigenen Geist. Dies sah er als fundamentale Basis für die Bedeutung der letztendlichen Selbstregierung. Dafür bildete swadeshi, die Hinwendung zu einheimischen Produkten eine Grundlage.[18]

All seine Gedanken, die er sich in Südafrika aneignete, schrieb er 1909 in dem Werk Hind Swaraj (indische Freiheit) nieder. Dies stellt eine idealistische Version der indischen Kultur dar, die in einem starken Kontrast zum modernen Westen steht.[19] Die Abbildung 2 soll zusammenfassend einen Überblick zu den einzelnen Begriffen Gandhis‘ Denkweisen geben.

4 Aufstieg in Indien (1915 - 1919)

„Es ist die bestmögliche Lösung, wenn Gandhi in sein Heimatland zurückkehrt.“[20] Mit diesen Worten äußerte der Indienminister Robert Crewe-Milnes 1914 in einem Schreiben an den damaligen Vizekönig Indiens Charles Hardinge seine Meinung zur Person Gandhi, kurz bevor dieser beschloss, Südafrika zu verlassen. Diese Formulierung lässt sich schnell als Euphorie über Gandhis Errungenschaften und den Wunsch nach vergleichbaren zukünftigen Aktionen in Indien deuten. Doch während die Inder Gandhi zum Abschied feierten, waren Crewe, so wie die gesamte südafrikanische Regierung, lediglich erleichtert, den unberechenbaren und hartnäckigen Gandhi loszuwerden. Gleichzeitig unterschätzte die britische Regierung in Indien den kleinen Mann zu diesem Zeitpunkt noch und sah ihn nicht als einflussreiche öffentliche oder politische Figur in seinem Heimatland.[21]

4.1 Ausgangslage in Indien nach Gandhis Rückkehr

Im Januar 1915 kehrte Gandhi nach Indien zurück und wurde überall herzlich empfangen. Unter den Kriegsnotstandsgesetzen, aufgrund des wenige Monate zuvor ausgebrochenen 1. Weltkrieges, gab es auf politischer Ebene zum damaligen Zeitpunkt wenig Handlungsspielraum.[22] Seit die Briten 1911 durch die Modifikation der Teilung Bengalens den Extremisten Einhalt bieten konnten und die Hauptstadt vom aufrührerischen Kolkata nach Delhi verlegten, beruhigte sich die Lage Indiens ohnehin schon. Gandhi sollte die Anfangszeit, auf Anraten seines Mentors Gopal Krishna Gokhale (1866–1915), nutzen, um durch Indien zu reisen und sich ein Bild von der Situation in seinem Land zu machen. Er hatte Gokhale, als er diesen nach seiner Ankunft in Pune (Poona) besuchte, versprochen, zunächst ein Jahr lang keine öffentlichen Reden zu halten oder politische Stellungnahmen abzugeben. Jedoch wollte Gokhale, dass Gandhi seiner Unabhängigkeitsbewegung „Servants of India Society“ beitritt. Einige Mitglieder dieser Reformgruppe waren allerdings dagegen, da sie Gandhi als zu radikal empfanden. Als Gokhale dann kurz darauf im Februar 1915 verstarb, schloss sich dieses Kapitel jedoch endgültig.[23] Gandhi lernte den führenden liberalen Nationalisten und frühen Begründer der indischen Unabhängigkeitsbewegung bei Indienbesuchen während seiner Zeit in Südafrika kennen und schätzen. Erstmalig trafen sie sich 1901 bei Gandhis Besuch des Indischen Nationalkongresses[24], nach welchem er Gokhale einen Monat lang begleiten durfte und viele namenhafte Politiker kennenlernte. In der Folgezeit wurde er einer der wichtigsten Mentoren Gandhis. Gleichzeitig bewunderte Gokhale Gandhis Einsatz für die Rechte der unterdrückten Inder in Südafrika und unterstützte ihn diesbezüglich.[25] Kurz vor Gandhis Besuch bei Gokhale in Pune, benachrichtigte dieser ihn, dass auch Lord Hardinge Gandhi zu sehen wünsche. Gandhi sah es als angemessen diesem Wunsch nachzukommen. Hardinge hatte die Bitte, dass Gandhi ihn, sobald er die Regierung angehende Schritte beabsichtige, zunächst besuchen komme. Gandhi erwiderte: „Dies Versprechen kann ich sehr leicht geben, denn es ist mein Grundsatz als Satyagrahi, den Standpunkt der Partei zu verstehen, mit der ich mich befassen will, und den Versuch zu machen, mich mit ihr zu verständigen, soweit das möglich ist.“[26] Für Gandhi war dies ein selbstverständlicher Grundsatz von satyagraha, an den er sich auch in Südafrika immer gehalten hatte und an den er sich auch in seiner Indienzeit stets halten sollte. Willingdon dankte ihm und betonte, dass er jederzeit zu ihm kommen könne.[27]

Das zunächst gemäßigte Bild Indiens im Jahr 1915 wurde auch durch die Zusammenarbeit der indischen Muslime mit dem hinduistisch geprägten Nationalkongress, der größten Partei Indiens, gewährleistet. Diese konnte durch den Führer der Muslim-Liga Mohammad Ali Jinnah vorangetrieben werden, der dem Kongress selbst seit einiger Zeit angehörte. Der Wunsch des liberalen Nationalisten war es, ein muslimischer Gokhale zu werden. Die zunehmende nationalistische Einstellung der indischen Muslime wurde auch durch die Tatsache beeinflusst, dass mit dem türkischen Kalifen ihr geistliches Oberhaupt zu den Kriegsgegnern der Briten gehörte. Zuvor stellten sie sich als Minderheit in der indischen Bevölkerung eher auf die Seite der britischen Kolonialherren. Es läge nahe, dass Gandhis und Jinnahs Verehrung für Gokhale die beiden Männer eigentlich hätte verbinden müssen, doch deren erste Begegnung stand unter keinem guten Stern. Sie trafen sich erstmalig auf einem, von Gujarati-Kaufleuten organisierten, Empfang Gandhis kurz nach dessen Ankunft in Indien. Die Kaufleute wollten, dass Jinnah, der ebenfalls Gujarati war, auf dieser Veranstaltung die Willkommensrede hält, da er das beste Englisch sprach. Während dieser, optimal vorbereitet, seine englische Ansprache vorführte, unterbrach Gandhi und bat ihn, Gujarati zu sprechen, da lediglich Gujaratis anwesend seien und es nicht notwendig wäre, auf Englisch vorzutragen. Gandhi, der zunächst einige Bedenken wegen des Einwandes hatte, schrieb dazu in seiner Biographie: „Tatsächlich konnte ich zu meiner Freude bemerken, dass anscheinend jedermann mit meinem Protest einverstanden war.“[28] Doch später gestand er, dass Jinnah ihn wohl fortan gehasst habe.[29] Dies sollte sich in der Folgezeit auch immer wieder bestätigen, sodass die erste Begegnung der beiden den Ausgangspunkt für ein anhaltendes Spannungsverhältnis während der gesamten Unabhängigkeitsbewegung Indiens in den Folgejahrzehnten darstellte.[30]

Auch der sonst so radikale Unabhängigkeitsverfechter Bal Gangadhar Tilak, der bis 1914 eine sechsjährige Zuchthausstrafe wegen aufrührerischer Schriften in Mandalay absitzen musste, gab sich zu dieser Zeit ungewohnt gemäßigt. Er hatte nämlich das Ziel, in den Nationalkongress zurückzukehren und musste sich daher zunächst etwas in Zurückhaltung üben. Unterstützung für sein Vorhaben fand er in der Theosophin Annie Besant, mit der er in der Folgezeit, auch bedingt durch den Tod Gokhales, zurück an die Spitze des Nationalkongresses gelangen sollte. Gandhi spielte indes in der politischen Szene Indiens noch keine Rolle, nahm jedoch an vielen politischen Veranstaltungen, wie den Konferenzen des Kongresses, als aktiver Beobachter teil.[31]

4.2 Der Satyagraha-Ashram als Bewährungsprobe

Während des politischen Stillstands in der Anfangszeit, galt es erst einmal eine Unterbringung für Gandhis Familie und Gefolgsleute der Phönix-Farm zu finden. Dort blieb von Gandhis Familie lediglich sein zweiter Sohn Manilal Gandhi zurück und gab weiterhin die Zeitung Indian Opinion heraus. Um die nach Indien eingekehrte Gefolgschaft kümmerte sich zunächst Gandhis Schüler und Vertrauter aus Südafrika Charles Freer Andrews, da Gandhi derweil selbst aufgrund des Kriegseinbruches in England festsaß und keinen geeigneten Ashram[32] in Indien kannte. Andrews brachte den Phönix-Trupp in einer von Rabindranath Tagore geleiteten ländlichen Modelluniversität in Shantiniketan unter, die ihnen ein vergleichbares Zusammenleben zur Phönix-Farm gewährleisten sollte. Sorge dafür trug Gandhis Großneffe Maganlal Gandhi, der auch bereits auf der Phönix-Farm als Gandhis ausführende Kraft gewissenhaft die Leitung übernahm.[33] Gandhis Freund Tagore war ein berühmter Dichter und wurde 1913 sogar mit dem Nobelpreis in Literatur ausgezeichnet. Er kannte ihn durch C. F. Andrews, weshalb sie auch schon zu Gandhis Zeit in Südafrika Kontakt hatten. Tagore und Gandhi bewunderten einander. Tagore war es auch der Gandhi den berühmten Beinamen Mahatma (Große Seele) verlieh. „Große Seele im Bauernkittel“[34], schrieb der Dichter, wodurch der Name zum lebenslangen Identifikationssymbol Gandhis werden sollte. Die Tatsache, dass Tagore bereits ein berühmter Mann war, hinderte den Reformer Gandhi nicht daran, das Leben der Professoren und Studenten Tagores an dessen Universität augenblicklich umzugestalten. Gandhi forderte sie auf, selbst in der Küche zu arbeiten, den Hof zu fegen, die Toiletten zu reinigen und andere körperliche Arbeiten zu verrichten. Tagore vertraute Gandhi und ließ ihn gewähren.[35] Er sagte diesbezüglich: „Der Versuch birgt den Schlüssel zu swaraj.“[36]

Da die Unterbringung bei Tagore lediglich eine Übergangslösung sein sollte, begründete Gandhi im Mai 1915 als eigenes Zuhause für sich und sein Gefolge in Kochrat den Satyagraha-Ashram. Kochrat lag nahe der Stadt Ahmedabad in Gandhis Heimat Gujarat, wodurch er auf finanzielle Unterstützung ansässiger befreundeter Kaufleute bauen konnte. Nachdem die von Gokhale versprochene finanzielle Unterstützung für den Ashram nach dessen Tod hinfällig wurde, war dies auch von Nöten. Der auf satyagraha beruhende Name, sollte gleichzeitig das Ziel der Bewohner zum Ausdruck bringen und Indien auf das Verfahren Aufmerksam machen.[37] Gandhi sah den Satyagraha-Ashram als heiligen Ort der Gemeinschaft an und wollte so auch in Indien umsetzen, was er bereits auf der Phönix-Farm praktiziert hatte. Daher empfand er den Namen als durchaus passend.[38] Die Bewohner des Ashrams mussten verschiedene Gelübde ablegen. Dazu zählten die Gelübde der Gewaltlosigkeit, der Wahrhaftigkeit, des Zölibats (Ehelosigkeit, sexuelle Enthaltung), der Kontrolle der Zunge (keine Milch, da diese, ebenso wie Fleisch, stimulierend wirke) und der Besitzlosigkeit.[39]

Bereits in der Anfangszeit sollte die Ashram-Gemeinde allerdings schon das erste Mal auf eine harte Bewährungsprobe gestellt werden. Ein weiterer wichtiger Grundsatz des Ashrams war es, auch die Aufnahme der Unberührbaren zu gewährleisten. Dies sorgte für einigen Gesprächsstoff unter den Bewohnern. Gandhi sah die Unterschiede zwischen hohen und niedrigen Schichten als Missstand und betonte, dass er die erste Gelegenheit nutzen würde, einen Unberührbaren aufzunehmen, wenn dieser gewillt ist, die Regeln des Ahrams zu befolgen. Wenige Monate später sollte dies bereits der Fall sein. Durch den Wunsch auf Zulassung einer Familie von Unberührbaren, wurde der Ashram auf seine erste Bewährungsprobe gestellt. Die Familie musste durch Außenstehende Beschimpfungen über sich ergehen lassen Gandhi riet ihnen jedoch, diese, ganz nach seinen Prinzipien des passiven Widerstandes, zu ignorieren. Dies zeigte auch seine Wirkung, sodass sich die Verursacher nach einiger Zeit schämten und die Belästigungen einstellten. Darüber hinaus entstanden finanzielle Nöte, da einige Unterstützer ihre Hilfeleistungen unterließen. Diese glaubten bei der Begründung der Einrichtung zunächst nicht daran, dass sich Unberührbare finden würden, welche die Bedingungen des Ashrams erfüllen könnten. „Wir sind mit unseren Mitteln am Ende. Für den nächsten Monat ist nichts mehr da“, äußerte Malangal Gandhi nach einiger Zeit den Ernst der Lage, Gandhi stellte jedoch klar: „dann ziehen wir in das Viertel der Unberührbaren.“[40] Gleichzeitig machten sich Gerüchte über einen sozialen Boykott breit. Gandhi ließ sich allerdings durch die auftretenden Schwierigkeiten nicht aus der Ruhe bringen und wollte sich dem öffentlichen Druck nicht beugen. Er war sicher, dass Gott, wie zuvor auch immer, im letzten Moment Hilfe senden würde. So geschah es dann tatsächlich. Durch eine anonyme finanzielle Unterstützung eines ansässigen Textilfabrikinhabers konnte der Ashram überleben. Gandhi kannte den Spender nicht und meinte ihn lediglich einmal gesehen zu haben. Dieser aber verhalf der Ashramgemeinde ein ganzes Jahr lang finanziell abgesichert zu sein. Jedoch gab es andere Probleme, die Gandhi weitaus mehr beunruhigten als die vorangegangenen finanziellen Nöte. Auch innerhalb des Ashrams machte sich Unruhe breit. Gandhi bemerkte, dass einigen Frauen, darunter auch seine Ehefrau Katsurba, die Anwesenheit der Unberührbaren missfiel. Dies verursachte teilweise heftige Konflikte. Gandhi bezeichnete diese als „Sturm im Inneren“ und betonte wie unerträglich diese für ihn waren.[41] Auch Maganlal war mit der Situation unzufrieden. Er und Gandhis eigene Frau drohten, zu gehen.[42] Gandhi gelang es letzten Endes die überhitzten Gemüter zu besänftigen. Er wäre sogar bereit gewesen, sich von seiner Frau zu trennen, wenn diese auf ihrem Widerstand beharrt hätte.[43]

1917 wurde der Ashram nach Sabarmati, gegenüber von Ahmedabad am Sarbamati Fluss, verlegt. Grund dafür war ein Pestausbruch in einem naheliegenden Dorf. Auf dem neuen Grundstück des Ahrams gab es zwar weder Gebäude noch Bäume, jedoch empfand Gandhi die Lage durch ihre Abgeschlossenheit und Nähe zum Flussufer als optimal. Anfänglich nur aus Zelten und einer kleinen Hütte mit Küche bestehend, wuchs der Ashram nach und nach. Als die schwierige Startphase überwunden war, fasste der Ashram mittlerweile 40 Bewohner.[44] Er bestand später aus einer Reihe von niedrigen weißen Hütten, umgeben von schattenspendenden Bäumen. Gandhis Zimmer war sehr klein, ähnlich wie eine Zelle, mit einem Fenster, an dem frühere Bewohner Eisenstangen angebracht hatten. Hier lebte er, ausgenommen seiner Gefängnisaufenthalte, sechzehn Jahre lang. Für Gandhi war der Ashram ein wichtiger spiritueller Rückzugsort und dadurch Grundlage vieler wichtiger Entscheidungen bezüglich des Unabhängigkeitskampfes seines Landes. Auch einige weitere führende Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung begannen ihre Laufbahn im Satyagraha-Ashram. Aus den anfangs 40 Bewohnern wurden später mehr als 200. Der Ashram wurde folglich zu einem zentralen Punkt der Unabhängigkeitsbewegung. In friedlichem Einklang pflanzten die Bewohner Obstbäume, sponnen, webten, bauten Getreide an, beteten, studierten und unterrichteten im Umland. Gandhibiograph Louis Fischer besuchte den Ashram 1948, 15 Jahre nach Gandhis Auszug, und beschreibt, dass die damalige Atmosphäre immer noch durch einen „Hauch von Frieden und Beschaulichkeit“[45] bestimmt war.

Die Gründung des Satyagraha-Ashrams spielt in Gandhis Leben eine bedeutende Rolle und kann als Grundlage seines späteren sowohl politischen als öffentlichen Handelns gesehen werden. Dieses war geprägt durch die Leitgedanken und ethischen Regeln der Ashram-Gemeinschaft. „Sein politisches Handeln wächst aus dem Ashram heraus, es ist eine ‚Ashram-Politik‘ von universaler Größe.“[46]

4.3 Ende des Beobachtungsjahres – Einsatz für Bauern und Arbeiter

Nach Ablauf Gandhis ersten Jahres der Zurückhaltung und Beobachtung, stand im Februar 1916 sein erster größerer öffentlicher Auftritt in Indien an. Er sollte bei der Eröffnung der Banaras Hindu University in Varanasi eine Rede halten, die anschließend für reichlich Furore sorgen sollte. Neben dem britischen Vizekönig Lorde Hardinge, vielen hohen Beamten und Maharajas[47], war ebenfalls Annie Besant, die mittlerweile zu einer berühmten und einflussreichen Persönlichkeit in Indien aufgestiegen war, anwesend. Sie gründete auch 1916 in Chennai (Madras) eine eigene Home Rule League nach irischem Vorbild. Dort tauchte die gleichnamige Vereinigung im Freiheitskampf Irlands erstmalig auf, um sich für die Autonomie des Landes einzusetzen. Bereits ein paar Monate zuvor hatte auch Tilak eine Home Rule League gründet, sodass er mit Besant in Zusammenarbeit stand, um über zwei Pfeiler größeren Einfluss auf den Nationalkongress zu gewinnen.[48] Eigentlich galt Besant ebenfalls als recht radikal, doch selbst sie war durch Gandhis Eröffnungsrede regelrecht schockiert. Dieser äußerte seinen Unmut über den Zwang zur englischen Sprache, beschimpfte den Schmutz auf Indiens Straßen und forderte die Maharajas auf, ihre Juwelen zum Wohl des Volkes abzulegen.[49] Darüber hinaus bezeichnete er sich als eine Art Anarchisten und bekundete sogar Verständnis für indische Terroristen. Er riet ihnen, lediglich von der Gewalt abzusehen und sich dem gewaltfreien Widerstand zu widmen. Bevor er seine Ausführungen zum indischen Terrorismus fortführen konnte, unterbrach ihn Besant vor Empörung. Als Gandhi daraufhin, mit Einverständnis des Vorsitzenden, dennoch weitersprach, verließ Besant gefolgt von zahlreichen Maharajas den Saal. Gandhi hatte dadurch, nach Jinnah, sein Verhältnis zu der nächsten führenden politischen Persönlichkeit belastet und für landesweite Pressemeldungen über diesen Vorfall gesorgt.[50]

Gandhi stand der Home Rule League eher distanziert gegenüber, da er die propagandistische Art Tilaks und Besants in dieser Sache für zu oberflächlich hielt. Außerdem sah er es als ungünstig an, den Briten während des Krieges Forderungen zu stellen. Seiner Meinung nach könne indischen Forderungen, aus vorangegangener Zurückhaltung, nach Kriegsende deutlich mehr Nachdruck verliehen werden. Allerdings beteiligte er sich weiterhin an Aktivitäten des Nationalkongresses. So war er auch auf der Jahresversammlung des Kongresses im Dezember 1916 in Lucknow, auf der Tilak und Jinnah den Lucknow-Pakt besiegelten, zu gegen. Dieses Abkommen zwischen Nationalkongress und Muslim-Liga räumte den Muslims in Indien, durch ein Hindu-Muslim-Proporz, bei weiteren Verfassungsreformen, ein insgesamt größeres politisches Gewicht ein.[51]

An dem Abkommen war Gandhi zwar nicht beteiligt, jedoch war diese Versammlung für ihn der Ursprung einer von drei lokalen Kampagnen in Indien unter Anwendung von Satyagraha, mit denen er endgültig landesweites Aufsehen erregen sollte. Ein Bauer aus Bihar, aus dem Bezirk Champaran am Fuße des Himalaya Nahe Nepals, kam während der Sitzung des Kongresses auf ihn zu und bat ihn, eine Resolution zugunsten der Indigo-Bauern seiner Heimat vorzulegen. Dem konnte Gandhi nicht nachkommen, da er keinerlei Kenntnisse von den Problemen der Bauern hatte, versprach jedoch, nach Champaran zu reisen, um sich ein Bild von der Lage zu verschaffen. Nach hartnäckigem Bitten des Bauern in den folgenden Wochen, dass Gandhi sich möglichst bald auf den Weg machen solle, reiste er im April 1917 nach Champaran. Begleitet von ein paar örtlichen Juristen und Kaufleuten sowie Bauern als Übersetzer, zog er durch die Provinz.[52] Wie in vielen Gebieten des östlichen Indiens, gab es auch im Bezirk Champaran sehr eigentümliche Besitzverhältnisse. Diese beruhten auf der immer noch geltenden permanenten Grundsteuerveranlagung aus dem Jahr 1793. Diese festgelegte und im Laufe der Zeit an Gewicht verlierende Grundsteuer, die durch die Großgrundbesitzer erhoben wurde, ermöglichte ein System mehrfacher Unterverpachtung. Dadurch erwarben viele britische Pflanzer in Champaran Land für eine geringfügige Pacht und nutzten ihre Unterpächter, in Form der Indigo-Bauern, mit skrupellosen Forderungen aus. Diese beliefen sich gar nicht primär auf die Pachtzahlungen, sondern eher auf den Anbau des Indigo, das die Bauern den britischen Pflanzern enorm billig überlassen mussten. Der Indigoanbau war nämlich durch die abgeschnittenen Handelsströme während des Krieges wieder äußerst lohnenswert, jedoch beteiligten die Pflanzer die Bauern nicht an ihren Gewinnen.[53] Wie es Gandhis Idealen entsprach, begab er sich zur Gegenpartei und sammelte gründlich Beweise, um die Behörden zur Einwilligung eines Untersuchungsausschusses zu bewegen. Hier kam es das erste Mal zum Einsatz eines passiven Widerstandes Gandhis in Indien. Während der beginnenden Untersuchungen Gandhis und seiner Mitarbeiter, wurde er verhaftet und sollte aus dem Bezirk ausgewiesen werden, weigerte sich jedoch, auf seine typisch hartnäckige Art, dies zu tun. Als er daraufhin vor das Bezirksgericht kam und ihm das Angebot einer Freilassung gegen Kaution gemacht wurde, weigerte er sich erneut, zu zahlen. Anschließend ließ ihn der hilflose Richter auch ohne Kaution frei, was die Bauern bereits als großen Sieg feierten. Mit Fortführung seiner Untersuchungen gelang es dann, eine Reduktion der Pachtsätze und somit die Abschaffung des Zwangsanbaus zu erzielen. Gandhi erlang großen Ruhm durch seinen Einsatz für die Bauern und gleichzeitig noch vorzügliche Mitarbeiter für seinen weiteren politischen Weg. Unter ihnen auch der junge Sekretär Mahadev Desai, den er aus Gujarat mitgebracht hatte. Desai sollte Gandhi bis zu seinem Tod 1942 zur Seite stehen und zwar nicht nur als Sekretär, sondern auch als engster Berater. Einen weiteren engen Mitarbeiter gewann Gandhi mit dem Rechtsanwalt Dr. Rajendra Prasad, der später erster Staatspräsident Indiens werden sollte.[54] Dieser war auch Mitglied des Ausschusses renommierter Rechtsanwälte, den Gandhi organisierte, um weiteren überzogenen Forderungen der Pächter entgegenzuwirken.[55]

[...]


[1] Zitiert nach Arp, S. 7.

[2] Wörtlich: Große Seele (maha atman). Gandhi, Mohandas K. (Hrsg.): Eine Autobiographie oder die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. 5., unveränderte Auflage. Gladenbach/Hessen 1991, S.103.

[3] Rothermund, Dietmar: Dietmar: Mahatma Gandhi. Der Revolutionär der Gewaltlosigkeit eine politische Biographie. München 1989, S. 13.

[4] Rothermund, Dietmar: Gandhi. Der gewaltlose Revolutionär. 2. durchgesehene Auflage. München 2011, S. 6.

[5] Rothermund 2011, S. 11.

[6] Arp, Susmita: Gandhi. Reinbek bei Hamburg 2007 (Rowohlts Monographien, 50662), S. 11 ff.

[7] Rothermund 2011, S. 12 f.

[8] Arp, S. 14.

[9] Gandhi 1991, S. 56.

[10] Rothermund 2011, S. 13 ff.

[11] Gandhi, Mohandas Karamchand: Mahatma Gandhi. Freiheit ohne Gewalt. Eingel., übers. und hrsg. v. Klaus Klostermeier. Köln 1968, S. 16.

[12] Bezeichnung für einen unterbezahlten indischen Tagelöhner, vgl. Becke, Andreas: Gandhi zur Einführung. Hamburg 1999 (Zur Einführung, 210), S. 47 f.

[13] Vgl. Gandhi 1991, S. 107 ff.

[14] Vgl. Rothermund 1989, S. 58 – 79.

[15] Jürgenmeyer, Clemens: Satyagraha - Das Festhalten an der Wahrheit als Lebensform. Individuelle Heilssuche und gesellschaftliches Handeln bei M. K. Gandhi. Universität Heidelberg 1998, S. 12 ff.

[16] Vgl. Bläsi, Burkhard: Gewaltfreier Widerstand. In: Gert Sommer (Hrsg.): Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Weinheim 2004, S. 416 ff.

[17] Jürgenmeyer, S. 15.

[18] Heredia, Rudolf C.: Interpreting Gandhi's Hind Swaraj. In: Economic and political weekly : a Sameeksha Trust publ 34 (24) 1999, S. 1498 f.

[19] Ebenda, S. 1498.

[20] Zitiert nach Brown, Judith M.: Gandhi. Prisoner of hope. New Haven 1989, S. 72.

[21] Brown, S. 72 f.

[22] Rothermund 2011, S. 33.

[23] Arp, S. 60.

[24] Im Folgenden häufig als Kongress abgekürzt, gemeint ist immer der Indische Nationalkongress.

[25] Arp, S. 40 f.

[26] Zitiert nach Gandhi 1991, S. 315.

[27] Ebenda.

[28] Gandhi 1991, S. 314.

[29] Rothermund 1989, S. 84.

[30] Rothermund 2011, S. 39 f.

[31] Rothermund 1989, S. 83 f.

[32] Nach indischer Tradition eine Bezeichnung für den Aufenthaltsort eines Heiligen, der dort als Erimit lebt oder aber auch Schüler in seine Lebensgemeinschaft aufnimmt. Rothermund 2011, S. 33.

[33] Andrews, Charles F. & Gandhi, Mahatma (Hrsg.): Mein Leben. Unter Mitarbeit von Hans Reisiger. Frankfurt a.M. 1983 (Suhrkamp-Taschenbuch, 953), S. 179.

[34] Zitiert nach Fischer, Louis: Gandhi. Prophet der Gewaltlosigkeit. Deutsche Erstausgabe, 6. Auflage. München 1983 (Heyne-Biographien, 12/109), S. 66.

[35] Ebenda, S. 66 f.

[36] Zitiert nach Andrews, S. 181.

[37] Gandhi 1991, S. 331 f.

[38] Rothermund 2011, S. 33.

[39] Schrenk-Notzing, Caspar v.: Hundert Jahre Indien. Die politische Entwicklung 1857-1960. Eine Einführung. Stuttgart 1961, S. 67 f.

[40] Zitiert nach Gandhi 1991, S. 334.

[41] Gandhi 1991, S. 335.

[42] Arp, S. 62.

[43] Rothermund 1989, S. 86.

[44] Gandhi 1991, S. 358 ff.

[45] Fischer, S. 72 f.

[46] Mühlmann, Wilhelm Emil: Mahatma Gandhi. Der Mann, sein Werk und seine Wirkung. Eine Untersuchung zur Religionssoziologie und politischen Ethik. Tübingen 1950, S. 298.

[47] Indische Großkönige, Oberhäupter der indischen Fürstenstaaten zur Zeit der Kolonialherrschaft der Briten. Gandhi 1991, S. 450.

[48] Rothermund 1989, S. 89.

[49] Arp, S. 63.

[50] Rothermund 2011, S. 35 f.

[51] Rothermund 1989, S. 90 f.

[52] Arp, S. 63.

[53] Rothermund 2011, S. 37 ff.

[54] Arp, S. 63 f.

[55] Fischer, S. 78.

Details

Seiten
69
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656880462
ISBN (Buch)
9783656880479
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287687
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1,5
Schlagworte
Indien Unabhängigkeit Gandhi Revolution Gewaltlosigkeit

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Titel: Mahatma Gandhi. Gewaltlose Revolution zur Unabhängigkeit Indiens 1947