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Von der Bedeutung Indiens in der Literatur. "Der Jüngere Titurel" von Albrecht von Scharfenberg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Sehnsucht nach Indien

2 Albrecht von Scharfenberg und Indien
2.1 Das Indienbild im „Jüngeren Titurel“
2.2 Woher nimmt Albrecht seine ‚Kenntnisse‘ über Indien?

3 Hermann Hesse und Indien

4 Indien als Projektion

Literatur

1 Sehnsucht nach Indien

Der „Jüngere Titurel“ ist um 1270 entstanden. Wahrscheinlich hat ihn Albrecht von Scharfenberg geschrieben. Albrecht, der wie alle seine Zeitgenossen selbst nie in Indien war, beschreibt im „Jüngeren Titurel“ ein Bild Indiens, das in sich geschlossen und räumlich vorstellbar wird. Niemand wusste wirklich etwas über Indien, dieses Land am Ende der Welt. Alle Informationen, die man zu Zeiten Albrechts hatte, entstammten dem literarisch-tradierten Bildungswissen und den lateinischen oder landessprachlichen Alexanderromanen.

Nicht nur gelehrte Geographen und Kartographen beschäftigten sich mit dem Sammeln und Ausphantasieren von Nachrichten und Gedankenbildern des fernen Orients, die Beschäftigung damit gehörte zum Zeitgeist und war ein prägendes Moment der poetischen Vorstellungswelten. Durch die Kreuzzüge des 12. Jahrhunderts war das Interesse am Orient geweckt worden. Das Scheitern der Kreuzzüge im 13. Jahrhundert zwang zum Nachdenken über die Vergleichbarkeit zwischen Ost und West, weil die Christianisierung im Orient nicht wie geplant verlaufen war. Die Erwartungen und Vorstellungen über den fernen Orient waren mit Ängsten, aber auch mit Hoffnungen verbunden. Auf den Mappae mundi, den Weltkarten des Hohen Mittelalters, ist der Orient fast durchweg die oberste und somit vornehmste Erdregion. Für den mittelalterlichen Menschen war Indien das Land, das an das Paradies grenzte.

Die Zeit, in der Albrecht den „Jüngeren Titurel“ schrieb, war geprägt vom Interregnum, von Kaiser und Gegenkaiser. Nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. entzündete sich der Streit zwischen Imperium und Sacerdotium. Das Reich drohte, durch die vereinzelten Machtansprüche der Fürsten zu zerfallen. Es war in zwei Lager gespalten, das eine war für die Gewaltenteilung, das andere für den Papstkaiser. Mit den politischen Wirren wuchs die Sorge um die jenseitige Glückseligkeit, es herrschte Endzeitstimmung.

Die Sehnsüchte der Menschen waren groß, die Kenntnisse gering, und der Phantasie waren beinahe keine Grenzen gesetzt. Albrecht bediente im „Jüngeren Titurel“ diese Sehnsüchte und bot zusätzlich eine Gesamtlösung der Probleme der mittelalterlichen christlichen Welt.

Die Arbeit soll zeigen, wie Albrecht es schafft, das Bild Indiens vorstellbar und erlebbar zu machen. Im ersten Teil der Arbeit wird veranschaulicht, wieso gerade Indien das Land der Verheißung war, und woher Albrecht seine ‚Kenntnisse’ hat. Albrechts „Jüngerer Titurel“ gilt als das schwierigste Erzählwerk des deutschen Mittelalters. Die Arbeit kann somit lediglich Vermutungen anstellen über die Bedeutung der einzelnen Zeilen und Strophen und über die Intentionen, die der Autor damit verband. Es werden folgende Strophen bearbeitet: 6046- 6081, 6122- 6154, 6279- 6308, 6327.

Im zweiten Teil wird Albrechts Indienbild dem Indienbild Hermann Hesses gegenüber gestellt, um zu veranschaulichen, dass die Vorstellung von Indien als Idealland nicht nur zu Albrechts Lebzeiten verbreitet war. Hesses Bild von Indien im 20. Jahrhundert ist geprägt von den Romantikern und Hesses privatem Umfeld, wird von ihm aber entmythologisiert. Hesse bereist Indien, was weder Albrecht noch die Romantiker getan haben, und findet ein Indien vor, das ihn keineswegs nur begeistert.

2 Albrecht von Scharfenberg und Indien

2.1 Das Indienbild im „Jüngeren Titurel“

Albrecht von Scharfenberg will mit dem „Jüngeren Titurel“ keinen Abenteuerroman schreiben, sondern eine Pilgerreise beschreiben: Die Geschichte von den Gralsangehörigen, die den Gral in das Land seiner Bestimmung bringen, beziehungsweise sich von ihm dorthin führen lassen. Von Anfang an ist die Fahrt Titurels und der Gralsangehörigen keine Irrfahrt, sie ist eine Pilgerfahrt mit genauem Ziel. Die Reisenden erleben keine Abenteuer, es gibt keinerlei Hindernisse, weder Sturm noch Desorientierung.

Natürlich soll der „Jüngere Titurel“ auch unterhalten, aber er soll vor allem ein Ideal beschreiben, dem es nachzueifern gilt, und das die Sehnsüchte der Menschen wecken und erfüllen soll. Albrecht selbst bezeichnet den „Jüngeren Titurel“ als „ lere “. Er macht Indien zum Idealland, in dem die „besten Christen“ wohnen, beherrscht vom „besten Herrscher“, der der Gottesfürchtigste unter ihnen ist, erfüllt von reinem Glauben, ein lebendiger Heiliger.

(6144) Und Johan durch den reinen, den sich da Krist liez toufen.

Des heilikeitin einen lat vor manges heiligen wirde loufen,

daz nie wibes lip den man gebaere,

der Sant Johanne Baptiste an heilicheit, an wirdgeliche were.

Der bisherige Aufenthaltsort des Grals ist zu einem sündigen Ort geworden. Albrecht beschreibt diese Sündhaftigkeit, die Besorgnis der Gläubigen, die Endzeitstimmung und den Grund für den Auszug der Gralsgesellschaft mit dem Gral. Albrecht stellt das Entsetzen der Gralsangehörigen wegen der Zustände nicht nur in Salvaterre, sondern in ganz Europa in den Mittelpunkt und hebt sie dadurch klar von allen anderen Gläubigen ab.

(6046) Es wart diu Salvaterre alumb gemalvisinet

nahen unde verre mit nachgeburen, die der hohste pinet

mit rache sunder wol in helle fiure,

daz iz dem gral unwirde gab und al der diet vil ungehiure.

Die politischen Zustände beschreibt Albrecht ebenso, wenn er berichtet, dass nicht nur Laien, sondern auch Kleriker von der Ausbreitung der Sünden betroffen sind. Die „toufes nazzen“ verbreiten „irrecheit der triwen“- Verirrung oder sogar Irrlehren und zerstören die Wirkung der Taufe und der Weihung durch Betrug und durch ein Verdrehen der Wahrheit.[1]

(6047) Ez wart in Montsalien durch irricheit der triwen,

der sich do mange vrien kunden, daz bescheinden si mit riwen,

die des grales pflagen, swenn si horten,

daz die toufes nazzen touf und kresem mit valsch an in zestorten.

Die Gralsangehörigen werden als Hoffnungsträger gezeichnet, die versuchen, das sündige Verhalten der Ungläubigen durch Buße, Gebete und Fasten von sich fernzuhalten und für sie zu beten. Der Gral und die Gralsangehörigen werden als Helfer zur Erlösung der Menschheit betrachtet. Durch den Gral kommen die Befehle Gottes direkt zu ihnen, die seine Wünsche erfüllen sollen.[2]

(6048) Der kristen vil erblichen do was von mangen sunden

mit wandelbaren strichen. Swenn si daz bi dem grale horten kunden,

so liez ir triwe ir herzenie gerasten.

so vielen vor dem grale venje vil und buten mange vasten.

Die apokalyptischen Zustände in der Umgebung des Grals in Europa führen dazu, dass der Gral den letzten und endgültigen Ort seiner Bestimmung erreichen muss, und wo er bis zum Tag des Jüngsten Gerichts verbleiben soll (Swenn er nu kumt zu reste, al da er sol beliben, 6054).

(6052) Der gral indes wol gunde, wo sich ir selde merte.

doch wolt er langer stunde beliben niht, gen orient er kerte,

hie von der enge wolt er an die witen,

da sich die cristen merten, die des himels kund enpfinden zallen ziten.

[...]


[1] Thornton, Alison G., Weltgeschichte und Heilsgeschichte in Albrechts von Scharfenberg Jüngeren Titurel, Göppingen 1977, S.170.

[2] ebd., S.181, 182

Details

Seiten
16
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783656878506
ISBN (Buch)
9783656878513
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287586
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Germanistik
Note
2
Schlagworte
Indien Der Jüngere Titurel Albrecht von Scharfenberg

Autor

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