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Postmoderne Identitätskonstruktion und Identitätsstörung in Woody Allens "Zelig", "Deconstructing Harry" und "Melinda and Melinda"

Magisterarbeit 2013 80 Seiten

Amerikanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Postmoderne Identität, Identität in der Postmoderne
2.1 Identitätsvorstellungen von der Moderne zur Postmoderne
2.2 Postmoderne Umbruchserfahrungen und ihr Wirken auf die Identitätsarbeit

3 Being Leonard Zelig: Mediale Repräsentationen von Identität und Identitätsstörung in Zelig (1983)
3.1 Do the chameleon! - Zeligs Person und Zeligs Persönlichkeiten
3.2 Built through editing - Die Mockumentary als postmodernes Genre?
3.3 Community is watching you - Zelig auf der Suche nach einem Selbst
3.3.1 Zelig und Popkultur
3.3.2 Celebrities
3.3.3 Ich performe, also bin ich - Identität und Medien

4 The Trouble with Harry: Unscharfe Identität in Deconstructing Harry (1997)
4.1 Harry dekonstruiert
4.1.1 Wiederholungen
4.1.2 Jump Cuts
4.1.3 Unschärfe - Fakt und Fiktion verschwimmen
4.2 Harry interpretiert - Auflösung in seine Zeichen
4.3 Harry eingefügt - Fiktionalisierung des Selbsts
4.4 Harry überarbeitet - Narrative Identität

5 Two of a kind: Ich und der Andere in Melinda and Melinda (2005)
5.1 Zwei Melindas, Zwei Episoden - Postmoderne Multidimensionalität
5.2 Kann es nur eine geben?
5.3 What's love got to do with it? - Identität und Intimität
5.3.1 Liebe und Narration - Wie erzählt Melinda Liebe?
5.3.2 Keine Zweiheit ohne Einheit - Paarbeziehung und Identitätsarbeit

6 Abschlussbetrachtung - Two heads are better than one

7 Quellen
7.1 Bibliographie
7.2 Internetquellen
7.3 Filmquellen

Abstract

No other American screenwriter, director, and actor has shaped the image of the neurotic as did Woody Allen. Throughout his career, which spans over half a century, Allen created a considerable number of characters who share one common problem: they are experiencing a severe identity crisis. His characters struggle with insecurity of no longer knowing who they are, or are unable to relate to people as well as to their own body. These insecurities often result in an inability to cope with day-to-day life. Allen's characters suffer from identity diffusion either due to a sudden annihilation of a life perspective, for example the loss of social recognition as in Zelig, the loss of employment as in Deconstructing Harry, or a separation from their partner as in Melinda and Melinda.

In Zelig, Allen depicts the difficult engagement with multiple roles. In an involuntary process of assimilation, the protagonist literally changes his physical appearance and his personality to adopt to the social context of his vis-à-vis, eventually causing extensive media attention. Narrative identity is the pivotal element of Deconstructing Harry. In this film, Allen demonstrates what happens if a person is no longer able to contextualize, or make sense of his or her life in the form of a coherent narration. Finally, Allen examines the concept of possible alternative versions of one self in Melinda and Melinda, focusing on identity formation in love relationships.

It is the postmodern individual, which is at the center of Allen's work and in this respect, the selected movies tackle highly topical questions of identity research. Allen uses film to experiment with the insecurity of the postmodern subject in dealing with multiple opportunities, as well as the problems of the individual in contact with virtual worlds and the resulting identity disorders. Allen's movies raise the question if Postmodernity introduces a time of widespread identity diffusion and how individuals react to such a state of inner chaos. Is the individual powerless with respect to this development or are there coping strategies to deal with such a state, which is in itself similar to a postmodern neurosis? What kind of strategies do Allen's characters develop in the three movies? Harry and Zelig attend psychotherapy, Melinda has been treated in a psychiatric hospital before. However, therapy proves to be an inadequate measure to address the characters' sicknesses. As it turns out, identity loss and diffusion cannot be cured by traditional forms of therapy and medical care.

1 Einleitung

Das Bild des Neurotikers im Film wurde durch kaum einen anderen Filmschaffenden mehr geprägt als durch Woody Allen. Als Regisseur, Autor und Schauspieler zeichnete er über mehr als fünf Dekaden hinweg zahlreiche Charaktere, die sich in einem Punkt begegnen: Sie stecken in einer Identitätskrise. Sie verfluchen das Leben, weil sie sich innerhalb dessen Begrenzungen eingeengt und inadäquat vorkommen und andererseits, weil sie sich einer diffusen Allmacht gegenüber unterlegen fühlen. Sie sind verunsichert darüber, wer sie sind, in welchem Verhältnis sie zu ihrem Körper und auch zu Anderen stehen.1

In Zelig behandelt Allen den schwierigen Umgang mit einer Vielzahl von Rollenselbsten . In verschiedenen Kontexten und Beziehungen verwandelt sich die Hauptfigur in unterschiedliche Persönlichkeiten und löst ein Medienspektakel aus. Das Thema der narrativen Identität ist Dreh- und Angelpunkt in Deconstructing Harry. Allen hinterfragt, was geschieht, wenn sich eine Person nicht mehr erzählen kann. In Melinda and Melinda geht es anhand zweier Versionen der Protagonistin um die möglichen 2

Selbste mit besonderem Fokus auf Identitätsentwicklung in Liebesbeziehungen.

Die genannten Charaktere gehen durch schwere Identitätskrisen aufgrund der abrupten Auslöschung einer Lebensperspektive wie beispielsweise der Wegfall sozialer Anerkennung (Zelig), der Verlust von Arbeit (Deconstructing Harry) oder das Ende einer Beziehung (Melinda and Melinda). Hierbei ist anzumerken, dass die Probleme in der Identitätsarbeit in den Figuren Allens so universell gezeichnet sind, dass quasi alle genannten Themen und zerstörten Lebensperspektiven auf jeden der drei Filme anwendbar sind.3

Die von mir gewählten Filme umfassen eine Spanne von drei Jahrzehnten und behandeln dennoch gleichermaßen hochaktuelle Fragen der Identitätsforschung. Allen spielt filmisch mit der Verunsicherung des Subjekts in der Postmoderne im Umgang mit pluralistischen Handlungsmöglichkeiten, aber auch den Problemen des Individuums im Kontakt mit virtuellen Welten und den daraus resultierenden Identitätsstörungen. Dafür nutzt er die technischen Mittel der Bildmontage, des Schnitts in Form von Wiederholungen und Jump Cuts sowie der Unschärfe, aber auch die episodische

Erzählweise als Medium einer multiperspektivischen Narration.

Die Arbeit bedient sich strukturalistischer, dekonstruktiver und psychoanalytischer Verfahren, um vorangegangene Interpretationen derselben filmischen Texte, anhand eigener Analysen zu erweitern und zu aktualisieren. Dabei stützt sie sich theoretisch auf Werke der aktuellen Identitätsforschung, darunter die des Sozialpsychologen Heiner Keupp, des Soziologen Heinz Abels und der Sozialhistorikerin Alexandra Kofler. Des weiteren nimmt sie Bezug auf Jacques Derridas Schriften zur Dekonstruktion, den Erläuterungen Jean-François Lyotards und Zygmunt Baumans zur Postmoderne sowie den Arbeiten über die Psychoanalyse Sigmund Freuds.

Die Filme Allens werfen die Frage auf, ob die Postmoderne eine Zeit der Identitätsdiffusion einleitet und wie das Subjekt auf dieses innere Chaos reagiert? Steht es ihnen ohnmächtig gegenüber oder gibt es Strategien zur Bewältigung dieses Zustandes, der einer postmodernen Neurose gleicht?

In Kapitel Zwei werde ich einen kurzen Überblick über die Identitätskonstruktionen im Übergang von der Moderne zur Postmoderne geben und im Anschluss einige wichtige Umbruchserfahrungen erörtern.

Anschließend wird es in Kapitel Drei um die nähere Betrachtung des Films Zelig gehen. Zunächst wird die gleichnamige Figur hinsichtlich ihrer Identitätsstörung beleuchtet und Hinweise auf die Entstehung seiner Probleme in seiner Biographie gesucht. Daraufhin möchte ich erörtern, in welcher filmischen Form Zeligs Geschichte eingebettet ist und inwiefern dies seine Diffusion in einem popkulturellen Kontext spiegelt, um in der zweiten Hälfte des Kapitels zu untersuchen, welche therapeutischen Strategien Zelig in seiner Identitätsarbeit in einem medialen Umfeld helfen und ob diese von Erfolg gekrönt sind.

Kapitel Vier widmet sich den Problemen des Harry Block und ihrer filmischen Umsetzung in Deconstructing Harry. Nach einer theoretischen Einleitung zum Thema Dekonstruktion, soll im nächsten Schritt detailliert erörtert werden, wie Allen sich diverse Schnitttechniken sowie Unschärfe zunutze macht, um das Innenleben seiner Figur visuell sichtbar zu machen. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, was genau es ist, das Harry blockiert und wie er sich daraus befreit. Der letzte Punkt des Kapitels thematisiert narrative Identitätskonstruktionen und in welchem Maß sie auf das Leben und die Arbeit des Protagonisten einwirken.

Schließlich soll das Thema Liebe und Identität anhand von Melinda and

Melinda in Kapitel Fünf betrachtet werden. Wie erreicht Allen eine multidimensionale Narration und in welchem Verhältnis stehen die Protagonisten dazu? Anhand der Charaktere sollen hier unterschiedliche Narrationen von Liebesbeziehungen gezeigt werden, um dadurch wichtige Rückschlüsse auf die Bedeutung von Partnerschaft in der Identitätsentwicklung zu erlangen.

Welche Identitätsstrategien erarbeiten sich Woody Allens Charaktere in den drei Filmen? Wie gelingt ihnen die Identitätsarbeit? Oder deutet postmodern auf ein Leben in Diffusion hin?

2 Postmoderne Identität, Identität in der Postmoderne

2.1 Identitätsvorstellungen von der Moderne zur Postmoderne

Die Postmoderne wirft Zweifel an der Vorstellung einer gesicherten, stabilen Identität auf wie sie in der Moderne verstanden wurde, und macht die Identitätsfrage zu einer zentralen Fragestellung. Da dem Begriff der Postmoderne allerdings kein homogenes Konzept auferlegt werden kann, soll der Terminus in dieser Arbeit verwendet werden, um diejenige Zeit zu beschreiben, die sich der Moderne anschließt und versucht, eine genauere Aufschlüsselung der akzeptierten Wahrheiten vorzunehmen. Mit anderen Worten soll Postmoderne hier im Sinne des Philosophen und Literaturtheoretikers Jean- François Lyotards verwendet werden, der diesen als allgemeine Skepsis gegenüber den traditionellen Metaerzählungen versteht.4Stattdessen ist es postmodern, Erzählungen individualisiert und reflexiv als individualisierter Sinn-Bastler zu betrachten. Durch einen großflächigen Wegbruch institutionalisierter Sinnstifter, wird nun der Einzelne zu seinem eigenen Sinnvermittler und baut somit an seinem eigenen Sinnsystem.5

Die Herauslösung aus Traditionen bedeutet auch einen Gewinn an persönlicher Freiheit des Individuums, was auch Bauman als eines der größten Güter der Postmoderne betrachtet:

Individual freedom, once a liability and a problem (perhaps the problem) for all order -builders, became the major asset and resource in the perpetual self­creation of the human universe.6

You gain something, you lose something else in exchange: the old rule holds as true today as it was true then. Only the gains and the losses have changed places: postmodern men and women exchanged a portion of their possibilities of security for a portion of happiness.

In der Moderne gibt es mehr Sicherheit auf Kosten der Freiheit. In der Postmoderne kehrt sich dies dramatisch um. Bauman meint, das postmoderne Individuum habe Sicherheiten gegen Freiheit eingetauscht, womit ein exakter Austausch im Gegensatz zur Moderne eintritt.

Lyotard beschreibt die Moderne als eine Phase, in welcher neue Realitäten entdeckt würden. Dies beweist, wie trügerisch und „wenig wirklich die Wirklichkeit ist.“7 Die daraus resultierende Destabilisierung ist demnach ein wesentliches Kennzeichen der Postmoderne, in der nicht so sehr das Sammeln von Erfahrungen, sondern das Wagen von Experimenten im Vordergrund steht.8 Jegliches Erfahren endet somit als Experiment oder Versuch einer Expedition.

Die Identität des modernen Menschen sei, laut Soziologe und Theoretiker Max Weber, etwas Festes, genauer gesagt ein „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“.9 Er betont den Aspekt der Unterwerfung, den der Begriff Subjekt 10 wortwörtlich mit sich bringt. Das moderne Individuum ist demnach der Welt und seinen Einflüssen ausgesetzt. Der tschechische Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser beschreibt das Subjekt als verkapselt und in sich eingeschlossen. Norbert Elias geht weiter und spricht von einer „Selbstzwangapparatur“, in der die Innenwelt streng kontrolliert wird. Psychoanalytiker Sigmund Freud hingegen stellt in Frage, ob das moderne Subjekt tatsächlich Herr im eigenen Haus sei. Vielmehr argumentiert er, dass unpassende Teile des Personengehäuses in Container ausgelagert werden, wenn es dem Subjekt nicht gelingt, sie für seinen psychischen Apparat passend zu gestalten.11 Somit greift Freud voraus und räumt dem Individuum die Möglichkeit der Mitbestimmung seiner Person ein.

Während die moderne Vorstellung von Identität ein festes, unveränderliches Konzept meint, welches im Wesentlichen von den Punkten class, 'race'und gender geprägt wurde, sehen postmoderne Erkenntnisse einen Prozess hinter der Identitätsarbeit, einen über Jahre fabrizierten und konstruierten Vorgang. Demnach ist dem Erziehungssoziologen Madan Sarup zuzustimmen: Identität hat immer eine Geschichte.12

Einen weiteren Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne sieht Lyotard darin, dass die Moderne eine Ästhetik des Erhabenen verfolgt, die nostalgische Züge aufweist. Das Nicht-Darstellbare erscheint dort lediglich als Element, das durch seine Nicht-Existenz gekennzeichnet ist. Um darüber hinweg zu trösten, so Lyotard, evozieren die wiedererkennbaren Formen Lust beim Betrachter.13 Anders verhält sich das Postmoderne, das solch gefälliger Formen widerstrebt. Hier steht nicht der Lustgewinn im Vordergrund wie ihn Freud beschreibt, sondern die gemeinsame Sehnsucht nach dem unmöglich Darzustellendem, jedoch nur mit dem Ziel, die Sinne dahingehend zu trainieren, die Existenz des Nicht-Darstellbaren anzuerkennen: „Es sollte endlich Klarheit darüber bestehen, daß es uns nicht zukomm, Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann.“14 Folglich erkennt das Moderne den trügerischen Schein der Wirklichkeit und porträtiert das Nicht-Darstellbare als schlichtweg abwesend. Die Postmoderne hingegen akzeptiert dies nicht und regt die Suche nach neuen Darstellungsformen an, sei es auch nur in Form von Anspielungen.

Einen weiteres Merkmal des Postmodernen beschreibt Lyotard als Paradox der Vorzukunft, des post-modo:

Künstler und Schriftsteller arbeiten also ohne Regeln; sie arbeiten, um die Regel dessen zu erstellen, was gemacht worden sein wird. Daher rührt, daß Werk und Text den Charakter eines Ereignisses haben. Daher rührt auch, daß sie für ihren Autor immer zu spät kommen, oder, was auf dasselbe führt, daß die Arbeit an ihnen immer zu früh beginnt.15

Mit anderen Worten liegt dem Postmodernen immer etwas Vorschnelles inne, dass eine Zukunft zu früh erschaffen respektive die Arbeit an ihr zu spät begonnen wird. Welche Folgen hat dies für die Identitätsarbeit des Individuums und worauf begründen sich diese neuartigen Erfahrungen des Subjekts?

2.2 Postmoderne Umbruchserfahrungen und ihr Wirken auf die Identitätsarbeit

Die Postmoderne ist eine Epoche, in welcher die persönliche Lebensführung durch wenige kulturell oder traditionell bedingte Zwänge beeinflusst wird. Eine solche Zeit fordert dem Subjekt ab, das eigene Leben als selbstbestimmtes Projekt zu betrachten und zu führen. Dadurch ist eine solche Zeit durch fehlende Sicherheiten und Klarheit gekennzeichnet. Das führt dazu, dass das Individuum eine Erfahrung der Entbettung durchmacht.16Soziologe Zygmunt Bauman erklärt, was darunter zu verstehen ist, folgendermaßen:

The individual life-projects find no stable ground in which to lodge an anchor, and individual identity-building efforts cannot rectify the consequences of 'disembedding' and arrest the floating and drifting self. [...] The dominant sentiment is now the feeling of a new type of uncertainty - not limited to one's luck and talents, but concerning as well the future shape of the world, the right way of living in it, and the criteria by which to judge the rights and wrongs of the way of living.17

Bauman beschreibt ein Leben ohne Bodenhaftung, geprägt von Verunsicherung. Das Subjekt kann sich nicht mehr auf die eigenen Fähigkeiten berufen. Es befindet sich in der Schwebe. Das liegt nicht zuletzt daran, dass traditionelle Normen an Einfluss verlieren. Was vorher in Bezug auf Erziehung, Sexualität, Geschlechter- oder Generationenbeziehung noch als „normal“ galt, wird nun aktiv und individualisiert gestaltet. Als selbstverständlich angesehene Tugenden greifen weniger in die persönlichen Lebensentwürfe ein.18Dies verändere das Verhältnis vom Einzelnen zur Gemeinschaft. Die Demokratisierung von Individualisierungsprozessen betrifft nun einen größeren Teil der Gesellschaft und zwingt viele Individuen zu neuen Formen der Vergesellschaftung. Anstatt einer drohenden „Ego-Gesellschaft“ sieht Keupp jedoch hohes Potential an Solidarität innerhalb der Individualisierungsdynamik.19

Dies führt unweigerlich zu einer Fragmentierung von Erfahrungen. Die anwachsende Anzahl von Entwürfen lässt sich nicht mehr in ein einziges Gefüge einordnen. Die multikulturellen Erlebnisse eines Jeden steigern das Maß an Komplexität, sodass die Gesamtheit an Lebensentwürfen nicht mehr in ein Bild passt, sondern die Erfahrungen als einzelne Elemente nebeneinander gestellt werden können. Erlebnisse sind dementsprechend von Heterogenität gekennzeichnet und erfordern „hohe psychische Spaltungskompetenzen“20 , um sich in diesem Dickicht aus Vielfalt zurechtzufinden. Die Unterschiedlichkeit ist nun zur Normalität geworden.21

Die Vielzahl von Neuerungen prägt auch ein neues Zeitgefühl. Gemeint ist, dass sich die allgemeine Gültigkeit einer bestehenden Annahme verringert. Folglich wächst die Veraltensrate einer Tatsache unaufhörlich. Mit anderen Worten nimmt die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen.22 Bauman spricht in diesem Zusammenhang von Obsoleszenz als postmodernes Prinzip:

[Persons and things] have lost their solidity in modern society, their definiteness and continuity. The world construed of durable objects has been replaced with disposable products designed for immediate obsolescence. In such a world, identities can be adopted and discarded like a change of costume. The horror of the new situation is that all diligent work of construction may prove to be in vain; the allurement of the new situation, on the other hand, lies in the fact of not being bound by past trials, of never being irrevocably defeated, always 'keeping the options open'.23

In einer postmodernen Welt werde Beständigkeit abgestreift wie Kleidung. Dasselbe gelte für Identität, bestätigt Keupp. Eine Pluralisierung von Lebensformen und Milieus zwinge dazu, sich von alten Denk- und Verhaltensmustern wegzubewegen und immer wieder neue Entscheidungen treffen zu müssen. Das Leben wird so zu einer Reihe von Projekten, die nicht länger vom Schicksal, sondern vielmehr von ständigen Auswahl- und Aushandlungsprozessen bestimmt werden.24

Hinzu kommt, dass neue virtuelle Realitäten mit „alten“ Wirklichkeiten konkurrieren. Sie existieren nebeneinander und durchdringen sich gleichermaßen. Interessant daran ist auch die Entstehung von virtuellen Gesellschaften. Dies kann wiederum zu Problemen in der Kommunikation zwischen Personen, die sich in einer virtuellen Gesellschaft bewegen, und Außenstehenden führen. Kommunikationsrisse können sich auftun.25

Eine weitere Umbruchserfahrung betrifft den Zerfall von Erwerbsarbeit als Basis der Identitätsbildung. Arbeit als stabile Basis der Einbettung wird immer weniger. Die individuelle Sinnstiftung über Erwerbsarbeit dagegen gewinnt an Bedeutung. Das Erlangen von Ansehen und persönliche Identitätsstrategien muss sich der einzelne nun über wechselnde Aufgaben und Projekte erarbeiten.26

Ebenso sind Geschlechterrollen in der Postmoderne von Veränderungen betroffen. Bereiche wie Sexualität, Arbeitsteilung, sowie die Erziehung der Kinder sind zu wesentlichen politischen Schwerpunkten herangereift. Gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten wurden durch die Frauenbewegung umgekrempelt; einige Horizonte werden eröffnet, andere traditionelle Muster bleiben vorerst zu starr, um überwunden zu werden. Außerdem hinterfragt diese neue Dynamik die „klassische Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeiten, von innen und außen“27 .

Aus den beschriebenen Umbrüchen gehen Pluralisierung, Individualisierung und Entstandardisierung als wesentliche Merkmale der postmodernen Identitätsarbeit hervor. Individualisierung beschreibt die „Freisetzung aus Traditionen und Bindung, die das eigene Handeln im Sinne dieser feststehenden Bezüge in hohem Maß steuern“.28

Folglich muss Identität als aktive Arbeit des Subjekts einer individualisierten Gesellschaft verstanden werden. Ständige Passungsleistungen sind erforderlich. Teilidentitäten müssen miteinander vereinbart und verbunden werden. Das Subjekt muss innere und äußere Erfahrungen zu einem plausiblen individuellen Rahmenkonzept austarieren.29 Pluralisierung deutet auf neue Handlungsmöglichkeiten hin. Allerdings geht von den zahlreichen biographischen Kombinationsmöglichkeiten die Gefahr aus, falsche Kombinationen einzugehen.30

Fehlende Kohärenz wird zu einem der Hauptprobleme täglicher Identitätsarbeit. Identität ist als Provisorium zu sehen. Es ist kein Resultat, sondern lediglich ein Zustand.31 Der Mangel an Beständigkeit weist solch eine Bedeutung auf, dass schwerwiegende gesundheitliche Probleme die Folge sein können.32 Eine stabile Identität gelte als „Kriterium relativer psychosozialer Gesundheit, Identitätsdiffusion dagegen als das korrespondierend Kriterium relativer Störung. In einer normalen Entwicklung ist davon auszugehen, daß das erstere dauerhaft überwiegt, wenn es auch das zweite nie ganz verdrängen wird.“33 Daraus ergeben sich drei Formen von Identitätsstrategien: das Offenhalten der Identität (Diffusion), die Übernahme von Traditionen (Foreclosure) und das Neu-Infragestellen getroffener Festlegungen (Moratorium)34. Identitätsdiffusion als Mangel an Kohärenz ist demnach Teil der aktuellen Identitätsproblematik. Sie manifestiert sich in der Frage: Ist das Ich fähig, trotz Veränderungen Kontinuität aufrechtzuerhalten? Außerdem muss nicht beantwortet werden „Wer bin ich?“, sondern vielmehr individuell geklärt werden „Wer bin ich im Verhältnis zu Anderen?“.35

3 Being Leonard Zelig: Mediale Repräsentationen von Identität und Identitätsstörung in Zelig (1983)

3.1 Do the chameleon! - Zeligs Person und Zeligs Persönlichkeiten

Zelig handelt von der Geschichte des gleichnamigen Protagonisten, der in den 1920er Jahren dadurch berühmt wird, sich physisch transformieren und in andere Menschen verwandeln zu können, während niemand wirklich weiß, Zelig eingeschlossen, wer er wirklich ist. Er ist also immer ein Anderer, da er in seiner Angst, nicht dazuzugehören, es vorzieht, in die Anonymität der Menschenmenge zu flüchten. Dafür hat er eine außergewöhnliche Fähigkeit entwickelt, durch die er sich physisch und psychisch so anpassen kann, dass er der jeweiligen Gruppe ähnelt. Allen erzählt die Lebensgeschichte Zeligs im Stil einer Dokumentation. Episoden aus Zeligs Leben, erzählt durch vermeintlich authentisches Bild- und Tonmaterial aus der Zeit, wechseln sich dabei mit Kommentaren von anerkannten Persönlichkeiten, vorwiegend Schriftstellern und Philosophen, ab.

Leonard Zelig ist der Sohn eines jüdischen Schauspielers. Als Kind wird er deshalb oft angefeindet. Sogar seine Eltern, die in bescheidenen Verhältnissen über einer Bowlingbahn wohnen, verbünden sich gegen ihn und geben ihm die Schuld. Zelig wird regelmäßig zur Strafe in den Schrank gesperrt, oft sperren sich sogar die Eltern mit ein. Von seinem Bruder wird Zelig verprügelt („My brother beat me. My sister beat my brother. My father beat my sister and my brother and me. My mother beat my father and my sister and me and my brother. The neighbors beat our family. The people down the block beat the neighbors and our family.“). Sein Bruder erleidet einen Nervenzusammenbruch, seine Schwester wird Alkoholikerin. Die Botschaft des Vaters an ihn lautet: Das Leben ist eine reine Qual („On his deathbed, Morris Zelig tells his son that life is a meaningless nightmare of suffering, and the only advice he gives him is to save string.“).

Laut Keupp entwickelt sich Identität nicht zum Problem, sie besteht folglich schon ab dem Moment der Geburt als Problem. Demnach hat das Subjekt sich aktiv um sein Selbst- und Weltverhältnis zu kümmern. Es muss sich also selbst entwerfen und seine eigene Verortung koordinieren, auch in Bezug zu den Konstruktionen der anderen. 36 Zeligs Probleme jedoch sind auf einen konkreten Anlass zurückzuführen. Als Auslöser seiner Transformationen beschreibt Zelig einen Moment in seiner Jugend, in dem es in einem Gespräch mit Gleichaltrigen um Moby Dick geht. Zelig ist es peinlich 36 Vgl. Keupp, 27.

zuzugeben, dass er es nie gelesen hat. Also gibt er vor, den Roman zu kennen. Seit diesem prägenden Vorfall verwandelt sich Zelig stets in diejenige Person, die am besten in sein Umfeld passt. Dann spricht er wie die Anderen, bewegt sich wie sie und verfügt über gleichwertige Kenntnisse wie die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe. Keupp ist demnach hier zu widersprechen: Zelig entwickelt in dem Moment eine Identitätsstörung, in dem er sich im direkten Vergleich mit Anderen nicht ebenbürtig fühlt.

Als Erwachsener wird Zelig mehrfach als „kleiner Mann“ beschrieben. Er selbst hält sich für einen Psychiater, der bereits mit Freud zusammengearbeitet hat („I worked with Freud in Vienna. We broke over the concept of penis envy. Freud felt that it should be limited to women.“). Er glaubt, zu praktizieren, zum Beispiel habe er einen Fall mit zwei Paaren siamesischer Zwillinge mit gespaltener Persönlichkeit. Er behauptet auch zu dozieren. Er gebe ein Masturbationsseminar für Fortgeschrittene und fürchtet, dass „sie schon ohne ihn anfingen“.

Im Allgemeinen zieht Zelig Baseball Moby Dick vor. Überhaupt wird sein Geschmack als recht gewöhnlich beschrieben („I love baseball. You know, it doesn't have to mean anything. It's just very beautiful to watch.") und dann wiederum von einem anderen Experten als „nicht übel“ bezeichnet. In hohem Alter fängt Zelig doch noch mit der Lektüre von Moby Dick an. Jedoch schafft er es bis zu seinem Tod nicht, das Buch zu Ende zu lesen. Kurz vor seinem Ableben ärgert ihn das sehr, weil er nun wirklich gerne wissen würde, wie es ausgeht. Es ist ihm nun nicht mehr wichtig, was Andere über ihn denken. Trotz dieses Ärgernisses führt Zelig jedoch ein glückliches Leben mit seiner Frau, der Psychiaterin Eudora Fletcher. Nachdem er ihr in einer Therapiesitzung offenbart, dass er sie liebt, entwickelt auch sie Gefühle für Zelig. Sie heiraten und bleiben bis an sein Lebensende zusammen.

Der Soziologe Oliver Kanehl beschreibt eine typische Hauptfigur Allens folgendermaßen: Der Allensche Mann sei generell in der Krise und fühle sich als Intellektueller direkt mit diesem Zustand verbunden. Durch sein geringes Selbstbewusstsein empfindet er sich als schwachen Mann, bedroht von physisch stärkeren Männern. Auch optisch sieht er sich ihnen als „kleiner Mann" unterlegen. Überhaupt scheint er machtlos. Er ist nicht Herr der Lage, nichts ist in Ordnung und das erkennt man häufig schon auf den ersten Blick. Er hat oft Angst die Kontrolle zu verlieren, wobei er in Wirklichkeit noch nie welche besessen hat.37 Außerdem sei der Allen-Mann feige, höchstens der Mut der Verzweiflung treibe ihn dann und wann mal zu größeren Taten an. Die Beschreibungen Kanehls treffen auch auf Zelig zu. Häufig flieht er schlichtweg oder wählt er das Mittel des passiven Widerstands und kehrt sich in sein Innerstes zurück.38

Doch wer sind Zelig? Leonard Zelig macht im Laufe seines Lebens zahlreiche temporäre Umwandlungen durch und verändert unter anderem seine soziale Herkunft, die Religion, seinen Körper oder die politische Zugehörigkeit. Dabei bestimmt seine Umgebung, inwiefern sich sein Aussehen und seine Ausstrahlung verändern und über welche Kenntnisse er verfügt. Im Beisein von Franzosen spricht er auf einmal „passables Französisch“, als Gangster wirkt er „brutal“. Einzig und allein auf Frauen in seiner Umgebung reagiert Zelig nicht mit Transformationen ins weibliche Geschlecht. Kann Zelig folglich keine Beziehung zu Frauen aufbauen? In jedem Fall kann er sich nicht mit ihnen identifizieren.

Zelig erscheint hingegen in Form eines Bostoner Aristokraten und im nächsten Moment als einfacher Küchenangestellter mit rauem Akzent. Dann wiederum taucht er als Grieche, Chinese, Schotte oder Ire auf und ändert Nationalität und ethnische Zugehörigkeit, hat mal asiatische Züge oder die eines amerikanischen Ureinwohners. Zudem ist Zelig auch in unterschiedlichen Religionskreisen zu sehen, sowohl als jüdischer Rabbi als auch als katholischer Bischof. Mal ist er ein schmächtiger Mann und mal über 100 Kilogramm schwer. Auch politisch zeigt er sich flexibel. Auf derselben Veranstaltung ist Zelig in einem Moment Republikaner und im nächsten Moment Demokrat. Später erzählt er Eudora, schon immer Demokrat gewesen zu sein. Demnach abstrahiert sich Zelig von seinen Persönlichkeiten. Doch wie gelingt ihm das? Zeligs Charakter funktioniert wie eine Person mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung. Personen mit multipler Persönlichkeit sind (mindestens) zweigeteilt: Während die Wirtsperson, der Host, oft gehemmt erscheint, ist sein Alter Ego umso befreiter, ungezwungen und lebenslustig. Außerdem sei es, laut Ian Hacking, nicht unüblich, ein Dutzend oder Hunderte von Persönlichkeiten auszubilden. Die so genannten Multiplen hätten nicht mehr nur eine Zweitpersönlichkeit.

Multiple personality ... refers to the presence of one or more alter personalities, each processing presumably different sets of values and behaviors from one another and from the 'primary' personality, and each claiming varying degrees of amnesia or disinterest from one another. The appearance of these personalities may be on a 'coconscious' basis (i.e., simultaneously coexist with the primary personality and aware of its thoughts and feelings) or separate consciousness basis (i.e., alternating presence of the primary and other personalities with little or no awareness or concern for the feelings and thoughts of each other) or both.39

Das Wechseln der Persönlichkeiten wird als Switching bezeichnet, eine Art Umschalten, wodurch eine Person heraustrete und damit draußen sei. Wiederum kann eine Persönlichkeit auch weggehen, um mit sich allein zu sein. Einige Alter Egos wissen nichts von der Existenz der Anderen; genauso kann es auch vorkommen, dass sie sich der Existenz der anderen alter-Persönlichkeiten bewusst sind. Sie verfügen dann über ein Mit-Bewusstsein, eine Co-consciousness. Zeligs Persönlichkeitsstörung ist alternierend organisiert; Zeligs Persönlichkeiten treten nacheinander auf und sind sich ihrer völlig bewusst.40

Multiple sind in vieler Hinsicht angepasst. Die alter-Persönlichkeiten nehmen die unterschiedlichsten Jobs und Aufgaben an, die häufig in scharfen Gegensatz zu denen der Wirtsperson stehen.41 Ebenso übernimmt Zelig in den unterschiedlichsten Rollen zahlreiche Aufgaben, ohne über entsprechende Qualifikationen zu verfügen. Auffällig sind seine Einsätze im medizinischen Bereich. Er zieht Zähne, entfernt einen Blinddarm und bringt sogar ein Kind zur Welt („My deepest apology goes to the Trochman family in Detroit. I...I never delivered a baby before in my life, and I... I just thought that ice tongs was the way to do it.“).

Zelig verfügt über eine Chamäleonidentität, welche der Videometapher entspricht. Dasselbe Bild wird auch von Keupp verwendet. Eine Videokassette kann gelöscht und immer wieder neu beschrieben werden.42 Ebenso nutzt Zelig seinen Körper und bespielt ihn immer wieder mit neuen Daten, um diesen in ein stimmiges Gesamtbild einzufügen. Genau dies passiert auch mit Zelig in der Therapie mit Dr. Eudora Fletcher. Sie „löscht“ seine Chamäleonidentität und bespielt ihn (wieder) mit einer Zelig- Identität.

Das Vorhandensein von Zeligs Chamäleonidentität könnte auf eine ganz konkrete postmoderne Angst zurückzuführen sein, und zwar die Angst, sich auf eine Sache respektive eine Identität festzulegen.43 Wie bereits in Kapitel Zwei beschrieben, ist es durch die Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten schwieriger für das Subjekt, sich für einen Weg zu entscheiden. Besteht die Möglichkeit, aus mehreren Optionen auszuwählen, droht auch immer die Gefahr, sich falsch zu entscheiden. Daher erscheint es sicherer, sich überhaupt nicht festzulegen. Dieses Motto wird auch von Zelig befolgt. Durch seine Chamäleonidentität ist es ihm möglich, sich in jede erdenkliche Form zu versetzen und sich jeder Gruppe oder Umgebung anzupassen, sodass er nicht fürchten muss, nicht dazuzugehören. Er legt sich dabei nicht fest, sondern lässt die Transformation im jeweiligen Moment geschehen. Dadurch bleibt er flexibel und kann sich jedem Umstand anpassen. Diese Vermeidungsstrategie beruhigt Zelig und gibt ihm die Sicherheit, in jeder Situation zu bestehen. Er hält seine Identität offen und betreibt somit aktiv Identitätsdiffusion.

Doch diese Strategie entpuppt sich als Trugschluss. Seine Verwandlungen garantieren ihm weder physische Sicherheit, noch völlige Anonymität. Zelig gerät mehrere Male in Schwierigkeiten: Einmal wird er während der Ostermesse des Papstes entdeckt und gewaltsam hinausgeworfen. Ein anderes Mal ist Zelig während einer Rede Hitlers anwesend und wird von Dr. Fletcher aufgespürt. Als Zelig sie erblickt, fliegt seine Tarnung auf und die beiden werden als amerikanische Verräter verfolgt. Sie können nur knapp entfliehen. Hier lässt Zelig sich zum ersten Mal von einer Frau direkt beeinflussen. Es kommt zu einer Identifikation mit Eudora, weil er Gefühle für sie hegt und sie eine Beziehung aufgebaut haben. Seine Gefühle für Eudora können seinen Verwandlungen ein Ende setzen. Allerdings entpuppt sich auch dieser Zustand als vorübergehend.

Die Verbindung von Teilidentitäten führt dazu, dass das Ich der Chamäleonidentität zu einer Collage von Fragmenten wird. Folglich ist das Selbst nie vollendet; es befindet sich in einem Zustand des „endlosen Werdens“44 . Das Ende der Kohärenz ist eingeleitet, was zur Folge hat, dass es quasi nicht mehr zu schaffen ist, eine zusammenhängende Geschichte des Lebens zu schreiben. Kann die Rede von einem „So-sein und So-bleiben oder als ein So-werden, ein Zu-sich-finden“ sein? Und falls nicht, was macht Zelig (oder jedes andere Subjekt) dann noch einzigartig, wenn gerade Identität als Singularität, als die Summe von sozialen Zuordnungen ausgerechnet über einen langen Zeitraum, eine Person unverwechselbar macht? Wie funktioniert Identität ohne Stabilität?

Die Selbstnarration des Subjekts ist immer an die jeweilige Situation gekoppelt und kann nicht unabhängig davon betrachtet werden. Das heißt, in verschiedenen Situationen erzählt sich das Subjekt unterschiedlich. Daher ist nicht eine singuläre Lebensgeschichte für ein Subjekt gültig, sondern eine Vielfalt von Geschichten aus dem Leben eines Subjekts. Da dieses Subjekt in unzähligen Lebenswelten zu hause sein kann, ist keine generelle, abgeschlossene Erzählung möglich. Ganz im Gegenteil: Es kann nur viele unterschiedliche Versionen geben, die immer situativ entstehen und sich vollkommen kontextabhängig zusammensetzen.45 Das bedeutet, dass es die Summe der Geschichten ist, die es schafft, Kohärenz zu erzeugen. Die Kombination von narrativen Lebenswelten ergibt demnach die Singularität des Einzelnen.

Aber erzählt Zelig sich überhaupt selbst? Denn: Zelig ist kein speaking subject, er spricht nie direkt. Somit erzählt er seine Lebensgeschichte nicht selbst, sie wird von und durch Andere erzählt, da der Film nach Leonard Zeligs Tod entsteht. Wie die Biographie des menschlichen Chamäleons gestaltet wurde, lag nicht in seinen Händen.46 Einzig seine Hinterbliebenen haben die Macht darüber, wie Zeligs Leben im Rahmen einer Narration refragmentiert, das heißt wieder zusammengesetzt werden sollte, da das, was wir von Zelig selbst hören größtenteils Aufnahmen aus den Therapiesitzungen oder öffentliche Statements sind.

Zelig hat demnach keine eigene Stimme, wir hören lediglich ausgesuchte, bearbeitete, gekürzte, aus dem Kontext entrissene Mitschnitte von Aussagen, die er womöglich getätigt hat. In der ersten Hälfte des Films nehmen wir seine Stimme nur gefiltert wahr. Sie wird vermittelt. Den größten Teil der Erzählung vernehmen wir als Voice-over. Der Sprecher überlagert Zeligs Stimme. Er beansprucht somit für sich, die Geschichte zu erzählen. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Zelig dies sehr gelegen kommt. Da Zelig sein Selbst als unzureichend empfindet, akzeptiert er auch seinen Körper nicht als etwas ihm Zugehöriges. Um mit anderen Menschen zu kommunizieren, verändert er sich daher oft beachtlich.

Seine Stimme ist sowohl Teil seines Körpers, als auch Mittel zur Äußerung von Meinungen und Ideen. Da Zelig sich allerdings die Körper und die Ideen Anderer „leiht“, ist auch seine wahre Stimme nicht von Relevanz, einerseits, weil er in der Rolle Zeligs kaum Erfahrungen macht und somit gar nichts zu erzählen hätte, und andererseits, weil dies hieße, Zelig müsse sein Selbst akzeptieren und sich auf eine Stimme festlegen. Doch dies widerstrebt ihm. Also trifft Zelig keine Entscheidung und switcht lieber zwischen den Persönlichkeiten. Er zieht es vor, seinen Körper und seine Stimme abzugeben und sie gegen Andere einzutauschen, selbst wenn dies bedeutet, seine eigene Stimme zu verlieren.

Zeligs „Krankheit“ stößt auf medizinisches Interesse. Er wird von unterschiedlichen Ärzten untersucht. Diese führen seinen Zustand auf organische Ursachen zurück, wie beispielsweise einen Gehirntumor oder eine Wirbelsäulenfehlstellung, woraufhin Zeligs Beine vorübergehend verdreht werden.

Doch Zelig hat keinen Tumor. Als ob ihn die Ironie des Schicksals für seine These bestrafen wollte, stirbt der behandelnde Arzt daran. Lediglich Dr. Eudora Fletcher vermutet eine psychische Störung und führt seine Transformationen auf seine labile seelische Verfassung zurück.

Entgegen der allgemeinen Meinung der Ärzte, versuchen die Experten in den Einspielern eine psychologische Erklärung für Zeligs Chamäleonfähigkeiten zu ergründen und tippen unter anderem auf Minderwertigkeitskomplexe oder Schizophrenie. Erst gegen Ende des Films wird Zeligs Zustand von einem der Experten mit dem Begriff der „Identitätsstörung“ beschrieben. Der Verdacht auf diese Störungen macht Leonard Zelig zur Verkörperung postmoderner Subjektivität.47 Wie in Kapitel Zwei erörtert, hat das Individuum den Eindruck, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Unabhängig davon, wie sehr es sucht, findet es kaum Orientierungspunkte. Zeligs Ängste legen ein sich-am-falschen-Platz-Fühlen an den Tag. Er ist displaced und nirgends zugehörig. „[D]er Migrant, der fremde Andere“ avanciere „zum Prototyp postmoderner Lebensführung“48 , auch wenn umstritten sei, dass in der pluralisierten und globalisierten postmodernen Welt alle Individuen im gleichen Ausmaß von biografischer Unsicherheit und Zerrissenheit - also Entbettung - betroffen seien.

Zelig ist zutiefst verunsichert. Er hat keine Verbindung zu sich und steht in einem brüchigen Verhältnis zu Anderen, da er nur in Rollen mit ihnen kommuniziert. Daher lässt er Konstruktionen von Andersheit, das othering49, seinerseits gar nicht zu, sondern passt sich sofort seinem Umfeld an. Er fürchtet Andersheit nicht nur, er fühlt sich von ihr bedroht. Die Gleichheit mit Anderen gibt ihm Sicherheit. Er bevorzugt es, nicht aufzufallen, einfach anonym zu bleiben. So sucht er oft den Kontakt zu Anderen und besucht, vor allem in Krisenzeiten (wenn er verfolgt wird oder sich nicht verstanden fühlt) Massenveranstaltung, wie beispielsweise die päpstliche Ostermesse.

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1 Heiner Keupp und Renate Höfer (Hrsg.). Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997), 239.

2 Keupp Höfer, 240/241.

3 Vgl. Peter Conzen. Erik H. Erikson und die Psychoanalyse. Systematische Gesamtdarstellung seiner theoretischen und klinischen Positionen. (Heidelberg: Asanger, 1990), 361.

4 Vgl. Jean-François Lyotard. Das postmoderne Wissen. (Wien: Passagen-Verlag, 2009), 14.

5 Vgl. Heiner Keupp (Hrsg.). Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. (Reinbek: Rowohlt, 2006), 52/53.

6 Zygmunt Bauman. Postmodernity and Its Discontents. (New York: New York UP, 1997), 3.

7 Lyotard, Was ist postmodern?, 42.

8 Vgl. Lyotard, Was ist postmodern?, 37.

9 Keupp, 22.

10 Das Wort stammt von dem lateinischishen Begriff subicere (darunterwerfen) ab, wobei sub (unter) und iacere (werfen) meint.

11 Keupp, 24.

12 Vgl. Madan Sarup. Identity, Culture and the Postmodern World. (Edinburgh: Edinburgh UP, 1996), 14.

13 Vgl. Lyotard, Was ist postmodern?, 47.

14 Lyotard, Was ist postmodern?, 48.

15 Lyotard, Was ist postmodern?, 48.

16Vgl. Keupp, 46/47.

17Bauman, 21.

18Vgl. Keupp, 47.

19Vgl. Keupp, 51.

20 Keupp, 48.

21 Vgl. Keupp, 48/49.

22 Vgl. Keupp, 49.

23 Bauman, 89.

24 Vgl. Keupp, 50.

25 Vgl. Keupp, 49.

26 Vgl. Keupp, 47/48.

27 Keupp, 51.

28 Keupp, 52.

29 Vgl. Keupp, 60.

30 Vgl. Rolf Eickelpasch und Claudia Rademacher. Identität. (Bielefeld: Transcript-Verl., 2004), 20.

31Vgl. Keupp, 85.

32Vgl. Keupp, 59.

33Keupp, 77.

34Vgl. Keupp, 118.

35Keupp, 95.

36Keupp, 27.

37 Vgl. Oliver Kanehl. Die Konstruktion von Männlichkeit in Woody Allens Filmen. (Stuttgart: ibidem, 2005), 75.

38 Vgl. Kanehl, 76/77.

39Ludwig, A. M., Brandsma, J. M., Wilbur, C. B., Benfeldt, F. Jameson, D. H. (1972). The Objective Study of a Case of Multiple Personality, or are Four Heads Better than One? Archives of General Psychiatry, 26, 298 - 310. 298/299.

40Vgl. Ursula Link-Heer. Doppelgänger und multiple Persönlichkeit. In: Multiple Persönlichkeit. Krankheit, Medium oder Metapher? Von Christina von Braun und Gabriele Dietze (Hrsg.) (Frankfurt am Main: Neue Kritik, 1999), 42.

41 Vgl. Ian Hacking. Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne. (München/Wien: Carl Hanser, 1996), 40 ff.

42Vgl. Keupp, 56.

43 Vgl. Keupp, 56.

44 Keupp, 58.

45 Keupp, 65.

46 Vgl. Keupp, 104.

47 Vgl. Britta Feyerabend. Seems Like Old Times. Postmodern Nostalgia in Woody Allen’s Work. (Heidelberg: Winter, 2009), 224.

48 Vgl. Feyerabend, 222.

49 Eickelpasch Rademacher, 113.

Details

Seiten
80
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656899341
ISBN (Buch)
9783656899358
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287534
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Anglistik/Amerikanistik
Note
1,0
Schlagworte
Woody Allen Filmwissenschaft Anglistik/Amerikanistik Zelig Deconstructing Harry Melinda and Melinda Kulturwissenschaft Postmoderne Identität Identitätskonstruktion Identitätsarbeit 2013 Identitätsstörung Dekonstruktion Selbstnarration Narrative Identität

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Titel: Postmoderne Identitätskonstruktion und Identitätsstörung in Woody Allens "Zelig", "Deconstructing Harry" und "Melinda and Melinda"