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Gabriele Tergit und die Frau der Weimarer Republik

Seminararbeit 2014 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Schriftstellerin Gabriele Tergit

3. Die Frau in der Weimarer Republik
3.1 Gabriele Tergits Sicht auf die Frauenbewegung
3.2 In "Frauen und andere Ereignisse"

4. Resümierendes Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

„Wo wir aber auftauchen, kurzröckig, kurzhaarig und schlankbeinig, fuhren die Männer der älteren Generation zusammen und fragten: ‚Was sind das für Geschöpfe?‘ Wir antworteten: ‚Die neue Frau,‘“[1] schrieb Gabriele Tergit in Die Frauen Tribüne von 1933 und fasste damit die neue Weiblichkeit und gesellschaftlichen Veränderungen der Weimarer Republik mit Fokus auf die Großstadt Berlin ins Auge. Die sogenannten „Goldenen Zwanziger“ brachten nämlich nicht nur neue Literatur, Kunst, Musik und Theater, sondern auch ein neues Verständnis von moderner Weiblichkeit mit sich, dessen Zeugin, Protagonistin und scharfe Kritikerin die Schriftstellerin Gabriele Tergit war. Sie prägte mit ihrer Literatur nicht nur den Stil der Neuen Sachlichkeit entscheidend mit, sondern wurde auch Dokumentarin des Phänomens der „Neuen Frau“, indem sie in fiktiven Geschichten, wie in „Frauen und andere Ereignisse“ und im Realen zahlreiche Gerichtsreportagen mit scharfem, sozialkritischen Blick verfasste. Darauf soll in der folgenden Ausarbeitung eingegangen werden.

Das Zweite Kapitel behandelt dabei das Leben und Wirken der Schriftstellerin Gabriele Tergit. Im Fokus liegt hier ihr beruflicher Werdegang sowie ihre charakterlichen und gesellschaftsrelevanten Standpunkte. Im darauffolgenden Kapitel wird die Frau der Weimarer Republik näher beleuchtet, insbesondere wie sich die neue Weiblichkeit in deutschen Großstädten wie Berlin ausdrückte. Der Fokus liegt dabei innerhalb der Unterkapitel auf dem gesellschaftliche Phänomen der „Neuen Frau“, sowie auf deren Erscheinungsformen innerhalb der Mode, Kultur und dem sozialen Leben. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Gabriele Tergits Auffassung und Standpunkt gegenüber der Frauenbewegung, wie es in ihrer Literatur und ihrem Lebensentwurf ersichtlich wird. Besonders Gabriele Tergits Publizistikern in „Frauen und andere Ereignisse“ schildern häufig ganze Biografien von Frauen ihres Alters, die sich mal mehr und mal weniger dem herrschenden Zeitgeist angepasst haben, oder sich darin zurechtfinden. Das Kapitel zieht Schlüsse aus einzelnen Auszügen ihrer Kurzgeschichten und bezieht sie auf ihre persönliche Sicht auf neue Weiblichkeit der Weimarer Republik. Im abschließenden Kapitel, dem „Resümierenden Fazit“ werden nochmals die wichtigsten Erkenntnisse der Hausarbeit zusammengefasst.

2. Die Schriftstellerin Gabriele Tergit

Gabriele Tergit wurde am 4. März 1894 als Elise Hirschmann in Berlin geboren. Als Tochter von Frieda, geborene Ullmann, und Siegfried Hirschmann, dem Gründer der Deutschen Kabelwerke, besuchte sie die Soziale Frauenschule von Alice Salomon in Berlin. Dies war ungewöhnlich für eine „höhere Tochter“ ihrer Zeit, da die soziale Frauenschule Teil mehrerer Bildungsinstitutionen war, die durch die Frauenbewegung Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts entstanden war. Ihr Ziel war eine geschlechtsgemäße berufliche Ausbildung im wohlfahrtspflegerischen Bereich und war mitunter durch die Not des Ersten Weltkriegs, von der besonders Frauen betroffen waren, gegründet worden.[2] Die Gründerin Alice Salomon wurde in dieser Zeit Wegbereiterin der Sozialen Arbeit als Wissenschaft und gilt damit als Pionierin der liberalen Sozialreform in der deutschen Frauenbewegung,[3] was die junge Gabriele Tergit auch in ihrer späteren Weltanschauung beeinflusste. Zeitgleich arbeitete sie in Kinderhorten und der Lehrstellenvermittlung.

Als der Erste Weltkrieg die Einstellung zum Frauenstudium geändert hatte holte Gabriele Tergit das Abitur nach und studierte ab 1919 die Fächer Geschichte, Soziologie und Philosophie in Berlin, München, Heidelberg und Frankfurt am Main, wo sie letztendlich in Geschichte promovierte.[4] Im Jahr 1928 ging sie eine Ehe mit dem Architekten Heinz Reifenberg ein, aus der ein Sohn hervorging. Ihr Pseudonym Gabriele Tergit nahm sie in ihrer Studienzeit an: Gabriele ist ein Spitzname aus ihrer Kindheit, Tergit ist ein Wortspiel aus dem Wort „Gitter“.[5]

Mit Feuilletons für die Vossische Zeitung und das Berliner Tageblatt begann ihre journalistische Arbeit bereits während ihres Studiums. Ihren ersten Artikel veröffentlichte Gabriele Tergit 1915 in einer Beilage des Zweiteren zum Thema „Frauendienstjahre und Berufsbildung“. Im Herbst 1923 bot ihr der Feuilletonchef des Berliner Börsen-Couriers, Erich Vogeler an, Gerichtsreportagen für seine Zeitung zu schreiben. Obwohl es ihr zunächst an Mut und Selbstvertrauen fehlte, entwickelte sie sich bald zu einer erstklassigen Reporterin, die die Dialoge im Verhandlungszimmer später aus dem Gedächtnis wiedergab und einen sozialkritischen Blick auf die Berliner Justiz in Moabit hatte. Ihre erste Festanstellung erhielt sie ein Jahr später 1924 von Theodor Wolff, dem damaligen Chefredakteur des Berliner Tageblatts. Dort verpflichtete sie sich für einen Betrag von 500 Mark, neun Gerichtsreportagen im Monat zu verfassen. Mit ihrem Beruf überschritt sie die Grenzen der „anständigen Frau“ aus privilegierter Umgebung, die entgegen der gesellschaftlichen Konventionen selbstständig einem Broterwerb nachging.[6]

Bei den Prozessen interessiert sie sich besonders für die schwierige Situation der Frauen, die durch die sich zuspitzende wirtschaftliche Lage der Zwanziger Jahre und durch ihre Verstöße gegen das Abtreibungsgesetz mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dabei beleuchtet sie beispielsweise die Beweggründe, die Frauen zu einer Abtreibung zwingen, und zeigt die Gefahren auf, in die das herrschende Recht durch den Abtreibungsparagraphen 218 die Frauen ihrer Zeit treibt.[7] Dabei interessierten sie die Sensationsprozesse wenig. Mittelpunkt ihrer Reportagen bildeten die privaten Tragödien der Dienstmädchen, der Landstreicher, der Gestrauchelten: „Sie schreibt über Prostitution, Diebstahl, Kuppelei. Sozialgeschichten der kleinen Leute. Und vor allem: der kleinen Frau. Immer wieder schreibt sie über Frauen, die mit eigener Hand abgetrieben haben.[...] Über ein Mädchen aus einfachem Hause, das wegen Diebstahl und Betrug für ein Jahr ins Gefängnis muss, schreibt sie: 'Der Berufsjurist kann eine Vorbestrafte vielleicht nicht milde ansehen, aber scheint die Gleichung: Ein Kleid, ein Mantel und eine Hotel-Wochenendrechnung gleich 365 Tage hinter vergitterten Fenstern, nicht allzu bitter?' Tergits Urteile sind nicht die einer Juristin, sondern die einer klugen, sozialkritischen Beobachterin.“[8] Dabei schreibt sie in dem Bewusstsein, dass im Verbrechen der Mensch zutage tritt und ein Gerichtsfall auch immer der Spiegel einer Gesellschaft und einer Zeit ist. Oftmals formuliert sie ihre eigenen Urteile sowohl direkt, als auch sarkastisch und zwischen den Zeilen entgegen den gesellschaftlichen Erwartungen.

Auch im Nationalsozialismus passt sie sich nicht der Mehrheit an. Mit klarem Blick auf die antisemitischen Strömungen vor dem Zweiten Weltkrieg schreibt sie über Femenmordprozesse der Schwarzen Reichswehr in der Weltbühne: „Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch.“ In ihrem Zweiter Roman Effingers lassen sich kondensiert Erfahrungen aus diesen Prozessen finden.[9] Nach dem Zweiten Weltkrieg ändert sich ihr scharfer Blick für den Nationalsozialismus in Berlin nicht. Deutschlandweit bekannt wurde Gabriele Tergit mit ihrem ersten Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm, der 1931 im Rowohlt Verlag erschien. Darin nimmt sie den immer mehr auf die Vermarktung fokussierten Berliner Presse- und Kulturbetrieb, sowie gesellschaftliche Phänomene aufs Korn.[10]

Da sie im sich immer stärker radikalisierenden Nationalsozialismus ihre Kritik auch innerhalb ihrer Reportagen öffentlich äußert, gelangt sie auf die Schwarze Liste des NS-Regimes. Diese versuchen in der Nacht vom 3. auf den 4. März 1933 ihr Haus gegenüber des Berliner Tiergartens zu stürmen. Nur mit Glück entging ihre Familie der gewaltsamen Inhaftierung. Noch am selben Tag flieht Gabriele Tergit mit ihrem damals vierjährigen Sohn in die Tschechoslowakei, dann in andere Orte, bis sie sich endlich 1938 mit ihrem Ehemann in London niederlässt. Nach Kriegsende 1948 reist sie erst wieder nach Berlin und beginnt mit neuen Gerichtsreportagen. Über einen Gerichtsfall in Moabit, der allein zehn Richter, Anwälte und Wachmänner mit dem Verbleib eines Goldrings mit Halbedelsteinen beschäftigt, wirft sie die Frage auf: „ Kann man eine Zivilisation so neu anfangen? Indem man weitermacht als wäre nichts geschehen?“ Kurz darauf beendet sie ihre Tätigkeit als Journalistin. Ihre letzten 24 Lebensjahre arbeitet sie bei der internationalen Schriftstellervereinigung PEN als Sekretärin, bevor sie im Juli 1982 mit 88 Jahren stirbt. Trotz ihrer Zurückgezogenheit aus den literarischen Kreisen Deutschlands, habe sie täglich an ihrer Schreibmaschine gesessen und getippt, berichtet ihr damaliges Hausmädchen später.

3. Die Frau in der Weimarer Republik

Die Frauen der Großstädte der Weimarer Republik befanden sich mehr als in anderen Zeiten und Teilen Deutschlands in einer Zwischenstellung. Noch geprägt durch patriarchalische Strukturen und konservative Moral- und Wertvorstellungen, sahen sie sich in den Umbrüchen der 20er Jahre mit einer neuen Eigenständigkeit, freieren Moral und dem zunehmenden Anspruch der Selbstverwirklichung konfrontiert. Einerseits wurden Frauen mit Gründung der Weimarer Republik und besonders im Jahr 1918 mit Einführung des Frauenwahlrechts neue Möglichkeiten eingeräumt, damit eine äußerliche Gleichberechtigung garantiert. Damit wurde ein von der bürgerlichen Frauenbewegung seit langem aufgestelltes Ziel erreicht.[11] Auch wurden ihnen in Folge der Unruhen des Ersten Weltkriegs und des daraus resultierenden Mangels an männlichen Arbeitskräften neue Aufgaben in der Gesellschaft und Arbeitswelt zugeteilt, welche ihnen ein neues Selbstverständnis vermittelten. Ergebnis dieses neuen Selbstverständnisses ist das gesellschaftliche und kulturelle Phänomen der „Neuen Frau“, auf das im Folgenden näher eingegangen werden soll.

Der Erste Weltkrieg veränderte schlagartig die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Strukturen in Deutschland.[12] Bedingt durch die Abwesenheit der Männer, die mit wenigen Ausnahmen an der Front dienten, übernahmen Frauen frauenuntypische Aufgaben in der Gesellschaft und der Wirtschaft. Dazu gehörten auch, bedingt durch die parallel voranschreitende Industrialisierung, technische und körperlich fordernde Berufe für Frauen. Diese neuen Tätigkeitsfelder im sozialen und wirtschaftlichen verstärkte das Engagement vieler Frauen innerhalb der Frauenbewegung, die sich bereits seit dem Kaiserreich für mehr politische, soziale und zivile Bürgerrechte einsetzte. Auch in der Literatur fand diese Bewegung Ausdruck. Darin thematisierten besonders Schriftstellerinnen seit der Jahrhundertwende ein neues Frauenbild, das selbstständig, selbstbewusst und aktiv in der Öffentlichkeit auftritt. Waren diese Feministischen Ideen zur Zeit des Kaiserreichs noch stark umkämpft, ermöglichten die Geschehnisse des beginnenden 20. Jahrhunderts neue Rechte und ein sich langsam veränderndes Rollenverständnis. Obwohl diese nach Kriegsende im Jahr 1918, bedingt durch die Rückkehr der Männer von der Front, wieder zurückgedrängt wurden, war in vielen Frauen ein neues Selbstbewusstsein entstanden, das sich besonders innerhalb der Weimarer Republik als das Bild der „Neuen Frau“ in Wirtschaft, Alltag, Mode und Lebensweise niederschlagen sollte. Durch das im selben Jahr eingeführte Wahlrecht für Frauen schien der Grundstein für die beginnende Emanzipation gelegt worden zu sein.

Besonders im städtischen Alltag zeigte sich diese emanzipierte „Neue Frau“ in einer veränderten Lebensplanung, die sich durch gelockerte Moralvorstellungen, beispielsweise hinsichtlich der Partnerschaft und Sexualität, und einem neuen weiblichen Selbstverständnis ausdrückte. Protagonistinnen waren dabei zumeist um die Jahrhundertwende geborene Akademikerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen, Tänzerinnen und Künstlerinnen, die sich in einer Großstadt niedergelassen hatten und nun mit dem traditionell weiblichen Lebensstil ihrer Mütter brachen. Sie gingen eher seltener eine Ehe ein und beschränkten sich sozial nicht auf das konventionell weibliche Bezugsfeld. Stattdessen strebten sie nach Unabhängigkeit, indem sie einem Beruf nachgingen, sich damit selbst finanzierten und auch privat in „ebenbürtigen Beziehungen“ lebten. Trotz ihrer Bemühung finanziell unabhängig zu sein, war die typische „Neue Frau“ der Weimarer Republik gebürtig in großbürgerlichen oder adeligen Kreisen, dessen materieller Reichtum ihr in erster Linie diesen normabweichenden Lebensstil ermöglichte.

[...]


[1] Aus: Gabriele Tergit: Die Neue Frauentribüne 1933

[2] Burger, S. 621

[3] „19. April 1872, Alice Salomon“ (Artikel in der Jüdischen Zeitung vom April 2010)

[4] Brüning, S. 199–204.

[5] Wagener, S. 19

[6] Ebd.

[7] Farin, S. 29.

[8] Ahr

[9] Brüning, S. 199-204.

[10] Vergleiche im Folgenden: Ahr: Gabriele Tergit. Ein Prozess spiegelt die Welt.

[11] Herzog: Die „Neue Frau“.

[12] Vergleiche im Folgenden: Herzog: Die „Neue Frau“.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668288713
ISBN (Buch)
9783668288720
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287309
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Kulturwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Gabriele Tergit Weimarer Republik Frauenbild Rolle der Frau Girl Neue Frau Berlin Schriftstellerin Frauenbewegung Feminismus 30er Jahre

Autor

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Titel: Gabriele Tergit und die Frau der Weimarer Republik