Lade Inhalt...

Psychiatrisches Gesundheits- und Krankheitsverständnis

Pflege bei Menschen mit einem längerfristigen psychiatrischen Krankheitsverlauf

Hausarbeit 2014 26 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungen

1 Einführung und Methode

2 (Psychiatrisches) Gesundheits- und Krankheitsverständnis

3 Chronizität und längerfristiger psychiatrischer Krankheitsverlauf

4 Empowerment

5 Recovery

6 Bezug zur psychiatrischen Pflege

7 Fazit und Ausblick

Literatur

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

In der Arbeit wird für eine bessere Lesbarkeit entweder die männliche oder die weibliche Form verwendet. Es sind jedoch immer beide Geschlechter gemeint.

1 Einführung und Methode

„Wichtig ist es nicht gesund zu werden, sondern mit seinem Leiden zu leben“ (Albert Camus 2005, 54).

Auch im einundzwanzigsten Jahrhundert ist der Begriff der Psychiatrie und der (chronisch) psychischen Erkrankung immer noch negativ und mit vielen Vorurteilen behaftet. Schnell kommt es durch Unwissenheit zur Stigmatisierung und Diskriminierung der Betroffenen. Der erkrankte Mensch wird als verrückt, unheilbar krank und selbst Schuld an seiner Erkrankung verurteilt. Häufig ist eine soziale Ausgrenzung die Folge weil davon ausgegangen wird, dass Gefahr von ihm ausgeht. Ist von Psychiatrie die Rede, so haben viele Menschen eine unrealistische Vorstellung, welche durch fehlerhafte Informationen in Serien und Filmen bestätigt wird. So bringen sie fälschlicherweise die Psychiatrie ausschließlich mit Entmündigung oder Zwangsmaßnahmen wie Zwangseinweisung, Fixierung sowie die Gabe von Medikamenten gegen den Willen des psychisch erkrankten Menschen in Verbindung (vgl. Abderhalden, Needham, Sauter, Wolff 2006, 142ff.; Amering, Schmolke 2007, 62ff.; Knuf 2006, 125; Schädle-Deininger 2010, 18; 2008, 15). Dabei ist doch Selbstbestimmung das Recht eines jeden Menschen (vgl. Knuf 2006, 32f.) unabhängig davon, ob er gesund oder krank ist. Und so wie sich die Psychiatrie im Wandel der Zeit verändert hat, so haben sich auch die Menschen von Insassen zu Betroffenen gewandelt. Psychiatrie-Erfahrene schließen sich zu Selbsthilfegruppen zusammen und die professionell Pflegenden werden als Informationsquelle und Unterstützung verstanden, wodurch ein Netzwerk entsteht. Gemeinsam wird an Prozessen des Empowerment und Recovery gearbeitet (Abderhalen et al. 2006, 156ff.; Amering, Schmolke 2008, 76ff.).

Diese als modulabschließende Prüfungsleistung für das Modul 8.1 „Spezielle Pflegesituationen“ geschriebene Hausarbeit befasst sich mit dem Thema „Grundhaltung, psychiatrisches Gesundheits- und Krankheitsverständnis als Basis für das Handeln psychiatrischer Pflege bei Menschen mit einem längerfristigen psychiatrischen Krankheitsverlauf“ mit der Vorstellung der Konzepte des Empowerment und Recovery.

In Kapitel 2 wird Bezug zu verschiedenen Definitionen von Gesundheit und Krankheit genommen. Im darauf folgenden Kapitel 3 wird die Thematik der Chronizität und des längerfristigen psychiatrischen Krankheitsverlaufs aufgefasst, um in Kapitel 4 und 5 auf die Thematik der Selbsthilfe und den Aspekt Gesundung zu fördern einzugehen. Die Konzepte des Empowerment und Recovery werden allgemein, nicht auf spezielle psychiatrische Erkrankungen bezogen, vorgestellt und im Kapitel 6 in Bezug zum psychiatrischen Pflegeverständnis und -handeln gebracht. Die Arbeit schließt mit einem Fazit sowie kritischen Betrachtung und einem Ausblick auf mögliche weiter zu bearbeitende Themen-schwerpunkte.

Zur Bearbeitung der Thematik wurde die von Frau Schädle-Deininger vorgeschlagene Literatur verwendet. Des Weiteren wurde in der Datenbank der Bibliothek der Fachhochschule Frankfurt nach Literatur zu den Schlagworten „Empowerment“, „Recovery“, „psychiatrische Pflege“, „Psychiatrie“, „Selbstbefähigung“, „Gesundung“ gesucht und diese miteinbezogen.

2 (Psychiatrisches) Gesundheits- und Krankheitsverständnis

Zu Beginn ist es wichtig, die Begriffe der (psychiatrischen) Gesundheit und Krankheit zu definieren. Was bedeutet es (psychisch) krank zu sein? Kann ein Mensch mit einer chronifizierten (psychiatrischen) Erkrankung gesund werden oder sein? Und wie kann Gesundheit gefördert werden? Die Beantwortung dieser Fragen soll zum einen durch dieses Kapitel, aber auch in den Punkten Empowerment und Recovery beantwortet werden.

Es werden verschiedene Definitionen als Grundlage vorgestellt, ein Anspruch auf Vollständigkeit wird dabei nicht erhoben.

Häufig werden die Begriffe Gesundheit und Krankheit dichotom betrachtet und der Mensch somit als entweder gesund oder krank verstanden. Gesundheit bedeutet folglich nicht krank zu sein und Krankheit impliziert das Fehlen von Gesundheit (vgl. Knuf 2006, 11). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte Gesundheit bei ihrer Gründung 1948 sowie in der Ottawa-Charter zur Gesundheitsförderung 1986 als „umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden“ (WHO 1986, 1). Doch ist es dann nicht so, dass jeder Mensch krank ist? Denn ein vollkommenes Wohlbefinden scheint zu keiner Zeit des Lebens realistisch (vgl. Knuf 2006, 12).

In der europäischen Erklärung zur psychischen Gesundheit der WHO (2005) ist die Rede davon, dass es ohne psychische Gesundheit keine Gesundheit gibt (vgl. WHO 2005, 3). Gesundheit sei ein Bestandteil des alltäglichen Lebens und nicht das Lebensziel und wird als Konzept verstanden (vgl. WHO 1986, 1).

Weitere monodisziplinäre Gesundheitsdefinitionen stammen zum Beispiel aus der Biologie oder Soziologie. Die Biologie beschreibt Gesundheit als ein geordnetes Zusammenspiel von normalen Funktions-abläufen und einen normalen Stoffwechsel. In der Soziologie wird Gesundheit als eine optimale Leistungserbringungsfähigkeit eines Menschen und somit für die Erfüllung der ihm zugehörigen Rollen und zu erfüllenden Aufgaben verstanden (vgl. Lektorat Pflege, Menche 2007, 215).

Ein anderes Verständnis ist das, eines Kontinuums von Gesundheit/ körperlichem Wohlbefinden und Krankheit/ körperlichem Missempfinden im Sinne der Saltuogenese nach Antonovsky (1997). Damit versteht Antonovsky denn Menschen nicht als entweder gesund oder krank, sondern beschreibt diese Zustände als zwei entgegengesetzte Pole und etwas „lückenlos Zusammenhängendes“ (Duden 2014). Das Modell beschäftigt sich mit der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit als Prozess. Um das gesundheitliche Gleichgewicht aufrechterhalten zu können und mit den Stressoren (extrinsische und intrinsische Faktoren die zur Störung der Homöostase führen können) umgehen zu können, besitzt der Mensch neben Widerstandsressourcen (der Fähigkeit die eigene Gesundheit zu schützen) das Kohärenzgefühl. Dieses subjektive Empfinden setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen - dem Gefühl von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit – und dient als motivationale Grundhaltung (vgl. Antonovsky 1997, 23, 24ff., 34ff.; Lektorat Pflege, Menche, 2007, 220f.; Schädle-Deininger 2010, 167f.).

Folgend wird der Begriff der (psychischen) Krankheit unter Einbezug einiger Modelle definiert. Nach dem sozialen Modell der psychischen Erkrankung stehen die familiären und zwischenmenschlichen Beziehungen sowie das Umfeld im Mittelpunkt. Je nach Vorbedingungen und erworbenen Fähigkeiten sowie sozialer Herkunft kann ein Mensch unterschiedlich leicht mit psychischem Stress umgehen, ist somit unterschiedlich anfällig für eine psychische Erkrankung. Aus medizinischer Sicht werden Diagnosen gebildet, die neben Symptomen auch Einschränkungen beschreiben und nach körperlichen Ursachen suchen, um diese medikamentös behandeln zu können. Die Pathogenese spielt dabei eine große Rolle. Aus pflegerischer Perspektive geht es um den Umgang des Betroffenen mit seinen Einschränkungen und wie er seine Ressourcen aktiviert um mit seiner Erkrankung oder Behinderung zurecht zu kommen. Reaktions- und Verhaltensweisen auf beispielsweise Stresssituationen werden dabei unter Einbezug der biographischen Geschichte beobachtet. Nach dem Kommunikationsmodell geht es bei jeder Verhaltensweise um den Versuch sich anderen mitzuteilen. Betrachtet man eine psychische Erkrankung aus zwischenmenschliche Sichtweise, so wird abnormes Verhalten als ein Mangel des Selbstwertes angesehen. Soziale Beziehungen konnten nicht ausreichend positiv erlebt werden. Die psychoanalytische Betrachtungsweise beschreibt eine psychische Erkrankung als eine Art Konfliktlösungssituation, wenn vorherige Abwehrmechanismen nicht mehr zur Problemlösung anwendbar sind. Das Verhaltensmodell geht davon aus, dass jedes Verhalten er- und folglich auch verlernbar ist. Negative Gewohnheiten und Verhaltensmuster können in positive umgeändert werden (vgl. Schädle-Deininger, Villinger 1996, 27f.). Abderhalen et al. (2006) definieren den Begriff der psychischen Krankheit anhand einiger Aspekte. Erkrankt ist ein Mensch, der sich selbst als krank erlebt, dadurch kognitiv oder emotional eingeschränkt ist und zusätzlich klassische Symptome einer klassifizierten Krankheit aufweist. Des Weiteren fallen außergewöhnliche oder gestörte psychische Verhaltensarten und/oder Funktionen auf, die vom Betroffenen selbst nicht als ungewöhnlich wahrgenommen werden (vgl. Abderhalen et al. 2006, 94).

Weitere Theorien und Modelle zur Entstehung psychischer Erkrankungen werden in der Literatur vorgestellt. Dies würde an dieser Stelle den Umfang der Arbeit übersteigen. Weiterführende Literatur: Aderhalen et al. 2006; Schädle-Deininger, Villinger 1996.

Es erscheint zu wenig, die verschiedenen Modelle und Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit einzeln von einander zu betrachten und eins als richtig auszuwählen, um es im Umgang mit einem Menschen in einer psychischen Ausnahmesituation anzuwenden. Viel mehr ist eine Mischung aus den verschiedenen Modellen angebracht, um nicht nur den Entstehungsgrund oder Auslöser der Situation des betroffenen Menschen verstehen zu können, mit dem die pflegende Person in Kontakt kommt. Viel bedeutender scheint es, sich mit den Folgen und der Art des Umgehens mit der Erkrankung sinnvoll auseinander zu setzten und in vertrauensvolles und respektvolles Miteinander zu kommen, eine ebenbürtige Beziehung aufbauen zu können, um so gemeinsam ressourcenorientiert an und mit der Erkrankung zu arbeiten (vgl. Schädle-Deininger, Villinger 1996, 28).

Gesundheitsförderung

In der Ottawa-Charta der WHO (1986) ist das Hauptthema die Gesundheitsförderung. Jeder Mensch soll selbstbestimmt über seine Gesundheit entscheiden und dadurch gestärkt und zu Gesundheit befähigt werden (vgl. WHO 1986, 1).

Gesundung

Gesundung ist nach Knuf (2006) nicht als das Gesundwerden im Sinne des Fehlens von Krankheit, sondern viel mehr als ein Überwiegen der gesunden Aspekte oder ein Wachsen an der Erkrankung zu verstehen (vgl. Knuf 2006, 12). Auf diese Thematik wird in Kapitel 4 und 5 weiterführend eingegangen.

3 Chronizität und längerfristiger psychiatrischer Krankheitsverlauf

„Chronos“ kommt aus dem altgriechischen und bedeutet „Zeit“ (vgl. Abderhalen et al. 2006, 670; Amering, Schmolke 2007, 15). Im Bezug auf (psychiatrische) Erkrankungen ist die Rede von einer Langzeiterkrankung (vgl. Abderhalen et al. 669ff.) oder einem sich langsam entwickelnden, längerfristigen Krankheitsverlauf. Dauerhafte oder wiederkehrende Symptomatik, eine über zwei Jahre andauernde psychische Störung oder Behinderung kann auch als chronisch verstanden werden (vgl. Abderhalen et al. 670). Weitere Definitionen einer psychischen Chronizität sind in der Literatur zu finden. Beispiele für psychische Erkrankungen, die eine chronischen Verlauf mit sich bringen (können) sind Suchtkrankheiten, Demenz schwere Persönlichkeitsstörungen oder endogene Psychosen (Eikelmann 1997, 23ff.).

Chronisch wird fälschlicherweise auch als unheilbar verstanden. Doch ist es aber so, dass auch nach längerer Zeit der Erkrankung eine Heilung möglich ist. Mit einem chronischen Krankheitsverlauf kann auch gemeint sein, dass stabile und instabile Phasen auftreten, es immer wieder zum akuten, plötzlichen Symptomausbrüchen kommen kann, denen aber möglicherweise in gewissem Maße vorgebeugt werden kann. Chronisch krank zu sein bedeutet im Umkehrschluss nicht, nicht gesund sein zu können (vgl. Amering, Schmolke 2007, 15f.; Knuf 2006, 125; Schädle-Deininger 2008, 99).

Schädle-Deininger (2014) versteht eine chronische Erkrankung als ein dauerhaftes Leiden oder auch einen langsamen Krankheitsverlauf. Ein längerfristiger (psychischer) Krankheitsverlauf impliziert Verlust oder auch Trauer und Abschied nehmen in vielen Bereichen des eigenen Lebens mit der idealisierten Vorstellung davon (vgl. Schädle-Deininger 2014, 8ff.). Ein erlebter Verlust kann „schmerzhaft empfundene Stress- und Trauerreaktionen“ (ebd.) auslösen. Von großer Bedeutung ist eine einfühlsame, offene und vor allem flexible Begleitung des Prozesses der Bewältigung der durch die Erkrankung ausgelösten Verluste in den verschiedenen Ebenen und Bereichen des Lebens (vgl. Schädle-Deininger 2014, 10). Durch die Erkrankung fühlt das Individuum sich bedroht und dies kann folglich zu verschiedenen Arten des Verlustes führen. Beispiele sind der Verlust der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Unabhängigkeit, des Gefühls der Sicherheit oder der Ganzheit, der sozialen Beziehungen, der Geschlechtsidentität oder des früheren Körperbildes (Käppeli 1993, 10ff.).

Um unterstützend im Bewältigungsprozess des Verlustes und des Abschiednehmens in Bezug auf eine längerfristige psychiatrische Erkrankung mitzuwirken, können die Konzepte des Empowerment oder Recovery hilfreich sein. Erlebte Verluste müssen benannt, Trauer zugelassen und aufgearbeitet werden. Negativen Gefühlen wie Wut muss Raum gegeben werden. Folglich kann man zu der Sichtweise kommen, dass es nicht nur um Verlust, sondern vielleicht auch um Zugewinn neuer Kompetenzen geht (vgl. Schädle-Deininger 2014, 11).

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656877110
ISBN (Buch)
9783656877127
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287170
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main – Fachbereich 4
Note
1,7
Schlagworte
psychiatrisches gesundheits- krankheitsverständnis pflege menschen krankheitsverlauf

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Psychiatrisches Gesundheits- und Krankheitsverständnis