Lade Inhalt...

„German Engineering“ - Gibt es eine deutsche Ingenieurskultur?

Studienarbeit 2012 38 Seiten

Ingenieurwissenschaften - Wirtschaftsingenieurwesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Aufgabenstellung und Vorgehensweise
1.2 Definitionen von „Ingenieur“ und „Kultur“

2 Geschichte des deutschen Ingenieurwesens
2.1 Ursprung und Entwicklung eines Berufsstandes
2.2 Kampf um gesellschaftliche Anerkennung
2.3 Ingenieurskultur unter Einfluss des deutschen Militarismus

3 Prädikat „Made in Germany“
3.1 Ursprung und Herkunft des Begriffs aus England
3.2 Vom Warnzeichen zum Gütesiegel in kurzer Zeit
3.3 Ein Synonym für das „deutsche Wirtschaftswunder“

4 „German Engineering“ im Wettbewerb von heute
4.1 Chancen in alten und in neuen Stärken
4.2 Risiken in der fortschreitenden Globalisierung

5 Schluss
5.1 Zusammenfassung
5.2 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: „Dienstleistungen: Deutsches Know-how im Ausland gefragt“

Abbildung 2: „Bekenntnis des Ingenieurs“, Quelle: http://heureka-stories.de/Einführung

1 Einführung

1.1 Aufgabenstellung und Vorgehensweise

„German Engineering“ - „Deutsches Ingenieurwesen“. Die Übersetzung ins Englische, die Verkehrssprache der führenden Industrien1, macht diesen Ausdruck international verständlich. Er vermittelt aus der Geschichte heraus bis heute erstklassige Ausbildung deutscher Fachkräfte und deren Arbeit, die weltweit geschätzt wird.2 Direkt damit verbunden, ist ein weiterer allseits bekannter Begriff: „Made in Germany“. Mit diesem wird höchste Produktqualität assoziiert.3

Es stellt sich jetzt die Frage, wieso diese wenigen Worte ausreichen, um eine gewisse Sicherheit zu haben z. B. für die Einstellung gut ausgebildeter Arbeitskräfte oder für den Kauf hochwertiger Produkte. Auch fragwürdig ist, wieso diese Begriffe mit speziell einem Land, Deutschland, verbunden sind.

Das Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, diesen Hintergrund aufzudecken, um so die Frage beantworten zu können, ob sich in diesem Kontext eine deutsche Ingenieurskultur gebildet hat.

Zu Beginn wird der Ausdruck „Ingenieurskultur“ definiert, damit der Leser mit einer besseren Verständlichkeit an das Thema herangeführt wird. Im Anschluss daran wird die deutsche Ingenieurswissenschaft untersucht, die ihren Ursprung im Militär hat. Hier wird geklärt, warum sie im Deutschen Kaiserreich durch die bildungsbürgerliche Elite keine Anerkennung fand. Nach der Akademisierung des Ingenieurwesens und im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung wurde der Ingenieursstand jedoch immer bedeutender. Es werden Gründe aufgezeigt, wie eine deutsche Ingenieurskultur entstanden ist.

Zum Schluss des Kapitels wird erläutert, dass das von den Ingenieuren erarbeitete Know-How in den Weltkriegen für die Steigerung der Effizienz von Kriegstechniken missbraucht wurde.

Eng mit dem deutschen Ingenieurswesen ist auch der Ursprung der Kennzeichnung „Made in Germany“ verflochten. Es wird im dritten Kapitel die Entwicklung beschrieben, wie es als Schundkennzeichnung gedacht war und anstatt dessen in kürzester Zeit zu einem Qualitätssiegel geworden ist. Nach den Kriegen wurde das Aushängeschild zu einem Synonym für das deutsche „Wirtschaftswunder“ und ist heute noch weltbekannt.

Im vierten Kapitel wird das „German Engineering“ im Kontext des steigenden Wettbewerberdrucks erörtert. Beleuchtet werden die Chancen, die in Altbewährtem und in der Entwicklung neuer Stärken Deutschlands liegen. Auch die Risiken, die die Globalisierung der deutschen Unternehmen mit sich bringt, werden aufgedeckt.

Zum Schluss wird die wissenschaftliche Arbeit zusammengefasst. Danach bildet ein Fazit schließlich das Ende mit der Beantwortung der Frage, ob es eine Ingenieurskultur gibt.

1.2 Definitionen von „Ingenieur“ und „Kultur“

Der Ausdruck „Ingenieurskultur“ ist ein grammatikalisches Kompositum4 von der „Kultur der Ingenieure“. Um diesen Begriff besser verstehen zu können, wird er deshalb in zwei Elemente zerlegt – „Ingenieur“ und „Kultur“.

Der Begriff Ingenieur hat seinen Ursprung im Lateinischen von „Ingenium“. Es bedeutet „sinnreiche Erfindung“ bzw. „Scharfsinn“. Das Wort „Ingenieur“ wurde im Deutschen das erste Mal zu Zeiten des Mittelalters verwendet, als es aus dem Italienischen „ingegnere“, d.h. Kriegsbaumeister, transferiert wurde. Es wurde damals jedoch lediglich als Bezeichnung für Entwickler von Kriegstechnik benutzt.

Im 17. Jahrhundert wurde in Frankreich eine Begriffsbestimmung eingeführt, die in Deutschland im darauf folgenden Jahrhundert übernommen wurde.5,6 Dies war die Grundlage für die heutige Definition des Ingenieurberufs: „[…] Berufs- und Standesbezeichnung für wissenschaftlich ausgebildete Fachleute auf technischem Gebiet.“7

Demnach ist die allgemeine Haupttätigkeit eines Ingenieurs in der heutigen Zeit technische Systeme zu entwickeln, weniger mit der damaligen Absicht Kriegsgeräte herzustellen, sondern dem Menschen in der Praxis nützlich zu sein. Das bedeutet also, den Wohlstand der Gesellschaft zu steigern. Hierzu muss der Ingenieur entsprechend ausgebildet werden, um das nötige Wissen für die Erschaffung solcher Systeme zu erlangen. Natürlich ist der Ausdruck „technische Systeme“ ein weitumfassender Begriff, wobei deren Komplexität über die Zeit immer weiter anstieg. Daher ist meist nicht nur ein einziger Ingenieur an einer Entwicklung beteiligt.8 Das Wissensgebiet ist außerdem so weitläufig geworden, dass sich sehr viele verschiedene Fachrichtungen gebildet haben. Sie erstrecken sich heute von klassischen Richtungen wie Bauingenieurwesen und Maschinenbau über Wirtschaftsingenieurwesen und Elektrotechnik bis hin zu Kern- und Energietechnik.9 Während sich eine dermaßen breite Fächerung entwickelt hat, ergab sich parallel dazu auch eine eigene Kultur innerhalb dieser Wissenschaften. Auch an dieser Stelle muss der Begriff „Kultur“ zum Grundverständnis erklärt werden.

Das Wort „Kultur“ hat ebenfalls seine Abstammung aus dem Lateinischen von „cultura“, d.h. Pflege, Bearbeitung, Ackerbau. Entsprechend dazu bedeutet das lateinische Verb „colere“ pflegen, verehren, den Acker bestellen.10 Im Grunde bezeichnet Kultur also generell etwas, das Menschen selbst erschaffen haben, dieses Erschaffene pflegen und es sogar verehren.

Der Kulturbegriff kann aber auch auf nur eine bestimmte Gruppe von Menschen bezogen werden, die mit einer gemeinsamen Sprache kommunizieren oder dieselbe soziale Herkunft haben. Ein anderes definierendes Merkmal des Begriffs besteht in der möglichen Beschreibung eines Zeitgeistes einer Epoche.11 Innerhalb einer Kultur wiederum können verschiedene Kulturleistungen entstehen.

Wendet man diese Charakteristiken auf eine mögliche Ingenieurskultur an, müsste diese Kultur von Ingenieuren selbst direkt oder auch durch den Zeitgeist einer Epoche indirekt erschaffen worden sein. Vorweg ist natürlich bekannt, dass bereits Leistungen für die „Gesamtkultur“ im Bereich der Technik erschaffen wurden. Es ist allerdings in Bezug auf Deutschland festzuhalten, dass es seit jeher verschiedene Meinungen darüber gibt, ob Technik ein Bestandteil der deutschen Kultur ist. Zum Beispiel sagt Wolfgang König, Professor für Technikgeschichte an der Technischen Universität Berlin, in einem Workshop am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS): „Für Deutschland typisch sei […] die Fokussierung auf Geistig-Normatives der Kultur unter Ausschluss des Technischen […]“.12 Dies wird auch während den Ausführungen im zweiten Kapitel widergespiegelt.

Wie sich im Genauen eine Ingenieurskultur gebildet haben könnte und ob sie über die Zeit einen Wandel angetreten hat, wird auf den folgenden Seiten detailliert untersucht und dargelegt.

2 Geschichte des deutschen Ingenieurwesens

2.1 Ursprung und Entwicklung eines Berufsstandes

Um es aus dem ersten Kapitel weiterzuführen, wurden Ingenieure zu der Zeit des 17. Jahrhunderts von Frankreich offiziell als „Fachmänner für Technik“ definiert. Im selben Jahrhundert, während des dreißigjährigen Krieges von 1618-1648, fanden erstmals Gruppierungen von Ingenieuren statt.

Als „Ingenieurkorps“ bezeichnet, wurden sie in das Heer eingegliedert.13

Die Zusammenstellung von mehreren Ingenieuren in eine eigene Einheit war also eine frühe Form eines Berufsstandes. Denn auch in Friedenszeiten wurden Ingenieure in den zivilen Bereichen z.B. im Bauwesen eingesetzt.14

Das erste Ingenieurskorps Deutschlands wurde im Jahre 1712 gebildet, welches ebenfalls in Friedenszeiten z.B. an Entwicklungen für eine bessere Infrastruktur großen Anteil hatte.

Das Jahr 1743 war schließlich der Grundstein dafür, dass dem Ingenieur später ein eigener Berufsstand zuteil gekommen ist. Denn zum ersten Mal wurde in Dresden eine akademische Lehranstalt innerhalb einer Kaserne eröffnet, in der Teile der Ingenieurswissenschaften gelehrt wurden. Jedoch diente die Ausbildung zu militärischen Zwecken.15

Erst einige Zeit später wurden auch zivile Ingenieursschulen eröffnet, die während des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts den Universitäten gleichwertig wurden. Im Jahre 1899 fand die Einführung der akademischen Grade „Diplom-Ingenieur“ (Dipl.-Ing.) und „Doktor der Ingenieurwissenschaften“ (Dr.-Ing.) durch den König von Preußen, Wilhelm II., an den Technischen Hochschulen Preußens statt. Die Hochschulen der anderen Länder wurden erst im Jahr 1901 akademisch.16

Durch die Einführung vieler ingenieurwissenschaftlicher Bildungsinstitutionen, die man schließlich mit einem akademischen Grad absolvieren konnte, wurde ein gefestigter Berufsstand geschaffen.17

2.2 Kampf um gesellschaftliche Anerkennung

Ist man nun bis hierhin mit der historischen Entwicklung bis ins 20. Jahrhundert aus objektiver Hinsicht bekannt, muss man parallel dazu den Blickwinkel der Ingenieure hinzuziehen.

Vor der Gleichstellung der nicht-akademischen Ingenieursschulen mit deutschen Universitäten wurden Ingenieure in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht als Wissenschaftler anerkannt, sondern als Handwerker oder „Tüftler“ angesehen. Man könne laut den Akademikern keine Akzeptanz gewinnen, wenn man mit handwerklichem Gefühl und Intuition arbeitet und nicht auf Grundlage von wissenschaftlichen Kalkulationen. Ingenieure, vor allem Maschinenbauer, wollten sich von diesem Abbild frei machen und beriefen sich auf ihre Kompetenzen von systematischer Denkweise und ergebnisorientiertem und strukturiertem Arbeiten auf Grundlage von gegebenen Fakten der Natur- & Ingenieurswissenschaften. Sie wollten zu den Akademikern aufschließen, indem sie für andere geltend machen: „Verstand geht über Gefühl, Kopfarbeit über Handarbeit“.18

Man kann diese oben genannten Punkte zur fehlenden Würdigung der Berufsgruppe auf eine Hauptursache reduzieren. Die meisten der technischen Intellektuellen hatten ihre Herkunft aus sozial schwächeren Ebenen und somit schon aus hierarchischer Sicht kein Prestige gegenüber den traditionellen Eliten.19

Aufgrund dessen kann man erkennen, dass die Ingenieure also nicht nur aus Sicht ihrer Wissenschaften und Tätigkeiten eine Gemeinsamkeit hatten, sondern auch hinsichtlich ihrer sozialen Herkunft.20

Es lässt sich daher begründen, dass in dieser Zeit des Kaiserreichs Grundlagen einer gemeinsamen Kultur vorhanden waren, denn die Kultur der Sprache, der sozialen und politischen Wertvorstellungen ist auf allen hierarchischen Stufen meist untereinander gleich. Auch hatten alle Ingenieure gemeinsam eine Maxime, die auf unteren sozialen Ebenen gleich ist. Denn nur durch höchste Leistungsbereitschaft konnte ein sozialer Aufstieg erreicht werden. Mit diesem Hintergrund bildeten sich auch mehrere Vereinigungen, in denen sich die Ingenieure gruppierten, um gemeinsam für ihre gesellschaftliche Anerkennung zu kämpfen.21 Der größte Verein ist der Verband Deutscher Ingenieure (VDI), der 1856 gegründet wurde. Der VDI schaffte es auch jahrzehntelang später das deutsche Ingenieurwesen als wissenschaftliche Disziplin durchzusetzen.22

Während der deutschen Hochindustrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschob sich allmählich die Gewichtung der damaligen Verhältnisse. Dies geschah zuerst unter den Lehrenden. Professoren deutscher Hochschulen stellen nun die alleinige Daseinsberechtigung der Theorie in Frage. Sie befürworten nun die Präsenz von Ingenieuren als tatkräftige Männer, die denken und praktisch handeln können. Denn eine kapitalistische Industrie kann nur durch Technik wachsen. Deshalb ist man umso mehr von „Tüftlern“ abhängig, die neue Technik „austüfteln“. Vice versa sinkt dann die Wichtigkeit der Stände der klassischen bildungsbürgerlichen Eliten wie den Juristen, Theologen und Historikern. Jedoch werden die Ingenieure nicht wieder auf reine Handwerker reduziert, sondern auf Künstler. Der Begriff „Ingenieurskunst“ ist geboren. Kunst ist unweigerlich mit Talent und Begabung verbunden.

Deswegen soll die Lehre zum Ingenieursberuf es dem Menschen ermöglichen, sich frei zu entfalten, um das volle Potential ausschöpfen zu können.23

Professoren der Technik stellten Ingenieure somit mehr in den Vordergrund. Wie schon genannt, war zudem die Einführung der akademischen Grade durch den letzten deutschen Kaiser eine große Unterstützung zur Statuserhöhung des Ingenieurberufs.

Doch obwohl nun der Berufsstand akademisch war, fehlte den Ingenieuren weiter die ihnen zustehende gesellschaftliche Anerkennung. Aus Sicht der traditionellen Eliten war der Mensch mit Allgemeinbildung und kultureller Kompetenz gegenüber dem Mensch mit Spezialwissen, dem Ingenieur, überlegen. Zudem waren sie es auch wegen ihrer sozialen Herkunft. Aus Sicht der in der Industrie arbeitenden Bevölkerung wurden sie oft „verteufelt“. Denn durch die Ingenieure und ihren immer effizienter arbeitenden Maschinen wurden viele Menschen arbeitslos und zuweilen auch berufslos.

Die Sehnsucht der Ingenieure nach Emanzipation war aber dennoch ungebrochen und deren verbindendes kulturelles Leitmotiv in dieser Zeit. Um den Ingenieurberufsstand den Wertvorstellungen der deutschen Bourgeoisie auf einem anderen Weg zu entsprechen, veröffentlichten Ingenieurakademiker auch populistische Schriftwerke. Besonders zu nennen, ist der Verein Deutscher Diplomingenieure (VDDI) von 1909. Dieser Verband veröffentlichte eine Zeitschrift mit dem Titel „Kultur und Technik“. In dieser postulierten Ingenieure, dass die „Deutsche Technik“ eine „Entfaltung der schöpferischen Kräfte im Volke“ sei, die der „Beseelung“ der Technik diene und damit aus der „Zivilisation“ in die deutsche „Kulturnation“ integriert werde.24

Sie versuchten so nicht nur zu zeigen, dass sie die technische Elite darstellen, sondern zugleich auch, dass sie der kulturellen Elite beigehören. Auch aus anderen Quellen wird vorausgesagt, in einer Zukunft der größer werdenden Technisierung, als Ingenieur eine herausragende Rolle einzunehmen.25

Die Verbindung zwischen der eigenen Kultur aus der Sicht der Ingenieure und dem Kulturwesens Deutschlands sollte dadurch verknüpft werden.

Ein ehemaliger Vorsitzender des VDI forderte: „Jedes größere technische Unternehmen […] muß(!) in gewissem Sinne auch ein kleines Kulturzentrum bilden, von dem [aus] sich allgemein gebildete Ingenieure und Beamte nach dem Beispiel ihrer Leiter“ im Kulturwesen Deutschlands mitwirken können.26

Hier sieht man erneut die Streitigkeit zwischen den Parteien, ob das Erschaffene von Ingenieuren mit neuzeitlicher Kultur verknüpft ist oder ob es gefährliche Auswirkungen auf diese habe, wie es laut den Bildungsbürgern der Fall ist.27

2.3 Ingenieurskultur unter Einfluss des deutschen Militarismus

Im Gegensatz zur Kultur hatten die Ingenieurverbände das Ziel von der Politik nicht berührt zu werden. Allerdings adaptierten sie, um den Punkt Wertevorstellungen und Annäherung an die Bourgeoise wieder aufzugreifen, die national-konservative Haltung der bildungsbürgerlichen Elite.28 Zum einen war der erste einheitliche deutsche Nationalstaat durch das militaristische Preußen geprägt. Zum anderen ist wieder zu erwähnen, dass erst der militär- und technikbegeisterte König von Preußen den Ingenieurberuf akademisch machte.

Damit wird aufgezeigt, dass in diesem Machtstaat der preußische Militarismus ein Hauptaspekt der deutschen Kultur war. In diesem Umfeld ist die deutsche Ingenieurskultur entstanden und wurde daher erheblich davon beeinflusst, obwohl die Ingenieure den Standpunkt der Freiheit von Wissenschaft und Technik haben. Aber sie „[…] träumten […] auch weiterhin davon, für den Nutzen der Menschen, für friedliche Zwecke, für sozialen Fortschritt wirken zu können, ohne die Fesseln von Ökonomie und politischer Macht.“29 Exemplarisch sei hier Otto Lilienthal genannt. Der Luftfahrtpionier dachte naiv in die Zukunft, in der man mit dem Flugzeug in andere Länder und Kontinente reisen kann.

Ein Vorteil aus der Erfindung des Flugzeugs war für ihn, dass Kriege dadurch eher vermieden gewesen wären und es Frieden bringt. Doch kurz darauf und noch während der Zeit des Kaiserreiches fand der erste Weltkrieg statt. Das Flugzeug, das nach Lilienthal Frieden bringen sollte, wurde als Kriegsmaschine missbraucht. So wurde der Krieg unter anderem auch nach dem britischen Politiker Lloyd George als "engineers‘ war" 30 bezeichnet. In der darauf folgenden Weimarer Republik erlangte alsbald auch wieder die militärische Elite die Oberhand, welche auch bis ins dritte Reich hineinreichte.31

Es ist also zu sehen, dass Deutschland, seitdem es als ein einheitlicher Staat existierte, bis dahin stets im Gewand des Militarismus auftrat. Das färbte weiterhin auf den begründeten Ingenieurstand ab, da dieser nach den vorherigen Erläuterungen immer damit in Verbindung gebracht wurde. Allerdings lag es nicht weit entfernt, dass sie durchaus kooperativ sind, wenn es, entgegen ihrer Unparteilichkeit, um nationale Themen geht.32 Die Annahme ist berechtigt, denn sie hatten sich ja, auch wenn es Gründe der Anpassung waren, eine national-konservative Grundhaltung angeeignet. Diese war behaftet mit traditionellen preußischen „Tugenden“ wie Zähigkeit, Perfektionismus und Disziplin. Aber unabhängig vom Militarismus können diese Eigenschaften einem ehrgeizigen „Tüftler“ grundsätzlich nachgesagt werden. Es sind „Tugenden“, die aus einer Zeit kommen, in der Deutschland von Grund auf durch „Macht“, „Militär“ und dem „Prinzip Befehl und Gehorsam“ geprägt war.33 Daraus entstand sogar teilweise ein Nimbus von „Übermenschlichkeit“. Es zeigt sich in vielen Quellen, wie z.B. in Romanen, die dieses Bild widerspiegeln.

Frank Thieß schrieb 1931 bezüglich der Luftfahrt, dass sich ein heldenhafter Stand von Ingenieuren gebildet hat, welche „mit dem Geiste des großen Sportsmanns und der Zähigkeit des Forschers“ ausgestattet sind. Nach ihm gab es erneut „Männer, deren Geist und Willen sich furchtlos im Angesicht des Todes entzündeten."34

Als Beispiel für den Missbrauch dieser Eigenschaften sei das Dritte Reich genannt. Es war bei den meisten Ingenieuren einfach, sie in den nationalsozialistischen Staat einzugliedern, da sie aufgrund ihres „Charakters“ leicht indoktrinierbar sind, um ihre Staatstreue bzw. deren Gehorsamkeit zu erlangen.35 Was die Ingenieure auch zu ihren Gunsten beeinflusste, war die Wertschätzung der Technik von den Nationalsozialisten. Sie befreiten sie von der „antitechnischen Kulturkritik“ der Gesellschaft. Auch wurden die Ingenieure dadurch verlockt, dass das Dritte Reich sie „brauchte“. Natürlich lag es hier im Sinne der Strategie moderne Kriegstechnik für den aufkommenden zweiten Weltkrieg entwickeln zu lassen. Durch diesen Bedarf an gut ausgebildeten deutschen Ingenieuren wurden selbstverständlich Arbeitsplätze geschaffen, die in der Weimarer Republik durch die aufgezwungene Demobilisierung der Reichswehr geschwunden waren.36 Diesem für sie positiven Verlauf standen die deutschen Ingenieure natürlich wohlwollend gegenüber.

Die Ingenieure fügten sich aber dem Regime hauptsächlich deshalb, weil das faschistische System ihnen nahezu endlose Ressourcen an Kapital, Material und Menschen zugänglich machte. Man konnte erkennen, wie die Ingenieure, von ihren Ideen getrieben, ihre Ziele selbst auf unethischen Wegen erreichen wollten. Oft wurden Gesetze der Menschlichkeit gebrochen, um Projekte umzusetzen, die viele Menschenleben kostete. Beispielsweise waren es Ferdinand Porsche oder Wernher von Braun, die mitverantwortlich für die Ausbeutung und das Sterben von KZ Häftlingen waren.

[...]


1 industrielexikon.de (28.11.2012)

2 Vgl. Siegfried, karrierefuehrer.de (05.05.2010)

3 presseportal.de (12.10.2012)

4 http://de.wikipedia.org „Komposition (Grammatik)“ (2012)

5 Vgl. Kluge (1948 und 2002), o. S., zit. in http://de.wikipedia.org „Ingenieur“ (2012)

6 Vgl. Drosdowski (1989), o. S., zit. in http://de.wikipedia.org „Ingenieur“ (2012)

7 http://de.wikipedia.org „Ingenieur“ (2012)

8 Vgl. http://de.wikipedia.org „Ingenieur“ (2012)

9 Vgl. http://de.wikipedia.org „Liste der ingenieurwissenschaftlichen Fachrichtungen“ (2012)

10 Vgl. http://de.wikipedia.org „Kultur“ (2012)

11 Vgl. http://de.wikipedia.org „Kultur“ (2012)

12 König (März 2008), zit. in Puschmann (September 2008), itas.fzk.de

13 Vgl. Nitzsche (1998), S. 9 ff.

14 Vgl. http://de.wikipedia.org „Ingenieur“ (2012)

15 Vgl. Nitzsche (1998), S. 9 ff.

16 Vgl. http://de.wikipedia.org „Ingenieur“ (2012)

17 Vgl. Dietz (1996), o.S., waxmann.com (20.12.2012)

18 Vgl. Paulitz (2012), o.S., zit. in Kühne (08.12.2012), tagesspiegel.de

19 Vgl. Neander (17.12.1998), http://home.tu-clausthal.de

20 Vgl. Kocka (2012), europa.clio-online.de

21 Vgl. Neander (17.12.1998), http://home.tu-clausthal.de

22 http://de.wikipedia.org „Verein Deutscher Ingenieure“ (2012)

23 Vgl. Paulitz (2012), o.S., zit. in Kühne (08.12.2012), tagesspiegel.de

24 Vgl. Neander (17.12.1998), http://home.tu-clausthal.de

25 Vgl. Franz (1909), S. 9 f., zit. in europa.clio-online.de (08.12.2012)

26 von Oechelhäuser (1914), S. 70, zit. in Kocka (08.12.2012), europa.clio-online.de

27 Sandkühler (1999), o.S., zit. in Lauckner (2012), http://technikgeschichte.slub-dresden.de

28 Vgl. Neander (17.12.1998), http://home.tu-clausthal.de

29 Neef (2005), wissenschaft-und-frieden.de

30 Vgl. Neander (17.12.1998), http://home.tu-clausthal.de

31 Vgl. Wette (2008), o.S., zit. in Buro (09.11.2010), friedenskooperative.de

32 Vgl. Horlamus (2008), S. 20 ff.

33 Vgl. Cassier (07.03.2012), welt.de

34 Thieß (1931), S. 105, zit. in Dr. Ruppelt (18.12.2005), b-i-t-online.de

35 Vgl. Horlamus (2008), S. 20 ff.

36 Vgl. Neander (17.12.1998), http://home.tu-clausthal.de

Details

Seiten
38
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656876755
ISBN (Buch)
9783656876762
Dateigröße
945 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287098
Institution / Hochschule
Hochschule Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
German Engineering Deutsche Ingenieurskunst Made in Germany Industrialisierung Ingenieurskultur Ingenieure Technokraten Wirtschaftswunder Qualität Globalisierung Innovation Forschung & Entwicklung Militär Wettbewerbsdruck

Autor

Teilen

Zurück

Titel: „German Engineering“ - Gibt es eine deutsche Ingenieurskultur?