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Gottes Häuser in Königsberg. Band 1: Kirchen, Kapellen und Synagogen bis 1945

2. Auflage

Fachbuch 2015 445 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Vorwort des Autors

„Fremden mit Liebe und Toleranz zu begegnen war das Anliegen, das von der Stadt am Pregel aus in alle Welt verbreitet wurde.“
Andreas Kossert

Nach einem Besuch der altehrwürdigen Stadt am Pregel (2008) und dem interessierten Stöbern auf elektronischen Seiten habe ich den einen oder anderen Hinweis auf Kirchen, Kapellen, Kirchsälen, Gottesdiensträume und Gottesdienststätten in Königsberg gefunden. Neben den zum Teil mangelhaften Erläuterungen und den vielen „Lücken“, den fehlenden Hinweisen bzw. vergessenen Fakten sind mir dabei auch Verwechselungen aufgefallen. Den ersten Gedanken zur Abfassung von Korrekturhinweisen ist dann der Wunsch gefolgt, als Angehöriger der Bekenntnisgeneration selbst eine fundierte Übersicht über „Gottes Häuser in Königsberg“ zu erstellen und hiermit vorzulegen.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Wandteppich mit Königsberger Motiv, Quelle: Christiane Rinser-Schrut

Königsberg – die einst stolze Stadt im Nordosten Deutschlands ist verschwunden aber sie soll nicht auch noch vergessen sein!

Den vielen zerstörten bzw. entweihten Stätten eine Erinnerung an das vielstimmige Loben Gottes zu geben, auf die dort wirkenden Menschen hinzuweisen und die dortigen architektonischen Besonderheiten und Kunstschätze aufzuführen, ist Aufgabe dieses Buchprojektes. Tröstlich und ermutigend ist es, mit einem zweiten Teil ergänzen zu können, daß in den erneut genutzten bzw. neu errichteten Gotteshäusern wieder neue Orte entstanden sind, in denen das Lob Gottes weiterhin erschallt.

In der vorliegenden Dokumentation sind alle Gottes Häuser in Königsberg im Weichbild der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts erfasst, also Kirchen, Kapellen, Synagogen, Versammlungsstätten und – im II. Band – eine Moschee (im Bau). „Alle“ Bauten? – jedenfalls nach vorgefundener Quellenlage! Es bleiben Fragen offen und die geneigte Leserschaft ist gebeten, Ergänzungen, Anmerkungen und womöglich auch Korrekturen mitzuteilen. Gerne werden diese Hinweise in einer zweiten Auflage Berücksichtigung finden.

Die Bauten sind - weitestgehend - nach Reihenfolge ihrer Gründung geordnet. Die reichlich verwendeten Quellen sind oftmals sinngemäß eingearbeitet worden und im Quellenverzeichnis aufgeführt. Durch schriftliche und mündliche Kontakte mit Zeitzeugen der Erlebnisgeneration sind viele Angaben erfasst und in der Dokumentation ergänzt worden.

Ein herzlicher Dank geht an die Bildgeber, die, wenn bekannt, mit den entsprechenden Bildern benannt sind. Großen Dank gilt dem Bildreporter Alexander Zimin. Ihm ist es zu verdanken, daß aktuelle Fotos aber auch erweiternde Hinweise zu neuen Nutzungen bzw. Bauvorhaben überhaupt erst einmal bekannt wurden und dazu führten, daß diese Dokumentation zweibändig ausgeführt wurde.

Ein persönlicher Dank gebührt meiner Ehefrau Karin, die jahrelang sehr viel Geduld mit mir gehabt hat.

Zum Geleit

„Es ist eine versunkene Welt, von der ich berichte, und sie wird so, wie sie war, nicht mehr wiederkehren. Aber es wäre ein tiefer Schade, wenn zu ihrem äußeren Verlust nun auch noch das völlige Vergessen träte.“
Harry Goronzy, Pfarrer in Goldap

12 Euch sage ich allen, die ihr vorübergeht; Schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat; denn der HERR hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zorns.

13 Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt und es lassen walten. Er hat meinen Füßen ein Netz gestellt und mich zurückgeprellt; er hat mich zur Wüste gemacht, daß ich täglich trauern muß. ...“ Klagelieder, Kapitel 1

Vorwort

Als ich von Herrn Heinz Ney die ersten Informationen über ein geplantes zweibändiges Werk „Gottes Häuser in Königsberg“ erhielt, war ich sofort von dem Titel angetan.

„Gottes Häuser in Königsberg“ – das versprach Geborgenheit, Einkehr, Schutz, Zuflucht, bot Gespräche auch ohne Worte im stillen Gebet. Verhieß Türen, die Gott für Jeden offen hielt, die ihn suchten.

Der erste Band, der nun vorliegt, beweist, dass die Latte nicht zu hoch gelegt war, im Gegenteil, sie übertrifft alle Erwartungen durch die Vielzahl der sakralen Stätten, die der Autor in diese umfangreiche Dokumentation einbringt. Es ist nicht nur der alles überragende Dom, es sind nicht nur die großen Kirchen, die das Stadtbild seit Jahrhunderten prägten und das erst in den Bombennächten und durch Beschuss der russischen Eroberer zerstört wurde.

Der Autor hat sich bemüht, auch die oft verborgenen Versammlungsstätten der vielen Gemeinschaften auszumachen, die zu dieser liberalen Stadt gehörten, die auch bürgerlichen Minderheiten die die ungehinderte Ausübung ihres Glaubens zugestand. Die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder den religiös Verfolgten eine Zuflucht bot, die ihnen zur schützenden Heimstatt und ihren Nachkommen zur Heimat wurde. Auch meine Vorfahren mütterlicherseits kamen aus Salzburg, und die klare, tiefe Gläubigkeit meiner Mutter hat meine Kindheit geprägt, die mit einer der Königsberger evangelischen Hauptkirchen verbunden ist: mit der Altroßgärter Kirche. Hier wurde ich getauft, hier wurde ich eingesegnet, hier wurden meine Geschwister getraut. Es war „unsere“ Kirche, in der wir am Karfreitag das Abendmahl einnahmen. Diese Verbundenheit wurde mir jetzt im hohen Alter – lange nach der Zerstörung und Flucht – bewusst, als ich das Kapitel in diesem Buch von Herrn Ney über die Altroßgärter Kirche las, in dem ich auch die Namen der Seelsorger fand, die meine Kindheit und Jugend begleiteten.

So wird es vielen Leserinnen und Leser diese Buches ergehen, weil der Autor sich bemüht, allen Wortballast zu vermeiden, damit er umso informativer auf die Geschichte der Gotteshäuser und ihrer Gemeinden eingehen kann. Dafür sei Herrn Ney gedankt, verbunden mit den besten Wünschen für die Arbeit zu seinem zweiten Band, der in die Jetztzeit führen wird.

Denn Gotteshäuser gibt es immer noch in der Stadt, die seit ihrer Gründung vor einem dreiviertel Jahrtausend ein Hort des gelebten Glaubens war.

Hamburg, 21-01-15, Ruth Geede

Die Ofenbank

„Am schönsten waren die Abende, wenn wir der Mutter ein Dämmerstundchen auf der Ofenbank erbetteln konnten. Dann begann sie zu erzählen, Geschichten, Sagen und Märchen ... “, berichtet Ruth Geede, die älteste aktive Journalistin, die auch im 99. Lebensjahr immer noch die „Ostpreussische Familie“ in der PAZ zusammen hält. (Zitat aus der PAZ/Ostpreussischen Familie vom 11.10.2014)

Die verehrte Leserschaft möge das vorliegende Buch mit dem Gefühl in die Hand nehmen, auf ein Dämmerstundchen auf der Ofenbank zu hucken und den Geschichten aus einer vergangenen, nicht vergessenen, Zeit zu lauschen.

Inhaltsverzeichnis

Band I (bis 1945)

01 Steindammer Kirche (1256) ... 1
02 Juditter Kirche (1288) ... 14
03 Dom (1333) ... 23
04 Kapelle Haffstrom (1349) ... 41
05 Löbenichter Pfarrkirche (1354) ... 48
06 Kirche „St. Elisabeth“ (1420) ... 55
07 Quednauer Kirche (1507) ... 61
08 Altroßgärter Kirche (1523) ... 66
09 Haberberger Kirche (1537) ... 78
10 Schloßkirche (1584) ... 88
11 Kath. Propsteikirche „St. Marien und aller Heiligen“ ... 97
12 Neuroßgärter Kirche (1647) ... 102
13 Jüdische Gotteshäuser (1650) ...112
14 Deutsche Reformierte Burgkirche (1701) ... 118
15 Tragheimer Kirche (1710) ... 129
16 Herzog-Albrecht-Gedächtniskirche (1913) ... 133
17 Französisch-reformierte Kirche (1736) ... 138
18 Mennoniten-Kirche (1768) ... 142
19 Sackheimer Kirche (1769) ... 151
20 Löbenicht’sche Hospitalkirche (1772) ... 156
21 Propsteikirche St. Johannes (1776) ... 159
22 Kirche Adlig Neuendorf (1820) ... 167
23 Altstädtische Kirche St. Nikolaus (1838) ... 174
24 Freie Evangelische Gemeinde (1846) ... 187
25 Kirche Seligenfeld (1852) ... 191
26 Kapelle der Irvingianer (1862) ... 195
27 Baptistenkapelle Tragheim (1870) ... 197
28 Baptistenkapelle Haberberg (1887) ... 207
29 Apostolisch-christliche Gemeinde (1890) ... 212
30 Alte Synagoge „Adass Jisroel“ (1893) ... 213
31 Heilsarmee (1895) ... 220
32 Blaukreuzvereine (1895) ... 228
33 Geistliche Einrichtungen (1895) ... 230
34 Neue Liberale Synagoge (1896 ) ... 234
35 Neuapostolische Kirche (1897) ... 246
36 St. Georgshospital (1897) ... 251
37 Ponarther Kirche (1897) ... 256
38 Gnadauer Verband (1897) ... 266
39 Königin-Luise-Gedächtniskirche (1901) ... 270
40 BMK I-Immanuel-Kapelle (1902) ... 280
41 BMK II-Sackheim (1904) ... 286
42 BMK III-Kapelle Nasser Garten (1914) ... 288
43 St. Adalbert-Kirche (1904) ... 292
44 Kirche zur Heiligen Familie Oberhaberberg (1904) ... 296
45 Baptistische Kapelle Klapperwiese (1905) ... 301
46 Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche, Kalthof (1907) ... 304
47 Baptistische Kapelle Sackheim (1909) ... 308
48 Lutherkirche (1910) ... 310
49 Baptistenkapelle Ponarth (1912) ... 314
50 Friedenskirche (1913)... 318
51 Rosenauer Kirche (1914) ... 320
52 Immaculatakapelle (1923) ... 327
53 Waldkirche Metgethen (1925) ... 333
54 Ev. – Altluth. Christuskirche (1926) ... 338
55 Baptistische Kapelle Salzastrasse (1927) ... 341
56 Kirche in Tannenwalde (1929) ... 344
57 Baptistenkapelle Friedrichswalder Allee (1929) ... 350
58 Dreieinigkeitskapelle (1929) ... 353
59 Friedenskirche der Ev. Gemeinschaft, Gem. I (1930) ... 355
60 Ev. Gemeinschaft, Gemeinde II (1930) ... 359
61 Ev. Gemeinschaft, Gemeinde III (1930) ... 362
62 Zionskapelle (1896) ... 364
63 Kathol. St. Josephskapelle Ponarth (1931) ... 366
64 Elim-Gemeinde (1931) ... 369
65 Kreuzkirche (1933) ... 374
66 Christuskirche Ratshof (1937) ... 379
67 Christengemeinschaft ... 384
68 Griechisch-orthodoxe (russische) Kirche ... 385
69 Altkatholische Pfarrgemeinde ... 391
70 Gemeinschaft der Siebenten-Tag-Adventisten (1900) .. 397
71 Christliche Gemeinschaft „Bethlehem“... 400
72 Weitere Gemeinden ... 403

Nachwort ... 405

Anhang: Station „Königsberg“ in Natal ... 407

Personenregister ... 409

Ortsregister ... 423

Fotonachweis ... 428

Literaturhinweise (Quellennachweis) ... 430

1 Steindammer Kirche St. Nikolaus

St. Nikolaus – die älteste Königsberger Kirche

Robert Albinus beschreibt den “Steindamm“ als eine Siedlung des Deutschen Ordens, aus der sich eine Vorstadt von Altstadt (Königsberg) entwickelte. Im Deutschordensstaat wurde die Gegend des Steindamms im Jahre 1256 als erste Lischke (Siedlung) am Pregel besiedelt. Über einen aufgeschütteten Damm war sie mit dem Königsberger Schloss verbunden.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Quelle: Kupferstich von Behring 1474, Ausschnitt

Später führte der Damm über die Steindammsche Brücke und durch das Steindammer Tor in die Koggenstraße, nach Norden an der Altstädtischen Richtstätte, dem späteren Heumarkt, vorbei ins Samland. Die Grundsteinlegung am späteren Steindammer Kirchenplatz erfolgte 1256. Die vor der Altstadt Königsbergs/Pr. liegende Steindammer Kirche, ursprünglich aus Holz errichtet, war Taufkirche für die bekehrten Prußen und zugleich älteste Gemeindekirche.

Nach Christofer Hermann war die Kirche „ein gewölbter Saalbau mit Polygonalchor, Westturm und Strebefelder aus Backsteinen im aufstrebenden Mauerwerk und gotischen Verband.“ Sie hatte eine Länge von 39,2 m. Ihr Fußboden lag 0,7 m (vier Stufen) unter dem sich im Laufe der Jahrhunderte erhöhenden Strassenpflaster. Max Karl beschreibt den Chorraum: „Der in drei Jochen gewölbte Chor hatte eine Länge von 13,5 m mit einer Breite von 9,1 m und stützte sich auf drei Wandpfeiler. An den Konsolen des Chores befanden sich Fischblasenmuster.“ Die Joche waren verschieden lang (6,16 m die östlichen, 7,24 m die mittleren und 6,30 die westlichen). Michael Antoni ergänzt im „Dehio“: „Nicht alle Joche hatten die gleiche Felderanzahl, das westliche Joch besaß einer Zwölferteilung und das mittlere sandte sechzehn Rippen aus. Im Süden und Westen befanden sich Portale. Über dem Südeingang befand sich ein großes Radfenster“.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Quelle: http: //www.etoretro.ru/pic61687.htm

Die Kirche stand am Ort der vor der Deutschordensburg angelegten ersten Siedlung des 13. Jahrhunderts. 1256 wird sie erstmals datiert und 1258 erstmals indirekt urkundlich durch die Nennung eines Pfarrers erwähnt. Die erste urkundliche Direkterwähnung stammt aus 1493. 1559 stürzte der Turmdachstuhl ein. Die umfangreichsten Baumaßnahmen wurden in der Zeit zwischen 1611 und 1630 durchgeführt. Dabei wurden die mittelalterlichen Bauelemente vollständig eleminiert. 1624 war dann der Kirchenbau einsturzgefährdet, weil ein Pfeiler hinter dem Altar durch die Gewölbelast verschoben wurde. Der Pfeiler wurde darauf mit Eisenankern gesichert, welche noch 1912 sichtbar waren. 1681 wurde erstmals die sogenannte Drässkammer erwähnt, welche vorher als kleiner Kapellenanbau, bzw. als Sakristei genutzt wurde.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Grundriss von St. Nikolaus nach dem Umbau mit der gekennzeichneten Drässkammer, Quelle: Max Karl, Königsberg 1909 UB/TIB Hannover DT 41991710

Bei der vollständigen Erneuerung 1752 erhielt die Kirche den Turm mit der charakteristischen "Nagelspitze". Weitere umfangreiche Baureparaturen wurden 1841 und 1882 durchgeführt.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Steindammer Kirche vom Steindamm um 1860 mit der typischen „Nagelspitze“, dem filigranen Kirchturm (L x B: 4,2 m x 5,4 m), Quelle: Dr. Husen, freies Archiv

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Kirchenschiff, Blick zu Kanzel und Altar, Foto ca. 1920, Quelle: Bernhard Waldmann

Die Steindammer Kirche St. Nikolaus war die älteste Kirche Königbergs. Einmal im Monat stand sie für einen litauischen Gottesdienst für Rekruten aus dem nördlichen Ostpreussen zur Verfügung (Andreas Kossert).

Auch nach der Neuordnung mit der Reformation um 1526 diente die Kirche inmitten der protestantischen Pfarrkirchen dem Gottesdienst für die um ihres evangelischen Glaubens willen Vertriebenen, nach Preußen eingewanderten Undeutschen (Robert Albinus), in der Mehrzahl Litauer und Polen. Aus einer Urkunde vom 14. August 1510 (Max Karl) geht hervor, das neben dem Hauptpatron St. Nikolai, noch zwei weitere Nebenaltäre vorhanden waren, welche dem Preußenapostel Adalbert und der Heiligen Gertrud gewidmet waren.

Erster polnischer Prediger wurde - lt. Fritz Gause – 1529 Johannes Wnorowius. Es wurde auch litauisch gepredigt.

Von 1587 bis 1602 wirkte Johannes Bretke als litauischer Pfarrer an der Steindammer Kirche, an der „Litauischen Kirche“*). Pfarrer Johannes Bretke (auch Bretkus, Johann Bretke, litauisch: Jonas Bretkūnas) wurde 1536 in Bammeln bei Friedland (Herzogtum Preußen) als Sohn eines Prußen aus dem Stamm der Natanger geboren. *) Die erste „Litauische“ war ab 1550 die St.-Elisabeth-Kirche (vgl. Kap. 6). 5 Pf. Bretke war Autor von zwölf litauischen Büchern und wirkte nebenbei als Historiker. Er ist einer der bekanntesten frühen Autoren, die in Litauisch schrieben. Nach fünfundzwanzig mühseligen Jahren in Labiau, bewarb er sich um eine Pfarrstelle in Königsberg. Hier setzte er seine Arbeit an der Bibelübersetzung und anderen wissenschaftlichen Werken fort.

Die erste - heute noch bekannte - Übersetzung der Bibel ins Litauische vollendete er am 29. November 1590; eine Veröffentlichung wurde ihm jedoch verweigert. Die Handschrift erwarb später Herzog Georg Friedrich. In seinen letzten Lebensjahren versuchte er vergeblich, die Veröffentlichung seiner Bibelübersetzung durchzusetzen.

Eines seiner bekanntesten Werke, die zweiteilige Postilla, beendete er 1591.

Pfarrer Johannes Bretke war einer der 12.000 0pfer der Stadt in der Pestzeit vom März 1601 bis November 1602.

Zur Ausstattung der Kirche gehörten ein spätgotischer Taufstein und ein Triptychon mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes, der Auferstehung und der ewigen Verdammnis von Anton Möller aus der Zeit vor 1587. Die Rückseite war mit einer Kreuzigungsszene versehen.

Zum besagten Anton Möller (Triptychon) sei hinzugefügt, daß er um 1563 in Königsberg geboren wurde und im Januar 1611 in Danzig verstarb. Er ließ sich – nach seiner Ausbildung in Prag, Venedig, Antwerpen und Amsterdam - ab 1587 in Danzig als Maler nieder und schuf vor allem allegorische, historische und biblische Bilder sowie Porträts. Für seine „Auferstehende“ seines Weltgericht-Altars – sein Königsberger Hauptwerk – stand ihm seine früh verstorbene Schwester Barbara Modell. Mit den machtvollen Kompositionen auf den Flügeln des Altars zeigt er sich mit seinem wilden barocken Schwung als ein Vorläufer von Peter Paul Rubens.

Caspar Stein beschreibt sehr ausführlich in „Das Alte Königsberg“ die Vielzahl von Inschriften auf Denkmälern, Gräbern, Portalen, Gittertüren, Chören und Balken. Ein Nachlesen dort sei hiermit empfohlen.

Den Chor stiftet 1630 der Königsberger Apotheker und

Reiseschriftsteller Reinhold Lubenau (1556-1631). Er kehrte 1589 nach Königsberg zurück, arbeitete wieder in seinem Beruf als Apotheker und diente der Stadt als Ratsherr. In einem sechsbändigen Werk bearbeitete er seine Aufzeichnungen über seine europäischen und orientalischen Reiseerlebnisse.

Nach Max Karl („Die Steindammer Kirche zu Königsberg i. Pr.“) trug die Kirche 1912 eine Bemalung des 19. Jahrhunderts. Die Wände des Langhauses waren grünlichgelb abgetönt, die in weiß gehaltenen Gewölbekappen dagegen rötlichbraun überzogen. Die Wände des Chores zeigten eine dem natürlichen Quadermauerwerk folgende Bemalung, weiße Fugen auf grauem Grund. Die Kappenflächen der Gewölbe waren mit derselben Farbe bestrichen wie die Flächen des Langhauses.

Die Rokokokanzel von 1760 war geschmückt mit den vier Evangelisten, dem Apostel Paulus und Martin Luther. An den Innenwänden befanden sich Grabinschriften für den ersten evangelischen Buchdrucker zu Königsberg, Johann Taubmann sowie für Johann Püls, Caspar Marquardt und den Österreicher Georg Wallow von Ritthingen.

Herbert Meinhard Mühlpfordt listet die Ausstattungen wie folgt auf:

* „Im Altaraufsatz wird das berühmte Triptychon Anton Möllers umgeben von einem strengen, von zwei korinthischen Säulen getragenen, mit Engelsköpfen und Teigornamenten verzierten Rahmenwerk. In der Krönung der Heiland. Ulbrich denkt an Michael Döbel d. Ä. als Holzschnitzer.

* Die Malereien waren nach Caspar Stein schon 1640 auf dem Altar und wurden 1670 in den neuen Rahmen eingefügt. Holz. 1670. Schicksal: Der Altar wurde 1943 in der Kirche Schönbruch ausgelagert, aber 1944 mit unbekanntem Ziel wieder abgeholt. Seitdem verschollen.

* Schlanker Kreuzheiland in edlen Verhältnissen an der Wand vor der Kanzel. Geschenk von Michael Sanden (1706). Holz. 1706. Schicksal: Unbekannt.“

Vom 16. bis 18. Jahrhundert wurde das Gotteshaus vor allem von evangelischen Polen und Litauern genutzt. Zwischen 1760 und 1762, während des Siebenjährigen Krieges, war das Gebäude eine orthodoxe Kirche.

Polen und Litauer stritten sich ständig um die Nutzung der Kirche. 1634 wurde an der Kirche auf kurfürstlichen Befehl hin eine polnische Kirchenschule eingerichtet.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Steindamm mit der Polnischen Kirche, 1908, Quelle: Dr. Husen, freies Archiv

Als Ergebnis des Siebenjährigen Krieges wurde Königsberg durch die Russen okkupiert und die Kirche 1760 durch den Archimandriten Jefrem für den griechischen Gottesdienst (russisch-orthodox) umgeweiht. (Fritz Gause: Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preussen. 2. Band. Von der Gründung der Stadt bis zum letzten Kurfürsten, Böhlau Verlag Köln, Graz, 1965, S. 416.)

Während des missglückten napoleonischen Rußlandfeldzuges wurden 1813 französische kranke Kriegsgefangene, "Marodeure und Verbrecher" (Herbert Meinhard Mühlpfordt: Königsberg von A bis Z, Ein Stadtlexikon, Aufstieg-Verlag, München, 1976, ISBN 3-7612-0092-7, S. 144) untergebracht und als die Kirche im Februar 1814 wieder für den orthodoxen Gottesdienst hergerichtet werden sollte, verzichteten die russischen Dienststellen darauf, da sie "die Luft für verpestet hielten" 1874 wurden die polnischen Predigten eingestellt. (Fritz Gause: Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preussen. 2. Band. Von der Gründung der Stadt bis zum letzten Kurfürsten Böhlau Verlag Köln, Graz, 1965, S. 416.)

Nur für die Masuren fand noch ein Gottesdienst in polnischer Sprache statt. Aber auch diese Gottesdienste hörten 1901 auf, da die Masuren sich alle sprachlich eingedeutscht hatten. Seitdem wurde in Königsberg nicht mehr polnisch gepredigt, aber die Kirche hieß weiterhin im Volksmund „Die Polnische“.

Da sich auch die polnische Gemeinde auflöste, wurde für die Steindammer Kirche 1880 eine neue Gemeinde mit einem eigenen Parochialbezirk gebildet. Es wurden Teile der Bezirke Altstadt, Löbenicht, Tragheim und Neuroßgarten zu einer neuen Gemeinde zusammengepfarrt. (Fritz Gause: Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preussen. 2. Band. Von der Gründung der Stadt bis zum letzten Kurfürsten, Böhlau Verlag Köln, Graz, 1965, S. 416.)

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Nikolaikirche im Juni 1841, Quelle: Friedrich Wilhelm Siemering

An der Kirche wirkte der Reformator (Jan) Seclutianus (Sieklucki) (1498 - 1578), welcher dort erstmals das Neue Testament ins Polnische übersetzte.

1714 wird Heinrich Schoenfeldt als Oberkirchenvorsteher benannt. Zur dieser Zeit wirkte Johann Jacob Graeber als Pastor an dieser Gemeinde.

Otto Nicolai (1810 - 1849), der Komponist der Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" und Begründer der Wiener Philharmoniker sowie der "Wiener Philharmonischen Konzerte", wurde in dieser Kirche getauft.

1941 war Pfarrer Martin Matz der Gemeindepfarrer; er war der letzte Seelsorger an dieser Kirche.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Steindammer Kirche 1940, Quelle: Archiv, Postkarte (gemeinfrei)

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Die Steindammer Kiche in den 40-er Jahren und … Quelle: Archiv
… der gleiche Ort im Juli 1995, Quelle: Stephan Komp

Die Kirche ist im Zweiten Weltkrieg bei der Schlacht um Königsberg zerstört worden. Infolge der Luftangriffe vom 27. und 28. August 1944 brach das Kirchendach durch Bodenerschütterung und Luftstöße. Während der Kämpfe im April 1945 brannte der Kirchenraum nach Artilleriebeschuss aus. Bereits während der Kämpfe in Königsberg/Pr. entstand der Dokumentarfilm "Sturm auf Königsberg", bei den dort enthaltenden Filmaufnahmen war von ihr fast nichts mehr zu sehen, denn das Gewölbe der Kirche war durch die SS mit Sprengfallen „gesichert“. Drei eindringende Sowjetsoldaten hatten diese ausgelöst und sich und den Eingang dabei verschüttet. Nach 1945 erfolgte die endgültige Abtragung des Kirchenturms zwecks Verbreiterung der Fahrbahn einer der heutigen Hauptstraßen Kaliningrads, dem Leninski Prospekt. Schließlich wurde die restliche Kirchenruine in den fünfziger Jahren endgültig beseitigt.

Ein „Überbleibsel“ ist auch heute noch von dieser Kirche zu hören: Die Glocke III im Dom zu Verden.

Die Steindammer Kirche St. Nikolaus ist vernichtet aber eine ihrer Glocken hat auf dem Hamburger Glockenfriedhof überlebt. Sie läutet seit Pfingsten 1952 im Dom zu Verden in Niedersachsen.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
Dom zu Verden an der Aller, Ansicht vom 28.04.2014, Quelle: Ludwig Gruppe

Gegossen wurde die Glocke 1714 in der Königsberger Glockengießerei A. Johannes Jacob Dornmann, nachdem ihre Vorgängerin 1713 zerbrochen war. Die sogenannte Patenoder Leihglocke aus der Steindammer Kirche in Königsberg gelangte am Ende des Krieges per Schiff nach Hamburg in ein Glockenlager und entging so durch glückliche Umstände dem Schicksal des Einschmelzens für Kriegszwecke.

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]
GLOCKE III (Barock), Quelle: Christian Wietfeldt

Ton: dis, Ø 1,26 m Höhe: 1,0 m, Gewicht: ca. 1120 kg (22 Ztr. Und 40 Pfund), gegossen 1714 von Dornmann.

1952 erhielt sie ihren Platz im Geläut des Domes und wurde Pfingsten 1952 geweiht. Schrift unterhalb der 'Bekrönung': „SOLI DEO GLORIA". In der Mantelmitte: ein Wappen. Dies zeigt in der oberen Hälfte eine Krone und in der unteren ein griechisches Kreuz. Als Helmzier stehen zwischen zwei Flügeln die Krone und unter ihr das Kreuz. Zwei „wilde Männer" mit Keulen und Lendenschurz aus Laub stützen beiderseits den Wappenschild. Im oberen Viertel ist die Glocke mit einem breiten Blattfries geschmückt, in dessen Mitte ein schmaler Steg verläuft mit folgender Umschrift:
„LAUDATE DOMINUM IN CYMBALIS BENE SONANTIBUS PSALM CL".

Inschrift unter dem Fries:
„H. HEINRICH SCHOENFELDT D. OBERKIRCHENVORSTEHER H. JOHAN JACOB GRAEBER PASTOR".

Inschrift unter dem Wappen:
„FUGIDA CHRISTICOLOS CRUX CUM DIADEMATE SIGNAT NAM CRUCE CHRISTE TUA PARTA CORONA POLI CHRISTIAN HELM KIRCHENVORSTEHER".

Übersetzung: „Das Kreuz zeichnet die Christusverehrer mit leuchtender Krone. Denn Deine erworbene Krone, o Christus, sei verschönert durch das Kreuz."

Inschrift gegenüber dem Wappen:
„HORAS DESIGNO NOCTURNAS ATQUE DIURNAS FUNERA PLANGO IGNEM AD SUMMAQUE SACRA VOVO RUPTA HAEC CAMPANA ANNO MDCCXIII DOMINA ULTIMA POST TRINITATIS".

Übersetzung: „Ich bestimme die Stunden bei Nacht und bei Tage. Ich beweine die Trauerfälle, zum Feuer und zum höchsten Gottesdienst rufe ich. Zerbrochen ist die Glocke im Jahre 1713 am letzten Sonntage nach Trinitatis."

Umschrift auf dem Schlagring:
„REFUSA ANNO MDCCXIV A. JOHANNES JACOB DORNMANN REGIMONTI".

Übersetzung: „Wiedergegossen 1714 A. Johannes Jacob Dornmann, Königsberg".

„Im Zweiten Weltkrieg wurde die Ablieferung von Glocken zu Kriegszwecken zur Pflicht. In Deutschland wurden 90 000 Glocken beschlagnahmt.“ (Günter Kuhn: Glocken-Geschichten unserer Heimat-Region (Kreiskalender Oder-Spree 2012 (2011), S. 20)).

„Am 15. März 1940 erließ die Regierung des Deutschen Reiches die „Anordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes über die Erfassung von Nichteisenmetallen“. Wie im Ersten Weltkrieg wurden die Glocken nach Gießdatum eingeteilt. Die Einteilung war jetzt aber wesentlich verschärft. Die Glocken wurden in Gruppen A, B, C und D eingeteilt. In die Gruppe A kamen alle Glocken, die nach 1800 gegossen wurden waren sowie eine Reihe von Glocken aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, Glocken der Gruppe A wurden sofort der Verhüttung zugeführt, die anderen in Sammellagern aufbewahrt, Ein solcher Lagerplatz (Glockenfriedhof) befand sich in Hamburg.“ H. Körner: Über die Glocken von Crossen an der Oder. In: Märkische Zeitung, Juni/Juli/Aug. 2009.

Beide Absätze sind entnommen: Ursula Steinke: Die Glocken der Feldsteinkirche St. Thomas in Dahmsdorf, Landkreis Oder-Spree, in Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg e. V., Heft 3/2012, S. 163.

Am 04.05.2014 schreibt Ludwig Grupe: „Im Turm des Verdener Doms hat ein Turmfalke - ein Stück über der Königsberger Glocke - 6 Junge ausgebrütet. Bald werden sie flügge sein und über die nahen Allerwiesen davon fliegen. Die Glocke aber wird bleiben, sie kann (im Ausnahmefall) besichtigt werden.“

2 Juditter Kirche

„Ältestes Baudenkmal des Samlandes - Wallfahrtsort zur Madonna auf der Mondsichel“

Die Grundsteinlegung des im westlichen Vorort Juditten gelegenen Gotteshauses erfolgte 1255. Die Wallfahrtskirche gilt als das älteste Baudenkmal des Samlandes.

Der eigentliche Bau erfolgte – nicht ganz gesichert – ab 1288 bis in den Anfang des 14. Jahrhunderts hinein, zunächst als Wehrkirche, obschon sie gerade um 1300 ein beliebter Wallfahrtsort war. Jedenfalls gehörte die Kirche zu den ältesten Baudenkmälern des Samlands.

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Details

Seiten
445
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656893400
ISBN (Buch)
9783656893417
Dateigröße
44.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287039
Note
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Gotteshäuser Kirchen Synagogen Kapellen Gemeindehäuser Christentum Architektur Geschichte Königsberg Preußen

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Titel: Gottes Häuser in Königsberg. Band 1: Kirchen, Kapellen und Synagogen bis 1945