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Gibt es den legasthenen Vorteil? Warum es sich lohnt, Legasthenie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 19 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Abstract

Diese Hausarbeit befasst sich mit den hypothetischen Vorteilen der Legasthenie und damit, welche positiven aber auch negativen Folgen sich aus dieser Betrachtungsweise für viele Betroffene aber auch Angehörige ergeben. Im Einzelnen wird ein Überblick über die allge- meine Definition und die Verbreitung von Legasthenie gegeben. Anschließend werde einige internationale Studien sowie Institute vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen Legas- thenie und bestimmten Fähigkeiten erforschen. Im Fokus stehen zudem einzelne Personen, die sich mit den Vorteilen der Legasthenie beschäftigt und diese zum Teil im Einzelnen ana- lysiert haben. Später wird darauf eingegangen, ob und warum Legastheniker in einigen Be- rufsfeldern bzw. Bevölkerungsgruppen besonders häufig anzutreffen sind.

Gibt es den legasthenen Vorteil? Warum es sich lohnt, Legasthenie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten

Legasthenie ist ein Paradox, denn Betroffene sind meist durchschnittlich oder sogar über- durchschnittlich intelligente Menschen, die Probleme haben, das Lesen zu lernen und Buch- staben fehlerfrei zu Papier zu bringen. Diese so alltäglichen und „einfachen“ Fertigkeiten stellen diese Individuen vor viele Probleme, erschweren den Schulalltag für betroffene Kinder und ziehen sich weiter durch das Leben vieler Betroffenen. Legasthenie wird bis zum heuti- gen Tag insbesondere im deutschsprachigem Raum weitgehend „nur“ als Lernschwäche, Teilleistungsstörung oder Behinderung wahrgenommen und vom Gesetzgeber so definiert. (Marwege 2013:XIV)

Unbestritten leiden die Betroffenen in unserer Gesellschaft sehr unter den damit verbundenen Defiziten. Es sollte alles versucht werden, um ihnen den Weg durch unser Bildungssystem weitestgehend zu erleichtern.

Dennoch zeigen Studien schon seit Jahrzehnten (siehe Galaburda, 1993; Shaywitz, 1996), dass Legasthenie eben doch viel komplexer ist und dass es ein Fehler war, Legasthenie nur auf die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens zu reduzieren. Mit Einführung der MRT Scanner in den 1980er Jahren war es Forschern wir Sally E. Shaywitz erstmals möglich, die Gehirne von Menschen mit und solchen ohne Legasthenie während des Lesens von Wörtern zu vergleichen und die Unterschiede sichtbar zu machen (Shaywitz 1998:103). Einige Studi- en attestieren Menschen mit Legasthenie sogar besondere Fähigkeiten wie beispielsweise eine bessere visuell-räumliche Wahrnehmung (siehe Károlyi, et al. 2003) oder im innovativen Denken (siehe Tafti et al. 2009). Insbesondere ein Zusammenhang von Legasthenie und Kreativität wurde als hypothetischer Ansatz erforscht (siehe „The Yale Center for Dyslexia& Creativity“). Um Legasthenie zu verstehen bedarf es der Hilfe von verschiedener Fachgebie- te, wie etwa Medizin, Psychologie und Pädagogik, denn wie bereits erwähnt geht es nicht nur um die Fertigkeit des Lesens und Schreibens. Es geht vielmehr um fundamentale Unter- schiede in der Wahrnehmung aufgrund von Unterschieden der Informationsverarbeitung im Gehirn (siehe Shaywitz 1996:99, Eide u. Eide 2012:21). Trotz ihrer hundertjährigen Ge- schichte steht die Legasthenieforschung noch am Anfang, und noch immer ist es nicht ein- fach, eine eindeutige Definition zu finden.

Im Verlauf dieser Hausarbeit werde ich einen Überblick über die allgemein gültige Definitionen und die Besonderheiten von Legasthenie geben. Jedoch möchte ich das Thema aus dem Blickwinkel des hypothetischen Vorteils betrachten, den diese besondere Form der Informationsverarbeitung mit sich bringen könnte. Hierfür werde ich einzelne Studien, die diesen „Vorteile“ untersucht haben, vorstellen.

Anschließend möchte ich einen Überblick geben, warum Legastheniker in einigen Berufs- gruppen besonders häufig anzutreffen sind. Jedoch möchte ich auch aufzeigen, welche Pro- bleme die lediglich positive Betrachtung mit sich bringen würde und wie es am anderen Ende des Spektrums für Betroffene aussieht, denen leider meist die Chancengleichheit verwehrt blieb. Später werde ich einen allgemeinen Einblick über die verschiedenen Thesen und de- ren Befürworter geben.

Was ist Legasthenie und inwiefern unterscheidet sich die Legasthenie von anderen Formen der Lese-Rechtschreibschwäche?

„Our understanding of Dyslexia is a work in progress and will continue to be just that.“ (Lyon, et al. 2003:10)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fig. 1 Schematische Karte des Gehirn mit Hirnaktivierung während des Lesens. Legasthene

Leser zeigen im Vergleich zu nicht-legasthenen Lesern eine verminderte Aktivität im hinteren Hirnbereich, jedoch eine deutlich höhere Aktivität im vorderen Bereich.

Allgemein wird unter dem Begriff Legasthenie die Schwierigkeit des Erwerbs der Schriftsprache verstanden.

„Die Legasthenie ist eine umschriebene und schwerwiegende Beeinträchtigung des Erlebens von Lesen und Rechtschreibung, die in Besonderheiten von Hirnfunktionen begründet ist. Diese in allen Schriftsprachen vorkommende Teilleistungsstörung ist veranlagt und nicht die Folge von unzureichender Beschuhlung, einer Intelligenzmin- derung oder anderen körperlichen, neurologischen oder psychischen Erkrankungen.“ (IDC-10; Dilling et al. 1991 zitirt von Warnke, Hemmungen, Roth, Schneck 2002:14)

In der Regel ist Legasthenie vererbt, kann allerdings in Einzelfällen auch z.B. durch einen Unfall oder eine Krankheit entstehen. Trotz auftretender Probleme beim Lesen und Schreiben verfügen Legastheniker über durchschnittliche bis überdurchschnittliche Intelligenz (siehe Kuhn- Bamberger, 2011:3.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fig.2: Wie diese Graphiken zeigen steht die Lesefähigkeit bei Personen mit Legasthenie nicht im Verhältnis zu deren IQ.

Im Gegensatz zu anderen Lernschwächen wie etwa die vorübergehende Lese- und Schreib- schwäche ist Legasthenie also nicht temporär sondern bleibt in der Regel bis ins Erwachse- nenalter bestehen, Legasthenie „wächst“ sich also nicht aus (siehe Shaywitz, 1996:103).

Trotzdem ist es möglich, die negativen Symptome der Legasthenie zu „überwinden“. Die neurologischen Abweichungen im Gehirn bleiben allerdings lebenslang bestehen.

Vorausschickend, Legasthenie ist weder eine Krankheit noch eine Behinderung, sie ist vielmehr eine differenzierte Wahrnehmung eines Menschen. Einfach gesagt, empfinden, sehen und hören legasthene Menschen ein bisschen anders als andere.“ (Kopp-Duller, 2004:31)

Viele Forscher richten ihr Augenmerk zunehmend auf das, was Legastheniker im positiven Sinne von Nicht-Legasthenikern unterscheidet und welche Vorteil dies für das Individuum mit sich bringen könnte.

But our experience at the Yale Center suggests that many compensated dyslexics have a distinct advantage over nondyslexics in their ability to reason and conceptualize and that the phonological deficit masks what are often excellent comprehension skills.“ (Shaywitz, 1996:104)

Trotz allem ist eine eindeutige Definition von Legasthenie nicht einfach zu finden. Wie man im Verlauf dieser Hausarbeit sehen wird, gibt es noch viele ungeklärte Fragen und Hypothesen Legasthenie betreffend.

„Though a number of theories of dyslexia have been proposed, there is now a strong consensus supporting the phonological theory, a theory recognizing that speech is natural whereas reading is acquired and must be taught. In order to read, a child has to acquire the alphabetic principle. This is the insight that spoken words can be pulled apart into smaller units of speech—for example, syllables, and the smallest particles of speech, phonemes—and that the letters in a written word represent these sounds. Results from large and well studied populations confirm that a deficit in phonology is the most robust and specific correlate of dyslexia and form the basis for the most successful and evidence-based interventions designed to improve reading.“ (Zusam- menfassung von S. Shaywitz, 2003 zitiert in Shaywitz, 2006).

Anteil von Legasthenikern an der Bevölkerung

Wie hoch der Anteil von Legasthenikern an der Bevölkerung ist, schwankt von Erhebung zu Erhebung, liegt aber etwa bei fünf bis zehn Prozent (siehe Kopp-Duller, 2004:11). Manche Quellen gehen sogar davon aus, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung legasthene Sym- ptome aufweisen (Handler, et al. 2014:42). Da es sich um eine versteckte „Behinderung“ handelt, ist die Zahl allerdings nicht mit Sicherheit zu bestimmen, auch weil es verschieden starke Ausprägungen und Formen der Legasthenie gibt und anzunehmen ist, dass eine hohe Dunkelziffer existiert.

Bewiesen ist allerdings, dass Legasthenie überall auf der Erde und in jeder Bevölkerungs- gruppe gleichermaßen vorkommt. Zwar liegt der Legasthenikeranteil beispielsweise in Japan bei nur drei bis vier Prozent. Dies ist allerdings auf die eher bildliche Schriftart zurückzufüh- ren, die es Legasthenikern erleichtert, Lesen und Schreiben zu lernen. (Todo 2004:143) Auch konnte nicht nachgewiesen werden, dass Jungen und Männer häufiger betroffen sind als Mädchen und Frauen. Frühere Unterschiede werden heute auf das unterschiedliche Lernverhalten und die Rolle der beiden Geschlechter in der Gesellschaft zurückgeführt (Shaywitz, 1996:103).

Welche Stärken werden im legasthenen Gehirn vermutet?

Laut Brock Eide (The dyslexic Advantage) fiel bereits W. Ringle Morgen, einer der Ersten, der 1896 Legasthenie untersuchte, ein Zusammenhang zwischen Legasthenie und besonderen Fähigkeiten, wie beispielsweise eine besonderes gute räumliche Wahrnehmung auf. (siehe The Diane Rehm Show, 15.2.2012/11:15:32)

1925 äußerte Samuel Orton ebenfalls, ein US-amerikanischer Arzt und Pionier im Bereich der Lernbehinderungen, dass es einen Zusammenhang zwischen Legasthenie und einer überdurchschnittlich guten visuell-räumlichen Wahrnehmung geben könnte (siehe von Káro- lyi und Winner 2004). Norman Geschwind beschreibt 1982 „räumliche Fähigkeiten“, die er an Legasthenikern oft beobachtet habe. Diese machten sich besonders in nonverbalen Kompe- tenzbereichen wie der Kunst und der Architektur bemerkbar. Geschwind nennt dies die „Pa- thologie der Überlegenheit“. Damit meint er, dass Legasthenie ein natürliches Phänomen un- ter Menschen ist, welches manche Individuen mit Talenten in gewissen Gebieten und andere wiederum mit Talenten in anderen Gebieten ausstattet. (siehe West 2009:15)

Thomas G. West wiederum, Autor des Buches In the Mind ’ s Eye: Creative Visual Thinkers, Gifted Dyslexics, and the rise of Visual Technologie von 1997, beschreibt die Schwierigkeit beim Erlernen von Lesen und Schreiben als Kompromisse, die das legasthene Gehirn ein- geht, um auf anderen Gebieten optimale Leistung erbringen zu können. So äußert er auch die Vermutung, dass die Individuen nicht trotz, sondern vielleicht grade wegen ihrer Legas- thenie in gewissen Gebieten überragende Leistungen erbringen können. (siehe West 2009:19)

In dem 2012 erschienenen Buch The dyslexic Advantage der beiden US-amerikanischen Ärzte Brock L. und Fernette F. Eide beschreiben diese Legasthenie als eine andere Art der Informationsverarbeitung im Gehirn. Dies wiederum führt dazu, dass das legasthene Gehirn in einigen Gebieten Schwächen und in anderen Gebieten Stärken aufweist. Sie beziehen sich hierbei auf die Untersuchungen von Sally Shaywitz, die wie bereits erwähnt mittels MRT Scannern die Unterschiede beim Lesen in den Gehirnen sichtbar machen konnte (siehe Eide u. Eide, 2004:33). Weiter gehen Eide und Eide davon aus, dass legasthene Gehirne anders organisiert sind. Die Unterschiede ausser sie laut Eide und Eide in der Fähigkeit vieler legas- thener Menschen weitere Zusammenhänge erfassen zu können sowie Verbindungen zuer- kennen, die ansonsten niemanden auffallen oder das „Big Picture“ sehen zu können. Sie be- schreiben auch detailliert die sogenannte MIND strength. Das sind vier besondere Fähig- keitsgruppen, die sie besonders in Individuen mit Legasthenie beobachtet haben wollen:

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656873129
ISBN (Buch)
9783656873136
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286967
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Erziehungswissenschaften uns Pychologie
Note
1,0
Schlagworte
Legasthenie Vorteil Wahrnehmung

Autor

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