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Arabische Spuren in Madrid

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 27 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Reich al-Andalus
2.1 Die Conquista und das Reich al-Andalus
2.2 Die Reconquista

3 Die erste stabile Bevölkerung Madrids

4 Die Gründung Mayrits
4.1 Mohammad I - emir edificador
4.2 Motive zur Gründung Mayrits

5 Die Rolle Mayrits in der arabischen Epoche
5.1 Mayrit - zwischen hisn und madina
5.2 Militärische Relevanz an der Marca Media
5.3 Mayrit als religiöses Zentrum
5.4 Das kulturelle von Leben Mayrit

6 Die mudéjares unter christlicher Herrschaft
6.1 Die Gemeinschaft der aljama
6.2 Die Baukunst der mudéjares in Madrid
6.3 Verfolgung und Vertreibung

7 Archäologische Spuren arabischer Präsenz in Madrid
7.1 Funde der muslimischen Stadtmauer
7.1.1 Theorien zum Ursprung der Mauer
7.1.2 Verlauf und Stadttore der Mauer
7.2 Die arrabales von Mayrit und ihre Spuren

8 Verschwundene arabische Spuren in Madrid
8.1 Die Alcazar
8.2 Die Almudena

9 Zusammenfassung

Bibliographie

1 Einleitung

Befindet man sich auf der Plaza de la Puerta Cerrada im Zentrum Madrids, fällt einem vermutlich sofort eine dort hochaufragende, handgemalte Fassade auf, die mit den Worten „Fui sobre agua edificada, mis muros de fuego son“ versehen wurde. Diese Worte bilden nicht nur das Motto der Stadt Madrid, sie lassen auch tief in die Geschichte und Wurzeln der spanischen Hauptstadt blicken. Diese Wurzeln sind, wie von vielen anderen spanischen Städten auch, arabischen Ursprungs. Der Schriftzug spricht von unterirdischen - von Arabern errichteten - Wasserläufen und von den Mauern aus Feuerstein, die einmal die Stadt umgaben (vgl. Viñas-Valle: 2010). Es gibt nicht viele Quellen, die uns Aufschluss über die arabischen Anfänge der spanischen Hauptstadt geben. Eine der bekanntesten und vermutlich ältesten Quellen stammt von dem arabischen Geographen Al-Idrisi. Sie gibt uns Einblick über das alte Mayrit (Mazzoli-Guintard 2011: 17):

[…] al pie de la sierrra de Guadarrama se encuentra Madrid, pequeña ciudad, fortaleza potente y próspera, dotada, en época islámica, de una mezquita ajama donde regularmente se pronunciaba el sermón de los viernes.

Zwischen diesem Zitat und heute sind bereits mehr als 800 Jahre vergangen und Madrid ist inzwischen zu einer der größten Metropolen Europas herangewachsen. Es ist daher schwer vorstellbar, dass es sich hier einmal um eine typisch arabische Kleinstadt gehandelt hat. Heutzutage befinden sich in Madrid eines der wichtigsten europäischen Handels- und Kulturzentren, der Sitz des spanischen Königs und der Regierung. Es besteht kein Zweifel: Madrid besitzt als Hauptstadt Spaniens eine wichtige kulturelle und politische Relevanz (vgl. Gasser: 2011).

Wie jedoch sah es aus, als Madrid noch unter arabischer Herrschaft stand: ist Madrid auch ein wichtiges Zentrum im alten arabischen Reich al-Andalus gewesen? Welche Spuren dieser Herschafft sind heute noch zu finden? Wie lange nach der Reconquista blieb die muslimische Bevölkerung auf diesem Gebiet zurück und welche Spuren hinterließ sie? Um diese Fragen zu beantworten, sowie die Rolle Madrids in der islamischen Epoche zu verstehen, müssen viele Faktoren berücksichtigt werden: zum Beispiel seine Entstehungsgeschichte im Kontext der Conquista und Reconquista.

In vorliegender Arbeit möchte ich aufzeigen, welche Rolle das arabische Madrid auf der Iberischen Halbinsel damals spielte und vor allem auf die Spuren eingehen, die es hinterließ.

2 Das Reich al-Andalus

Um die arabische Geschichte Madrids und ihre Rolle in der spanischen Geschichte besser zu verstehen, ist es zunächst wichtig einen Überblick über die Situation auf der gesamten Iberischen Halbinsel zu bekommen. Im Folgenden (2.1) werde ich auf den Verlauf der Conquista und das daraus resultierende Reich al-Andalus eingehen. Danach gebe ich in 2.2 einen kurzen Überblick über die Reconquista und ihre Folgen für die Iberische Halbinsel.

2.1 Die Conquista und das Reich al-Andalus

Das maurische Reich al-Andalus, auch bekannt als „España musulmana“ (Marín 2001: 12), erstreckte sich auf einem Großteil der Iberischen Halbinsel über einen Zeitraum von knapp acht Jahrhunderten. Begonnen hatte die arabische Herrschaft mit der berberisch-arabischen Eroberung im Jahr 711, als muslimische Berber über die Meerenge von Gibraltar vordrangen und sich schnell auf dem Gebiet der Iberischen Halbinsel ausbreiteten. Das Vordringen der maurischen Bevölkerung in das Gebiet der Iberischen Halbinsel wird als die sogenannte Conquista bezeichnet.

Die Araber versuchten bereits seit langer Zeit ihr Reich auf ganz Nordafrika auszuweiten. Die Eroberung der Iberischen Halbinsel stellte sich für sie als relativ leicht heraus, denn vor der Conquista lag dort das Reich der Westgoten. Dieses war ein zentralistisch organisiertes Herrschaftsgebiet einer „Sklavenhaltergesellschaft“ (Hottinger 2005: 43), welches innerlich stark gespalten war (vgl. Hottinger 2005: 31- 33).Machtpolitisch gesehen konnten sich die Mauren nach der Eroberung jedoch zunächst nicht organisieren. So gab es bis zur Zeit der Kalifen von Córdoba keine zentrale Regierung. Es wurden lediglich vereinzelt Staathalter eingesetzt, die jedoch nur für kurze Zeit und mit wenigen Machtbefugnissen herrschten.

Im Jahr 756 schaffte es der arabische Monarch Al Hassan Addakhil jedoch schließlich, das gesamte hispanische Gebiet unter seine Herrschaft zu bringen und ernannte sich zum Emir, d.h. zum obersten Befehlshaber und Herrscher von Córdoba und somit von al-Andalus. Es folgten daraufhin sieben weitere Emire von Córdoba, von denen im Folgenden nur einer von Interesse sein soll: der fünfte Emir, Muhammad I. Auf ihn werde ich im Laufe dieser Arbeit noch näher eingehen, da er eine zentrale Rolle in der maurischen Geschichte Madrids einnimmt (vgl. Hottinger 2005: 19f.). Seit der Entstehung des Emirats von Córdoba lag dort die zentrale Macht von al-Andalus. In dieser Zeit weitete sich das Reich - aufgrund der relativ stabilen und langen Herrschaft der Emire und Kalifen - zu seiner maximalen Größe aus (vgl. Hottinger 2005: 52). Bernecker (2012: 10) hebt hervor, dass sich mit dem Kalifat von Cyrdoba „[…] eine im damaligen Europa einmalige Blüte [entwickelte; S.Z.], die als politischer, wirtschaftlicher und kultureller Höhepunkt des Islam bezeichnet werden kann“.

2.2 Die Reconquista

Die Reconquista beginnt bereits im Jahr 1055 von León und Kastilien aus. Dabei spielte die Rückeroberung Toledos im Jahre 1085, das gleiche Jahr, in dem auch Madrid ‘zurückerobert’ wurde, eine Schlüsselrolle. Diese Eroberung gilt für Hottinger (2005: 22) auch „als eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Halbinsel […]“. So wurde der kastilische Herrscher Alfonso VI nach der Eroberung Toledos mit dem Titel imperator totius Hispaniae ‘Herrscher über ganz Spanienʼ bezeichnet (vgl. Bernecker 2002: 11).

Der stabilen Herrschaft der Kalifen von Córdoba war ab der Mitte des 11. Jahrhunderts die Herrschaft des tiefreligiösen Volksstammes der Almoraviden und Almohaden aus der Sahara gefolgt. Ihre Mission war der Dschihad, der Heilige Krieg zur Verbreitung des Islams. Mit ihrer tiefen Religiosität verwandelten diese Volksstämme daher die Reconquista für die Christen in einen Kreuzzug und machten sie somit ebenfalls zum Heiligen Krieg. Durch die besondere Standhaftigkeit der Almoraviden und Almohaden verzögerte sich das Vorhaben der Reconquista und kam an den Grenzstädten wie Toledo oder Madrid für über 100 Jahre zum Erliegen (vgl. Hottinger 2005: 23f.).

Allmählich jedoch drangen die kastilischen Herrscher in den Süden von al-Andalus vor und zwangen die Almohaden zurück. Dem kastilischen Herrscher Fernando III gelang es schließlich im Jahre 1236 Córdoba und 12 Jahre später Sevilla einzunehmen und unter christliche Herrschaft zu bringen. Granada war als das letzte Königreich von al-Andalus noch viele weitere Jahre in muslimischer Hand. Viele Muslime, die nicht unter christlicher Herrschaft leben wollten, flohen dorthin und stärkten dadurch dieses letzte Königreich von al-Andalus. Im Jahr 1492 fiel es unter Fernando von Aragón und Isabella von Kastilien schließlich in christliche Hand. Damit war die Reconquista beendet (vgl. Hottinger 2005 24f.).

Welche Rolle spielte jedoch die Reconquista für den weiteren Verlauf der spanischen Geschichte? Die Antwort darauf ist bei fast allen Historikern dieselbe: die Reconquista stellt eine der wichtigsten Etappen spanischer Geschichte dar, denn sie hat nicht nur die Vertreibung der fast acht Jahrhunderte herrschenden maurischen Kultur zur Folge, sondern auch die Verschmelzung der islamischen mit der christlichen Kultur und deren Koexistenz auf einem Gebiet (vgl. Bernecker 2012: 11).

3 Die erste stabile Bevölkerung Madrids

Die ursprüngliche Siedung Madrids war an dem kleinen Fluss San Pedro gelegen, der im heutigen historischen Zentrum, in der Calle Segovia floss. Dort situiert der wohl bekannteste Madrid-Forscher Oliver Asín auch die erste ursprüngliche und dauerhafte Bevölkerung Madrids: eine „comunidad de cazadores y pastores“ (Mazzoli- Guintard 2011: 31). Es stellt sich nun die Frage, wie sich diese erste Bevölkerung auf dem Gebiet Madrids zusammensetzte:

Lange Zeit wollte man glauben, Madrid habe römischen Ursprung, was mit einem vermeintlich höheren Prestige verbunden war als der arabisch-islamische Ursprung. Erst im letzten Jahrhundert begann man Madrids Geschichte mit der von al-Andalus zu verbinden (vgl. Marín 2001: 9). Jedoch ist eine ehemalige römische Präsenz auf dem heutigen Gebiete Madrids nicht von der Hand zu weisen. So fand man in der Nähe des heutigen Barajas Flughafens in Madrid Überreste, die auf eine Siedlung der Römer schließen lässt (vgl. Mazzoli-Guintard 2011: 32). Zudem kreuzten sich auf heutigem Madrider Gebiet zwei von den Römern erbaute Hauptstraßen, was es zu einem wichtigen Knotenpunkt der römischen Epoche machte.

Nach der Eroberung durch die Araber, wurde dieses nützliche Straßennetzwerk weiterhin genutzt. Insbesondere kam dieser Region aufgrund seiner zentralen Lage auf der Iberischen Halbinsel und ihrem Schutz durch die Sierra de Guadarrama schon immer eine große Rolle zu. Ob auf diesem Gebiet auch Westgoten dauerhaft lebten ist unbekannt (vgl. Jiménez Gadea: 19-23).

Trotz einer möglichen präislamischen Präsenz der Römer geht man davon aus, dass die erste stabile und dauerhafte Bevölkerung des heutigen historischen Zentrums Madrids durch die Omayyaden aus Córdoba begründet wurde. Das erste Anzeichen einer islamischen Präsenz auf Madrider Boden wird auf das Jahr 713/714 datiert (vgl. MazzoliGuintard 2011: 33). Für Retuerce Velasco (2004: 84) ist es „[...] la poblaciyn beréber, habitante principal de toda esta regiyn[...]“.

4. Die Gründung Mayrits

Die Gründungsgeschichte der Stadt Madrid näher zu betrachten, ist essenziell, um seine Rolle im gesamten Kontext von al-Andalus zu verstehen. Dem bereits erwähnten Emir von Córdoba, Mohammad I, ist die Existenz der Stadt Madrid zu verdanken (vgl. Mazzoli-Guintard 2011: 49). Dabei leiteten ihn vermutlich unterschiedliche Motive, die ihn zur Gründung der Stadt bewegten. Unter 4.1 soll ein kurzer Überblick über der Rolle Mohammad I in der Entstehungsgeschichte Madrids gegeben werden. Es folgt unter Punkt 4.2 eine nähere Betrachtung der Motive zur Gründung Madrids.

4.1 Mohammad I - emir edificador

Mohammad I regierte als Emir von Córdoba in der Zeit von 852 bis 886 über das Reich al-Andalus. Bekannt als emir edificador, ließ er während seiner Regentschaft viele Städte, Festungen und Moscheen errichten. Obwohl man nicht mit Bestimmtheit sagen kann, in welchem Jahr Mayrit gegründet wurde, geht man davon aus, dass Mohammad I um das Jahr 864 die Gründung befahl (vgl. Mazzoli-Guintard 2011: 49-54):

A Muhammad [I] [...] se le deben hermosas obras, [...] por el bienestar de los musulmanes, preocupándose por sus frontereas, [...] él fue quien, para las gentes de la frontera de Toledo, construyó [...] el castillo (hisn) de Madrid (Mayrit) […].

Dieses Zitat des bekannten arabischen Historikers Ibn Hayyan (Mazzoli-Guintard 2011: 49), gilt nicht nur als Beleg für die Gründung Mayrits durch den emir edificador, sondern gibt auch Aufschluss über die Motive, die ihn dazu bewegten, die Stadt zu gründen. Zusammen mit der Errichtung des sogenannten hisn - eine genauere Begriffsdefinition folgt später - von Mayrit, befahl er gleichzeitig den Bau weiterer Grenzbefestigungen an der Marca Media, dem Grenzgebiet zwischen den Moslems im Süden und den Christen im Norden. So wurden zusammen mit Madrid auch die Grenzbefestigungen von Talamanca und Peñafora gegründet (vgl. Mazzoli-Guintard 2011: 49-54).

4.2 Motive zur Gründung Mayrits

Es stellt sich die Frage, zu welchem Zweck Mayrit gegründet wurde. Dazu gibt es einige Theorien, wovon die Wichtigsten hier kurz vorgestellt werden sollen. Ein Motiv für die Gründung des hisn Mayrits war wohl die Errichtung eines Grenzschutzes vor den Christen im Norden. Diese versuchten im Zuge der Reconquista in den Süden vorzudringen. Die militärischen Stützpunkte Mayrit, Talamanca und Peñafora sollten Mohammad I in seinen politischen Bestrebungen unterstützen, eine effektive Kontrolle über die Region zu erlangen (vgl. Marín 2001: 10f.). Nach Meinung Vigueras (1992: 33) hatten alle drei dieser ‘Grenzstädte’ anfangs die gleichen Einrichtungen: „un gobernador, delegado del Poder Central, con una mezquita aljama en la que se cumplieran las representaciones oficiales de la Religión y del Estado“.

Ein weiteres Motiv zur Gründung Madrids könnten allerdings auch die zunehmenden Rebellionen in Toledo gewesen sein. Al-Andalus bestand aufgrund seiner Entstehungsgeschichte schon immer aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften: Christen, Juden, Moslems, Eroberer und Eroberte lebten auf einem Gebiet zusammen. Dies ist auch der Grund dafür, dass der Emir von Córdoba stets mit Rebellionen zu kämpfen hatte, die drohten, das Reich von innen heraus zu zerstören (vgl. Hottinger 2005: 20f.). Wie es in unter 4.1 erwähntem Zitat von Ibn Hayyan heißt, wurde Mayrit in erster Linie zum Schutz der Bevölkerung Toledos gegründet.

[...]

Details

Seiten
27
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656873044
ISBN (Buch)
9783656873051
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286903
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Romanische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Madrid Al-Andalus Mayrit

Autor

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Titel: Arabische Spuren in Madrid