Lade Inhalt...

Die Emanzipation der Frau in Armonía Somers' „El derrumbamiento“

von Claus Arnold (Autor)

Hausarbeit 2011 12 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Die feministische Literaturwissenschaft
2.2. Simone de Beauvoir und Das andere Geschlecht

3. „El derrumbamiento“ aus feministischer Perspektive
3.1. Die Rekonstruktion des Marien- und Frauenbildes
3.2. Die Neuentdeckung der weiblichen Sexualität

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll erörtert werden, wie in der Kurzgeschichte „El derrumbamiento“, veröffentlicht von der Uruguayerin Armonía Somers im Jahr 1953, die Emanzipation der Frau dargestellt und folglich gefordert wird. Damit wird das literarische Werk unter feministischen Aspekten interpretiert. Zunächst wird deshalb ein theoretischer Überblick über die feministische Literaturwissenschaft gegeben, ehe mit Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht – zusammengefasst in Rattner/Danzer (2007) und Meyer (2004) – ein für die Frauenbewegung wegweisendes Werk knapp vorgestellt wird.

Im Folgenden soll unter Berücksichtigung von de Beauvoirs Ideen und den Interpretationen von Picón Garfield (1985), Fishburn (1998) und Araújo (1989) die Emanzipation der Frau in „El derrumbamiento“ betrachtet werden, wobei ich mich auf zwei Aspekte konzentriere: Zuerst die Rekonstruktion des Marienbildes und folglich des Frauenbildes, dann die Sexualität der Frau. Zu klären sind dabei vor allem die Fragen, inwiefern die Rolle der Jungfrau Maria bzw. der Frau, die sie repräsentiert, in der Kurzgeschichte der ihr in einer patriarchalen Gesellschaft zugeschriebenen Rolle widerspricht; wie sie die Rolle des Schwarzen kontrastiert; und welche Bedeutung die Verweigerung des Geschlechtsverkehrs von Seiten der Maria hat. Zuletzt werden die Ergebnisse im Fazit zusammengefasst.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Die feministische Literaturwissenschaft

Die feministische Literaturwissenschaft umfasst eine besonders ab der Mitte des 20. Jahrhunderts aufkommende Vielzahl von verschiedenen Ansätzen, die das Geschlecht ins Zentrum der Analyse stellen (vgl. Plummer 2007: 234). Sie ist als Reaktion auf die traditionelle Literaturwissenschaft zu sehen, die von den Vertreterinnen feministischer Theorien als männlich geprägte Wissenschaft angesehen wird, in der Frauen als Figuren in literarischen Texten, als Autorinnen und als Wissenschaftlerinnen ausgegrenzt werden (vgl. Köppe/Winko 2007: 358). In Bezug auf das Geschlecht wird zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und der sozial bzw. kulturell konstruierten Geschlechterrolle (gender) unterschieden. Dem gender wird dabei eine weitaus höhere Bedeutung beigemessen; als Gender Studies etablierte sich ein der feministischen Literaturwissenschaft verwandter Forschungsansatz, der die Konstruktion des gender nicht nur in der Literatur, sondern auch z.B. in Kultur und Gesellschaft erforscht (Saupe 2007: 272).

Fasst man die mannigfaltigen Ansätze innerhalb des auf die Literatur bezogenen Feminismus zusammen, so wird in früheren Theorien wie Virginia Woolfs A Room of One´s Own (1929) oder Simone de Beauvoirs Le Deuxième Sexe (1949; dt. Das andere Geschlecht, s. 2.2.) das stereotypische Frauenbild kritisiert. Folglich wird die gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung von Mann und Frau oder sogar der Wandel vom Andro- zum Gynozentrismus – d.h. die Frau rückt in der Gesellschaft an die dominante Stelle des Mannes - gefordert (Plummer 2007: 234). Während man in diesen Theorien durchaus von einer Unterscheidung der Geschlechter ausgeht, entwickelt sich im Zuge der Dekonstruktion die Kritik am binären Schema ‚männlich-weiblich’ (vgl. Köppe/Winko 2007: 359). So löst Judith Butler, eine der berühmten Vertreterinnen dieser jüngeren Forschungsrichtung, die Unterscheidung zwischen sex und gender in ihrem Werk Gender Trouble (1990) auf und geht davon aus, dass selbst das biologische Geschlecht sozial und kulturell konstruiert ist. Dementsprechend liege dem gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlecht keine es bedingende, natürliche Identität zugrunde (vgl. Köppe/Winko 2007: 359f).

2.2. Simone de Beauvoir und Das andere Geschlecht

An dieser Stelle soll mit Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht ein für die Frauenbewegung grundlegendes Werk kurz vorgestellt werden, um später die feministischen Aspekte in „El derrumbamiento“ auf die Theorie der französischen Schriftstellerin beziehen zu können. Hierbei handelt es sich um eine Abhandlung über die unterdrückte Rolle der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft. De Beauvoir untersucht die Ursachen der weiblichen Geschlechterrolle aufgrund biologischer, kultureller und gesellschaftlicher Grundlagen (vgl. Rattner/Danzer 2007: 233). Sie entwirft Modelle für „postpatriarchale und möglichst herrschaftsfreie Liebesbeziehungen“ (Rattner/Danzer 2007: 241) und richtet ihre Aufforderung, diese zu realisieren, gleichermaßen an Frauen wie an Männer. De Beauvoirs Ideal ist die Gleichheit von Mann und Frau, die dann erfüllt sei, wenn in der Beziehung zwischen den Geschlechtern Anerkennung und Respekt herrsche und eine gegenseitige Abhängigkeit vorhanden sei (vgl. Meyer 2004: 70).

De Beauvoirs Grundaussage, dass man nicht als Frau zur Welt komme, sondern es werde, war grundlegend für die Bevorzugung der sozial konstruierten Geschlechterkategorie (gender) gegenüber der biologischen (sex) in vielen späteren feministischen Theorien (s. 2.1.) (vgl. Rattner/Danzer 2007: 241f). Sie erkennt in der Bildung und Tradierung des Frauenbilds in verschiedenen kulturellen Bereichen wie Literatur, Philosophie, Kunst und Wissenschaft eine Gemeinsamkeit: Fast überall werde die Frau als „die Andere“ dargestellt, die man nur schwerlich begreifen könne und die mit negativen Attributen besetzt sei (vgl. Rattner/Danzer 2007: 243). „Sie wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie, sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute; sie ist das Andere“, wird de Beauvoir von Meyer (2004: 63) zitiert. Dabei bezieht die Existenzialistin die Mann-Frau-Beziehung auf Sartres Theorie, dass ein Mensch sich als Subjekt und seine Mitmenschen als Objekte sieht, was die Dominanz des Subjekts nach sich ziehen könne. Bei de Beauvoir entspricht der Mann in der patriarchalen Gesellschaft dem Subjekt und die Frau dem Objekt (vgl. Rattner/Danzer 2007: 244).

Kritisiert werden bei de Beauvoir auch die Mythen, da die Frau in diesen z.B. als Hexe, Heilige oder nährende Mutter stereotypisch dargestellt werde. Dabei werde mit der Frau meist Immanenz in Verbindung gebracht, die „Summe aller bewahrenden und […] passiveren Tendenzen“ (Rattner/Danzer 2007: 243); mit dem Mann hingegen Transzendenz, die für Fortschritt und Veränderung steht. Die Zuordnung von Immanenz zur Frau sei auch auf das Sexualleben übertragen worden, d.h. es gebe eine „jahrhundertealte ungleiche Verteilung sexueller Aktivitäten zwischen den Geschlechtern“ zuungunsten der Frau (Rattner/Danzer 2007: 244). De Beauvoir hält deshalb Liebe und Erotik nur dann für echt, wenn eine Beziehung zwischen zwei Subjekten stattfindet, d.h. wenn der Mann die Frau nicht als seinen Besitz erachte, sondern als autonomes Wesen anerkenne (vgl. Rattner/Danzer 2007: 246).

3. „El derrumbamiento“ aus feministischer Perspektive

Zu Beginn der Kurzgeschichte „El derrumbamiento“ von Armonía Somers wird die Flucht eines Schwarzen namens Tristán, der offensichtlich einen Mord an einem „bruto blanco“ (Somers 1953: 15; fortan A) begangen hat, beschrieben. Nichts weist auf den später stattfindenden Tabubruch hin, die Entjungferung[1] der Jungfrau Maria. Allerdings wird diese schon gleich zu Beginn der Geschichte erwähnt, als Tristán sie anfleht: „Maldita virgen“ (A: 15). So lässt sich das Auftauchen der Jungfrau in der Geschichte erahnen. Der Schwarze sucht Zuflucht in einer Herberge. Dort befindet sich eine Marienstatue, die das Haus beschützen soll. Von Fieber gequält sieht Tristán, dass die Jungfrau Maria ihren Sockel verlässt und sich auf ihn zubewegt (vgl. A: 20f).[2] Im Folgenden soll die Kurzgeschichte aus feministischer Perspektive interpretiert werden, wobei wir uns auf zwei Aspekte konzentrieren: Die Rekonstruktion des Marien- und Frauenbildes und die Sexualität der Frau.

3.1. Die Rekonstruktion des Marien- und Frauenbildes

Die katholische Kirche hat ein Bild der Jungfrau Maria geprägt, nach dem sie für Reinheit und Keuschheit steht (vgl. Araújo 1989: 76, 80). Sie dient hinsichtlich ihrer Jungfräulichkeit als Vorbild für junge, insbesondere unverheiratete Frauen Lateinamerikas: „(L)a virginidad de las mujeres es y continúa siendo asunto de honor en las familias latinoamericanas de todos los niveles sociales.” (Araújo 1989: 76) Deren Jungfräulichkeit bedeutet ebenso eine Tabuisierung ihrer Sexualität wie es bei Maria der Fall ist. So erklärt Dardigna (1980: 178 in Araújo 1989: 61): „María perfeccionará la simbólica de una negación del sexo femenino, al cual solamente ha de tener acceso el soplo divino del Padre.” Araújo (1989: 61f) bemerkt, dass die Religion auf Maria ein passiv-feminines Ideal projiziert. Archetypisch repräsentiert sie die Frau und deren Rolle überhaupt. Armonía Somers entwirft in ihrer Kurzgeschichte „El derrumbamiento“ ein neues Bild der Jungfrau Maria und daraus resultierend der Frau: „Como ejemplo están relatos de Armonía Somers, […] que no sólo renuevan la personalidad de la Virgen, sino la identifican con una feminidad beligerante y adscrita al cambio […]. [Las escritoras latinoamericanas están] descartando esterotipos [sic] e impugnando dogmas.“ (Araújo 1989: 64)

Die Jungfrau verlässt in der Kurzgeschichte als Statue ihren Sockel, was eine Aktivierung bzw. das Ende ihrer Passivität bedeutet. Auch dass sie als Statue sprechen kann, ist als Emanzipation aus der gewohnten Rolle aufzufassen, denn mit der Maria wird im Katholizismus Gehorsamkeit und Schweigen verbunden: „[L]a Virgen nunca habla ni discurre.“ (Araújo 1989: 63) Hier beginnt die Jungfrau zu sprechen und klagt Tristán ihr Leiden, nämlich dass sie ihren Sohn getötet haben und sie nun ein unbefriedigendes Dasein als Statue aus den verschiedensten Materialien fristet: „Desde que me hicieron de mármol, de cera, de madera tallada, […] ya no tengo aquel llanto.“ (A: 23) Dabei sei sie doch ein Mensch aus Fleisch und Blut: „Por dentro de los pies de cera yo tengo pies de carne.“ (A: 24). Die Frauen kann man aus feministischer Perspektive in einer patriarchalen Gesellschaft ebenso mit Statuen vergleichen: Sie sind von den Männern geformt, starr, passiv. Sie werden nach de Beauvoirs Theorie von den Männern genauso als Objekte angesehen wie die Jungfrau Maria von den Gläubigen als Statue. So müssen sowohl die Frauen als auch die Marienstatue einem Ideal entsprechen: „Während der Junge seinen Körper durch Spiele erfährt und Anerkennung bekommt, soll das Mädchen gefallen.“ (Meyer 2004: 66)

Die Jungfrau bittet Tristán nun, sie aus ihrer Existenz als Statue zu befreien. Sie will ebenso aus ihrer Rolle als makellose Jungfrau heraustreten: „Yo no puedo ser más la virgen, sino la verdadera madre del niño que mataron. Y entonces necesito poder andar, odiar, llorar sobre la tierra.” (A: 24) Tristán soll sie zunächst an den Füßen, dann an den Schenkeln und zuletzt an ihrem primären Geschlechtsteil vom Wachs befreien. Die Befreiung der Maria ist zunächst eine physische: Die Befreiung ihres Körpers aus der Hülle aus Wachs und damit die Verwandlung von Statue bzw. Gegenstand zum lebendigen Menschen. Noch viel mehr ist die Befreiung aber eine psychische, die die Emanzipation der Frau aus ihrer Abhängigkeit vom Mann symbolisiert. Als Repräsentantin der Frauen überwindet Maria hier deren Immanenz, die diesen laut de Beauvoir vor allem in den Mythen als Vorurteil zugeordnet wird (vgl. Rattner/Danzer2007: 243f). Ihre Befreiung steht also für Transzendenz, die „Überwindung des Status quo“ (Rattner/Danzer 2007: 244). Paradoxerweise zeigt sich gerade bei der Emanzipation aus der Abhängigkeit eine Abhängigkeit der Frau vom Mann, denn ohne Tristáns Hilfe kann die Jungfrau nicht vom Wachs befreit werden.

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656872238
ISBN (Buch)
9783656872245
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286760
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Feminismus; Emanzipation der Frau Simone de Beauvoir; Armonía Somers; Kurzgeschichte

Autor

  • Claus Arnold (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Die Emanzipation der Frau in Armonía Somers' „El derrumbamiento“