Lade Inhalt...

Die Unterschiede bei autobiographischen Beschreibungen in Erst- und Zweitsprache

Wie ändern sich Wortwahl, Syntax und Fokus der Erzählung beim Wechsel der Sprache?

Hausarbeit 2012 23 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zielsetzung

3. Fragen zu Beginn der Recherche

4. Arbeitshypothesen

5. Operationalisierung

6. Stand der Forschung
6.1. Kommunikation in sprachlich heterogenen Gemeinschaften
6.2. Probleme bei der interkulturellen Kommunikation
6.3. Funktionierender Gesprächsaufbau
6.4. Biographisches Erzählen
6.5 Resümee und Bewertung des Forschungsstands

7. Daten und Methoden
7.1. Feldnotiz zur Aufnahme von Anastasia Wolter und Madeline Schirra
7.2 Transkripte zu den ersten Eindrücken von Katrin W. in Deutschland

8. Analyse der unterschiedlichen Nutzung von Erst- und Zweitsprache
8.1 Vergleich der Transkripte
8.2. Forschungsbezogene Analyse der Beschreibungen

9. Fazit

10. Ausblick

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein klassischer Gegenstand des typologischen Sprachvergleichs sind Kategorien für phrasale Strukturen sowie deren Reihenfolge“ (Meng und Rehbein 2007: 420). Dieses Zitat weist auf die Wichtigkeit von Wortstellung und Satzbau bei der Analyse von Sprache hin. Sowohl in der Erst-, als auch in der Zweitsprache werden Sätze gewählt formuliert, vor allen Dingen dann, wenn es um eine autobiographische Begebenheit im Leben des Erzählenden geht.

Die Unterschiede zwischen der Wortwahl und dem Satzbau in der Muttersprache und in der Fremdsprache sind bei einigen Sprechern beachtlich. Oftmals sind diese in der Muttersprache zum Einen wortgewandter, zum Anderen sprechen sie ohne Pausen, da sie weniger nachdenken müssen. So orientieren sie sich beispielsweise nicht an Mustern, die sie beim Erlernen der Fremdsprache vorgegeben bekommen haben. Begebenheiten aus dem Leben eines Erzählenden werden somit unterschiedlich dargestellt, indem der Fokus möglicherweise in der Erstsprache auf etwas Anderem liegt, als in der Zweitsprache.

In dieser Hausarbeit wird zuerst die Kommunikation in heterogenen Sprachgemeinschaften erläutert, vor allem hinsichtlich der Anwendung von Merkmalen der Erstsprache auf die Zweitsprache. Daraufhin werden zwei Transkripte als Grundlage für eine Analyse von biographischem Erzählen in Mutter- und Fremdsprache verwendet, in denen eine russlanddeutsche Sprecherin ein für sie relevantes Ereignis aus ihrem Leben erzählt. Sie beschreibt ihre gemeinsame Ankunft mit Ehemann und Tochter in Deutschland. Ihre Eindrücke schildert sie dabei auf Russisch und auf Deutsch. Die verschiedenen Beschreibungen werden hinsichtlich ihrer diversen Sprachaspekte analysiert und es wird deutlich, dass und wie die Muttersprache intensiver genutzt wird. Die vorhergehende Datenerhebung erklärt vertiefend die Umstände, unter denen das Interview mit der Sprecherin stattfand und die Berücksichtigungen, die bei dieser Transkriptanalyse eingegangen werden mussten. Das Fazit fasst die Ergebnisse bewertend zusammen und der Ausblick nennt weitere Felder der Sprachanalyse, die in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden konnten.

2. Zielsetzung

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es, konkret zu untersuchen, inwiefern sich die Sprachhandlungen von derselben Person in ihrer Muttersprache und in ihrer Fremdsprache unterscheiden. Dabei liegt der Fokus auf Wortwahl und Satzbau. Die Herausarbeitung der Bedeutung von interkultureller Kommunikation, die dieser Analyse vorausgeht, wird als Grundlage und Bezugspunkt verwendet. Die Analyse beinhaltet auch linguistische Merkmale, beispielsweise aus der Phonetik. Zudem wird die Untersuchung anhand zweier Transkripte durchgeführt, die darstellen, wie sich die Interviewte auf Russisch, ihrer Muttersprache, und auf Deutsch, ihrer Zweitsprache, unterschiedlich artikuliert. Diese zweifache Verbalisierung eines für die interviewte Person beeindruckenden Erlebnisses verdeutlicht die Unterschiede, die sich bei dem Gesagten abzeichnen. Trotz desselben Inhaltes wird die Muttersprache flüssiger verwendet, obwohl die Zweitsprache seit Jahren unentwegt in Gebrauch ist und das Gesprochene setzt durch die Verwendung von Redewendungen Akzente auf bestimmte Sachverhalte. Dies soll, verbunden mit der vorher dargestellten Theorie, in der Hausarbeit nachgewiesen werden.

3. Fragen zu Beginn der Recherche

Aus welchem Grund wird die Zweitsprache trotz mittlerweile häufigerer Verwendung dennoch nach erlernten Strukturen und nicht spontan gebraucht?

Welche Auffälligkeiten zeigen sich bei der Wortwahl in der Erstsprache im Gegensatz zur Zweitsprache?

Weshalb wird die Muttersprache gezielt als Erstes gewählt, um die Eindrücke zu schildern und warum wird erst danach in der Fremdsprache erzählt?

4. Arbeitshypothesen

Da man bei dem Erlernen einer neuen Sprache bestimmte Strukturen gegeben hat, an die man sich hält, um die Syntax regelgemäß zu verwenden, ist anzunehmen, dass man diese Strukturen dauerhaft beibehält. Dennoch ist es fraglich, ob man nach dem jahrelangen Gebrauch einer Sprache im Alltag nicht von den Strukturen abweicht. Eine Erweiterung der Hypothese ist, dass man die Strukturen, die einem bekannt sind, nur ergänzt. Da man mit der Erstsprache aufwächst und sie ohne Nachzudenken verwendet, wäre es eine logische Schlussfolgerung, dass beim Erwerb einer weiteren Sprache vorgegebene Muster dauerhaft beibehalten und komplettiert werden.

Bei der Erstsprache ist zudem zu verzeichnen, dass sie flüssig gesprochen wird und der Wortschatz sicherer beherrscht wird. Außerdem ist anzunehmen, dass dieser wesentlich umfangreicher ist, als der Wortschatz der Zweitsprache. Redewendungen und Metaphern können oftmals spontan eingebaut werden, während bei der Zweitsprache Pausen zum Auswählen der richtigen Worte berücksichtigt werden müssen.

Angenommen wird, dass die Interviewte die Muttersprache beim Erzählen zuerst wählte, da ihr die Worte sofort in den Sinn kamen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Frau sich sicherer in ihrer Erstsprache ausdrücken kann und diese zuerst wählt, um sich einen Überblick zu verschaffen und abzuwägen, was sie daraufhin in der Zweitsprache sagen könnte. Auch wird vermutet, dass sich die Interviewte in ihrer Muttersprache sicherer und gewandter ausdrückt als in der Zweitsprache.

5. Operationalisierung

Vorausgehend wird Literatur zu kultureller Kommunikation in heterogenen Gemeinschaften aufgeführt und ihr Verhältnis zur Erst- und Zweitsprache wird dargestellt. Ebenso wird biographisches Erzählen berücksichtigt. Folgend wird der Forschungsstand bewertet und in ein Verhältnis zu der Analyse der darauffolgenden Transkripte und Daten gebracht. Die Untersuchung des Gesprochenen der Interviewten gibt Auskunft über die Unterschiede beim Sprechen zwischen Mutter- und Fremdsprache. Eine linguistische Annäherung an den Sachverhalt wird auch geboten. Das Fazit fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen und der Ausblick gewährt einen Einblick in weitere Felder, die in diesem Zusammenhang untersucht werden können.

6. Stand der Forschung

6.1. Kommunikation in sprachlich heterogenen Gemeinschaften

Oftmals wird Deutsch als Zweitsprache gesprochen, während im Haushalt von vielen Sprechern in der Muttersprache kommuniziert wird. Das ist der Grund für viele, frei aus der Muttersprache ins Deutsche zu übersetzen. Fehler, wie das Übernehmen von der Satzstruktur aus der Erstsprache oder das Gleichsetzen von Redewendungen in Erst- und Zweitsprache treten somit öfter auf. Die Sprechenden versuchen, Gleichheiten in den Sprachen zu sehen und damit zu verinnerlichen, oder aber bemerken den Unterschied nicht und verwenden deshalb beide Sprachen gleichermaßen.

Negativer Transfer entsteht, wenn die beiden Sprachen, die Muttersprache und die Zweitsprache, für einen bestimmten grammatischen Bereich unterschiedlich sind und der Lerner die grammatischen Regularitäten der Erstsprache auf die Zweitsprache anwendet.

(Müller und Kupisch und Schmitz und Cantone 2007: 22)

Somit ist es zwar einerseits von Vorteil, Kenntnisse in einer anderen Sprache als Deutsch zu besitzen, andererseits aber für viele auch verwirrend, da sie die Sprachen gleichermaßen verwenden und somit Fehler entstehen. Nichtsdestotrotz kann es auch Vorteile haben, wenn die beiden Sprachen sich grammatisch in zumindest einigen Bereichen ähnlich sind, da die Sprecher dann weniger Probleme haben, die Fremdsprache zu erwerben, indem sie die Strukturen der Muttersprache auf diese übertragen.

Die Population derer, die Deutsch als Zweitsprache sprechen oder lernen, ist sehr heterogen. Sie reicht von der russischen Immigrantin, die einen Integrationskurs für Zuwanderer besucht, bis zum Studenten mit Migrationshintergrund, der seine schriftsprachlichen Kompetenzen in einem Schreibkurs an der Universität verbessern möchte.

(Kniffka und Siebert-Ott 2012: 16)

Das Zitat zeigt, dass diverse Menschen die deutsche Sprache als Zweitsprache erlernt haben. Diese haben meist alle das Problem „unzureichende Kenntnisse“ (Kniffka und Siebert-Ott 2012: 17) in der neuen Sprache zu besitzen und somit die Strukturen und Merkmale ihrer Muttersprache weiterhin auf die Fremdsprache anzuwenden.

Folglich sollte man beim Vergleich der Aussagen in der Muttersprache und dem Gesprochenen in der Zweitsprache auf Sätze achten, in denen der Sprecher dieselbe Struktur oder denselben Satzbau verwendet. Diese sind dann auf ein unzureichendes Wissen oder aber auch auf Gewohnheit zurückzuführen. Teilweise ist den Sprechern auch nicht bewusst, dass in einer anderen Sprache etwas anders formuliert werden muss, da sie es nicht als Selbstverständlichkeit voraussetzen.

Somit muss gefördert werden, dass Sprechende in ihrer Zweitsprache kompetenter agieren, indem man ihnen beispielsweise die Unterschiede zur Erstsprache aufweist. Außerdem ist es aufschlussreich, Gesagtes zu analysieren. Indem Personen dieselbe Situation auf ihrer Erst- und Zweitsprache nacheinander schildern, kann deutlich werden, wo die Probleme in der Zweitsprache liegen. Des Weiteren können somit auch Unterschiede in Wortschatz und Syntax in beiden Sprachen des Sprechers auffallen.

Die Zusammenarbeit in sprachlich und kulturell heterogenen Gruppen ebenso wie ein vorübergehendes oder dauerhaftes Zusammenleben in sprachlich und kulturell heterogenen Gemeinschaften verlangt von allen ihren Mitgliedern besondere sprachliche und kulturelle Kompetenzen.

(Kniffka und Siebert-Ott 2012: 159)

Dies weist darauf hin, dass das Zusammenleben und Kommunizieren in sprachlich uneinheitlichen Gemeinschaften durch Analysen der Sprachhandlungen gefördert werden kann. Wenn Sprecher, deren Erstsprache Deutsch ist, wissen, weshalb Sprecher, deren Erstsprache beispielsweise Russisch ist, grammatikalische Fehler machen, können sie diesen auch schneller helfen, indem sie ihnen, zum Beispiel, die Fehler erläutern oder sie zumindest auf diese hinweisen.

Mithilfe der Kontrastiven Linguistik ist es möglich, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier Sprachen zu erkunden. Dies wiederum führt sowohl zu einer Erleichterung für Sprecher zweier Sprachen, als auch für deren Lehrer. Beim Vergleich zweier Sprachen „kann mit Hilfe der Kontrastiven Linguistik eine Auflistung der speziellen Äquivalenzbeziehungen zwischen Sprachen erstellt werden […]“ (Karl 2012: 11). Ursprünglich entwickelte sich die Kontrastive Linguistik aus dem Fremdsprachenunterricht, um gezielt auf Schwierigkeiten und Probleme beim Erlernen der neuen Sprache hinzuweisen und diese anschließend durch speziell entwickelte Aufgaben zu vermeiden (vgl. Karl 2012: 11).

Bei erwachsenen Bilingualen kann man sich mit der russisch-deutschen Rede auseinandersetzen. Dabei sind nicht nur morphologische und semantische, sondern auch syntaktische Übernahmen von russischen Sprechmerkmalen in der deutschen Rede zu verzeichnen. Es gilt, diese zu vermeiden, was vor allem mithilfe der Kontrastiven Linguistik geschehen soll.

6.2. Probleme bei der interkulturellen Kommunikation

Auch der kulturelle Hintergrund zweier Sprecher unterschiedlicher Sprachen ist von großer Bedeutung, wenn es zu einer interkulturellen Kommunikation kommt. Die Sprecher müssen sich dabei auf die Situation einstellen und ihr Verhalten anpassen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Störungen sind in der sprechsprachlichen Kommunikation unausweichlich, sie gehören zu ihrem System. Dies ergibt sich allein schon aus der Notwendigkeit, zeitgleich verlaufende Gedankenkonfigurationen während des Sprechens zu linealisieren.

(Hirschfeld und Stock 2010: 44)

Somit sind Sprecher während einer Unterhaltung damit beschäftigt, mental zu sortieren, in welcher Reihenfolge sie das, was sie sagen möchten, wiedergeben. Zudem müssen sie, falls Deutsch für sie eine Fremdsprache ist, auch überlegen, wie sie ihre Sätze formulieren. Eventuell kommt dann erschwerend hinzu, dass der Gesprächspartner einem anderen kulturellen Hintergrund entstammt und man sich diesem somit ebenfalls anpassen muss, um verstanden zu werden. Alles in allem kommt es aufgrund dieser erschwerenden Merkmale zu Störungen im Gespräch, somit also zu Pausen oder Missverständnissen.

Für Sprecher/-innen mit Deutsch als Fremdsprache ist es vor allem oftmals problematisch, ihre Intentionen in offiziellen Kommunikationssituationen auszudrücken. Das freie Sprechen findet spontan und meist unüberlegt statt, weshalb mehr Fehler auftreten können. Bei einer Unterhaltung ist es somit relevant, dass Gesprächspartner sich kooperativ verhalten, um sich gegenseitig zu verstehen.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656877608
ISBN (Buch)
9783656877615
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286759
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Germanistik
Note
1,5
Schlagworte
Erstsprache Zweitsprache autobiographische Beschreibungen Wechsel Linguistik

Autor

Zurück

Titel: Die Unterschiede bei autobiographischen Beschreibungen in Erst- und Zweitsprache