Lade Inhalt...

Kasusmarkierung und Kongruenz in "Role and Reference Grammar"

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

INHALT

Einleitung

I. Syntaktische Relationen und der Begriff des PSA

II. Kasusmarkierung und Kongruenz
2.1. Kasuszuweisungsregeln für Akkusativ- und Ergativkonstruktionen
2.2. Kasuszuweisungsregeln für Dativ und Instrumental
2.3. Wechselwirkung zwischen Dativ und Instrumental
2.4. PSA und Kasusmarkierungsregeln
2.5. Kasus-Sensitivität von PSA
2.6. Kasusmarkierungsregeln im Englischen

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

Die Role and Reference Grammar (RRG) ist eine strukturell-funktionale Grammatiktheorie (Van Valin, 1993, S.1), die am Anfang der 1980er Jahren von den US-amerikanischen Sprachwissenschaftlern Robert D. Van Valin Jr. und William A. Foley entwickelt wurde. Kennzeichnend für diese Theorie ist, dass sie nicht nur an einer einzigen Prototypsprache wie zum Beispiel Englisch orientiert ist, sondern möglichst viele Sprachen weltweit zu beschreiben versucht (Foley & Van Valin, 1984, S.VIII). Van Valin formuliert die Suche auf Antwort auf die folgenden zwei Grundfragen als Anregung für die Entwicklung der RRG: „what would a linguistic theory look like if it were based on the analysis of languages with diverse structures, such as Lakhota, Tagalog, Dyirbal and Barai (Papua New Guinea), rather than on the analysis of English?” und „ how can the interaction of syntax, semantics and discourse-pragmatics in different grammatical systems best be captured and explained?” (Van Valin, 2010, S.2).

RRG wird zwischen den extrem formalen und extrem funktionalen Sprachtheorien verortet. Zu den ersten zählen vor allem die von Chomsky entwickelten Sprachmodelle, in denen die Sprache auf Grammatik reduziert wird, die Syntax als ein autonomer Bereich gilt und kommunikative Funktionen und substantielle Semantik keine Verwendung finden. Unter den extrem funktionalen Sprachtheorien ist das Konzept der „emergent grammar“ zu erwähnen, das vor allem von Hooper vertreten wird. Dieses Sprachmodell verleugnet das Grammatikkonzept von Saussure als ein strukturelles Zeichensystem und versucht im Wesentlichem, Grammatik auf Diskurs zu reduzieren, die dann letztlich nur eine Anzahl von fixierten Phrasen und formelhaften Ausdrücken darstellt, die durch verschiedene Informationsstrategien und Diskursmodellen kodiert werden. (Van Valin, 1993, S.1-2)

RRG unterscheidet sich von vielen anderen Sprachtheorien, indem sie postuliert, dass Syntax nicht autonom ist (Van Valin, 1993, S.2). und dass Semantik und Pragmatik auch eine große Rolle spielen (Van Valin, 2010, S.2). Die Grundannahme ist, dass es eine semantische und eine syntaktische Ebene gibt, die durch ein „linking algorithm“ miteinander verbunden sind und ineinander übergeführt werden können (Foley & Van Valin, 1984, S.15; Van Valin, 2010, S.3-4). Des Weiteren unterscheidet sich RRG von den anderen Sprachmodellen in ihrer Art syntaktische Strukturen zu repräsentieren. RRG setzt voraus, dass „a theory of clause structure should capture all of the universal features of clauses without imposing features on languages in which there’s no evidence for them.“ (Van Valin, 2001, S.205) In diesem Zusammenhang werden Begriffe wie zum Beispiel VP oder Repräsentationen von Konstituentenstrukturen (X-bar Theorie) in der RRG abgelehnt, da sie nicht in allen Sprachen der Welt nachweisbar sind. Als universelle Merkmale gelten allerdings alle „predicating“ und „non-pradicating“ (Van Valin, 2001, S.205) Elemente einer Sprache, wobei die Letzteren in semantische Argumente des Prädikats und in Non-Arguments aufgeteilt werden. Das Prädikat wird in der RRG als Nukleus bezeichnet, das zusammen mit seinen semantischen Argumenten (Kern-Argumente) den Kern des Satzes bildet, wobei die anderen Argumente zu der Peripherie gehören. Diese drei Elemente gelten als universal und repräsentieren die Ebenenstruktur des Satzes (Van Valin, 2001, S.205-206).

In dieser Hausarbeit werden Kasusmarkierung und Kongruenz in RRG thematisiert. Zu diesem Zweck wird zuerst auf die Behandlung der syntaktischen Relationen in der Theorie und auf den Begriff des Privileged Syntactic Argument (PSA) kurz eingegangen. In einem nächsten Schritt wird der theoretische Rahmen für Kasusmarkierungsregeln für Akkusativ- und Ergativkonstruktionen eingeführt, welche anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen Sprachen erläutert werden sollen.[1]

I. Syntaktische Relationen und der Begriff des PSA

Grammatische Relationen sind ein Thema, das in der sprachwissenschaftlichen Forschung unterschiedlich behandelt wird. In der RelG und der früheren Auffassung von LFG werden diese als „primitives“ (Van Valin, 2001, S.219) angesehen. In der GB wird der Ansicht vertreten, dass grammatische Relationen von den Konfigurationen der Phrasen- Strukturen abgeleitet sind. Des Weiteren werden in dieser Theorie nur zwei syntaktischen Relationen anerkannt, Subjekt (externes Argument) und Objekt (internes Argument), welche den Nominativ und den Akkusativkasus zugewiesen bekommen (Van Valin, 2001, S.219.220).

Im Gegensatz dazu werden syntaktische Relationen in der RRG weder als grundlegend noch als von den Konfigurationen der Phrasen- Strukturen abgeleitet angesehen. Ein weiterer Unterschied liegt in der Annahme, dass die semantischen Makrorollen und nicht die syntaktischen Relationen als universal betrachtet werden sollen. Traditionelle Begriffe wie Subjekt, direktes Objekt und indirektes Objekt finden keine Verwendung in der Theorie und anstatt dessen wird eine einzige syntaktische Relation anerkannt, nämlich „the privileged syntactic argument“ (PSA). Des Weiteren wird in der RRG nur eine syntaktische Repräsentationsebene postuliert, die der eigentlichen Struktur einer Äußerung entspricht und direkt durch den schon angesprochenen Verbidungsalgorithm mit der semantischen Ebene verlinkt ist (Yang, 1993, S. 172).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: The organization of RRG (Van Valin, 2010, 3)

Die Verbindung zwischen Semantik und Syntax erfolgt in zwei Phasen. Zunächst werden die semantische Rollen Actor und Undergoer bestimmt, die in der logischen Struktur des Prädikats enthalten sind und danach werden diesen und den anderen Argumenten syntaktische Funktionen zugeordnet, es findet eine Abbildung („mapping“) statt. (Van Valin, 2007, S.40)

Die einzige von der RRG anerkannte grammatische Relation PSA wird folgendermaßen definiert:

In all languages there are syntactic constructions in which there are restrictions on the NPs and PPs (arguments and non-arguments) that can be involved in them; these restrictions define a privileged syntagmatic function with respect to that construction. […] The NP bearing the syntactically defined privileged syntagmatic function is the privileged syntactic argument of the construction. In order for a privileged syntactic argument to exist, there must be a restricted neutralization of semantic roles associated with the privileged function in the construction; […] (Van Valin, 2005, S.94)

Aufgrund der Tatsache, dass PSA in den meisten Konstruktionen in Sprachen wie Englisch und Deutsch mit dem traditionellen Subjekt übereinstimmt, können diese leicht als zwei austauschbare Begriffe verwechselt werden. Der Unterschied zwischen den beiden liegt allerdings darin, dass PSA konstruktionspezifisch ist und grammatische Relationen wie Subjekt nicht. Demzufolge ist das Letztere eher als „a generalized privileged syntactic argument“ (Van Valin, 2005, S. 99) zu bezeichnen und zwar nur in Sprachen, in denen die meisten Konstruktionen die gleiche restringierte Neutralisierung aufweisen. Aufgrund dessen können Sprachen als syntaktisch akkusativ oder ergativ differenziert werden. Eine Sprache ist als syntaktisch akkusativ zu bezeichnen, wenn das PSA für die meisten grammatischen Konstruktionen die Makrorolle Actor eines transitiven Verbs mit dem Einzelargument eines intransitiven Verbs gleichsetzt. In passiven Konstruktionen dagegen würde der Undergoer eines transitiven Verbs als PSA des Satzes gewählt werden. In den syntaktisch ergativischen Sprachen erfolgt dieser Prozess in umgekehrter Weise: der Undergoer und nicht der Actor ist das unmarkierte PSA, wobei die antipassiven Konstruktionen in den syntaktisch ergativen Sprachen erlauben auch Actor als PSA zu behandeln (Van Valin, 2005, S. 99-100).

Die Wahl des PSAs beruht auf die PSA Selektionshierarchie, die mit der Actor-Undergoer-Hierarchie (AUH) identisch ist. Die Letztere illustriert allerdings die direkte Beziehung, die zwischen der Position eines Arguments in der logischen Struktur und der Zuweisung von Makrorollen existiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 The Actor-Undergoer Hierarchy (Van Valin, 2010, S.13)

Neben der PSA Selektionshierarchie werden in der RRG die folgenden Prinzipien eingeführt, die die PSA-Auswahl für akkusative und ergative Konstruktionen festlegen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3 Privileged syntactic argument selection hierarchy (Van Valin, 2005, S.100)

Accessibility to Privileged Syntactic Argument Principles (Van Valin, 2005, S.100):

a. Akkusative Konstruktionen: die höchstrangige Makrorolle wird als PSA gewählt
b. Ergative Konstruktionen: die rangniedrigste Makrorolle wird als PSA gewählt

In Bezug auf den Makrorollenstatus werden weitere Restriktionen vorgesehen (Van Valin, 2010, S.100):

1. Sprachen, in denen nur Makrorollen-Argumente als PSA gewählt werden können: Deutsch, Italienisch, Dyirbal….
2. Sprachen, in denen auch andere direkte Kernargumente als PSA gewählt werden können: Isländisch, Georgisch, Japanisch…

[...]


[1] Die Darstellung über Kasusmarkierung und Kongruenz stützt sich hauptsächlich auf Van Valin, Robert D. (2005). Syntactic relations and case marking. In Robert D . Van Valin (Hg.), Exploring the syntax-semantics interface, (89 – 127). Cambridge: Cambridge University Press.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656868422
ISBN (Buch)
9783656868439
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286634
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Department of English and Linguistics
Note
1,3
Schlagworte
kasusmarkierung kongruenz role reference grammar

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kasusmarkierung und Kongruenz in "Role and Reference Grammar"