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Erneuerbare Energien in Marokko

Wirtschaftliche und politische Hemmnisse für Privatinvestitionen in strukturell heterogenen Ökonomien

Bachelorarbeit 2012 70 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Forschungsproblem
1.3 Forschungsstand
1.3.1 Zur Politischen Ökonomie Marokkos
1.3.2 Erneuerbare Energien im Allgemeinen
1.3.3 Erneuerbare Energien in Marokko
1.3.4 Entwicklungstheorie
1.4 Forschungsfrage

2 Rentenökonomische Theorie von Hartmut Elsenhans
2.1 Grundvoraussetzungen kapitalistischen Wachstums
2.1.1 Idealtypische Strukturmerkmale kapitalistischer Systeme
2.1.2 Abgrenzung zur klassischen und neoklassischen Lohntheorie
2.2 Strukturmerkmale der Entwicklungsländer
2.2.1 Marginalität
2.2.2 Rente
2.2.3 Staatsklasse
2.3 Überwindung von Unterentwicklung

3 Fallanalyse
3.1 Systembeschreibung
3.1.1 Grunddaten: Geographie und Bevölkerung
3.1.2 Wirtschaftsstruktur
3.1.3 Sozioökonomische Entwicklung
3.1.4 Politisches System
3.2 Variablenerfassung: Marokko - eine Rentenökonomie im Sinne Elsenhans'?
3.2.1 Marginalität
3.2.2 Staatsklasse
3.2.3 Wirtschaftliche Strukturmerkmale
3.2.4 Zivilgesellschaft
3.2.5 Fazit
3.3 Erneuerbare Energien in Marokko
3.3.1 Der marokkanische Energiesektor
3.3.2 Rahmenbedingungen für Erneuerbare Energien in Marokko
3.4 Risiken für Investitionen in erneuerbare Energien
3.4.1 Risiken für Investitionen in erneuerbare Energien in der MENA-Region
3.4.2 Spezifische Risiken im marokkanischen Kontext
3.4.3 Fazit

4 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirtschaftssektoren (2009)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Marokkanischer Agrarsektor

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

Marokko verfügt als einziges Land der südlichen Mittelmeeranrainer über keine nennenswerten fossilen Ressourcen zur Energieerzeugung. Im Jahr 2008 wurden 98 Prozent des Primärenergiebedarfs durch Importe gedeckt. Dies entspricht einem Anteil von 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die nationale Energienachfrage ist in den letzten Jahren um durchschnittlich 7 Prozent pro Jahr gestiegen. Dies ist zurückzuführen auf ein starkes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, eine Aufwertung der Lebensstandards sowie einem verbesserten Zugang zur landesweiten Stromversorgung.1 Der Import von Energieträgern und Strom belastet massiv den Staatshaushalt und bedingt, dass Marokko besonders anfällig für Preisschwankungen auf dem Weltmarkt ist. Dies wirkt sich destabilisierend auf die Zahlungsbilanz des Landes aus. Im August 2009 verabschiedete die marokkanische Regierung eine nationale Energiestrategie. Diese beinhaltet das Ziel, den Anteil des Stromverbrauchs sowie der Primärenergieerzeugung aus erneuerbaren Quellen bis 2030 stufenweise zu erhöhen. Der Anteil von Wind-, Wasser- und Solarenergie soll schließlich fast 50 Prozent betragen.2 2010 hat Marokko als erstes arabischsprachiges Land ein Gesetz zur Förderung von regenerativen Energien verabschiedet. Mit dem großskaligen Ausbau von erneuerbaren Energien reagiert die marokkanische Regierung auf zunehmende ökologische und ökonomische Probleme. Angestrebt wird die Schaffung eines Energiemixes, der für alle zugänglich, kostengünstig, sicher sowie umwelt- und klimaschonend ist. Der Fokus der Regierung liegt jedoch auf dem Aufbau einer nationalen Industrie für erneuerbare Energien. Damit soll einerseits die Importabhängigkeit von Energie und Energieträgern gesenkt werden. Andererseits stellt der Ausbau dieses Sektors eine Reaktion der Regierung auf die massive Verschlechterung des Arbeitsmarktes und infolge dessen der sozialen Bedingungen dar. Der Aufbau einer heimischen Industrie für erneuerbare Energien soll die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung Marokkos fördern und eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze schaffen.3

1.2 Forschungsproblem

Fraglich ist, inwiefern regenerative Energien eine realistische Chance zur Verbesserung der Arbeitsmarktsituation in Marokko darstellen. Derzeit kann noch keine Aussage über den tat- sächlichen Beitrag des großskaligen Ausbaus erneuerbarer Energien zur Beseitigung von Ar- mut, Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten und Förderung des wirtschaftlichen Wachstums in Marokko gemacht werden. Wind- und Solaranlagen, die über große Erzeugungskapazitäten verfügen, sind erst vor wenigen Jahren in Betrieb genommen worden, befinden sich im Aufbau oder sind noch in Planung. Aufgrund dessen liegen keine wissenschaftlichen Studien oder Evaluierungsberichte zu dieser Thematik vor. Dennoch sind die Potenziale vielversprechend und die politischen Ziele Marokkos ambitioniert. Hierbei erhofft sich die marokkanische Regierung, dass sich insbesondere der komparative Kostenvorteil, den das Land aufgrund seiner niedrigen Lohnkosten und ausgezeichneten geographischen und klimatischen Ausgangsbedingungen besitzt, als hilfreich bei der Etablierung Marokkos auf dem internationalen Markt der erneuerbaren Energien erweist.4 Die Voraussetzung hierfür ist, dass wachstumsfähige lokale Märkte entstehen, die ein ausreichendes Volumen entfalten, um Privatkapital anzuziehen und lokale Wertschöpfungsketten in der Industrie zu entwickeln. Wenige, durch internationale Entwicklungshilfe finanzierte, Einzelprojekte besitzen dieses Potenzial nicht.5 Bisher konzentriert sich Marokko jedoch auf den Import von Technologie und Kapital für Erneuerbare-Energie-Projekte.6 Fraglich ist, ob Marokko geeignete Rahmenbedingungen besitzt oder schaffen wird, um lokale, wachstumsfähige Märkte für erneuerbare Energien zu schaffen und seine ehrgeizigen Entwicklungsziele zu realisieren.

1.3 Forschungsstand

1.3.1 Zur Politischen Ökonomie Marokkos

Marokko ist häufig Teil komparativer Studien über die MENA-Region, deren theoretischer Rahmen zur Analyse des politischen Systems in der Regel Rentierstaats- und Patrimonialismustheorien bilden.7 Weitere wichtige Faktoren bei der Analyse der Entwicklung politischer und ökonomischer Strukturen bilden klientelistische Beziehungen sowie die Einflüsse des Kolonialismus.8

Seit 1990 lassen sich in Marokko starke Modernisierungs- und Demokratisierungsprozesse beobachten. Diese deuten darauf hin, dass klientelistische und rentierstaatliche Strukturen langsam durchbrochen werden. Noch unter dem verstorbenen König Hassan II. wurde eine Verfassung verabschiedet, welche das politische System in eine konstitutionelle Monarchie umwandelte, das Parlament stärkte und ein Zweikammer-System einführte. Die Thronbesteigung Mohammeds VI. führte zu beachtlichen Erfolgen im Bereich demokratischer Reformen und der Achtung der Menschenrechte.9 Gleichzeitig muss betont werden, dass der Einfluss der Parteien beschränkt ist. Faktisch konzentriert sich die politische Macht in der Person des Königs. Dieser ist zugleich weltlicher und religiöser Herrscher des Lands, weshalb potenziell ein Rückfall in autokratische Strukturen möglich erscheint.10 Des Weiteren ist Marokko geprägt durch erhebliche rechtliche und sozioökonomische Defizite, wie beispielsweise eine starke Verbreitung von Korruption und große Einkommensunterschiede zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten.11

Die wirtschaftliche Struktur Marokkos ist seit den 1990er Jahren durch eine Vielzahl von Strukturanpassungsreformen geprägt.12 Wirtschaftliche Reformen konzentrieren sich auf die Liberalisierung des Handels, die Sanierung des Finanzsektors und staatlicher Unternehmen, den Arbeitsmarkt und das Umfeld des Privatsektors. Ein zentrales Anliegen stellt die Verbesserung des Investitionsklimas dar. Insbesondere der Privatsektor ist Ziel politischer Reformen. Staatliche Förderungen konzentrieren sich auf die Regionen der Atlantikküste (Casablanca, Rabat und Kenitra), da hier die industrielle Konzentration besonders hoch ist.13 Daraus resultiert, dass etwa 70 Prozent der Bevölkerung, die anhand der nationalen Armutsgrenze als arm einzustufen sind, auf dem Land leben.14 Armut hat infolge der wirtschaftlichen Strukturanpassungsmaßnahmen in den 1990er Jahren stark zugenommen.15

Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf lag im Jahr 2010 bei 2.900 US-Dollar. Damit gehört Marokko nach den Einstufungen der Weltbank zu den „lower-middle-incomecountries“.16 Das bestehende Außenhandelsbilanzdefizit des Landes wird durch Transferzahlungen von im Ausland lebenden Marokkanern und Einnahmen aus dem Tourismus und der Phosphatindustrie beglichen. Die EU stellt Marokkos wichtigsten Handelspartner dar. Der regionale Handel ist mit einem Anteil von ca. 5 Prozent am Gesamthandel gering.17

Die Ambivalenz des Entwicklungsprozesses spiegelt sich auch in den Bewertungen der Transformationsindizes und Regionalstudien wieder. Marokko ist kein Problemfall der MENARegion. Trotzdem hat sich die soziale Situation des Landes in den letzten Jahren drastisch verschlechtert. Der Gegensatz von einem im regionalen Vergleich relativ hohen Pro-KopfEinkommen und einem beispielsweise eher schlechten Human Development Index-Rang (Rang 130)18 sowie anhaltenden sozialen und ökonomischen Problemen zeigt, dass Wachstum und Reichtum im Land sehr ungleich verteilt sind und bisherige politische Reformbestrebungen nicht ausreichend waren.

1.3.2 Erneuerbare Energien im Allgemeinen

Mit dem verstärkten Interesse internationaler Akteure an der Förderung erneuerbarer Energien in den Ländern Nordafrikas und des Mittleren Ostens wurde eine Vielzahl von komparativen Machbarkeitsstudien durchgeführt, welche die Realisierbarkeit und den Nutzen großskaliger Erneuerbare-Energie-Projekte untersuchen. Diesbezüglich beschäftigt sich die aktuelle Forschung insbesondere mit der Identifikation von Hemmnissen, die einen großskaligen Ausbau von erneuerbaren Energien behindern sowie der Formulierung von Maßnahmen, welche diesen Hemmnissen entgegen wirken können.

Grundlegende Hemmnisse für die Entwicklung von Erneuerbare-Energie-Technologien und den Ausbau von regenerativen Energien stellen sozioökonomische Faktoren und politisch-rechtliche Rahmenbedingungen dar. Im Vergleich zu anderen Technologien sind die Investitionskosten für Erneuerbare-Energie-Technologien sehr hoch und ihre Amortisierungszeit lang. Zudem begünstigen institutionelle Regelungen die Nutzung herkömmlicher Technologien und aufgrund eingeschränkter finanzieller und technologischer Mittel tendieren Entwicklungsländer dazu, in konventionelle Technologien zu investieren.19 Die angespannte Finanzlage und die Größe des Finanzierungsvolumens erlauben es den Entwicklungsländern nicht, notwendige Investitionen selbst zu tragen. Deshalb müssen sie für die Finanzierung von Erneuerbare-Energie-Projekten auf ausländisches Kapital zurückgreifen. 20 Privatinvestitionen werden jedoch nur getätigt, wenn sie sich als rentabel erweisen. Aufgrund der oben beschrie- benen Risiken ist die Rentabilität von Erneuerbare-Energie-Projekten in Entwicklungsländern bisher nicht gegeben. Bei der Identifikation von Maßnahmen, die Hemmnisse für die Einführung erneuerbarer Energien in Entwicklungsländern entgegen wirken können, orientiert sich die aktuelle Literatur an den Erfahrungen westlicher Länder. Diese haben mit gezielten politischen und finanziellen Anreizen den Markt für Wind- und Solarenergie erfolgreich ausgebaut.21 Im Kontext von Entwicklungsländern stellt es sich als essentiell dar, die Kosten für Energie aus erneuerbaren Quellen zu reduzieren, das Bewusstsein über die Notwendigkeit der Nutzung alternativer Energiequellen zu steigern, Investitionen anzuziehen sowie lokale Kapazitäten und spezifische Infrastruktur aufzubauen.22

1.3.3 Erneuerbare Energien in Marokko

Potenziale und Risiken erneuerbarer Energien in Marokko wurden bisher vor allem in vergleichenden Studien über Entwicklungsländer beziehungsweise über die Staaten Nordafrikas und des Mittleren Ostens behandelt. Da das vorrangige Ziele von Initiativen - wie der DesertecIndustrial-Initiative oder des Mittelmeer Solarplans - der Export von Strom aus erneuerbaren Quellen nach Europa ist, liegt der Fokus vieler untersuchender Studien auf Rahmenbedingungen und Perspektiven, die einen solchen Handel ermöglichen. Inwiefern der Ausbau von regenerativen Energien auch zur Entwicklung der betroffenen Länder beitragen kann, wird oftmals nur oberflächlich untersucht. In diesem Zusammenhang entsprechen die Risiken für Investitionen in den marokkanischen Markt für erneuerbare Energien den allgemein für die Region angenommenen Risiken.23

Die aktuelle Literatur gibt einen guten allgemeinen Überblick über Risiken für Investitionen in erneuerbare Energien und zeigt Strategien auf, um diese zu minimieren. Problematisch ist jedoch, dass diese sich kaum mit den speziellen Gegebenheiten Marokkos auseinander setzen beziehungsweise Marokko lediglich im Kontext der übrigen MENA-Länder betrachten. Tatsächlich ist die MENA-Region nicht als homogene Einheit zu betrachten. Einheitliche kulturelle, wirtschaftliche oder politische Strukturen existieren nicht. Aufgrund dessen erscheint eine einzige Strategie zur Überwindung von Hemmnissen für erneuerbare Energien nicht sinnvoll. Studien, die sich speziell auf Marokko konzentrieren, fehlt ein theoretischer Hintergrund. Die marokkanische Ökonomie und Politik wird als eine Einheit betrachtet, in der die Risiken für Unternehmen - unabhängig welchen Typs - dieselben sind. Diese Risiken sind aber nicht für alle Unternehmen in gleicher Weise relevant und somit führen Anreizsysteme und Reformvorschläge nicht in jedem Fall zur Beseitigung der Hemmnisse. Auch im Kontext Marokkos muss berücksichtigt werden, dass Politik und Wirtschaft keine homogenen Strukturen darstellen. Für eine differenziertere Analyse von Risiken und Strategien soll deshalb ein entwicklungstheoretischer Ansatz in die Betrachtung einbezogen werden. Dieser gibt Auskunft darüber, welche Faktoren Unterentwicklung verursachen und welche Auswirkungen sich daraus auf die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Struktur ergeben.

1.3.4 Entwicklungstheorie

Der entwicklungstheoretische Diskurs wurde lange Zeit von der Kontroverse bestimmt, ob Unterentwicklung endogen oder exogen verursacht wird. Die These, Unterentwicklung werde durch endogene Faktoren bestimmt, wurde insbesondere von den Wachstums- und Modernisierungstheorien vertreten. Die Dependenztheorien hingegen betrachten exogene Faktoren als Auslöser von Unterentwicklung. Beide Theorien haben gemeinsam, dass sie für ihre Erklärung von Unterentwicklung und ihre Strategien zur Überwindung von Unterentwicklung universelle Geltung beanspruchen.24

Den Dependenztheorien zuzuordnen ist die in den 1970er Jahren entstandene Theorie des „peripheren Kapitalismus“, die maßgeblich durch Dieter Senghaas und Samir Amin geprägt wurde. Kolonialismus, Imperialismus und Neokolonialismus haben die Entwicklungsländer in eine erzwungene, internationale Arbeitsteilung eingegliedert. Die dadurch entstandenen Strukturen sind noch heute kennzeichnend für diese Gesellschaften. Sie äußern sich in der einseitigen Ausrichtung der Ökonomien auf die Bedürfnisse der Industrieländer. Es existieren wenige produktive Sektoren, die sich auf die Produktion und den Export von unverarbeiteten Rohstoffen und landwirtschaftlichen Gütern sowie Industriegütern niedrigen Verarbeitungsgrades konzentrieren. Daneben existiert eine Reihe von Produktionszweigen, die durch eine traditionelle Produktionsweise gekennzeichnet sind. Die Existenz weniger entwickelter und produktiver Sektoren neben einer Vielzahl rückständiger und unproduktiver Sektoren sowie ein unterschiedlicher Entwicklungsstand der Produktivkräfte wird als strukturelle Heterogeniät bezeichnet. Strukturelle Heterogenität stellt kein Entwicklungsstadium hin zu einer kapitalist i- schen Gesellschaft dar, sondern ist ein fester Bestandteil von Gesellschaften, der sich durch die Abhängigkeit dieser Gesellschaft von der Reproduktion der Zentren gebildet hat.25

Das Ende des Ost-West-Konfliktes und die positive Bewertung der weltwirtschaftlichen Strukturen führte in den 1990er Jahren zu einer Wiederbelebung modernisierungstheoretischer Prinzipien durch die Denkschule des Neoliberalismus.26

Die aktuelle internationale Entwicklungszusammenarbeit vertritt überwiegend das Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung beinhaltet das Ziel, die Bedürfnisse heutiger Generationen zu befriedigen, ohne die Entwicklungsmöglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden. Insbesondere ökologische Kriterien stellen einen zentralen Bestandteil dieser Entwicklungstheorie dar.27

Die Betonung von exogenen beziehungsweise endogenen Faktoren als Ursachen für Unterentwicklung erweist sich im allgemeinen Kontext der Entwicklungsländerforschung, aber auch im Kontext Marokkos, als überholt und unzureichend. Die Erfüllung außenwirtschaftlicher und außenpolitischer Forderungen und die Eingliederung in den Weltmarkt hat in vielen Fällen die politische und wirtschaftliche Situation von Entwicklungsländern verschlimmert. Gleichzeitig kann die gegenwärtige und vor allem gegenläufige Entwicklung der Dritten Welt nicht allein durch die Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt erklärt werden. So sind zum Beispiel die Erfolge der asiatischen Tigerstaaten nicht mit den Auffassungen der Weltmarktheorien oder der Theorie des ungleichen Tausches zu vereinen.28 Das Problem dieser Theorien liegt in dem Verständnis, Entwicklungsländer in einheitlichen Kategorien analysieren zu können und der Auffassung, dass nur einige Hemmnisse überwunden werden müssen, damit diese sich entwickeln. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass diese Länder keine einheitlichen Strukturmerkmale, Entwicklungsdynamiken und Entwicklungsvoraussetzungen aufweisen. Dies trifft in besonderem Maße auf Marokko zu. Die verschiedenen Regionen des Landes haben sich sehr unterschiedlich entwickelt. Dies hat zur Folge, dass auch im Rahmen der Identifikation von Risiken und Anreizstrategien im Bereich der erneuerbaren Energien berücksichtigt werden muss, dass diese aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungsstadien kein einheitliches Schema darstellen.

1.4 Forschungsfrage

Regenerative Energien besitzen ein großes Potenzial, um zur wirtschaftlichen Entwicklung Marokkos beizutragen. Aussagen über ihren tatsächlichen Effekt können jedoch derzeit nicht getroffen werden. Aufgrund des großen Finanzierungsvolumens und der angespannten Haushaltslage Marokkos werden die erhofften Effekte nur eintreten, wenn es Marokko gelingt, folgende Faktoren erfolgreich umzusetzen: die Anziehung ausländischen Kapitals, die Schaffung lokaler Märkte für erneuerbare Energien und die Einbindung der lokalen Industrie in den Produktionsprozess. Aktuelle Studien beantworten die Frage, welche Entwicklungshemmnisse bestehen, die Investitionen ausländischen Kapitals in erneuerbare Energien verhindern, nur unzureichend, da sie in ihrer Analyse die strukturelle Heterogenität Marokkos außer Acht lassen und sich an den Strategien westlicher Länder orientieren. Ausgehend von der Annahme, dass der Ausbau von erneuerbaren Energien größtenteils von ausländischen privaten Geldgebern getragen werden muss, soll die leitende Forschungsfrage wie folgt lauten:

Welche politisch-rechtlichen und sozioökonomischen Barrieren für Investitionen in erneuerbare Energien existieren in Marokko?

Den theoretischen Rahmen bildet hierbei die rentenökonomische Theorie Hartmut Elsenhans. Sie entspringt der Theorieschule des Peripheren Kapitalismus. Anders als beispielsweise Senghaas und Amin berücksichtigt Elsenhans nicht ausschließlich exogenen Faktoren als Ursachen von Unterentwicklung, sondern bezieht in seine Analyse ebenso endogene Faktoren ein. Mit Hilfe dieser Theorie soll versucht werden, Barrieren für Investitionen in den Sektor der erneuerbaren Energien in Marokko differenzierter zu identifizieren als es bisherige Studien getan haben.

Der Darstellung der rentenökonomischen Theorie Elsenhans' folgt eine Analyse des polit ischen und sozioökonomischen Systems Marokkos. Daraufhin soll untersucht werden, in welchem Maße Marokko einer rentenökonomischen Gesellschaft im Sinne Elsenhans' entspricht. Vor diesem Hintergrund wird abschließend geprüft, welche regulativen und sozioökonomischen Barrieren für Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energien in Marokko existieren.

Rentenökonomische Theorie von Hartmut Elsenhans Im folgenden Teil der Arbeit wird der rentenökonomische Ansatz nach Hartmut Elsenhans vorgestellt. Elsenhans' Theorie ist für diese Arbeit insofern von Bedeutung, da ihr eine theoriepluralistische Herangehensweise zugrunde liegt. Sie vereint Grundzüge und Entwicklungsziele der Dependenz- und Modernisierungstheorien sowie der neoklassischen Theorie. In seiner Analyse der Ursachen von Unterentwicklung vermeidet Elsenhans eine zu einseitige Betrachtung und beachtet sowohl endogene als auch exogenen Faktoren. Gleichzeitig sind die idealtypischen Merkmale kapitalistischer und peripherer Gesellschaften und ihre wechselseitige Beeinflussung klar formuliert, sodass vor diesem Hintergrund auch komplexe Systeme erfasst werden können.

Nachfolgend sollen drei Teile der Theorie Hartmut Elsenhans' vorgestellt werden, die für die Bearbeitung der Fragestellung dieser Bachelorarbeit von Bedeutung sind. Dazu gehört zunächst die Vorstellung der idealtypischen Merkmale kapitalistischer Systeme beziehungsweise kapitalistischer Transformation. Dem folgt eine Beschreibung der Faktoren, die in peripheren Ländern wirtschaftliche Wachstumsprozesse hemmen. Abschließend wird Elsenhans' Ansatz zur Überwindung von Unterentwicklung vorgestellt. Hierbei wird nur auf die für diese Arbeit relevanten Teile der Entwicklungsstrategie Elsenhans' eingegangen.

1.5 Grundvoraussetzungen kapitalistischen Wachstums

1.5.1 Idealtypische Strukturmerkmale kapitalistischer Systeme

Den Ausgangspunkt der Elsenhansschen Theorie kapitalistischer Wachstumsprozesse bildet die neoklassische Annahme, dass Unternehmen auf einem Markt so lange Arbeitskräfte nachfragen, bis der Erlös aus zusätzlicher Produktion nicht mehr höher ist als die Kosten zusätzlicher Arbeitskräfte (Grenzprodukt von Arbeit).29 Technischer Fortschritt senkt die Kosten von Arbeit und hat zur Folge, dass bei ausreichend niedrigen Preisen von Arbeit alle Produktivkräfte hinreichend eingesetzt werden können. Die aus der Vollbeschäftigung resultierende Knappheit von Arbeit hat zur Folge, dass Unternehmer mit höheren Löhnen um Arbeitskräfte konkurrieren müssen.30 Steigen die Einkommen, steigt auch die kaufkräftige Nachfrage nach Konsumgütern. Die kaufkräftige Nachfrage stellt eine entscheidende Bedingung für die Entwicklung marktwirtschaftlicher Austauschprozesse dar. Einerseits beschränkt sie den Über- schuss, über den Unternehmer verfügen können. Andererseits gibt sie den entscheidenden Impuls für Investitionen in die Produktion von Gütern und somit für Kapitalakkumulation und die Generierung von Profit. Investitionen in den Binnenmarkt werden jedoch nur getätigt, wenn dieser ermöglicht, dass Waren zu einem höheren Preis verkauft werden können, als die Arbeit zu ihrer Herstellung gekostet hat. Die bereits in den Waren der Konsumgüterindustrie enthaltenen Löhne erlauben dies nicht. Zusätzlich zu der Nachfrage aus der Konsumgüterindustrie muss eine weitere Nachfragequelle existieren. Diese liegt laut Elsenhans in der Investitionsgüterproduktion. Die Löhne, die in diesem Produktionssektor gezahlt werden erlauben es den Unternehmern des Konsumgütersektors, ihre Produkte zu höheren Preisen zu verkaufen und damit einen Profit zu realisieren.31 Die Investitionsgüterindustrie trägt durch die Generierung zusätzlicher Einkommensquellen außerhalb des Konsumgütersektors zu einer weiteren Verknappung von Arbeit und somit steigenden Löhnen und folglich steigender kaufkräftiger Nachfrage bei.

Ausgehend von der Annahme, dass Arbeiter ihr Einkommen ausschließlich für den Kauf von Konsumgütern verwenden, resultiert aus der Erzielung von Masseneinkommen eine homogene Massennachfrage. Existiert Massennachfrage, sind Unternehmen bereit, Kapital in die Herstellung von automatisierten Maschinen zu investieren, um diese Produkte entsprechend der Nachfrage in großer Serie mit gleicher Qualität produzieren zu können. Dadurch können Produktivitätssteigerungen erreicht und Stückkosten gemindert werden. Konkurrenz zwischen den Investitionsvorhaben zwingt zu wirtschaftlichem Einsatz des Profits, verstärkt die Tendenz, in leistungsfähigere Produktion zu investieren, und fördert somit technischen Fortschritt.32

Homogene Massennachfrage gibt folglich Anreize zur Massenproduktion und fördert somit technische Innovation, die wiederum zukünftige Investitions- und Wettbewerbsmöglichkeiten schafft.33 Reichtum kann unter diesen Bedingungen nur in Form von Profit über den Markt erwirtschaftet werden.34

Entgegen der von Dependenz- und Modernisierungstheorien vertretenen Annahme beruht kapitalistisches Wachstum demnach nicht auf Kapitalakkumulation, sondern auf der Aufnahmefähigkeit von Massenmärkten.35 Kennzeichnendes Charakteristikum kapitalistischer Wirtschaftssysteme ist, dass Reichtum nur in Form von Profit über den Markt angeeignet wird.

Notwendige Voraussetzung hierfür bildet erstens die Schaffung von homogener Massennach- frage durch Masseneinkommen, zweitens die lokale Investitionsgüterproduktion und drittens technischer Fortschritt.

1.5.2 Abgrenzung zur klassischen und neoklassischen Lohntheorie

Die klassische und neoklassische Theorie geht davon aus, dass der oben dargestellte Prozess sich automatisch vollzieht. „Kapitalistische Investoren stoßen stets auf eine ausreichende Nachfrage, weil sich die Akkumulation selbst den eigenen Markt schaffe.“36

Entsprechend dieser Annahme stoßen kapitalistische Investoren auch bei niedrigen Preisen von Arbeit auf eine ausreichende Nachfrage. Dieser Auffassung widerspricht Elsenhans. Er verweist auf die Position der Keynesianer: Unter den Bedingungen niedriger Löhne und gleichzeitiger Produktivitätssteigerungen sinken die Kosten von Arbeit und dessen Grenzprodukt steigt. Daraus folgt jedoch nicht notwendigerweise, dass Investitionen in Kapazitätserweiterungen getätigt werden. Bei niedrigen Einkommen ist auch die Nachfrage nach Konsumgütern niedrig. Aufgrund der unzureichenden Absatzmärkte erscheinen Investitionen in Produktionserweiterungen nicht rentabel. Arbeitslosigkeit entsteht. Steigende Reallöhne stellen folglich eine grundlegende Voraussetzung für die Tätigung von Investitionen und die Realisierung von Profit dar.37

Die Steigerung des Preises von Arbeit setzt die Verhandlungsmacht von Arbeit beziehungsweise ein Machtgleichgewicht zwischen Privilegierten und Nichtprivilegierten voraus. Dies bezeichnet die Fähigkeit von Arbeitskräften mittels politischen oder wirtschaftlichen Drucks38, Lohnerhöhungen zu erzwingen. Das setzt wiederum voraus, dass Arbeitskraft ausreichend produktiv ist.39

Folglich stellt - neben der Schaffung von Masseneinkommen und der daraus resultierenden Massennachfrage der inländischen Investitionsgüterproduktion und dem technischen Fortschritt - das „Empowerment“ von Arbeit und somit der produktive Einsatz der gesamten verfügbaren Arbeitskraft eine entscheidende Bedingung für kapitalistische Austauschprozesse dar.

1.6 Strukturmerkmale der Entwicklungsländer

Fraglich ist, unter welchen Voraussetzungen sich Entwicklungsländer in kapitalistische Ökonomien transformieren. Entsprechend der neoklassischen Theorie ist die Implementierung marktwirtschaftlicher Systeme ausreichend, um kapitalistische Wachstumsprozesse zu initiieren. Diese Auffassung weist Elsenhans zurück. Entscheidend ist, dass Entwicklungsländer durch die Existenz von Marginalität, Renten und Staatsklassen gekennzeichnet sind. Diese Faktoren verhindern, dass allein durch die Einführung marktwirtschaftlicher Systeme Unterentwicklung überwunden werden kann.

Historisch waren die Voraussetzungen für kapitalistisches Wachstum ausschließlich in Europa, Nordamerika und Japan gegeben.40 Fortgeschrittenere Gesellschaften der Dritten Welt waren durch den Typus der tributären Produktionsweise gekennzeichnet. In diesen Gesellschaften existiert ein privilegierter Teil der Bevölkerung, der den Zugang zu wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ressourcen besitzt. Dieser eignet sich Mehrwert an und verteilt diesen entsprechend der Hierarchie der Klasse, aber auch willkürlich innerhalb der eigenen Klasse. Charakteristisch für diese Klasse ist, dass sie nicht ausschließlich durch wirtschaftliche Konkurrenz geprägt ist, sondern durch Konflikte um militärische Macht, Ansehen und Luxuskonsum. Da aufgrund der ungleichen Einkommensverteilung keine Massennachfrage existiert und infolge dessen Investitionen in den Binnenmarkt nicht rentabel sind, konzentriert sich die industrielle Produktion auf die begrenzte Herstellung von Luxusgütern für die herrschende Klasse. Folglich existiert kein Anreiz zur Steigerung der Produktivität von Arbeit. Da technischer Fortschritt ausbleibt, bleibt das Grenzprodukt von Arbeit als Voraussetzung für die Verhandlungsmacht von Arbeit niedrig.41

Technischer Fortschritt und Produktivitätssteigerungen in Europa bewirken eine verstärkte Nachfrage nach tropischen Agrarprodukten. Hier besitzen die Länder des Südens einen komparativen Kostenvorteil, weshalb sie in das kapitalistische Weltsystem eingebunden wurden. Der daraus resultierende Aufbau eines exportorientierten Rohstoffsektors führt aufgrund seiner unzureichenden Beschäftigungsmöglichkeiten nicht zu einer Stärkung der Verhandlungsmacht von Arbeit.42 Die bereits vorhandenen inegalitären gesellschaftlichen Verhältnisse haben zur Folge, dass der im Rohstoffexportsektor erwirtschaftete Mehrwert hauptsächlich von den Eliten abgeschöpft wird. Binnenmarkterweiterung als Voraussetzung für kapitalistisches Wachstum wird aufgrund des geringen Beschäftigungspotenzials des Export- und des Lu- xuskonsumgütersektors nicht realisiert. Diese Wirtschaftsbereiche erfordern insbesondere gut qualifizierte Arbeitskräfte, die in den Ländern des Südens knapp sind. Die Produktivität und Löhne der Export- und Luxuskonsumgüterindustrie steigen unverhältnismäßig gegenüber den traditionellen Sektoren. Hier finden vor allem unqualifizierte Arbeiter eine Anstellung. Da Arbeitskraft in diesem Wirtschaftszweig nicht knapp ist und Arbeiter durch eine geringe Produktivität gekennzeichnet sind, liegen die Löhne dieser Branche unter den Reproduktionskosten von Arbeit.43

Die Verbindung der kapitalistischen Systeme mit den Peripherien, in denen die inneren Voraussetzungen für kapitalistisches Wachstum nicht existierten, bedingt somit lediglich eine partielle industrielle Entwicklung. Da die Nachfrage nach Arbeitskräften kaum steigt, bleibt der Binnenmarkt auf die Produktion von Luxuskonsumgütern beschränkt. Eine Verflechtung der verschiedenen Produktionssektoren ist nicht möglich, weshalb das Wachstumsgefälle innerhalb der peripheren Gesellschaften steigt. Bereits privilegierte Gruppen erhalten neue Möglichkeiten der Mehrwertaneignung. Dieser Zustand wird als strukturelle Heterogenität bezeichnet. Anders als die Dependenztheoretiker behaupten, liegen deren Ursachen nach Elsenhans jedoch nicht allein in der Abhängigkeit der Peripherien von den kapitalistischen Zentren, sondern in der Verbindung aus innerer sozialer Ungleichheit und äußeren Marktmechanismen.44 Strukturelle Heterogenität bezeichnet nach Elsenhans nicht ausschließlich die Koexistenz verschiedener Produktionsweisen. Strukturelle Heterogenität bezeichnet zudem die Spezialisierung auf die Produktion von Luxuskonsumgütern, Rohstoffen und Billigprodukten der verarbeitenden Industrie. Da aufgrund dessen der Binnenmarkt so eng gefasst ist, dass die Peripherien über keine eigene Investitionsgüterproduktion verfügen, bedingt dies eine Unflexibilität der Ökonomien. Die peripheren Länder sind aufgrund der Enge ihres Marktes stark abhängig von Importen aus den Industrieländern und somit anfällig für Schwankungen der Weltmarktpreise.45 Die durch die Eingliederung in den kapitalistischen Weltmarkt entstandenen Produktionsstrukturen sind keine kapitalistischen Strukturen. „Kapitalismus ist expansiv, aber nicht ansteckend.“46

1.6.1 Marginalität

In einer solchen Gesellschaft sind Produktivität und Masseneinkommen niedrig. Es existiert ein hoher Anteil der Bevölkerung, der aufgrund seiner geringen Qualifikation in der Land- wirtschaft beschäftigt ist. Diese ist gekennzeichnet durch eine geringe Fläche guter, ertragrei- cher Böden und einem unzureichenden Kapitaleinsatz. Aufgrund des stetigen Ansteigen des Faktors Arbeit und der Konstanz der Faktoren gute Böden und Kapital, ist die Produktivität in der Landwirtschaft nicht nur gering, sondern sinkt. Daraus ergibt sich, dass ab einem bestimmten Beschäftigungsniveau der Wert, den eine zusätzlich eingestellte Arbeitskraft erwirtschaftet, unter deren Reproduktionskosten von Arbeit liegt. Das Grenzprodukt von Arbeit ist folglich negativ, weshalb ab einem bestimmten Beschäftigungsniveau keine weiteren Arbeitskräfte eingestellt werden können. Arbeiter, deren Grenzprodukt negativ ist, bezeichnet Elsenhans als marginal.47 Ist eine Gesellschaft durch Marginalität gekennzeichnet, kann der Prozess der Arbeitsverknappung nicht beginnen. Arbeit verfügt folglich über keine Verhandlungsmacht. Marginale Arbeiter können keine Einkommenssteigerungen erzwingen, da sie ohnehin keinen wirtschaftlichen Überschuss erwirtschaften. Gleichzeitig sind nicht-marginale Arbeitskräfte grundsätzlich von Marginalität bedroht, da sie durch eine marginale Arbeitskraft ersetzt werden können.48 Marginalität hat zudem zur Konsequenz, dass keine homogene Massennachfrage entsteht. Investitionen in die inländische Investitionsgüterindustrie als Voraussetzung für kapitalistisches Wachstum werden aufgrund fehlender Rentabilität nicht getätigt.49

1.6.2 Rente

Was aber geschieht mit dem erzielten Überschuss der produktiven Arbeiter und wie überleben die überschüssigen Arbeitskräfte?

Der Überschuss an Arbeitskräften und die daraus resultierende fehlende Massennachfrage verhindern die Entwicklung eines dynamischen Binnenmarktes für Industrieprodukte. Eliten, die in den peripheren Gesellschaften über die Kontrolle des Mehrwerts verfügen, sind aufgrund dessen nicht gezwungen, ihren Reichtum - wie kapitalistische Unternehmer - durch die Reinvestition in den Markt zu vermehren. Sie eignen ihn als Rente an. Der Begriff Rente bezeichnet bei Elsenhans jegliche Form von Mehrwert, der mittels politischer Kontrolle angeeignet, verteilt oder in Form eines übertriebenen Konsums verschwendet wird.50 Um ihre Privilegien zu sichern und die Loyalität der Massen zu gewährleisten, sind die Eliten bereit, einen Teil der Renten dafür zu verwenden, die Bevölkerung klientelistisch zu binden51. Da die Bevölkerung in marginalen Staaten keine Möglichkeit hat, mit wirtschaftlichen Gütern auf dem Arbeitsmarkt zu konkurrieren, gibt sie sich bereitwillig in solche Abhängigkeitsbezie- hungen und trägt damit zur Absicherung und Erweiterung des Machtbereichs der Eliten sowie zur Blockade des wirtschaftlichen Wachstums bei.52

1.6.3 Staatsklasse

Die Eliten, die sich in durch Marginalität gekennzeichneten Ländern Mehrwert in Form von Renten aneignen und über dessen Einsatz entscheiden können, bezeichnet Elsenhans als Staatsklasse. Sie setzt sich zusammen aus hochrangigen Entscheidungsträgern des öffentlichen und privaten Sektors, die über höhere Einkommen, höhere Partizipationsmöglichkeiten und höheres Prestige verfügen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sie pflegt klientelist ische Beziehungen zu anderen Gruppen außerhalb der Staatsklasse.53

Um Konflikte zu vermeiden und Privilegien zu sichern, muss die Staatsklasse die ökonomische Grundlage schaffen, um weitere soziale Gruppen in das System einbinden zu können. Da das Mehrprodukt des Außenhandels und des Binnenmarktes peripherer Länder unter den Bedingungen freier Konkurrenz entweder ins Ausland abfließt oder konsumiert wird, muss sie das Mehrprodukt, um es nutzbar zu machen, bürokratisch aneignen.54 Es existieren drei Charakteristika, welche die Staatsklasse kennzeichnen: Die politische Aneignung von Mehrwert, die Sicherung von Privilegien sowie ständiger Legitimationszwang.55

Die Staatsklasse ist eine zentralisierte Klasse. Mehrwert kann nicht individuell, sondern nur kollektiv über den bürokratischen Apparat angeeignet werden. Sie unterliegt weder einer politischen noch einer wirtschaftlichen Kontrolle. Zwar werden Investitionen für Maßnahmen wirtschaftlicher Entwicklung getätigt, doch sind diese keinen Rentabilitäts- oder Effizienzkriterien unterworfen.56

Die Staatsklasse teilt ein einheitliches Interesse - die Sicherung von Renten und Macht. Sie jedoch stellt keine einheitliche Klasse dar. Vielmehr besteht sie aus Segmenten. Die Tendenz eines jeden Segments, Privilegien zu sichern, verstärkt Konkurrenz und Konflikte innerhalb dieser Klasse. Klientelbeziehungen spielen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle, da jedes Segment versucht, die Zahl seiner Mitglieder und somit seinen Einflussbereich zu erhöhen.57

[...]


1 Vgl. Erdle, Steffen: The DESERTEC-Initiative. Powering the Development Perspectives of Southern Mediterranean Countries?, Bonn 2010, S. 26.

2 Vgl. Ebd. S. 27.

3 Vgl. Ebd. S. 28.

4 Vgl. Erdle: The DESERTEC-Initiative, S. 36.

5 Vgl. Ebd., S. 43.

6 Vgl. Ebd., S. 29.

7 Vgl. Pawelka, Peter: Der orientalische Staat im 21. Jahrhundert: Zur Reinkarnation des vormodernen Staates in einer globalisierten Welt, in: Peter Pawelka (Hg.): Der Staat im Vorderen Orient. Konstruktion und Legitimation politischer Herrschaft, Baden-Baden 2008, S. 37.

8 Vgl. Ebd., S. 37.

9 Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Europäisches Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument. Marokko, Strategiepapier 2007-2013, Brüssel 2007, S. 9.

10 Vgl. Spiegel Online: Wahlen in Marokko. Konservative gewinnen, Islamisten sprechen von Betrug, 2007.

11 Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Europäisches Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument. S. 11.

12 Vgl. Pawelka, Peter: Der Vordere Orient und die Internationale Politik, Stuttgart 1993, S. 126.

13 Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Europäisches Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument. S. 15.

14 Vgl. Ebd., S. 16.

15 Vgl. Ebd., S. 17.

16 Weltbank: Morocco. Country Data. GNI per capita, income level, Washington 2010.

17 Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Europäisches Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument, S. 14.

18 United Nations Development Program: Human Development Report. Human Development Indicators, Morocco, 2011.

19 Vgl. Scholz, Imme/Krause, Matthias: Klimaschutz und Energiepolitik in der Entwicklungszusammenarbeit der Beitrag erneuerbarer Energien. Bonn 2004, S. 2.

20 Vgl. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel: Energiewende zur Nachhaltigkeit, berlin und Heidelberg 2003, S. 167.

21 Vgl. Sawin, Janet: National Policy Instruments. Policy Lessons for the Advancement and Diffusion of RE Technologies around the World, Bonn 2004, S. 4-26.

22 Vgl. Ebd., S. 36.

23 Vgl. Werenfels, Isabelle/Westphal, Kirsten: Solarstrom aus Nordafrika. Rahmenbedingungen und Perspektiven, Berlin 2010, S. 25-34.

24 Vgl. Nohlen, Dieter/Nuscheler, Franz: Was heißt Unterentwicklung? In: Nohlen, Dieter/Nuscheler, Franz (Hg.), Handbuch der Dritten Welt. Grundprobleme. Theorien. Strategien, Bonn 1993, S. 36.

25 Vgl. Senghaas, Dieter: Vorwort. Elemente einer Theorie des peripheren Kapitalismus, in: Senhaas (Hg), Peripherer Kapitalismus. Analysen über Abhängigkeit und Unterentwicklung, Frankfurt a. M. 1974, S. 15-33.

26 Vgl. Fischer, Karin/Hödl, Gerald/Parnreiter, Christof: 50 Jahre „Entwicklung“: Ein uneingelöstes Versprechen,

Frankfurt a. M. 2002, S. 32.

27 Vgl. Harborth, Hans-Jürgen: Sustainable Development-Dauerhafte Entwicklung, in: Nohlen, Dieter/Nuscheler, Franz (Hg), Handbuch der Dritten Welt, Grundprobleme. Theorien.Strategien, Bonn 1993, S. 231ff.

28 Vgl. Boeckh, Andreas: Entwicklungstheorie: Eine Rückschau, in: Nohlen, Dieter/Nuscheler, Franz (Hg.), Handbuch der Dritten Welt. Grundprobleme. Theorien. Strategien, Bonn 1993, S. 112-117.

29 Vgl. Elsenhans, Hartmut: Entwicklung ist machbar. Die Schaffung von Arbeitsplätzen durch zeitweilige Subventionierung, in: Reinhold E. Thiel (Hg.), Neue Ansätze zur Entwicklungstheorie, Bonn 1999, S. 136.

30 Vgl. Elsenhans, Hartmut: Kapitalismus kontrovers. Zerklüftung im nicht so sehr kapitalistischen Weltsystem, in: Azadeh Zamirirad (Hg.), Welt Trends Papiere, Band 9, Potsdam 2009, S. 10.

31 Vgl. Elsenhans: Kapitalismus kontrovers, S. 6f.

32 Vgl. Ebd.

33 Vgl. Ebd., S. 8f.

34 Vgl. Ebd., S. 6

35 Vgl. Ebd., S. 9

36 Vgl. Elsenhans: Kapitalismus kontrovers, S. 8.

37 Vgl. Ebd., S. 10.

38 Zum Beispiel durch Niederlegung der Arbeit in Form von Streiks oder organisatorischen Zusammenschlüssen von Arbeitern in Form von Gewerkschaften.

39 Vgl. Elsenhans: Kapitalismus kontrovers, S. 10.

40 Vgl. Elsenhans, Hartmut: Abhängiger Kapitalismus oder bürokratische Entwicklungsgesellschaft. Versuch über den Staat in der Dritten Welt, Frankfurt am Main/New York 1981, S. 36.

41 Vgl. Elsenhans: Kapitalismus kontrovers S. 18f.

42 Vgl. Ebd., S. 23.

43 Vgl. Elsenhans: Abhängiger Kapitalismus oder bürokratische Entwicklungsgesellschaft, S. 43f.

44 Vgl. Ebd., S. 45.

45 Vgl. Ebd., S. 133.

46 Vgl. Elsenhans: Kapitalismus kontrovers, S. 20.

47 Vgl. Elsenhans, Hartmut: Globalisierung als Wachstumsblockade - Redynamisierung durch Entwicklungspolitik, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Internationale Politik und Gesellschaft, Bonn 2001, S. 55.

48 Vgl. Elsenhans: Entwicklung ist machbar, S. 136f.

49 Vgl. Elsenhans: Globalisierung als Wachstumsblockade, S. 55f.

50 Vgl. Elsenhans: Entwicklung ist machbar, S. 137.

51 Dies erfolgt beispielsweise durch die Vergabe politischer Ämter oder die Beschäftigung marginaler Arbeitskräfte.

52 Vgl. Elsenhans: Globalisierung als Wachstumsblockade, S. 55f.

53 Vgl. Elsenhans: Abhängiger Kapitalismus oder bürokratische Entwicklungsgesellschaft, S. 121ff.

54 Dies kann eine Vielzahl von Formen annehmen: Zum Beispiel kann die Erhebung von Steuern, aber auch Bestechung eine Form der bürokratischen Aneignung von Mehrwert sein.

55 Vgl. Elsenhans: Abhängiger Kapitalismus oder bürokratische Entwicklungsgesellschaft, S. 144.

56 Vgl. Ebd., S. 147ff.

57 Vgl. Ebd., S. 155ff.

Details

Seiten
70
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656868828
ISBN (Buch)
9783656868835
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286596
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Political Sciences
Note
1,3
Schlagworte
erneuerbare energien marokko wirtschaftliche hemmnisse privatinvestitionen ökonomien

Autor

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Titel: Erneuerbare Energien in Marokko