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''Youth Writing Behind the Walls'' von Awraham Cytrin. Ghetto-Literatur aus Łódź

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Awraham Cytrin
2.1. Biografisches
2.2. Literarisches Werk
Familie
Verfall der Menschen
Jugendlichenalter

3.Einbettung in den Kontext
3.1. Das Ghetto Łódź
3.2. Weitere Stimmen aus dem Ghetto

Fazit

Literaturverzeichnis

Endnoten

1. Einleitung

Awraham Cytrin, ein junger polnischer Jude, reflektierte in seinen Schriften das Leben und Sterben im Ghetto Łódź und setzte sich dabei unter anderem mit Themen der Menschlichkeit, familiärer Rollenbilder sowie Machtstrukturen im Elend auseinander. Seine Texte und Gedichte geben exemplarisch Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt von Kindern und Jugendlichen, die im Kontext von Gewalt, Hunger und Tod, von Entrechtung, Korruption und Krankheit versuchten, ihren Platz im Ghettoalltag zu finden sowie in ständigem Überlebenskampf erwachsen zu werden.

Meiner Arbeit liegt das 2005 von Yad Vashem herausgegebene Buch ''Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz Notebooks'' zugrunde, in dem neben der englischen Übersetzung seiner Schriften auch eine Einleitung zu Umständen und Person, sowie Memoiren seiner Schwester Lucie enthalten sind. Weiterführende Publikationen zu Awraham Cytrin liegen bisher nur in Polnisch vor und konnten deshalb nicht von mir berücksichtigt werden.

Zunächst sollen Biografie und literarisches Werk Awraham Cytrins vorgestellt und diese danach in den Kontext des Ghetto Łódź eingeordnet werden.

2. Awraham Cytrin

2.1. Biografisches

Awraham Cytrin wurde am 10.Oktober 1927, als zweites Kind einer wohlhabenden jüdischen Familie in Łódź geboren.[1] Die ältere Schwester Lucie war bereits 1923 auf die Welt gekommen und sollte später die Schriften ihres Bruders sichern sowie veröffentlichen.[2]

Der Familie gehörte ein Baumwollunternehmen namens ''Cytrin Bracia'' (Cytrin Brüder) mit mehreren Standorten innerhalb der Stadt. Dieses wurde nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im September 1939 zwangsenteignet und die Cytrins aus Łódź vertrieben.[3] Nach einem Jahr im circa 55km entfernten Zufluchtsort Bełchatów kehrte die Familie mithilfe von Schmiergeld heimlich zurück und zog in das neugebaute Jüdische Ghetto. Da ihre alte Baumwollfabrik in diesem Teil der Stadt lag, fanden sie eine Wohnmöglichkeit in der Brzezinska Straße 50. Ein Großteil der übrigen Verwandten zog nach Warszawa.[4]

Als der Vater im November 1942 aufgrund körperlicher Erschöpfung starb, übergab dieser die Familienverantwortung an den 15-jährigen Sohn Awraham, welcher sich fortan nach Kräften bemühte, der neuen Rolle gerecht zu werden.[5] So verschaffte er seiner Mutter eine Arbeitsstelle in der Ghetto-Küche und forderte sie auf, von dort zum Unterhalt der Familie Essen zu klauen.[6]

Weiterhin drängte er seine Schwester, eine Liaison mit einem Privilegierten einzugehen, um so die eigene Situation verbessern, wogegen sich diese jedoch weigerte.[7]

Als die Mutter aufgrund eines vermuteten Familienschatzes verhaftet und mehrere Tage lang im Gefängnis gefoltert wurde, zwang Awraham seine Schwester, einen einflussreichen Mann im Ghetto zu bestechen, um ihre Freilassung zu erwirken. Als Lucie ihrem Bruder von dem grauenhaften Erlebnis berichtete, sich zu prostituieren, reagierte dieser gefühlskalt. Die Mutter kam unabhängig von dieser Aktion frei.[8] Awrahams starkes Bewusstsein als neues Familienoberhaupt und sein Verantwortungsgefühl, besonders der Mutter gegenüber, zeigten sich jedoch auch darin, dass er trotz langanhaltendem Suizidwunsch diesen nicht umsetzte, da er sich den beiden anderen gegenüber verpflichtet fühlte.[9]

Während seiner Zeit im Ghetto, schloss sich Awraham einem geheimen Dichterkreis an, in dem er mit anderen Jugendlichen selbstgeschriebene Texte und Dichtungen austauschte. Wann sich dieser Verein genau gründete, wer ihm alles angehörte und wie lange er existierte, ist nicht bekannt.[10] Lediglich in einer seiner Notizen schreibt Awraham über seine dortigen Erlebnisse. Darin beschreibt er nicht nur Atmosphäre und Aufgabe des Kreises aus seiner Sicht, sondern nennt auch konkrete Namen, was lebensgefährlich werden konnte und bei Todesstrafe verboten war.[11]

Am 28.August 1944 wurde die Familie im Zuge der Ghetto-Auflösung nach Auschwitz deportiert und dort direkt bei der Ankunft voneinander getrennt. Auf dem Weg ins Lager habe Awraham beklagt, sich nicht vorher umgebracht zu haben, während die Mutter ihn panisch mit Zucker fütterte. Bei der Separation von der Familie, habe er seine Schwester Lucie unter Tränen aufgefordert, sich fortan um die Mutter zu kümmern.[12] Drei Tage später schloss er sich einer Gruppe von Jugendlichen an, denen eine Extraportion Suppe versprochen und die so in die Gaskammern gelockt wurde. Awraham Cytrin starb am 31.August 1944 in Auschwitz-Birkenau im Alter von 16 Jahren.[13]

2.2. Literarisches Werk

Laut den Erinnerungen seiner Schwester begann Awraham bereits früh, ''von morgens bis abends'' Gedichte sowie kleinere Geschichten zu verfassen.[14] Die heute noch erhaltenen Schriften Awrahams umfassen jedoch lediglich drei zurückgelassene Notizbücher, die während der Ghettozeit entstanden und 1945 von der Schwester Lucie bei deren Rückkehr in die alte Wohnung aufgefunden wurden.[15] Ein weiteres Notizbuch nahm Awraham mit nach Auschwitz, wo dieses verloren ging.[16]

Bei einer Grenzkontrolle im Zuge ihrer Übersiedlung nach Israel, wurden die Dokumente 1950 durcheinander gebracht und sind seither nicht mehr vollständig.[17] Nach langem Zögern veröffentlichte Lucie Cytrin-Bialer 1995 einen Teil der Schriften ihres Brudes samt eigenen Anmerkungen und Memoiren unter dem Titel ''Les cahiers d'Abram Cytryn''. Die Publikation erhielt Aufnahme in das Yad Vashem Archiv und wurde seither in drei Sprachen übersetzt: Französisch (1995), Hebräisch (2003) sowie Englisch (2005). Polnischsprachige Versionen erschienen 2004 (''Pragnę żyć'') sowie 2009 (''Wżarł się we mnie ból'').[18]

Awrahams Hinterlass umfasst hauptsächlich Gedichte sowie Kurzgeschichten, jedoch auch zwei tagebuchähnliche Einträge, in denen er über sein eigenes Leben und Schreiben reflektiert. Als Antrieb für sein Schreiben nennt er eine ''Mischung aus Hass und Liebe'', die ihn zur Kreativität bringe und damit eine Art 'Tagebuch der Gefühle' kreire.[19] Verfasst sind seine Einträge größtenteils in Polnisch, teils finden sich aber auch jiddische und deutsche Begriffe, Ausrufe oder ganze Phrasen. Die Figuren seiner Geschichten sind größtenteils fiktiv, können laut der Schwester allerdings in einigen Fällen auch autobiografisch gedeutet werden. Stets nimmt er eine beobachtende wie beschreibende Perspektive ein, die zwar vielfach das Innenleben der Figuren beleuchtet, dabei jedoch durch Nutzung der dritten Person eine Distanz zum Geschehen aufbaut und durch Skizzierung der äußeren Realität seiner Protagonisten eine objektivere Gegenmeinung zu deren Ansichten schafft.

In seinen Schriften finden sich zwei längere Erzählzyklen, zum einen die 12 Kapitel umfassende Geschichte vom Leben und Sterben des jugendlichen Eli sowie seiner Familie im Lodzer Ghetto, zum anderen der fünfteilige Bericht über einen Bourgeois-Jungen namens Henry Vronsky, der versucht, aus seinem Lebenskontext auszubrechen und sich selbst zu finden. Daneben gibt es 13 weitere Erzählungen, die verschiedene Aspekte und Begebenheiten des Ghettoalltages beleuchten und diese hinterfragen. So werden anhand von Einzelschicksalen allgemeine Zustände und Thematiken aufgezeigt, diese analysiert und bewertet, teils auch stark kritisiert und angeklagt. Sein Hauptfokus liegt auf dem körperlichen wie moralischen Verfall der Menschen, sowie dem Wandel ihrer Beziehungen untereinander. Tod, Angst, Hunger und Krankheit sind omnipräsent in seinen Texten, doch finden sich teils auch humoristische wie zuversichtlichere Passagen.

In den 17 veröffentlichten Gedichten wendet sich Awraham vor allem allgemeineren wie abstrakteren Themen zu, reflektiert darin über Krieg, Liebe, Tod, den Lebenssinn, Religion und eine Zeit nach dem Ghetto. Hierbei wechseln impersonale Beschreibungen von Ereignissen und Gedanken mit persönlichen, in Ich-Form gehaltenen Überlegungen, Fragen wie Ausrufen. Reime oder ein bestimmtes Versmaß lassen sich nicht erkennen. Im Folgenden sollen nun drei wichtige Themenkomplexe, die wiederholt vorkommen, zusammenfassend dargelegt und mithilfe von Textbeispielen veranschaulicht werden.

Familie

Ein durchgehendes Thema in Awrahams Geschichten sind die familieninternen Beziehungen. Dabei beschäftigt ihn vor allem die Rollenaufteilung innerhalb derselben – die gegenseitigen Erwartungen, der Umgang mit Verantwortung, die Ideale von Rücksichtnahme und absoluter Aufopferungsbereitschaft, die veränderte Kommunikation durch den Ghettoalltag sowie moralische Anklagen durch verstorbene Angehörige anhand von Albträumen und Halluzinationen. Der Zustand vor dem Krieg wird dabei als bitter-süße Erinnerung dargestellt, die Erfahrungen von Krieg und Leid lassen die Menschen härter, verschlossener und getriebener werden. So bemerkt der junge Eli, von der Arbeit kommend, die trostlose Atmosphäre im eigenen Zuhause: None of those warm kisses on his forehead she [his mother] used to welcome him with before the war. Only poverty greets him every day, poverty that gives off a terrible stench, poverty full of acrid smoke, accursed poverty! [20] Die todkranke Schwester liegt wochenlang im Bett und kann sich kaum mehr rühren, ihre Gedanken jedoch kreisen um die Mutter: ''I can't bear seeing Momma like this, so sad and exhausted all the time'', Benitza thinks. [21] Diese wiederum bemüht sich nach Kräften, das Überleben der Familie zu sichern und ihre Kinder zu umsorgen. Shura only rarely kisses her daughter, but she tries to envelop her with tenderness. Benitza for her part loves her little mother very much, even though she can never tell her in words how much she loves her. [22] Die schweren Lebensumstände sowie das ständige Leiden, vor denen die Figuren sich gegenseitig beschützen wollen, schafft eine unüberbrückbare Distanz zwischen ihnen – sie können nicht länger ihre Gefühle äußern, ihre Gedanken aussprechen, die eigene Schwäche und Verzweiflung zulassen. Dabei verlangen sie sich selbst unmenschliche Disziplin ab und grämen sich still, die selbstgesetzen Ziele nicht erreichen, die ihnen zugeschriebene Rolle nicht erfüllen zu können. Den äußeren Umständen hilflos unterlegen, bricht immer wieder heimliche Verzweiflung durch: Children always think that their mother can do anything, that's the way of the world! Shura [the mother] weeps, her arms lifted towards the heavens. [23] Noch einmal verstärkt wird dieser innerliche Druck durch die stille, selbstnegierende Kapitulation der Sterbenden sowie die eindringlichen Anklagen der Verstorbenen, die durch Albträume und Halluzinationen an die Moral und Verantwortung der Lebenden appellieren. Diese Visionen treiben die Figuren immer mehr in den Wahnsinn und leiten oftmals deren eigenen Niedergang ein. Eli is burning up with fever. He trashes about as if someone is torturing him, finding it hard to move his feverish lips and muttering strange half sentences. ''I put a memorial plaque on the grave. G'd will bless me. In time, everything will become peaceful, because time has so much power …'' These were the confused words being uttered by the small patient. [24] Gegen den Tod sind alle Mühen und Fürsorge der Familie machtlos. Why don't you want to eat, my darling? Can't you see I'm giving my life and my blood so you'll get well again. Don't you appreciate what I'm doing? Oy vey! What will I do with you?'' [25] Wenn das lang bekämpfte Ende der Familie eintritt, zerstört dies den Lebenssinn der Überlebenden und beraubt sie jeglichen Willens weiter zu machen. Only despair and loneliness are left to me. Why hasn't He taken me too into the kingdom of heaven, so that I may rest with my children? He has punished me severely. There are people who thirst for life as a man thirts for water. Perhaps I am such a person. I don't have the courage to end this filth called life. Shura, defeated, loosens her long hair and passes her fingers through the black mass. For a while she remains standing in one place, and finally, with a dull moan, falls back onto the chair. I don't know what to choose, she mutters, tormenting life or cold death. Choose death, a voice from another world thunders from afar. [26]

Verfall der Menschen

Der körperliche wie moralisch-geistige Niedergang der Ghetto-Bewohner, stets gipfelnd in Wahnsinn und Tod, ist ein weiteres zentrales Thema in Awrahams Geschichten. Den drohenden Verfall vor Augen geführt, wird der Muselmann [27] zum Schreckensbild: He's in a desperate state and the only way out for him is suicide. The life force has been extinguished in him. He has lost touch with reality. Who is this man? A man who is all alone, who was among the first Jews to be transferred to the ghetto. The specter of death terrifies him. Suffering has made him frighteningly emaciated. Hunger has wreaked havoc on this man, who was once a real glutton. His mind is confused. He no longer divides his bread portions, as he used to do, but swallows it all in two or three days, and fasts the rest of the week. He has lost all desire of human feeling, and in a short while has turned into a walking corpse. [28] Es gilt, sich von diesem Status der Entmenschlichung abzugrenzen – zum einen durch das Bewahren der eigenen Würde, zum anderen durch den Umgang mit dererlei Leuten. So wird der junge Eli als eine Art Gegenfigur zu seinem hoffnungslosen Nachbarn Oppenheim dargestellt: He is thin, weak, skeletal, nervous. And even so, he is not part of the army of the living dead of the ghetto. He still walks normally, and his small face, more or less human, is still pleasant. [29] Äußerlich bereits durch die harten Lebensumstände gezeichnet, bewahrt sich der Junge dennoch Interesse am Geschehen um ihn herum, er sorgt für seine Familie und steckt voller Empathie. In seiner Beziehung zu Oppenheim verhält er sich meist passiv-desinteressiert, eingenommen von den eigenen Sorgen. Doch werden auch zwei sehr gegensätzliche Reaktionen aufgezeigt: Als der schwache Mann beim Drängen an der Essensausgabe einmal zusammenbricht, nimmt Eli ihm seinen Coupon weg und erhält so eine doppelte Ration für sich.[30] An anderer Stelle, als er das ewige Husten und Stöhnen Oppenheims nicht mehr ertragen kann, erwacht bei ihm tiefes Bedauern und Mitgefühl für die Situation des einsamen Nachbars und er bemüht sich, dem Mann mit Kaffee und aufmunternden Worten zu helfen.[31]

Jedoch gibt es auch Menschen, die den Muselmännern mit Verachtung und zynischem Humor begegnen. ''Ah! A living-dead! Living-dead!'' the child twitters, looking curiously at the strange creature from the world of truth. ''A walking corpse!'' an unchin yells, and then turns to him and mockily says: ''Hey, skeleton, you're eating your bread!'' [32] Der Alltag im Ghetto lässt seine Bewohner allmählich körperlich wie geistig abbauen. The work they do connects all the people. And what connects their stomachs and hearts is their constant gorging for food. [33] Der sie ständig antreibende Hunger provoziert Streit und Missgunst zwischen den Leuten, wiederholt arten diese Konflikte auch in Gewalt aus, beispielsweise an der Essensausgabe. ''It's this rascal's fault, this little bastard snuck into the line!'' the woman cries out, sticking her fingers into Yonye's open eyes. ''Are you trying to say I wasn't here?'' Yonye lies blatantly. ''A girl with a red hat and an ugly redhead with freckles were in front of you, and I was here before everyone else.'' ''Get out! Get out!'' the people in the line yell. An arrogant old man even bandishes his walking stick at Yonye. A big commotion ensues. The food bowls clatter, feet wearing shoes, clogs and slippers come to life, fists raised in the air, shouts, curses, moans, groans, whimpers – all jumble together, and the human whirlpool moves forwards the window that everyone is yearning to reach. Poor Yonye is forcibly thrown out of the line, and shaking, he rolls into the canal. Mud splatters on the face of this starving wretch, who does not even notice it, because the human herd is trampeling on him. ''Damn it all,'' he curses, and launches a frontal assault into the raucous crowd. Someone bangs a pot on his head, and the pain is so intense, he sees stars. After fiercly fighting the crowd, he gets to the front and hands his food card to the supervisor. [34] Die harte Arbeit, das mangelnde Essen und die ständige Angst um Leben und Angehörige verwandeln die Menschen allmählich in abgestumpfte 'Roboter', die all ihre Kraft aufwenden, um den Alltag zu überstehen. Dabei fällt ihnen irgendwann der eigene Verfall nicht einmal mehr auf. On the gray walls of the houses, the thin silhouette of the procession of skeletons is reflected as they make their way with mechanical steps towards their place of work, or in other words – to the slaughterhouse. [35] Emotionale Härte und immer unmenschlichere Verhaltensweisen bestimmen die Atmosphäre im Ghetto. So erweckt beispielsweise ein an Gewicht zulegendes Ehepaar den Verdacht, bei der Kriminalpolizei ausgesagt und deshalb nun privilegiert zu werden. Daraufhin wenden sich die Nachbarn von ihnen ab und meiden sie in einer Mischung aus Angst und Hass.[36] Eine weitere Geschichte veranschaulicht die Dramatik der Verelendung besonders zynisch: ''A dog with meat!'' a gossipmonger cries out from her window, and at once throws a stone at the small animal, which hits the house opposite and falls silently onto the sidewalk. […] Despite their leaden legs, all passersby, yelling, run along with the dog who heroically defends his precious piece of meat. The poor thing never thought he would attract so many eyes or stir up so many stomachs.[…] Very soon the entire street and its surrounding area are on the alert. The sensational news arouse the hunting instinct among some Jews. […] At an intersection, the dog loses his sense of direction. From all sides, flocks of hungry people assail him. The poor beast is dreadfully anxious, fearing the mob will mercilessly slaughter him. […] How bad have things become that not even a dog is allowed to eat in peace? A shame! A disgrace for people who think they are smarter, superior creatures. [37] Der fortschreitende Verfall äußert sich erst durch Gewichtsverlust und wachsendem Desinteresse an der Umwelt. Krankheit und Fieber leiten schließlich den Sterbeprozess ein. Dieser wird meist begleitet von surrealen Halluzinationen und panischer Todesangst. Eli, groggy, barely conscious, looks at Shura's face but keeps on hallucinating. Suddenly, he sits up and whispers: ''What's that there in the corner? Yes, there,'' and he fixes his wide-open eyes on a specific point. ''That's nothing, my child. It's a broom.'' ''Mama,'' the panic-stricken boy cries out, his eyes drawn into slits, ''That's death looking at me. He wants to hypnotize me. Help!'' he screams, and then drops his head at once onto the pillow. [38]

Jugendlichenalter

In den meisten Geschichten Awrahams sind Kinder beziehungsweise Jugendliche die Hauptfiguren und es das Geschehen wird größtenteils durch ihre Perspektive betrachtet. Dabei werden zwei sehr unterschiedliche Bilder von dieser Entwicklungsphase gezeichnet. In dem Erzählkranz zur Vronsky-Familie steht ein pubertärer Bourgeois-Junge namens Henrik im Mittelpunkt. Entsprechend seinem Alter ist er wenig an Schule interessiert, lehnt sich gegen die Eltern und seine Rolle als Kind auf, ist fasziniert von männlichem Gehabe und entdeckt die eigene Sexualität. Doch ist er auch ein leidenschaftlicher Dichter und Poet, was den Vorstellungen seiner Familie deutlich widerstrebt.

''[…] What will happen to you, my son? Your father and I planned to make a rich and important

man of you so that you would not shame our family, but you, such a crazy boy, are devoting yourself to awful, unseemly activities, that take up all of your time and are totally useless.'' ''Mother, how can you say such things? Art and poetry enrich the soul, raise man above the mediocrity of life, but you, because you lack imagination, allow yourself to adopt such a negative attitude.'' He straightened up in his velvet-upholstered chair, and excitedly tossed his mane of curly black hair. ''I refuse to become a money machine. I spit on that filth called money that drives the passion of greed. I have other plans, other dreams.'' [39] Nach einem intensiven Streit mit dem Vater beschließt der wutentbrannte Sohn, dem aristokratischen Leben den Rücken zu kehren und verlässt das Haus. He was so hungry for freedom that he was prepared to pay a high price for it by doing something he knew was wrong. I'll go to Franek Michalowski, the wildest kid in the class. I don't care what happens! I'll be like him, despite my parents' disapproval. He'll lead me to the mysterious, dark world. At last, I'll be a man. [40] Nach wenigen Tagen auf der Straße und einigen desillusionierenden Erlebnissen kommt Henrik doch wieder zurück. Die besorgten wie aufgebrachten Eltern haben unterdes eine fatale Entscheidung getroffen. He interrupted his father with a loud voice: ''Where are my notebooks?'' ''Burned in the fire,'' his mother replied, proud of her husband's act, whose duty it was to bring their son back to the straight and narrow path. […] ''My poems!'' he cried out in desperation, and it seemed to him that same fire had consumed a part of his soul. ''My G'd, the child has gone mad!'' his mother called out, running towards her son. ''No, Mother, you're wrong, I haven't gone mad. Who gave you permission to burn my notebooks? Do you know you have destroyed your son?'' The mother looked at him, stunned. ''Keep your distance from this wreck of a boy, Marie. He's acting out a tragedy for us, a wonderful actor, that's what he is!'' Mr.Vronski roared. ''I'll never forget what you have done! You'll be accursed!'' The son cried out in a sorely aggrieved voice. ''Out! Get out of my house! Go back to the street, you revolting boy! You have no place in our family,'' the father banished his son. The mother collapsed on the couch, muffling her sobs. ''I have no need of your tears. The only wound and unfuriate me even more. You did not know how to respect my sensitivity. Instead, you mock it, you hypocrities! I'm not your son anymore!'' [41] Niedergeschmettert, entrüstet und auf sich gestellt wird Henrik der Familie verwiesen und sich selbst überlassen. Einzig der treue Diener Jan findet bei seinem Abgang noch Worte für ihn: ''Your rebelliousness has not surprised me. Your parents have done you much wrong. Go my son, go! You will suffer much in your life.'' [42] Der missverstandene Jugendliche, gescheitert an fantastischen Idealen und Gedanken, sein literarisches Werk vernichtet, blickt in eine ungewisse, bittere Zukunft – eine Zukunft, die er ganz alleine und ohne Orientierungshilfe meistern muss, in die er mit nichts startet und in der er wohlmöglich niemals glücklich werden wird.

Ein ebenfalls sehr düsteres Bild zeichnet Awraham von der Situation der jungen Ghettobewohner. Im Gegensatz zu den wohlbehüteten Verhältnissen, in denen Henrik aufwächst und in denen er einen alterstypischen positivitisch-freiheitsstrebenden Geist entwickelt, sind jene Kinder bereits durch die harte Lebensrealität geprägt: At an age when everyone sees things in rosy colors, she is sunk in the uglyness of life, which spares her none of its worries or humilations. It is no wonder that her eyes are sad and her face is serious. […] How many times has this child witnessed scenes of bestiality, how many times was she herself the victim of punches to her skinny little body? But this violence is nothing compared to the mental anguish that torments her. [43] Der unbeschwerten Zeit von Kindheit und Jugend beraubt, werden sie Erwachsenen gleich mit schwerer Arbeit, ständigem Hunger und Leid, übergroßer Verantwortung und unerfüllbaren Erwartungen konfrontiert. Dabei wenden sie alle Kraft und Mühe auf, um die utopischen Herausforderungen zu meisten, bis hin zur völligen Erschöpfung und Selbstaufgabe. Die dafür nötige, antrainierte Härte lässt sie allmählich zu gefühlskalten, willenlosen Gehetzten werden. ''Nu, my child, aren't you even going to thank me?'' Chanetzka turns her blue eyes to the man, opens her mouth, but is unable to get the word out. ''All right, go then!'' the gatekeeper mutters, gesturing with his hand, ''Look at that, the children of the ghetto! They've got no manners!'' ''It's really unfortune,'' a ''respectable'' intellectual woman agrees. [44] Selbst im aussichtslosen Zustand einer todbringenden Krankheit versuchen sie, ihren Familien nicht unnötige Sorgen und Kümmernisse zu bereiten. Her face grows tinier each day, and her breath is very short. She no longer eats, but looks at food with revulsion. When her aunt asks her how she is, she replies: ''Better.'' She does not know what her illness is, and the drawn-out attacks of fever exhaust her. She is dying, fading away, vanishing quietly, without groaning or complaining, without her mother's protective wings, without her sweet kiss. She dies without gentleness or help, but she is unaware of her death. Even before she knows life, she returns to the earth forever. She gives her soul back to her Creator, leaving on his earth only her miserable, useless body, which in a short time is taken from the house and buried. [45]

3.Einbettung in den Kontext

3.1. Das Ghetto Łódź

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen begann ab September 1939 die schrittweise Konzentration der jüdischen Bevölkerung von Łódź, die ab Februar des folgenden Jahres in der Errichtung eines stufenweise abgetrennten Ghettos mündete. Rund 164.000 polnische Juden sowie ab 1941 weitere 38.000 Juden aus anderen Gebieten sowie 5.000 Sinti und Roma wurden nun auf einer Fläche von gerade einmal 4,13km2 eingesperrt. Platzmangel, Hunger und immer wieder kursierende Epidemien, dazu im Winter eisige Kälte, bestimmten von Anfang an die schwierige Lebenssituation im Ghetto und führten bis zu seiner Auflösung zu etwa 45.000 Todesopfern.[46] Die Organisationsstruktur des Ghettos bestand aus einer deutschen Verwaltung sowie Polizeiaufsicht, darunter gliederte sich die jüdische Selbstverwaltung, angeführt vom ''Judenrat'', der in Mordechai Rumkowski (1877-1944) seinen höchsten Repräsentanten fand. Diesem unterstellt war ein ganzer Apparat an Organen (u.a. Arbeitsamt, Meldebüro, Beirat, zentral organisierte Lebensmittelläden, eine zeitweilige Schulabteilung sowie eine eigene jüdische Polizei), der fast das gesamte Ghettoleben regelte.[47] Einerseits sorgte diese starke Struktur für einen geregelteren Alltag und somit für ein wenig 'Normalität' im Ausnahmezustand, andererseits führte sie zu einer spannungsgeladenen Kluft zwischen normalen Bewohnern und privilegierten Funktionsträgern. So legt Awraham seiner Figur Shura unter anderem auch folgende Worte in den Mund, als diese über den elenden Nachbarn Oppenheim spricht: ''Here's one more going kaput! Another dead one for Rumkowski! That's how it is, my little Eli: There are those who eat like gluttons, and hundreds of others who suffer.'' [48] Das Ghettoleben kreirt ein unmenschliches Machtgefüge, in dem die Leute rücksichtslos ihre Sonderpositionen verteidigen und ausspielen. Ob Judenrat, Kriminalpolizei, Friedhofsgesellschaft, Küchenpersonal, Fabrikleiter oder Ärzte, in Awrahas Texten nutzt jeder seinen Status und verfährt gefühlskalt wie willkürlich mit den von ihm Abhängigen. Besonders die ungerechte Essensverteilung kommt in seinen Schriften immer wieder zum Ausdruck: ''He gets a kilo of potatoes, and I get this watery juice,'' Eli sobs in vain. He hurls curses he didn't even know he knew at the nasty woman and takes back his bowl. [49] Dabei spielen die Privilegierten nicht selten mit dem blanken Leben der Menschen: The social worker invites Eli for a talk. […] After a fifteen-minute interview, she assigns him to a place where the work is hard and the machines make an infernal racket. Everyone is always provoking him and sending him from place to place. [50]

Unter dem Slogan ''Unser einziger Weg ist die Arbeit'' propagierte der Judenälteste Rumkowski eine bedingte Kooperation mit den Deutschen, um sich durch die Produktion kriegswichtiger Ausrüstung unentbehrlich zu machen, was bedeutete, vor der Deportation in Konzentrationslager geschützt zu sein. Dies gelang jedoch nur bedingt: Ab Januar 1942 wurden in mehreren Wellen über 70.000 arbeitsunfähige Juden in das nahegelegene Vernichtungslager Chełmno gebracht und dort ermordet. Unter dem Druck der vorschreitenden Roten Armee beschloss Reichsführer der SS Heinrich Himmler im Mai 1944 die Liquidierung des Ghettos, in Folge dessen binnen weniger Monate fast alle Bewohner deportiert und in Chełmno beziehungsweise Auschwitz-Birkenau getötet wurden.

Lediglich ein Aufräumkommando von 600 Personen, sowie um die 280 Versteckte blieben zurück und konnten im Januar 1945 durch sowjetische Truppen befreit werden.[51]

3.2. Weitere Stimmen aus dem Ghetto

Ein bedeutendes Kollektivtagebuch bildet die von 1941-44 verfasste ''Lodzer Getto-Chronik'', welche es sich zum Ziel setzte, die Geschehnisse und Entwicklungen innerhalb desselben möglichst umfassend, genau und objektiv darzustellen, sowie sie später der Nachwelt zu überliefern. In Auftrag gegeben wurde sie vom Judenältesten Rumkowski, vor der deutschen Verwaltung jedoch geheim gehalten und erhielt so einen semioffiziellen Charakter. Bis heute dient sie als eines der wichtigsten historischen Zeugnisse für die Erforschung der Łódźer Ghetto-Geschichte.[52]

Daneben gibt es hunderte an weiteren Dokumenten, die Alltag, Leben und Sterben in demselben beleuchten – von Plakaten und Schriftverkehr der offiziellen Behörden bis hin zu heimlich geführten Notizen am Rande von Büchern. Dabei lassen sich grundsätzlich vier Kategorien von Zeugnissen ausmachen: (Halb)offizielle Dokumente wie Bekanntmachungen, aufgezeichnete Reden und Deportationslisten; literarische Werke (z.B. Poesie, fiktive Romane und Lieder); weiterhin private Tagebücher und Briefe; sowie zuletzt nach dem Krieg entstandene Memoiren.

Für das Verfassen privater Aufzeichnungen gab es sehr unterschiedliche Beweggründe. Schrieben manche Autoren vor allem zur Bewältigung und Sinnstiftung des eigenen Alltages, sahen andere darin eine Pflicht, die begangenen Verbrechen und Unmenschlichkeiten für spätere Generationen festzuhalten und somit als authentische Zeugen sowie Ankläger zu dienen. So erklärte beispielsweise der 1942 verstorbene Jakub Szulman das Motiv für sein Berichten wie folgt: I want to be able to record for posterity what I have seen … I've been in contact with first-hand sources for a long time. I know many nuances, many details not known officially. And I deem it my duty to report them, if not in a finished, systematically researched work of history, then at least as source material for the objective historians who will come later. [53] Das Problem der sachlichen Beschreibung und Bewertung vom Erlebten beschäftigt auch Awraham. So wendet er sich am Ende des Erzählzyklus zum jungen Eli direkt an seine Leser und fordert diese zum eigenständigen Reflektieren auf: Now that I've finished writing my story, I'd like to place before my readers a problem of conscience that has been troubling me: Can we call this woman a cruel mother? Is she really heartless, has she no conscience? Her love for her son is indescribably immense. Then why, after his death, did she defile his body to supply her own needs? Was the real motive in this affair really egoism? Can this woman's thirst of life be likened to self-love? I ask my readers to trust their own reason, to delve into Shura's soul and to judge her actions themselves. [54] Er ist sich bewusst, nicht die nötige Distanz zu den beschriebenen Ereignissen zu haben, um diese 'objektiv' zu behandeln – eine Einsicht, die viele Schreiber, zeitgenössische wie nachkriegszeitliche, machen mussten. Ihre emotionale Betroffenheit macht ihre Zeugnisse tendenziös, verleihen diesen jedoch dadurch auch eine authentische Menschlichkeit. I take life to heart. Everything that happens to me I experience passionately. A strong, enormous love that pulls me into the most secret recesses of the human soul compels me to write. Sometimes it's actually hate that agnites the fever of creativity in me. Because I am as extreme in love as I am in hate. To love and hate. Two forces that turn me into an angel or a devil. Two dictates that control my life, my most precise and strongest stimuli. What despair! […] It is probably my destiny to probe the soul of man and to compare it to my own. Why does no one understand me? I myself don't understand myself, and despite all my efforts, I cannot manage to plumb the depths of the chaos in my soul which is dominated my turbulent emotions. [55] Für Awraham war das Schreiben Drang und Befreiung zugleich, mithilfe der Worte finden seine Gefühle und Gedanken literarischen Ausdruck und Ordnung. Durch die Nutzung fiktiver Personen und Vorkommnisse, sowie durch die beobachtend-beschreibende Erzählerperspektive in den Geschichten beziehungsweise den poetischen Aufbau seiner Gedichte gewann er Distanz zu den bearbeiteten Themen und gab ihnen künstlerischen Charakter.

Neben der Verarbeitung persönlicher Erlebnisse, können regelmäßige Aufzeichnungen auch als geistige Selbstbehauptung dienen und so dem eigenen Leben Rhythmus und Sinn verleihen. Für den siebzehnjährigen Dawid Sierakowiak, der von 1941-42 ein privates Tagebuch schrieb, gehörten beinahe tägliche Berichte über sein Tun und Denken genauso dazu wie sein leidenschaftliches Interesse an Politik und dem Abiturnachholen. Sein intellektuelles Streben steht dabei im Vordergrund der meistenteils positiv klingenden Einträge.[56] Auch Awraham macht sich Gedanken über Bildung und persönliche Entwicklung: It's no wonder that the boy poses such questions to himself. Life has made him old before his time. His soul inclines towards mysticism and does not permit logic to guide him. Often his thoughts are not those of a child. His feelings are loftier than those of an adult. Unfortunately, there is no longer anyone who will see to his future education. [57]

Seine schier aussichtslose Lage bewegte ihn dazu, zumindest als anschaulicher Berichterstatter wirken und damit den Toten ein anhaltendes Denkmal setzen zu wollen, den späteren Lesern die grausame Welt des Ghettos lebendig vor Augen zu führen: When I lived in the hell of the ghetto and saw the flowing blood of innocent brethren, I decided to put my testimony in writing. I would have liked to extricate the soul of the accursed ghetto from the frozen jaws of imprisonment, and to reconstruct the cruel existence of the inhabitants of Litzmannstadt who were enslaved, dispossessed and exposed to daily dangers and the shock of helplessness. I would have liked the blood to flow over the page, so that the memory of those merciless years would be passed down to the coming generations. The inhabitants of Litzmannstadt claim, justifiably, that no one will ever be able to describe the hell they live in. But I will attempt nonetheless to gently lead the reader there, and to introduce him, at least in part, to this world, where tragedy and comedy intermingle. [58]

Bei allen pessimistischen und teils niederschmetternden Beschreibungen der Lebenssituation im Ghetto, sah er jedoch noch eine geistige Waffe gegen den Prozess der Entmenschlichung: Humor. Erst, wenn die Leute diesen verlieren, würden sie wahrlich wie gehetzte, herumgetriebene und willenlose Kreaturen, denen sich Tod und Wahnsinn 'bemächtigen' könnten.[59]

Wie viele seiner Leidgenossen fragte sich auch Awraham, was aus den Schrecken des Krieges gezogen werden und wie sich die Welt danach entwickeln würde: Is there anything to be gained from this horrific, mechanical war that strikes like lightning? Unquestionably, the war is a law of nature. A new era will spring from the vestiges of the monstrous hydra, progress will flourish, and there will be no more horror. […] From the ruins, a new era will flower, and from it will spring culture and progress. The twists and turns of the globe develop creativity and art. Art developes beauty and sublimity. Beauty and sublimity lead to perfection. And from perfection, G'd is born. [60]

Fazit

Awraham Cytrin's Schriften geben einen tiefen wie erschütternden Einblick in die Welt des Ghetto Łódź aus Sicht eines Jugendlichen. In distanziertem, wie gleichzeitig einfühlsamen und detailreichen Stil schildete er Szenen des äußeren wie inneren Alltages seiner Bewohner, wobei er sich einerseits nicht scheute, die menschlichen Abgründe desselben aufzuzeigen und andererseits diese wiederum scharf zu kritisieren. Dieser dualistische Verelendungsprozess findet sowohl zwischen den Leuten statt, wie beispielsweise zu sehen am Umgang mit den Muselmännern, als auch in ihnen selbst. Der Kampf um die Bewahrung der eigenen Moral und Würde im Gegensatz zum bloßen Überlebensdrang stellen ein durchgehendes Motiv in Awrahams Texten dar: Strange ideas buzz through his miserable brain, the sweet aroma of bread tingles in his nostrils. The wild cry of hunger overwhelmes the boy, and he grabs the remainder of the dry bread and quickly

devours it, chocking with each bite. In a frightening voice, filled with bitterness and venom, logic demands: ''And what will you do tomorrow without bread? Tomorrow! Tomorrow!'' ''Do I have a tomorrow?'' The despairing child thinks. His common sense presents Eli with an even more difficult question: Tomorrow is tomorrow, but what about the day after tomorrow, you confused child!'' ''I was hungry'', the child explains in the imaginary dialogue. ''That's no reason. Do you want to be like your neighbor, Oppenheim?'' The child conjures up the sight of a walking corpse, skin and bones, his eye sockets empty and dead. ''No! No!'' A voice inside him cries. ''I don't want to die, I want to live, I want to say alive after the war too.'' [61]

Das Erwachsen werden, sich selbst in eine familiäre wie gesellschaftliche Rolle einfinden, Ausgleich erlangen zwischen Verantwortungen und an einen heran getragene Erwartungen zu erfüllen auf der einen, sowie eigene Freiheiten und Kreativität auszuleben auf der anderen Seite, spiegeln seine jugendliche Entwicklung wider. Dabei zeigte er sich sowohl durch sein Schreiben, als auch sein Handeln als sehr reif und durchdacht. In seinen Geschichten reflektierte er nicht nur die eigene Stellung als Kind, sondern versuchte stets, diese sowohl durch eine Elternperspektive, als auch eine neutralere Aussensicht zu erweitern und diese dann gegeneinander abzuwägen. Das Bemühen um Ausgewogenheit scheint sich auch in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen zu zeigen: Fühlte er sich auch innerlich gebrochen und hoffnungslos, so hielt die Liebe zu seiner Familie ihn doch am Leben. War er auch ein leidenschaftlicher Poet und Schreiber, der sich nach Verwirklichung des eigenen Potentials sehnte und durch die Teilnahme an einem geheimen Dichterkreis bewusst in große Gefahr brachte, so lag sein klares Hauptmerk doch auf dem Wohl seiner Mutter und Schwester, für die er bis zum Schluss bereit war, alles zu geben.

Literaturverzeichnis

Adelson, Alan/Lapides, Robert (Hgg.), Łódź Ghetto. Inside a community under siege, New York 1989.

Baranowski, Julian (Hg.), Kronika Getta Łódzkiego / Litzmannstadt Getto 1941-1944, Łódź 2009.

Cytrin, Avraham, Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz notebooks, Jerusalem 2005.

Deutsches Historisches Museum, ''Das Ghetto Lodz/Litzmannstadt'', <http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/lodz/> (12.03.2014).

Feuchert, Sascha (Hg.), Die Chronik des Gettos Lodz / Litzmannstadt, Göttingen 2007.

''Litzmannstadt Getto'', <http://www.lodz-ghetto.com/introduction.html,1> (12.03.2014).

Sierakowiak, Dawid, Das Ghettotagebuch des Dawid Sierakowiak. Aufzeichnungen eines Siebzehnjährigen 1941/1942, Leipzig 1998.

Simon, Marie, ''Das Wort Muselmann in der Sprache der deutschen Konzentrationslager'' In: Schoeps, Julius (Hrsg.): Aus zweier Zeugen Mund. Gerlingen 1992, S. 202–211.

Endnoten

[...]


[1] Avraham Cytrin, ''Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz notebooks'', Jerusalem 2005, S.7.

[2] Ebd. S.8.

[3] Ebd. S.234.

[4] Ebd. S.235-36.

[5] Ebd. S.237, 247-48.

[6] Ebd. S.247.

[7] Ebd. S.248.

[8] Ebd. S.249-250.

[9] Ebd. S.9.

[10] Die einzige Information zu dem Poeten-Club findet sich ebd. S.205.

[11] Kurzgeschichte ''We'', ebd. S.205-206.

[12] Ebd. S.240, 243, 255.

[13] Ebd. S.8.

[14] Ebd. S.235.

[15] Ebd. S.16-17, 238.

[16] Ebd. S.9.

[17] Ebd. S.17, 252-53.

[18] Für eine Auflistung der Veröffentlichungen siehe <http://db.yadvashem.org/library/list.html?generalTextSearchType=Literal&author=Cytryn++Abram&authorType=LITERAL&keywordType=Literal&language=en>.

[19] Siehe dazu den Text ''I'', Avraham Cytrin, ''Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz notebooks'', S.207-210.

[20] Ebd. S.38, Z.28-31.

[21] Ebd. S.26, Z.13-14.

[22] Ebd. S.26, Z.19-22.

[23] Ebd. S.27, Z.3-6.

[24] Ebd. S.64, Z. 22-28.

[25] Ebd. S.68, Z.8-12.

[26] Ebd. S.83, Z.14-26.

[27] Zum Thema Muselmänner siehe Marie Simon, ''Das Wort Muselmann in der Sprache der deutschen Konzentrationslager'' In: Schoeps, Julius (Hrsg.): Aus zweier Zeugen Mund. Gerlingen 1992, S. 202–211.

[28] Avraham Cytrin, ''Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz notebooks'', S.49, Z. 2-13.

[29] Ebd. S.30, Z.23-27.

[30] Ebd. S.47, Z.15-31.

[31] Ebd. S.50, Z.10-22.

[32] Ebd. S.31, Z.9-13.

[33] Ebd. S.174, Z.27-29.

[34] Ebd. S.177, Z.21- S.178, Z.13.

[35] Ebd. S.31, Z.21-25.

[36] Siehe ''Moishe the Snitch'', ebd., S.183-84.

[37] Ebd. S.190, Z.1-31.

[38] Ebd. S.69, Z.16-24.

[39] Ebd. S.93, Z.10-22.

[40] Ebd. S.107, Z.21-26.

[41] Ebd. S.119, Z.32- S.120, Z.27.

[42] Ebd. S.121, Z.12-14.

[43] Ebd. S.123, Z.23 - S.124, Z.15.

[44] Ebd. S.127, Z.19-25.

[45] Ebd. S.132, Z.12-24.

[46] ''Litzmannstadt Getto'', Kapitel ''Introduction'', <http://www.lodz-ghetto.com/introduction.html,1>.

[47] Deutsches Historisches Museum, ''Das Ghetto Lodz/Litzmannstadt'', <http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/lodz/>.

[48] Avraham Cytrin, ''Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz notebooks'', S.50, Z.3-6.

[49] Ebd. S.62, Z.26-29.

[50] Ebd. S.63, Z.22-26.

[51] Deutsches Historisches Museum, ''Das Ghetto Lodz / Litzmannstadt'', <http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/lodz/>.

[52] Deutsche Ausgabe: Sascha Feuchert (Hg.), ''Die Chronik des Gettos Lodz / Litzmannstadt'', Göttingen 2007. Polnische Ausgabe: Julian Baranowski (Hg.), ''Kronika Getta Łódzkiego / Litzmannstadt Getto 1941-1944'', Łódź 2009.

[53] Alan Adelson, Robert Lapides, ''Łódź Ghetto. Inside a community under siege'', New York 1989, S.6.

[54] Avraham Cytrin, ''Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz notebooks'', S.89, Z.1-10.

[55] Ebd. S.207, Z.1-22.

[56] Dawid Sierakowiak, ''Das Ghettotagebuch des Dawid Sierakowiak. Aufzeichnungen eines Siebzehnjährigen 1941/1942'', Leipzig 1998.

[57] Avraham Cytrin, ''Youth Writing Behind the Walls. Avraham Cytrin's Lodz notebooks'', S. 57, Z.19-25.

[58] Ebd. S.143, Z.1-15.

[59] Gedicht ''Without Humor'', ebd. S.224.

[60] Ebd. S.202, Z.13-24.

[61] Ebd. S.37, Z.18- S.38, Z.3.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (Buch)
9783656875130
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286576
Institution / Hochschule
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
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Schlagworte
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Titel: ''Youth Writing Behind the Walls'' von Awraham Cytrin. Ghetto-Literatur aus Łódź