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Der moralische und gesetzliche Wandel im Vampirismus

Seminararbeit 2014 23 Seiten

Deutsch - Erörterungen und Aufsätze

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Übertragung der eigenen Ängste und Sehnsüchte auf die Vampirfigur

2 Der moralische und gesetzliche Wandel im Vampirismus
2.1 Der anarchistische Einzelgänger
2.1.1 Das Monster aus dem Volksglauben
2.1.2 Der gnadenlose Edelmann in der Literatur
2.1.3 Filmische Adaption und Interpretation des Ur-Vaters der Vampire
2.1.4 Reflexion: Einordnung in die Gesellschaft und Schuldverständnis
2.2 Der humanisierte Vampir gruppiert sich: Die Wandlung zum individuell Guten
2.2.1 Organisation und Verhaltensprinzipien der Vampire
2.2.2 Gesetzesähnliche Konventionen und Pflichten
2.2.3 Kanonische Muster in Bezug auf den Umgang mit Menschen
2.2.4 Reflexion: Der innere Kampf um moralische Integrität
2.3 Der ambivalente Vampir als Teil einer komplexen Parallelgesellschaft
2.3.1 Organisation des Zusammenlebens und Hierarchiestrukturen
2.3.2 Gesetze in der Gemeinschaft und deren Durchsetzung
2.3.3 Der Vampir zwischen Begierde und Beherrschung: Ist der Mensch
Nachbar oder Nahrung?
2.3.4 Reflexion: „Same but not equal“
2.4 Vampire als metaphorischer Spiegel der menschlichen Gesellschaftsmoral

3 Bewertung der vampirischen Moral hinsichtlich des Gattungsegoismus 21

Quellenverzeichnis

1 Übertragung der eigenen Ängste und Sehnsüchte auf die Vampirfigur

„Die moderne Menschheit hat zwei Arten von Moral: eine, die sie predigt, aber nicht anwendet, und eine andere, die sie anwendet aber nicht predigt.

(Bertrand Russell (1872-1970), britischer Nobelpreisträger)

Das moderne Leben ist mittlerweile geprägt von dem Trend der zunehmenden Beschleunigung des Alltags und Anonymisierung des Gesellschaft. Klassische Werte, die in moderateren Zeiten vonnöten waren verlieren an Bedeutung oder werden durch Modeerscheinungen substituiert. Doch egal, was wir tagsüber im Alltag und Beruf darstellen... Sobald wir uns selbst reflektieren, stellen wir fest, dass sich an der Grundstruktur des Menschen nichts verändert hat. Wir werden nach wie vor beherrscht von inneren Triebe, Hoffnungen oder Sehnsüchten und gegängelt durch unsere Gedanken und Ängste. Die Übertragung dieser Motive auf die fiktive Gestalt des Vampirs ist im Grunde nur ein Projektionsautomatismus der eigenen Psyche. In gewissem Sinne schafft man sich für das, was im Alltag fehlt, im Traum, in Büchern und Bildern einen Ersatz. So beginnt der Adel auf dem Wege der Verhöflichung Ritterromane zu lesen, so sieht der Bürger Gewalttat und Liebesleidenschaft im Film.[1]

2 Der moralische und gesetzliche Wandel im Vampirismus

Der Vampir beweist seit über zweieinhalb Jahrhunderten anhaltende Präsenz in Büchern, Bildern, Filmen und Serien, in Werbespots, Kunst- oder Subkulturszenen. „Doch ausgerechnet die Beliebtesten der heutigen Untoten, wie zum Beispiel die Vampirfamilie Cullen aus der ‚Twilight-Saga‘, teilen nicht mehr als den Blutdurst mit dem Grafen Dracula.“[2] Der neue Trend der Mainstream-Unterhaltungsindustrie, Vampire als angepasste Beschützer der Moral in Erscheinung treten zu lassen, steht dabei in einer Tradition, welche bereits in der Romantik begann. Als lebende Tote waren Vampire, ähnlich wie heute, gleichzeitig Ausdruck und Regulativ breit geteilter gesellschaftlicher Ängste und Sehnsüchte.[3] Die Frage dieser Arbeit ist also eine zweifache: Welche evolutionären Veränderungen bezüglich des Moralverständnisses lassen sich am Vampir ablesen, und welche Auswirkungen haben diese auf seinen Platz in der Gesellschaft?

2.1 Der anarchistische Einzelgänger

2.1.1 Das Monster des Volksglaubens

„Der Vampir war im Volksglaube das Schlimmste, was einer Gemeinschaft, einem Dorf, einem Landstrich geschehen konnte. Eine Bedrohung für Leib, Leben, Hab und Gut, für die Seele! Ein Wesen [...] von einer bösen Macht, die die Lebenden heimsucht und sie vernichten“[4] will. Dennoch findet der Vampirroman gerade im 19. Jahrhundert großen Anklang, da er bei seinen Lesern einen angenehmen Grusel auslöst. Durch den Vampir wird der täglich präsente Schrecken der Realität, verursacht von Kriegen oder der Pest, auf etwas Übernatürliches ausgelagert. Mit dem Zuklappen des Buches wird die eigene, vergleichsweise heile Welt wieder hergestellt. Die überzeugende Darstellung des Schrecklichen in der Literatur fesselt den Leser emotional und vermag starke Affekte zu mobilisieren, während gleichzeitig die ontologische Distanz zwischen Fiktion und Realität gewahrt bleibt.[5] Eine Hauptquelle der sich verbreitenden Angst vor den Blutsaugern bildeten dabei historische Materialien über die Vampirpanik zu Beginn des 18. Jahrhunderts, die im Südosten des damaligen Habsburgerreiches aufkam. Von Gelehrten und Akademikern verfasste Werke aus dem Jahrhundert der Aufklärung bilden bis zum heutigen Tag eine wichtige Grundlage bei der Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Vampirismus.[6] „Der Vampir als Gestalt des Grauens rückte im Verlauf des 18. Jahrhunderts aus der vormodernen Glaubenswelt und aufklärerischen Wissenschaft mehr und mehr in die Fiktion von Sagen, Märchen und Schauerroman[en]“[7] und gipfelt schließlich in Bram Stokers ikonischer Vampirgestalt Dracula am Ende der romantischen Epoche.

2.1.2 Der gnadenlose Edelmann in der Literatur

Die bekannteste, vampirische Romanfigur ist sicherlich Bram Stokers Dracula (1897). Jedoch entstammt die erste Vampir-Erzählung ‚The Vampyre‘ den Gedanken John William Polidoris und erschien bereits im Jahre 1819, rund 80 Jahre früher. In dieser Geschichte wurde mit dem Charakter des Lord Ruthven der Typus des modernen männlichen Vampirs begründet.[8]

„Ein Vampir wird im Allgemeinen als übermäßig groß und hager, mit abstoßendem Äußeren und Augen beschrieben, in denen das rote Feuer der Verdammnis glüht; [... ] die Zähne weiß und glänzend und die Fangzähne, die er tief in den Hals seiner Beute schlägt, um dort die Lebensströme zu saugen, welche seinen Körper neu beleben und all seine Kräfte stärken, scheinen bemerkenswert scharf und spitz.“[9]

Doch Polidori veränderte die Vampirfigur des Volksglaubens, beschreibt seinen Vampir als prinzipiell menschlich und stattet ihn mit aristokratischen und vornehmen Zügen aus. Im Gegensatz zum häufig tier- und triebhaft wirkenden Wiedergänger des vormodernen Volksglaubens wurde der Vampir zum monströsen, jedoch auch menschlichen und intelligenten Wesen. Der Leser konnte zusätzlich zu Angst und Ablehnung nun auch Anziehung und Mitleid für den Vampir empfinden. Zudem erhob Polidori den Vampir erstmalig in den gebildeten Adelsstand und übertrug den Vampirismus somit auf einen gebildeten Angehörigen der Oberschicht.[10] Obwohl Lord Ruthven ein böser Charakter ist, bietet er dem Leser durch seinen Habitus mehr Identifikationsmöglichkeiten als das unrationale Monströse. „Der Keim des [...] ‚sympathischen Vampirs‘ ist also bereits bei Polidoris ‚The Vampyre‘ gesät worden.“[11]

„Auf Polidoris Geschichte folgte bereits der erste Vampir in Serienproduktion. Es ist der Titelheld und Namensgeber des penny dreadful ‚Varney the Vampire‘, erschienen in den Jahren 1845-1847, auch bekannt unter dem Titel ‚Feast of Blood‘ “[12] Der Titelheld der Serie ist Sir Francis Varney, der sich als Vampir von Blut ernährt und im Laufe der Handlung von Prest subtil als Opfer unglücklicher Umstände dargestellt wird. Varney versucht sich selbst zu erlösen, die Schuldgefühle aufgrund seiner zahlreichen Morde veranlassen ihn jedoch dazu, sich am Ende der Serie in den Vulkan Vesuv zu stürzen.[13] Varney, dem es nicht gelingt, von seinem moralisch verwerflichen und durch Triebe beherrschten Zustand befreit zu werden, eröffnet bereits die tiefe Verbindung des Vampir mit dem Genre des Melodramas, eine Verbindung, die für die heutige Darstellung des romantischen Vampirs unerlässlich ist.

Sowohl Polidoris, als auch Prests Romane werden allerdings durch die Legende des Grafen Dracula (1897) aus der Feder des Iren Bram Stoker verdrängt, der „den Untoten aus dem Volksglauben des slawischen Europas in die Mitte der modernen Gesellschaft [holt]. Hier thront er bis heute an der Spitze der Vampirhierarchie, seine Anziehungskraft scheint keinem Verfallsdatum unterworfen.“[14] Graf Draculas äußere Erscheinung, welche noch heute als „klassisches Vampirbild“ angesehen wird, entspricht ebenfalls der eines adeligen Edelmannes. Seine herausragendsten Merkmale sind funkelnde Augen und Blässe, eiskalte Hände, volle rote Lippen, prominente und besonders weiße Zähne, spitze Fingernägel, dunkles volles Haar und schwarze Kleidung.[15]

Zudem schlägt Stoker ganz bewusst eine Brücke vom Vampirismus zur menschlichen Gesellschaft, indem er Draculas morbider Faszination für das Leben und Sterben der Menschen explizit Ausdruck verleiht: „Ich sehne mich danach, in den dichtbelebten Straßen Ihres ungeheueren London zu promenieren, mitten in dem Getriebe und Gewühle der Menschen, teilzunehmen an ihrem Leben, ihren Schicksalen, ihrem Sterben.“[16] Die bewusste Einbindung der Menschen als potentielle Opfer eines intelligenten und gnadenlosen Jägers dient im Falle Draculas der Steigerung des Horroreffekts, während das neue, ansprechendere Äußere Opfer und Leser in einen Zwiespalt zwischen Anziehung und Abscheu gegenüber der Figur versetzen.

[...]


[1] vgl. Elias: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, S. 341

[2] Gielas: Blutsaugen mit Motiv - Von Nagern und Teenagern. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ geisteswissenschaften/blutsaugen-mit-motiv-von-nagern-und-teenagern-1910001p2.html?printPaged Article=true#pageIndex_2

[3] Tegethof: Blutsauger, Nachzehrer und andere Untote - Eine kurze Kulturgeschichte des Vampirs. URL: http://parapluie.de/archiv/arbeit/vampir/

[4] o.V.: Die Zeit der Kuschelvampire ist angebrochen. URL: http://www.welt.de/8446425

[5] vgl. Hötte: Der mythische und der moderne Dracula - Vampirismus bei Bram Stokers Dracula und in dem Fall des Fritz Haarmann, dem „Vampir von Hannover“, im Vergleich, S. 31

[6] vgl. Borrmann: Vampirismus: Der Biss zur Unsterblichkeit, S. 17

[7] Tegethof: Blutsauger, Nachzehrer und andere Untote - Eine kurze Kulturgeschichte des Vampirs. URL: http://parapluie.de/archiv/arbeit/vampir/

[8] vgl. Recht: Der sympathische Vampir - Visualisierungen von Männlichkeiten in der TV-Serie Buffy, S. 87f.

[9] Borrmann: Vampirismus: Der Biss zur Unsterblichkeit, S. 17

[10] vgl. Tegethof: Blutsauger, Nachzehrer und andere Untote - Eine kurze Kulturgeschichte des Vampirs. URL: http://parapluie.de/archiv/arbeit/vampir/

[11] Recht: Der sympathische Vampir - Visualisierungen von Männlichkeiten in der TV-Serie Buffy, S. 88

[12] vgl. Recht: ebd .

[13] vgl. Prest: Varney the Vampire or The Feast of Blood

[14] Gielas: Blutsaugen mit Motiv - Von Nagern und Teenagern. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ geisteswissenschaften/blutsaugen-mit-motiv-von-nagern-und-teenagern-1910001.html

[15] vgl. Stoker: Dracula

[16] Stoker: ib ., S. 28

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656867159
ISBN (Buch)
9783656867166
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286468
Note
1
Schlagworte
wandel vampirismus

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