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Textbesprechung eines Auszugs von Erving Goffmanns "Interaktionsrituale"

Exzerpt 2008 3 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Textbesprechung

Erving Goffman: Interaktionsrituale Frankfurt/Main 1971, daraus:

„Techniken der Imagepflege. Eine Analyse ritueller Elemente in sozialer Interaktion“ S. 10-53

Werfel, Sebastian

04.12.2008

Erving Goffman beschäftigt sich mit der Analyse ritueller Elemente in seinem Buch „Interaktionsrituale“, unter Berücksichtigung der sozialen Interaktion.

Seine Grundthese bezieht sich auf bestimmte Strategien, welche Individuen ausüben, um bestimmte soziale Begegnungen mit anderen Menschen zu meistern (s.S. 10 „jedem dieser Kontakte versucht er eine bestimmte Strategie im Verhalten zu verfolgen“). Diese Strategie wird durchaus unbewusst ausgeführt, wobei die Identitäten der einzelnen Personen und die jeweilige Beziehung des einen Individuums zu den übrigen Menschen berücksichtigt werden sollten, sodass sich die eigentlich persönlich verfolgte Strategie im Laufe einer Konversation ändert, oder generell überarbeitet werden sollte. Doch wie viele differenzierte Strategien sollte jeder Einzelne von uns parat haben, um jede Situation in einem vorzufindenden Interaktionsmodell auch effektiv lösen zu können?

Goffman geht auf diese Problematik ein, indem er verschiedene Problemstellungen anspricht und diese Probleme in dem Abschnitt die „Techniken der Imagepflege“ auflöst und Reiz-Reaktions- Verhaltensschemata vorgibt. Beispielsweise geht er davon aus, dass sich Interaktionsmitglieder unterschiedlich gut kennen und verschiedene Eigenschaften bzw. Wertvorstellungen besitzen (s.S. 12 „wenige seiner Eigenschaften bekannt sind“).

Es existiert laut Goffman ein permanenter Zweifel der Interaktionsgruppe, über die verbreiteten Aussagen des vermeintlich Unbekannten (s.S. 12 „dass er absichtlich den falschen Eindruck erwecke“). Der Einzelne könnte in einer Gruppe, bestehend aus Unbekannten, das Mittel der Hochstapelei missbrauchen und sich somit einen individuellen Vorteil verschaffen. Goffman unterscheidet in diesem Zusammenhang zum einen Menschen, welche ein „falsches Image“ besitzen, das heißt, dass dieselbigen keine Möglichkeit besitzen ihre eigene Strategie durchzusetzen unter Berücksichtigung Ihrer Bekanntheit im Gruppenmilieu (s.S. 13 „nicht in die von ihm verfolgte Strategie integriert werden können“) und zum anderen Menschen, welche gar kein Image besitzen und somit auch mit keinen Verhaltensweisen auf bestimmte Situationen reagieren können (s.S. 13 „Verhaltensstrategien bereit zu haben, wo mein selbst kein Verhältnis zur Situation gewinnt“).

Falls ein jeder von uns eine Interaktion bemerkt, in welcher ein Einzelner kein offentsichtliches Image besitzt und sich deshalb nicht traut auf bestimmte Situationen zu reagieren, können wir ihm anhand von non-verbalen Verhaltensweisen signalisieren, wie er sich verhalten sollte, um einer Gruppe gerecht zu werden. Diesen Aspekt begründet Goffman mit mimischen und gestischen Verhaltensweisen (s.S. 17 „zeitweilig Lippenbekenntnisse in bezug auf Beurteilungen zu machen“) und stellt dieses Problem als gelöst in den Raum, falls er die oben genannten Verhaltensweisen der Interaktionsmitglieder richtig interpretiert und korrekt einstuft (s.S. 19 „und wie er vielleicht die ihren interpretieren sollte“). Gehen wir davon aus, dass jeder Mensch differenzierte mimische und gestische Äußerungen besitzt, um andere Menschen auf deren Fehlverhalten hinzuweisen. Wie soll dieser Mensch die Rettungshandlungen der übrigen Gruppenmitglieder wahrnehmen, wenn er diese Verhaltensweisen falsch interpretiert und sich somit in seinem eigenen Verhalten bestätigt fühlt? Daraufhin gerät der Unbekannte in eine Art Selbstschutzmechanismus, indem er sich von der übrigen Gruppe abgrenzt, um seine eigene Identiät zu bewahren.

Goffman unterteilt die Beleidigungsformen in drei unterschiedlich starke Stufen (s.S. 20 „faux pas..., offene Beleidigungen..., zufällige Beleidigungen“). Doch wie lassen sich zufällige Beleidigungen vermeiden, wenn wir nicht wissen, wie stark die jeweilige Beleidigungsreizschwelle der Interaktionsmitglieder ausgeprägt ist?

Dies ist abhängig von der Identität des Einzelnen und vor allem von seiner hierarchischen Position innerhalb einer Gruppe. Der Gruppenleader kann sich keine Beleidigung durch Außenstehende leisten, weil er in jedem Augenblick seiner Rolle in der Gruppe gerecht werden muss und keine Zweifel an seiner Identität zulassen darf.

Es gibt diverse Vermeidungsstrategien, welche Goffman als „Defensivpraktiken“ bezeichnet, um Bedrohungen des Images aus dem Wege zu gehen (s.S. 21 „Bedrohungen des Images zu vermeiden, ist Kontakten aus dem Weg zu gehen“).

Die defensive Taktik ist für Goffman erfolgreich, wenn man in einem günstigen Moment das Gesprächsthema und den damit verbundenen Handlungsverlauf bewusst ändert. Meiner Ansicht nach, kann diese Defensivstrategie zur Verblassung der eigenen Identität führen. Durch das selbst gewählte passive Verhalten, führt ein Themawechsel zu einer Art Unhöflichkeit gegenüber den anderen Interaktionsteilnehmern, welche voraussichtlich ihr Diskussionsthema noch nicht beendet haben. Vor allem kennt der Einzelne die Interessensgebiete der anderen Member keineswegs so tiefgründig, dass er zuversichtlich ein geeignetes Thema wählen kann ohne sich selbst die Frage zu stellen, ob dieses Thema überhaupt mit den Interessen der anderen übereinstimmen kann.

Goffman erkennt die Wichtigkeit diverse Situationen so zu definieren, dass vor allem die Selbstachtung der Teilnehmer nicht gefährdet wird (s.S. 23 „Selbstachtung nicht bedroht ist), auch wenn ein Verlust für den Einzelnen entsteht.

Ein Erlebnis, beispielsweise der plötzliche Tod eines geliebten Menschen, kann lediglich von unmittelbaren Bezugspersonen berücksichtigt werden, welche die jeweils vorherrschende emotionale Situation des Einzelnen kennen. Die Bezugspersonen zeigen dementsprechend Verständnis für ungewollte emotionale Ausbrüche des Opfers (s.S. 24 „schützend von ihm oder seiner Handlung einen Augenblick ablenken“), doch Goffman beschreibt keineswegs das Reaktionsverhalten von unbekannten Personen, welche sich nicht mit den Verhalten des Opfers identifizieren können. Er fixiert sich stetig an der positiven Entwicklung markanter Situationen und gibt auch Reaktionsschemen (s.S. 28 „korrektiven Prozesses“) vor, welche in seinem Sinne sämtliche Problematiken innerhalb der Gruppe lösen. Er bezieht sich meiner Ansicht nach zu stark auf die jeweiligen Interaktionspartner und vernachlässigt die individuellen Identitäten, sodass er nur optimal verlaufende Reaktionsschemen entwickeln kann, welche negative Rückschläge nicht kompensieren können und wirkungslos werden.

Der Selbstmord ist ein Interaktionsmodell bezüglich der Kontrolle über andere. Goffman erkennt diese Problematik (s.S. 30 „Schuld, Gewissensbisse und andauerndes rituelles Ungleichgewicht zu empfinden“), erläutert jedoch kein Verhalten, wie man mit einem Selbstmordgefährdeten umzugehen hat. Dieser Aspekt ist für mich zur Bewahrung der eigenen Identität mehr als notwendig, falls der zukünftige Lebensablauf nicht von Selbstvorwürfen geprägt sein sollte. Goffman erkennt die Möglichkeit, dass jeder Zuhörer durch individuelle Verhaltensweisen auf den Erzähler beleidigend wirken kann (s.S. 45 „verrückt oder beleidigend hält mit dem, was er gesagt hat“). Als Diskussionsfrage würde ich anbringen: „Kann ich mir es heut zu Tage überhaupt noch leisten ein Gespräch zu beginnen, ohne die Eigenschaften meiner Interaktionspartner zu kennen?“ und „An welchen Signalen einer Gruppe kann ich Ihr als Individuum ein spezielles Image zuordnen?“

[...]

Details

Seiten
3
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656867043
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286440
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,3
Schlagworte
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Autor

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