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"Lokomotive" der Industrialisierung? Rahmenbedingungen, wirtschaftliche und verkehrstechnische Entwicklung in Großbritannien bis 1870

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Englisch - Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rahmenbedingungen der Industriellen Revolution

3 Leitsektoren der Industriellen Revolution

4 Das traditionelle Verkehrssystem in Großbritannien

5 Die Eisenbahn als neuer Verkehrsträger
5.1 Die Anfänge und Motive des Eisenbahnbau s
5.2 Der Streckennetzausbau und die gesamtwirtschaftliche Bedeutung

6 Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

1 Einleitung

1830 wurde die erste komplett dampfbetriebene Eisenbahnstrecke im Britischen Empire zwischen Liverpool und Manchester eröffnet. 21 Jahre später demonstrierte Groß- britannien auf der ersten Internationalen Weltausstellung in London 1851 seine technolo- gische Überlegenheit gegenüber den anderen Nationen. Dafür wurde eigens der Crystal Palace, ein Palast aus Eisen und Glas, im Hyde Park errichtet. Die „Werkstatt der Welt“ war zu diesem Zeitpunkt die reichste, am schnellsten wachsende, industrialisierteste und urbanisierteste Nation der Welt.1 Im Folgenden werden die Rahmenbedingungen zu Be- ginn der Industriellen Revolution sowie die wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Entwicklungen in Großbritannien bis 1870 anhand verschiedener Thesen betrachtet. (1) Die Vielzahl günstiger Rahmenbedingungen ermöglichte den Beginn der Industriellen Re- volution in Großbritannien. Dazu werden in Kapitel Zwei die wesentlichen Faktoren aufge- zeigt, die den Take-off im Mutterland der Industrialisierung begünstigt haben. (2) Die briti- sche Baumwollindustrie gab die Initialzündung und wurde der erste Leitsektor. Im An- schluss wird auch auf die Eisenindustrie, als weiterer Leitsektor, näher eingegangen. Im Schwerpunkt der Arbeit steht die verkehrstechnische Entwicklung bis 1870, insbesondere der Eisenbahnbau. Hierzu beschäftigt sich Kapitel Vier zuerst mit den traditionellen Ver- kehrsträgern vor dem Eisenbahnzeitalter. (3) Die Kanäle waren für den voreisenbahn- lichen Güterverkehr elementar. Ebenso wird auf die Rolle der Straßen eingegangen. (4) Der ab 1830 einsetzende Beginn des Eisenbahnzeitalters revolutionierte das bisherige Verkehrssystem und hatte nennenswerten Einfluss auf die Gesamtwirtschaft. Hierzu wer- den im fünften Kapitel zu Beginn die Anfänge der Eisenbahn dargestellt und die Hauptmo- tive für deren Bau untersucht. Anschließend wird auf den Streckenausbau und die Bedeu- tung für die Gesamtwirtschaft eingegangen. Dabei werden Vergleiche mit der Eisenbahn in Deutschland aufgestellt. Die gesamte Themenstellung ist in der Literatur umfassend und zum größten Teil einstimmig erforscht. Kontroversen gibt es bezüglich der Aussagen Rostows zu den Leitsektoren sowie zum genauen Einfluss der Eisenbahn auf die Ge- samtwirtschaft.

2 Rahmenbedingungen der Industrielle Revolution

Die Industrielle Revolution in Großbritannien begann in der 2. Hälfte des 18. Jahr- hunderts und war ein umwälzender, aber recht langsam verlaufender Prozess. Die Ent- wicklung zahlreicher technischer Innovationen und deren rasche Verbreitung führten zu einer entscheidenden Veränderung der bisherigen Produktionsmethoden. Neben den technischen Innovationen, die durch wechselseitige Wirkungen wiederum Neuerungen in Gang setzten, ermöglichte ein Komplex günstiger Faktoren den Beginn der Industriellen Revolution in Großbritannien.2

Die britische Nation entstand im Jahre 1707 mit dem „Act of Union“, der die Königreiche England und Schottland zum Königreich Großbritannien vereinte. Es gab somit frühzeitig einen einheitlichen Wirtschaftsraum, der von einem einzigen Parlament regiert wurde. Wichtigstes politisches Unterscheidungsmerkmal zu anderen Nationen war die Regie- rungsform. Seit der Glorreichen Revolution von 1688/89 etablierte sich eine konstitutionel- le Monarchie, in der das Parlament zunehmend an Macht gewann, während Kontinental- europa absolutistisch geprägt war. Unter anderen initiierte, billigte oder veränderte das Parlament eine Vielzahl von privaten, lokalen und nationalen Gesetzesvorlagen wie den Bau von Straßen, Kanälen, Häfen oder Eisenbahnen, die die verkehrstechnische und wirtschaftliche Entwicklung betrafen.3 Die Industrielle Revolution ging einher mit einer starken Bevölkerungszunahme und einer zunehmenden Verstädterung. Von 1750 bis 1850 stieg die Bevölkerung Großbritanniens etwa um das Zweieinhalbfache von 7,5 Mio. auf 18 Mio. Menschen. Während um 1700 nur 17 % der englischen Bevölkerung in Städ- ten lebte, waren es um 1800 bereits 27,5 % und gegen 1870 knapp zwei Drittel. Das Be- völkerungswachstum und die Verstädterung schritten zu dieser Zeit in Europa nirgendwo schneller voran. Die Metropole London war seit 1800 die größte Stadt der Welt und wurde erst 1925 durch New York abgelöst.4 Im 18./19. Jahrhundert stieg Großbritannien zudem zur größten See- und Handelsmacht auf und etablierte sich als führende Kolonialmacht. Der aufkommende Welthandel erschloss für Großbritannien neue Exportmärkte und liefer- te zudem günstige Rohstoffe.5 Einen entscheidenden Beitrag zur Industriellen Revolution lieferte die einheimische Landwirtschaft. Es existierte bereits eine kapitalistische, gewinn- und marktorientierte Landwirtschaft mit hoher Kapitalkraft. Die adeligen Grundbesitzer verpachteten ihr Land langfristig an Pächterbauern, welche Lohnarbeiter beschäftigten. Verbesserte Anbaumethoden und neue Techniken sowie Kapitalinvestitionen in Projekte zur Neugewinnung von Land, Rodung und Trockenlegung erhöhten die landwirtschaftliche Produktivität und Anbaufläche. Berechnungen zu Folge lag die körperliche Produktivität eines männlichen britischen Landarbeiters 50 % über der seines französischen Kollegen und war sogar doppelt so hoch wie in Deutschland. Die britische Landwirtschaft konnte dadurch die Nahrungsmittelbedürfnisse der schnell wachsenden und verstädternden Bevölkerung fast vollständig befriedigen. Gleichzeitig sank der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Menschen.6

3 Leitsektoren der Industriellen Revolution

Nach W.W. Rostow fällt dem Aufbau eines ersten Leitsektors eine Schlüsselrolle für die Initialzündung der Industriellen Revolution zu. Dies ist auch unter dem Begriff Take-off bekannt. Doch Rostow ist nicht unumstritten. Seine Theorie bezüglich der Dauer des Take-off und der Bruttoinvestitionsquote während dieser Phase wurde viel kritisiert und musste schließlich aufgegeben werden.7 Die Bruttoinvestitionsquote blieb in Großbritanni- en mit 6 % um 1760 und 8 % um 1800 unter der Schwelle von 10 %, die Rostow für einen erfolgreichen Take-off als unabdingbar angenommen hatte.8 Herausragende und wir- kungsreiche Erfindungen mit hohen Produktivitätspotentialen wurden seit den 1760er Jah- ren in der britischen Baumwollindustrie erzielt. Es entstanden neue Formen der Produkti- on. Produktivität und Kapazität wurden deutlich erhöht. Die Baumwollindustrie entwickelte sich zum ersten Leitsektor der Industriellen Revolution und erlangte in der Gesamtwirt- schaft ein solches Gewicht, dass von ihr starke Ausbreitungseffekte auf die übrige Wirt- schaft ausgingen.9

Zur damaligen Zeit ging das Weben mit dem Webstuhl schneller als das Spinnen mit dem Spinnrad, das zu einem Engpass bei der Garnproduktion führte. Neue Maschinen wie James Hargreaves Spinnmaschine „Spinning Jenny“ 1764, Richard Arkwrights hydrauli- sche Flügelspinnmaschine „Waterframe“ 1769 und Samuel Cromptons Mulespinnmaschine „Mule“ 1779 vergrößerten die Garnmenge und Garnqualität. Zu- nächst ließen sich die Spinnmaschinen per Hand, mit Pferde- oder Wasserkraft antreiben, später erfolgte der Einsatz von Dampfmaschinen. Um die Wende zum 19. Jahrhundert überflügelte schließlich die Baumwollindustrie in ihrer Gesamtproduktion die Wollindustrie, welche jahrhundertelang die wichtigste britische Gewerbebranche war. Der Aufstieg der Baumwollindustrie mit seiner hochproduktiven, relativ kapitalintensiven Fabrikproduktion von Garn führte parallel zu einer gewaltigen Ausdehnung der Handweberei im dezentrali- sierten Verlagsgewerbe. Vor allem der handarbeitende Gewerbezweig bot viele Arbeits- plätze für Menschen, die in der Landwirtschaft keine Beschäftigungsmöglichkeit mehr fanden. Der ständig steigende Bedarf an Rohbaumwolle wurde durch Importe aus Indien, mittels der British East India Company, und vor allem von den nordamerikanischen Baumwollplantagen gedeckt. Der 1785 von Edmund Cartwright erfundene mechanische Webstuhl setzte sich erst nach entscheidenden Verbesserungen in den 1820er Jahren durch und verdrängte zunehmend die Handweberei.10

Die zweite in Großbritannien durch Innovationen modernisierte Industrie war die Eisenin- dustrie. Großbritannien war reich an Steinkohle und Eisenerz, dessen Lagerstätten eng beieinander lagen, jedoch arm an Holz. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde aus- schließlich Holzkohle zur Eisenherstellung verwendet, sodass die Produktion stagnierte. Der Ausweg war die Verhüttung von Eisenerz mittels Steinkohlenkoks. Dieses Verfahren wurde zuerst 1709 durch Abraham Darby praktiziert. Das Resultat des neuen Herstel- lungsverfahrens galt aber lange Zeit als zu unsicher und zu schlecht, sodass es nur lang- sam Verbreitung fand. Ebenso hatte es anfangs nur einen bescheidenen Kostenvorteil. Verbesserungen im Herstellungsverfahren sowie der Einsatz von dampfbetriebenen Ge- bläsen (1776 durch John Wilkinson) ermöglichten eine hochwertigere und kostengünstige- re Herstellung von Eisen und Stahl mittels Koks. Wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Eisenqualität leistete Henry Cort. Er erfand 1783 das mechanische Walzverfahren und 1784 das Puddelverfahren zur Herstellung von Schmiedeeisen (Stahl) aus Roheisen. Die britische Eisenerzeugung vervielfachte sich innerhalb weniger Jahrzehnte und war um 1800 die größte und effizienteste in Europa, obwohl sie nahezu im gesamten 18. Jahr- hundert hinter der Eisenindustrie Schwedens, Frankreichs und Russlands zurücklag. Die Eisenindustrie entwickelte sich zum Großabnehmer für Kohle. Der zunehmende Ver- brauch von Kohle aufgrund des technisch-wirtschaftlichen Wandels und die Ermöglichung größerer Fördermengen wiederum aufgrund technischer Neuerungen zeigen, wie sich Wachstumsanstöße wechselseitig bedingten. Die Entwicklungen im Kohlebergbau und der Eisenindustrie waren bereits vor dem Eisenbahnzeitalter enorm. Dies verdeutlichen die Zahlen zur Kohleförderung und Eisenproduktion in Tabelle 1 und 2. Betrachtet man die Zeitspanne zwischen 1770 und 1850 gesamtwirtschaftlich hinsichtlich ihrer Vorwärts- und Rückwärtskopplungen, so nimmt die Eisenindustrie sogar einen größeren Stellenwert ein als die Baumwollindustrie.11

[...]


1 Vgl. Deane, P. (1998), S. 36; Roth, R. (2005), S. 21-23.

2 Vgl. Buchheim, C. (1994), S. 45; Deane, P. (1998), S. 33.

3 Vgl. Deane, P. (1998), S. 38.

4 Vgl. Buchheim, C. (1994), S. 49; Deane, P. (1998), S. 46-48.

5 Vgl. Deane, P. (1998), S. 44-45; Niedhart, G. (1993), S. 422-424.

6 Vgl. Buchheim, C. (1994), S. 49-52; Deane, P. (1998), S. 50-55.

7 Vgl. Hahn, H.-W. (1998), S. 107-108; Hentschel, V. (1993), S. 201.

8 Vgl. Buchheim, C. (1994), S. 59.

9 Vgl. Hahn, H.-W. (1998), S. 107-108.

10 Vgl. Buchheim, C. (1994), S. 55-56; Deane, P. (1998), S. 33-34; Niedhart, G. (1993), S. 429-431.

11 Vgl. Buchheim, C. (1994), S. 56-57; Fremdling, R. (1986), S. 25; 43-44; Niedhart, G. (1993), S. 432-434.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656866824
ISBN (Buch)
9783656866831
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286402
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Eisenbahn England Industrialsierung 19. Jahrhundert Industrielle Revolution Lokomotive Leitsektoren Verkehrssystem Dampfmaschine Verkehrsträger Liverpool Manchester

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