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Gewalt in den Medien. Auswirkungen und Theorien zur Entstehung von Gewalt

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mediensozialisatorische Ansätze

3. Theorien zur Erklärung der Wirkung von TV-Gewalt
3.1 Lerntheorie
3.2 Habitualisierungstheorie
3.3 Rechtfertigungsthese
3.4 Arousal-Konzept
3.5 Stimulationstheorie
3.6 Kultivierungstheorie
3.7 Katharsistheorie

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Theorien und Mechanismen zur Wirkung von TV-Gewalt

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit thematisiert die Wirkung von gewalthaltigen TV-Filmen auf Jugendliche. Unter Berücksichtigung der klassischen Theorien der Medienwirkungsforschung soll der Frage nachgegangen werden, ob Gewaltfilme einen Auslöser für Gewalt von Jugendlichen darstellen.

Im Folgenden wird zunächst untersucht, welche grundsätzliche Rolle Medien bei Jugendlichen einnehmen, woraus sich erste Rückschlüsse ergeben, weshalb die Rezipierung von Medieninhalten eine andere Wirkung auf Jugendliche haben kann als auf erwachsene Menschen. Anschließend werden die Theorien zur Erklärung der Wirkung von TV-Gewalt vorgestellt und auf Jugendliche übertragen. Die Übertragung erfolgt dabei entweder über die Berücksichtigung von Aspekten, die die spezifische Situation von Jugendlichen determinieren, oder anhand von Studien, die die verschiedenen Theorien in Bezug auf Jugendliche empirisch untersuchten. Besondere Beachtung erhält die Katharsistheorie, die im Gegensatz zu den anderen Theorieansätzen von einer positiven Wirkung der TV-Gewalt ausgeht. Die Katharsistheorie ist innerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung höchst umstritten.

2. Mediensozialisatorische Ansätze

Ansätze der Mediensozialisation proklamieren Medienwirkungen auf Kinder und Jugendliche in dem Sinne, dass die Medien – neben Familie, Schule und den Peer-groups - eine weitere Instanz bilden, die den Sozialisationsprozess entscheidend prägen. Die Abnahme der Sozialkontrolle der Nachbarschaften in individualisierten Gesellschaften geht damit einher, dass Normen, Werte, Verhaltensweisen und Wissensbestände in verstärktem Maße über Medien vermittelt werden. In Bezug auf die komplexe Medienwelt stehen Jugendliche vor der Aufgabe, sich Medienkompetenz anzueignen, die es ihnen befähigt, Medien für sich zu nutzen und sie kreativ und sinnvoll im Alltag zu nutzen. Dabei stellt sich die Frage, ob Kinder und Jugendliche nicht durch das breite Medienangebot überfordert werden oder ob sie in der Lage sind, die Informationsfülle zu verarbeiten.[1] Auch ist die Frage relevant, ob „die noch in ihrer kognitiven, moralischen, emotionalen und physischen Entwicklung stehenden Kinder und Jugendlichen die notwendigen Wahrnehmungskompetenzen und die kognitive und moralische Urteilskraft besitzen, um die Künstlichkeit, Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit, Vielschichtigkeit und Permanenz von Information durch ständige Medienkonfrontation für sich sinnvoll in einen Zusammengang zu bringen“[2].

Kennzeichnend für den jugendlichen Konsum von TV-Gewalt ist die gemeinschaftliche Einbindung der Rezipierung. Hierbei steht nicht nur das gemeinsame Schauen im Mittelpunkt, sondern auch der „fachliche Austausch sowie die Möglichkeit, sich als Experte und trendaffiner Teenager zu positionieren“[3]. Durch das gemeinschaftliche Rezipieren erhöht sich zum einen die Faszination, zum anderen wird das Dargestellte leichter konsumierbar.[4]

3. Theorien zur Erklärung der Wirkung von TV-Gewalt

In Bezug auf die Wirkung von Medien- bzw. TV-Gewalt existieren diverse Theorien, die jedoch immer nur einen Teilaspekt berücksichtigen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Wirkung von Mediengewalt auf der kognitiven, affektiven und sozialen Ebene auftreten kann.[5] Oswald (2006) weist darauf hin, dass es zwar unterschiedliche Theorien zur Wirkung von TV-Gewalt gibt, in manchen Punkten jedoch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ein breiter Konsens bestehe. So würde Einigkeit darüber herrschen, dass generelle Aussagen nicht möglich sind, weil „das komplexe Wechselwirkungsverhältnis zwischen dem Rezipienten, seiner Motivation und Bedürfnislage sowie der Darstellung der Gewalt berücksichtigt werden müsse […]“[6]. Auch sei unzweifelhaft, dass Gewaltdarstellungen unter bestimmten Voraussetzungen negative Auswirkungen haben.[7]

Einen Überblick über die wichtigsten theoretischen Ansätze gibt Tabelle 1. Die darin enthaltenen Theorien werden dann im Anschluss erörtert.

Tabelle 1: Theorien und Mechanismen zur Wirkung von TV-Gewalt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Quelle: eigene Darstellung auf Grundlage von Bonfadelli (2004), S.269

3.1 Lerntheorie

Die Lerntheorie beschreibt aggressionssteigernde Wirkungen als eine Folge von Lernprozessen. Menschen im Allgemeinen und Kinder im Besonderen erwerben Verhaltensweisen durch Beobachtung eines medialen Modells. Ob sie dann das erlernte Verhalten auch tatsächlich umsetzen, hängt aber von verschiedenen Variablen ab, so unter anderem auch davon, welche Konsequenzen aggressives Verhalten für das Modell oder den Beobachter hat. Die Ausführungen des erlernten Verhaltens sind dann wahrscheinlich, wenn der Beobachter durch die Imitation des Verhaltens eine positive Reaktion seiner Umwelt erhofft.[8] In Bezug auf die Lerntheorie muss grundsätzlich zwischen den Prozessen der Aneignung und Ausführung unterschieden werden. Ob gelernte aggressive Verhaltensweisen auch tatsächlich umgesetzt werden, ist nicht nur vom medialen Modell und somit von zusammenhängenden Aspekten wie Identifikation, Realitätsnähe oder Belohnung abhängig, sondern gleichsam von Persönlichkeitsfaktoren, vom sozialen Kontext und der aktuellen Situation (z.B. erlebte Frustrationen nach der Rezeption von Fernsehgewalt).[9] Vertreter der Lerntheorie gehen davon aus, dass Gewaltszenen im TV insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu unerwünschten Lerneffekten führen. Durch die Medien erhalten Kinder und Jugendliche latente Handlungsmuster, die unter gewissen Umständen in tatsächliches Verhalten umgesetzt werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass die latenten Handlungsmuster bei Kindern und Jugendlichen öfters zum Vorschein kommen als bei Erwachsenen, da die Verhaltensmuster von Kindern und Jugendlichen noch stärker geprägt werden können.[10]

Die Lerntheorie ist empirisch gut belegt, allerdings nur hinsichtlich von kurzfristigen Effekten. Aus vielen Laborexperimenten geht hervor, dass durch teilnehmende Beobachtung von TV-Gewalt aggressive Verhaltensweisen tatsächlich erlernt und nachfolgend auch ausgeübt werden.[11]

3.2 Habitualisierungstheorie

Die Habitualisierungsthese geht davon aus, dass nicht etwa ein einzelner Film in der Lage ist, bei einem Rezipienten aggressionssteigernde Wirkung zu erzielen. Erst dann, wenn der Rezipient immer wieder ähnliche gewalthaltige Filme mit einem gleichen immer wiederkehrenden Muster sieht, wird eine Wirkung dahingehend vermutet, dass sich ein Gewöhnungseffekt gegenüber der gezeigten Gewalt einstellt und der Rezipient nach einiger Zeit weniger emotionale Erregung zeigt, als beim ersten Betrachten des aggressiven Films.[12] Demnach führt ein permanentes Vorhandensein von Gewalt im TV zu einer Desensibilisierung im Sinne einer Abstumpfung. Durch das von den Medien vermittelte Bild, dass Gewalt etwas Normales sei, wird in längerfristiger Perspektive das Mitgefühl mit den Opfern von Gewalt herabgesetzt. Durch die nun niedere Hemmschwelle gegen Gewalt erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass gelernte Gewaltmuster auch ausgeführt werden.[13]

In einer von William A. Belson durchgeführten Langzeitstudie konnte jedoch kein Zusammenhang zwischen einem langfristigen Konsum von TV-Gewalt und den Einstellung von Jugendlichen festgestellt werden. Belson konstatierte, dass es zwar zu keiner Veränderung der Einstellungen gegenüber Gewaltanwendungen gekommen wäre, das tatsächliche Verhalten der Jugendlichen aber aggressiver geworden sei. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass der langfristige Konsum von gewalthaltigen Medieninhalten nicht zu Einstellungsänderungen, wohl aber zu Verhaltensmodifikationen führen könne.[14]

3.3 Rechtfertigungsthese

Gemäß der Rechtfertigungsthese kann Gewalt in TV-Filmen zur Rechtfertigung von Aggressivität und Gewalt dienen. Demnach würden aggressive Individuen gewalthaltige Filme rezipieren, weil sie dann ihr eigenes Verhalten als normal bewerten respektive sich die Illusion aufbauen könnten, sie agierten wie ein populärer Fernsehheld. Die Individuen verneinen dabei eine eigene Verantwortlichkeit und sehen oder präsentieren sich als Spielball externer Kräfte.[15]

Schenk (2007) bemerkt in Bezug auf den Rechtfertigungsansatz, dass hierfür eine Befragung von Experten, die regelmäßigen Kontakt mit verhaltensauffälligen Jugendlichen haben, die geeignete Methode sei, um diesen Ansatz zu überprüfen. Aus Befragungen von Psychiatern, Psychologen, Richter und Staatsanwälte würde hervorgehen, dass Jugendliche – insbesondere in Gerichtsprozessen - den Versuch unternehmen, ihr eigenes aggressives oder gewalttätiges Verhalten durch Vorbilder aus Gewaltfilmen zu rechtfertigen. Dies lässt sich dahingehend interpretieren, dass die öffentliche Diskussion, in der der TV-Gewalt ein großer Einfluss auf die Gewalt in der Realität zugeschrieben wird, von den Jugendlichen aufgegriffen wird, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen.[16] Eine repräsentative Erhebung unter 220 Psychologen und Psychiatern in Deutschland brachte das Ergebnis, dass 63 Prozent der Psychiater und 66 Prozent der Psychologen häufig oder zumindest gelegentlich beobachten, dass Kinder und Jugendliche ihr aggressives Verhalten durch Vorbilder aus Gewaltfilmen rechtfertigen.[17]

3.4 Arousal-Konzept

Das Arousal-Konzept, das unter anderem von den amerikanischen Psychologen Dolf Zillmann und Percy H. Tannenbaum vertreten wird, lässt sich folgendermaßen definieren: „Aktivation bzw. Arousal oder Aktiviertheit stellt eine nicht direkt beobachtbare Disposition des Organismus dar und steht mit den Begriffen Wachheit, Leistungsbereitschaft und Anregungszustand in Zusammenhang“[18]. Von Relevanz ist dabei der Grad der Aktivation des Medienrezipienten, die über die Herzfrequenz, die Liedschlagfrequenz oder über die elektrodermale Aktivität gemessen werden kann. Nach dem Arousal-Konzept wird postrezeptive Aggressivität nicht in erster Linie vom Inhalt, sondern vom medieninduzierten Erregungsgrad beeinflusst. Anhand experimenteller Studien konnte Tannenbaum aufzeigen, dass sich der Aggressionsgrad der Versuchsteilnehmer auch durch humoristische oder erregungsintensive Erotikfilme erhöhen ließ.[19]

3.5 Stimulationstheorie

Die Stimulationshypothese geht von der Annahme aus, dass Menschen nach einer Verärgerung oder Frustration emotional erregt werden und in diesem Zustand leichter bereit sind, aggressiv zu reagieren. Diese Theorie ist bis heute empirisch nicht bewiesen. Empirisch abgesichert ist lediglich, dass massenmediale Inhalte eine emotionale Erregung auslösen können.[20]

Die Stimulationsthese wurde von Ross Parke in mehreren Feldexperimenten in Bezug auf Jugendliche untersucht. Parke eruierte die Effekte, die gewalthaltige Filme auf das Verhalten von männlichen Jugendlichen, die bereits straffällig geworden sind, haben. Parke beobachtete zunächst über drei Wochen das Verhalten zweier Gruppen und führte diesen an fünf aufeinander folgenden Tagen diverse Kinofilme vor. Während die Experimentalgruppe Gewaltfilme sah, rezipierte die Kontrollgruppe spannende, nicht-gewalthaltige Filme. Anschließend wurde wiederum über drei Wochen das Verhalten der beiden Gruppen protokolliert. Dieses Forschungsdesign wurde insgesamt drei Mal angewendet und brachte stets die gleichen Befunde: Die Experimentalgruppen waren stets aggressiver als die Kontrollgruppen. Die höhere Aggressivität der Experimentalgruppe wurde insbesondere auf die durch die gewalthaltigen Filme gesteigerte emotionale Erregung der Jugendlichen zurückgeführt. Je mehr die Filmhandlung der Lebensrealität der Jugendlichen entsprach, desto höher war die emotionale Erregung. Parke und sein Forscherteam schlossen daraus, dass Aggression nicht eine direkte Folge des Konsums von Gewaltfilmen darstellt, sondern vielmehr die Folge einer emotionalen Aufgewühltheit ist, die meist nur kurz anhält.[21]

[...]


[1] Vgl. Vollprecht (2001), S.136

[2] Vollprecht (2001), S.136

[3] Meister et al. (2008), S.211

[4] Vgl. Meister et al. (2008), S.211

[5] Vgl. Bonfadelli (2004), S.268

[6] Oswald (2006), S.69

[7] Vgl. Oswald (2006), S.69 f

[8] Vgl. Faulstich (2004), S.74

[9] Vgl. Bonfadelli (2004), S.269 f

[10] Vgl. Zillien / Lenz (2008), S.446

[11] Vgl. Bonfadelli (2004), S.270

[12] Vgl. Faulstich (2004), S.73 f

[13] Vgl. Bonfadelli (2004), S.270

[14] Vgl. Zillien / Lenz (2008), S.446

[15] Vgl. Kunczik / Zipfel (2006), S.165 ff

[16] Vgl. Schenk (2007), S.231 f

[17] Vgl. Kunczik / Zipfel (2006), S.229 ff

[18] Decker (2005), S.17

[19] Vgl. Decker (2005), S.17 f

[20] Vgl. Faulstich (2004), S.73

[21] Vgl. Zillien / Lenz (2008), S.445

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656866190
ISBN (Buch)
9783656866206
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286357
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Uni
Note
2,0
Schlagworte
gewalt medien auswirkungen theorien entstehung

Autor

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