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Das Vergessen des eigenen Lebens. Was kann Biografiearbeit im Alter leisten?

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografiearbeit

3. Biografiearbeit im Alter
3.1 Demenz
3.2 Grundhaltungen und Kommunikation mit Dementen
3.3 Erinnerungspflege
3.3.1 Die Bedeutung von Schlüsselwörtern
3.3.2 Die Bedeutung von Trigger
3.3.3 Erinnerungen aktivieren

4. Fazit

1. Einleitung

Der demografische Wandel bewirkt, dass unsere Gesellschaft immer älter wird und es auch insgesamt immer mehr ältere Menschen gibt. Der Bedarf an altersangepassten Hilfen steigt hinsichtlich dieses Phänomens an. Auch die biografische Arbeit hat sich neben anderen altersspezifischen Hilfen als wichtige Hilfe und Pflege von älteren Menschen herausetabliert und wird immer bedeutender. Doch welche Erfolge kann die Biografiearbeit im dementen Alter erreichen und inwieweit kann diese dem altersbedingten Nachlassen der Gedächtnisleistung entgegenwirken? Alte Menschen hegen eine Vielzahl von Erinnerungen und diese geraten im Laufe einer Demenzerkrankung immer mehr in Vergessenheit. Ist Biografiearbeit in der Lage, den Verlauf einer Demenzerkrankung zu verlangsamen oder die Symptome sogar zu lindern? Um die oben genannten Fragen beantworten zu können, gehe ich als erstes auf die Biografiearbeit im Allgemeinen ein und verschaffe einen Überblick über diese, indem ich auf die Funktionen der biografischen Arbeit verweise und erläutere unter welchen Umständen professionelle biografische Arbeit gelingen kann. Der nächste Punkt spezifiziert sich auf die Biografiearbeit mit dementen Menschen und klärt vorab den Verlauf einer Demenzerkrankung, um dann auf förderliche Grundhaltungen und Kommunikationsweisen in dieser Personengruppe einzugehen und erläutert Ansätze und Methoden in der Erinnerungspflege. Anschließend werden die bereits genannten Fragen beantwortet, indem alle vorab geklärten Aspekte abgewogen werden und in die Beantwortung der Fragen miteinfließen.

2. Biografiearbeit

Wie die Bezeichnung erahnen lässt, beschäftigt sich die Biografiearbeit mit der Biografie -der Lebensgeschichte- eines Menschen. „Die Biografie gibt Auskunft über die Art und Weise, wie ein Mensch sein Leben erlebt. […] Eine erzählte Biografie ist kein Tatsachenbericht, sondern eine subjektive Konstruktion der eigenen Geschichte. […] [S]ie ist eingebettet in den sozialen und historischen

Kontext der Geschichte.“1 Somit wird ersichtlich, dass jeder Mensch seine individuelle Lebensgeschichte besitzt sowie selbst gestaltet und es auch innerhalb der pädagogischen Biografiearbeit notwendig ist, angepasst auf diese einzugehen und den Menschen als Individuum zu betrachten. Jeder Mensch bewertet diverse Lebensereignisse unterschiedlich und stuft sie nach individuellen Relevanzgrad ein. In der erzählten Biografie tauchen deswegen meist nur für den Menschen bedeutsame, prägende und einschneidende Erlebnisse auf, die das weitere Leben maßgebend beeinflusst haben oder immer noch beeinflussen.

Abzugrenzen ist der Begriff Biografie von dem Begriff Lebenslauf. Der Lebenslauf ist die „[…] Darstellung der wichtigsten Daten und Ereignisse des eigenen Lebens.“2 Bestandteile des Lebenslaufs sind harte Daten.3 Das können zum Beispiel Geburts- und Sterbedaten oder beispielsweise auch Schuleintrittsdaten sein. Aus diesen Daten kann man lediglich Informationen über zeitlich geordnete Lebensereignisse gewinnen und sie dienen ausschließlich zur chronologischen Ergänzung der Biografie eines Menschen. Die subjektiven Wahrnehmungen und Emotionen gehen aus den harten Daten nicht hervor. Um Zugang zu diesen zu gewinnen, benötigt es der pädagogisch angeleiteten Biografiearbeit. Meist wird diese Form der pädagogischen Unterstützung dann angewandt, wenn Menschen sich in heiklen und schwierigen Situationen befinden. Zwar beschäftigen sich Menschen außerhalb professioneller pädagogischer Einrichtungen andauernd mit ihren eigenen Biografien, „[…] sie erzählen Geschichten aus ihrem Leben, teilen Erfahrungen und Erinnerungen […], […] suchen nach ihrem persönlichen Lebensglück, sie fragen sich, welchen Sinn ihr Leben haben soll […],“4 aber schwere Brüche, Erkrankungen und Krisen erschüttern die Biografie eines Menschen, sodass in schwierigen Zeiten des Lebens, wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, ihre Biografie eigenständig zu gestalten, die Biografiearbeit am häufigsten Verwendung findet. Biografiearbeit übernimmt hierbei eine unterstützende und begleitende Position und schafft für Menschen die Möglichkeit, sich bewusst mit ihrer Lebensgeschichte auseinandersetzen und einen anderen Zugang zu dieser zu gewinnen. Hierbei entsteht die Chance, dass „[…] Klarheit über eigene Sichtweisen, Zugänge und Lebenseinstellungen [gewonnen wird].“5 Indem Menschen ihr Leben Revue passieren lassen, erinnern sie sich an relevante Lebensereignisse zurück und beleben vergangene Eindrücke, Gefühle und Ereignisse wieder, sie machen diese wieder präsenter, sodass eben der Zugang zu diesen leichter fällt und diese möglicherweise auch aus einer anderen Perspektive beobachtbar werden. Durch den Rückblick erkennen Menschen oft, welche Ressourcen ihnen für die Bewältigung zur Verfügung stehen, wie sie schwierige Lebensereignisse bereits bewältigt haben und machen sie so einer Bearbeitung zugänglich. Es fällt nicht immer leicht, schicksalhafte Erlebnisse im Kopf noch einmal zu erleben, deswegen werden Menschen „[d]urch gezielte Übung und Anleitung […] darin unterstützt, ihr eigenes Leben in den Blick zu nehmen, ihre eigene Entwicklung […] zu verstehen, zu klären [und] zu bewältigen […].“6 Demnach soll ein verstehender Zugang zu Erinnerungen und Erfahrungen entwickelt werden, durch den dann Menschen in der Lage sind, ihre Vergangenheit, die sie in der Gegenwart negativ beeinflusst, zu bewältigen, aus ihr zu lernen und als Teil ihrer Lebensgeschichte anzunehmen. Jedoch erhält die Biografiearbeit nicht nur in Zeiten von einschneidenden und belastenden Lebensereignissen einen erhöhten Stellenwert, sondern auch in Phasen einer notwendigen Neuorientierung. Hierbei hilft die Biografiearbeit Zugang zu verdrängten und belastenden Erinnerungen zu verschaffen, bei der Hilfe zur Entwicklung der eigenen Identität oder auch zur Herstellung eines individuellen Lebenssinns. An dieser Stelle kann nicht mehr genauer auf die verschiedenen Funktionen der Biografiearbeit eingehen, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde und auch nicht das Hauptziel dieser Tätigkeit ist.

Es bleibt noch zu erläutern, wie professionelle Biografiearbeit denn funktionieren kann. Lebensgeschichtliche Gespräche sind das „Herzstück“ der Biografiearbeit7 und es bedarf einer besonderen Kenntnis darüber, wie man Menschen in verschiedenen Lebensbereichen begleiten soll. Eine der bekanntesten Informationen über Kommunikation ist das Axiom von Paul Watzlawick welches besagt, dass man nicht nicht kommunizieren kann, dass jede Geste und jede Art von Mimik bereits eine Botschaft für den Gegenüber ist. Das bedeutet, dass man als Zuhörer eines lebensgeschichtlichen Gesprächs nicht nur aufmerksam und interessiert sein soll, sondern auch, dass man dieses Interesse gleichermaßen in seiner Haltung und Mimik wiedergibt. Menschen, die sich in der Position des Erzählers befinden, werden sofort innehalten, wenn ihr Gegenüber gähnt oder einen Blick auf sein Mobiltelefon wirft. Dies würde Desinteresse und Langeweile ausdrücken und der Erzähler würde das Erzählen seiner Geschichte nur ungern fortsetzen, da er sich nicht wertgeschätzt fühlt. Deswegen ist eines der unerlässlichen Merkmale eines professionellen Begleiters das echte und ehrliche Interesse an der Lebensgeschichte des Erzählers.8 Der Begleiter sollte sich weiterhin voll und ganz dem Gespräch widmen und geduldig sein.9 Die Zuwendung zum Erzähler und das aufmerksame Zuhören vermitteln diesem, dass seine Geschichte wichtig und erzählenswert ist. Auch wenn dieser einmal abschweift oder ein Ereignis wiederholt, sollte der Zuhörer geduldig sein und abwarten können, denn dies erzeugt beim Erzähler ein Gefühl der Wertschätzung und Würdigung. Um das eventuell ins stockend kommende Gespräch am Laufen zu erhalten empfehlen sich „Wie-Fragen“. Diese sind gesprächsfördernd und erhöhen die Bereitschaft zu erzählen. „Warum-Fragen“ lösen eher Schuldgefühle aus und wirken somit negativ auf den Erzählfluss.10 Zu beachten ist bei Fragen zum Leben eines Menschen, dass diese nicht zu sehr in die Privatsphäre eingreifen und die persönlichen Grenzen beachtet werden. Möchte sich der Erzähler zu einigen Fragen nicht äußern, gilt dies zu berücksichtigen und das Unvollständige muss akzeptiert werden. Auch die Fähigkeit, sich in den anderen Menschen einzufühlen und sich in seine Lage hineinzuversetzen11 darf nicht unterschätzt werden und hilft, eine gemeinsame Vertrauensbasis aufzubauen. Vertrauen ist das Stichwort in einer biografischen Erzählung. Erst wenn genügend Vertrauen zwischen dem Professionellen und dem Erzähler aufgebaut wurde, lässt dieser den Begleiter tiefer in seine Lebensgeschichte blicken. Der Begleiter sollte weiterhin über einige förderliche Grundhaltungen verfügen, die zum Gelingen eines lebensgeschichtlichen Gespräches und zum Vertrauensaufbau beitragen. Zu diesen zählt unter anderem die Bescheidenheit des Professionellen.12 Das bedeutet, dass der Begleiter sich nicht nur von seiner professionellen und sachorientierten Seite zeigt, sondern er sollte den Erzähler als Experten seines eigenen Lebens ansehen, erst dann fällt die Hierarchiegrenze weg und ein Miteinander wird möglich.13 Des Weiteren zählt zu den nötigen Grundhaltungen die Unvoreingenommenheit und die Orientierung am Du.14 Der Professionelle sollte sich anhand harter Daten noch kein Gesamtbild von einer Person machen, denn dies würde ihm beim lebensgeschichtlichen Gespräch nur daran hindern, sich voll und ganz darauf einzulassen. Vorurteile würden nur das Blickfeld des Begleiters trüben und ihn zu sehr beeinflussen, weswegen er offen für Neues sein sollte.

Dieses Kapitel schildert nur einen kleinen Teil von dem, was Biografiearbeit ist. In dieser Hausarbeit kann an diesem Punkt nur oberflächlich herangegangen werden, da eine intensivere Betrachtung den vorgegebenen Rahmen überschreiten würde. Die für diese Arbeit relevanten Informationen sind in diesem Punkt mit eingeflossen, sodass für das Verständnis im nächsten Abschnitt keine Schwierigkeiten entstehen.

3. Biografiearbeit im Alter

Der biografische Ansatz wird in unterschiedlichen Disziplinen angewandt. Vor allem in der Kranken- und Altenpflege, in der Arbeit mit Jugendlichen, mit Migranten und mit Menschen mit Behinderung. In all diesen Bereichen gibt es Überschneidungen im Methoden- und Aufgabenbereich, jedoch kristallisiert sich häufig für jeden Bereich eine Vorgehensweise heraus, die insbesondere in demjenigen Feld benutzt wird.

Die am weitesten verbreitete mentale Krankheit im Alter ist die Demenz. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit leben in Deutschland aktuell etwa 1,4 Millionen Menschen mit dieser Krankheit, Tendenz steigend.15 Auch in der biografischen Arbeit existieren Ansätze, die speziell in dieser Personengruppe Anwendung finden. Da ich ein besonderes Augenmerk auf Demenzerkrankungen lege, kläre ich vorab den Verlauf dieser Erkrankung und gehe danach auf förderliche Grundhaltungen und Kommunikationsweisen im Umgang mit Dementen ein. Schließlich stelle ich die Methode der Erinnerungspflege vor und gehe dann auf diverse Herangehensweisen ein, die sich vorteilhaft auf die Zugangsmöglichkeiten zu Erinnerungen von Dementen auswirken.

[...]


1 Schneberger,M./Marino, E./ Jahn, S. (2013): Mutti lässt grüßen. Biografiearbeit und Schlüsselwörter in der Pflege von Menschen mit Demenz. Hannover: Schlütersche, 3. Aufl., S. 52

2 Opitz, H. (1998): Biographie- Arbeit im Alter. Würzburg: Ergon Verlag, S. 31

3 Vgl. Specht- Tomann, M. (2012): Biografiearbeit in der Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege. Berlin: Springer, 2. Aufl., S. 6

4 Hölzle, C. (2011): Gegenstand und Funktion von Biografiearbeit im Kontext Sozialer Arbeit. In: Hölzle, C./ Jansen, I. (Hrsg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen- Zielgruppen- Kreative Methoden. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2. Aufl., S. 32

5 Specht-Tomann, 2012, S. 5

6 Hölzle, 2011, S. 33

7 Vgl. Specht-Tomann, 2012, S. 7

8 Vgl. Specht-Tomann, 2012, S. 20

9 Vgl. ebd. S. 24

10 Vgl. ebd. S. 21

11 Vgl. Jansen, I. (2011): Biografie im Kontext sozialwissenschaftlicher Forschung und im Handlungsfeld pädagogischer Biografiearbeit. In: Hölzle, C./ Jansen, I. (Hrsg): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen- Zielgruppen- Kreative Methoden. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2. Aufl., S. 28

12 Vgl. Specht-Tomann, 2012, S. 91

13 Vgl. ebd. S. 91

14 Vgl. ebd. S. 92

15 Vgl. Bundesministerium für Gesundheit (08.05.14): Demenz: Eine Herausforderung für die Gesellschaft.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656863649
ISBN (Buch)
9783656863656
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286223
Note
1,7
Schlagworte
Biografiearbeit Alter Biografiearbeit im Alter Demenz Biografiearbeit und Demenz

Autor

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