Lade Inhalt...

Ermittlung der Qualität von sozialer Arbeit als Dienstleistung anhand von Interviews

Akademische Arbeit 2007 53 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Dienstleistungsbegriff - Ökonomische Dimension und Zugang zur Sozialen Arbeit

3. Praktischer Teil
3.1 Gegenstandsbestimmung: Theoretische und rechtliche Rahmung einer WfbM
3.1.1 Menschen mit Behinderungen
3.1.2 Rehabilitation
3.1.3 Berufliche Rehabilitation
3.1.4 Die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen
3.2. Problemaufriss - Qualitätsbewertung der Dienstleistungen einerWfbM durch ihre Mitarbeiter
3.2.1. Chancen, Möglichkeiten und Grenzen der Qualitätskontrolle durch Menschen mit Behinderung
3.3. Dienstleistungsqualität der WfbM Apolda aus Nutzersicht – Eine qualitative Untersuchung
3.3.1 Intention der Untersuchung
3.3.2 Methodik
3.3.3 Der Interviewleitfaden
3.3.4 Die Datenerhebung
3.3.5 Auswahl der Interviewteilnehmer und Zugang
3.3.6 Untersuchungsverlauf
3.3.7 Auswertung
3.4 Analyse und Interpretation der Interviews
3.4.1 Wie wird die WfbM von den Befragten gesehen?
3.4.2 Strukturelle Leistungen
3.4.3 Mitarbeiterorientierung und psychosoziales Befinden
3.4.4 Kompetenzvermittlung und Lernerfahrungen
3.4.5 Teilhabe und Mitbestimmung

4. Schlussfolgerung und Hypothesenüberprüfung

5. Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur

6. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Selbstverständnis Sozialer Arbeit als Dienstleistung vor dem Hintergrund sozialpolitischer Reformen und Restrukturierungen, durch die das Wohlfahrtssystem in der BRD in den letzten Jahren teilweise grundlegenden Veränderungen unterworfen war und immer noch ist. Soziale Arbeit als gesellschaftlich legitimierte und beruflich ausgeübte Solidarität ist von diesem sozialpolitischen Paradigmenwechsel unmittelbar betroffen, da sie sich zum Großteil über öffentliche Mittel finanziert und im gesellschaftlichen Auftrag handelt. Gekennzeichnet ist dieser Wandel zum einen durch den zunehmenden Einfluss marktförmiger und betriebswirtschaftlicher Prinzipien im deutschen System sozialer Dienstleistungen und zum anderen durch fachinterne Diskurse, die das Selbstverständnis Sozialer Arbeit als Dienstleistung aufgreifen. Die Dienstleistungsorientierung und die damit einhergehenden Diskurse haben eins gemeinsam: die zentrale Stellung des nachfragenden Subjektes und die Kennzeichnung der helfenden Beziehung durch ein interaktionistisches Verständnis, was sich in dem Terminus der „Koproduktion“ niederschlägt.

Der folgende Abschnitt verfolgt die Klärung folgender Frage: Wenn also das nachfragende Subjekt Ausgangspunkt sozialarbeiterischen Handelns ist, so wäre zu klären, welche Bedeutung subjektiven Qualitätsbewertungen zukommt.

Bei der Recherche zu dieser Arbeit rückten hinsichtlich dieser Frage insbesondere Menschen mit Behinderungen als Mitarbeiter in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM) in das Zentrum meiner Überlegungen. Dieser Abschnitt ist so aufgebaut, dass zunächst auf die Begriffe Behinderung, Menschen mit Behinderungen, Rehabilitation und berufliche Rehabilitation eingegangen wird, um dann die WfbM hinsichtlich gesetzlichen Auftrags, Leistungsspektrum und Qualitätssicherung theoretisch zu umrahmen. Anschließend wird die Thematik der Qualitätsbewertung durch Menschen mit Behinderungen im Rahmen eines Qualitätsmanagementsystems behandelt. Dieser Gliederungspunkt dient als theoretischer Bezugrahmen für die qualitative Befragung von Mitarbeitern einer WfbM in Apolda, welche den thematischen Abschluss dieser Arbeit bildet. Mit der Untersuchung soll geprüft werden, wie die Dienstleistungen einer WfbM, bezüglich Befindlichkeiten in der Einrichtung, Verhältnis zum Personal, Kompetenzaneignung und Teilhabe/Mitbestimmung, von deren Adressaten bewertet werden, um dann Rückschlüsse auf die fachlich verwertbare Reichweite einer solchen nutzerseitigen Qualitätsbeurteilung zu ziehen.

2. Der Dienstleistungsbegriff - Ökonomische Dimension und Zugang zur Sozialen Arbeit

Bisher gibt es keine allgemein akzeptierte Definition des Dienstleistungsbegriffs, jedoch ist unbestritten, dass es sich um Wirtschaftsgüter handelt, die zur Bedürfnisbefriedigung immaterieller Werte hergestellt werden[1]. Die Ökonomie unterscheidet zwischen drei Wirtschaftsabteilungen: dem primären Sektor (Nahrungsmittel und Rohstoffgewinnung), dem sekundären Sektor (Produktion und Weiterverarbeitung) und dem tertiären Sektor (Dienstleistungssektor). Nach dieser Einteilung sind Dienstleistungen die Wirtschaftsabteilungen, die weder dem primären noch dem sekundären Sektor zugeordnet werden können.[2] Im Gegensatz zu den anderen zwei Sektoren lassen sich Dienstleistungen kennzeichnen, indem sie erstens immaterieller Natur sind, also weder etwas direkt produzieren, noch weiterverarbeiten, und zweitens dem uno-acto-Prinzip folgen, das besagt, dass sich Produktion und Konsumtion zeitlich nicht voneinander trennen lassen, was darauf schließen lässt, dass die Nutzer in den meisten Fällen als Mitproduzenten gelten können:

„Für viele Dienstleistungen ist Kundenpräsenz unerlässlich.“[3]. Ein weiteres Abgrenzungsmerkmal gegenüber dem primären und sekundären Sektor ist die Tatsache, dass wohl eine Dienstleistungsproduktion in Serie nicht möglich ist, denn Voraussetzung ist die Interaktion, wobei ein Part die Erbringung sichert. Dies geschieht in Abhängigkeit der Wünsche und Bedürfnisse des anderen, der sie in Anspruch nimmt und dessen Entscheidungen von seinen individuellen Präferenzen abhängen. Insofern kann, auch bei gleichartigen Dienstleistungen, von Einzigartigkeit gesprochen werden[4].

Die Voburg- Gruppe, ein 1986 von der UNO einberufenes Expertengremium, hat den Dienstleistungssektor in 5 Kategorien klassifiziert: Dienstleistungen können nach dieser Einteilung

1. distributiv (Handel, Transport, Verkehr, Kommunikation),
2. konsumbezogen (Freizeitgewerbe, Gastronomie, Haushaltsdienste etc.),
3. produktions- /unternehmensnah ( Banken- und Versicherungsgewerbe, Rechts- und Unternehmensberatung, Werbung usw.),
4. sozial ( Gesundheitswesen, Einrichtungen der Wohlfahrtspflege) und
5. staatlich ( Verwaltung, Sozial- und Gesundheitswesen ) sein.[5]

Weiterhin kann nach dem Erbringungskontext unterschieden werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Leistungen direkt (z.B. während eines Beratungsgespräches) oder indirekt (z.B. Wartung von Produktionsmaschinen, Weiterbildungen, Teamberatungen) für den Nutzer erbracht werden.[6] Eine andere Typologie ist jene Einteilung in primäre und sekundäre Dienstleistungen, wobei erstere sich eher auf Verbrauch(er) und Produktion und der zweite Typ sich auf die Erhöhung des Humankapitals bezieht[7].

Es soll an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass die in diesem Abschnitt, innerhalb der Typologisierung des Dienstleistungsbegriffes aufgeführten Merkmale und Klassifizierungen , nicht immer trennscharf voneinander behandelt werden können, da im Einzelfall Überschneidungen möglich sind.

Anhand der genannten Merkmale und Klassifikationen kann die Soziale Arbeit im Kern als personenbezogene soziale Dienstleistung (wobei die Grenzen zur staatlichen mitunter fließend sind) betrachtet werden, welche direkt und/ oder indirekt erbracht wird. Da den institutionellen Rahmen der Profession zumeist so genannte Non- Profit- Unternehmen (NPO) bilden, welche ihre Angebote den Nutzern meist unentgeltlich bzw. gegen geringe Entlohnung zu Verfügung stellen und sich über öffentliche Mittel, Spenden, Sponsoring usw. refinanzieren, wird im Gegensatz zu den Dienstleistungstypen (siehe oben) eins bis drei keine Gewinnmaximierung im herkömmlichen Sinne angestrebt, sondern vielmehr müssen eventuelle Gewinne satzungsgemäß, d.h. „zur Erfüllung gesellschaftlich- nützlicher Aufgaben“[8], verwendet werden.[9] Dies bringt eine weitere Besonderheit der Dienstleistungserbringung durch die Soziale Arbeit hervor: Während bei dienstleistenden Unternehmen der freien Wirtschaft die Bedürfnisse des Kunden allein Ausgangspunkt für die Dienstleistungsgestaltung sind, so ist die Soziale Arbeit gleichzeitig von Interessen und Erwartungen Dritter beeinflusst: „(…) immer auch werden von Dritten erwartete Normalzustände und – verläufe (sic!) mit bestätigt und damit die Normalisierungs- und Überwachungsfunktion von Dienstleistungsarbeit realisiert (vgl. Offe 1987)“[10]. Diese Tatsache (doppeltes Mandat) und die vergleichsweise hohe Abhängigkeit der Erfolgsaussichten von der aktiven Mitwirkung der Adressaten zeigen, dass die Soziale Arbeit eine besondere Dienstleistung darstellt, welche eingebettet ist in ein komplexes System bestehend aus Teilsystemen (Gesellschaft, Sozialstaat, freie Träger, soziale Netzwerke und die Adressaten selbst). Diese Systeme verfügen zum einen über verschiedene Eigenlogiken und haben andererseits unterschiedlichen Einfluss auf das tatsächliche Dienstleistungsgeschehen.

3. Praktischer Teil

Ausgehend von der Annahme, dass Soziale Arbeit eine Dienstleistung ist, deren Wirksamkeit von der Qualität der Koproduktion bzw. der Kooperation zwischen Kostenträgern, Einrichtungen, sowie besonders Fachkräften und Adressaten abhängt, möchte ich in diesem Abschnitt anhand einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen ( WfbM) prüfen, wie die dort beschäftigten Menschen mit Behinderungen die Einrichtung, Dienstleistungen zur Rehabilitation und das Interaktionsverhältnis zwischen ihnen und dem Personal, inklusive Kostenträgern bewerten. Zuvor möchte ich die Einrichtungsform sowie die damit verbundenen Begrifflichkeiten theoretisch umrahmen. Auf detaillierte Begriffsdiskussionen wird aus Kapazitätsgründen verzichtet. Anschließend werde ich auf die von mir durchgeführte qualitative Untersuchung eingehen.

3.1 Gegenstandsbestimmung: Theoretische und rechtliche Rahmung einer WfbM

3.1.1 Menschen mit Behinderungen

Zunächst ist aus soziologischer Sicht zwischen Behinderung und Menschen mit Behinderung zu unterscheiden, weil die Begriffe mit unterschiedlicher Komplexität und Dimensionalität besetzt sind.

Der Begriff „ Behinderung “ meint „(…) eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird“[11]. Mit dem Terminus der „Dauerhaftigkeit“ ist in dieser Definition eine Abgrenzung zu Schädigung oder Krankheit geschaffen, während die „Sichtbarkeit“ das Wissen anderer Individuen um eine wahrnehmbare Abweichung vom vermeidlich „Normalen“ meint. Die Zuordnung einer negativen Wertigkeit meint nicht nur stigmatisierende Reaktionen des Umfeldes, sondern viel mehr negative Assoziationen (Abhängigkeit, Leiden usw.). Die „ Behinderung eines Menschen“ ist eine aus historischem Hintergrund entstandene, gesellschaftliche und soziale Konstruktion, die durch unerwünschte Abweichung von bestimmten Normvorstellungen negativ besetzte Reaktionsweisen bei dem Betrachter eines Menschen mit Behinderung hervorruft.[12]

Bei diesen Definitionen handelt es sich um eine Möglichkeit, den Behinderungsbegriff zu umschreiben. Es existiert eine Vielzahl von Definitionen, die im Wesentlichen die unterschiedlichen Sichtweisen verschiedener Fachdisziplinen widerspiegeln. Derzeit existieren laut Cloerkes vier Hauptparadigmen, die sich in ihrer Herangehensweise an die Begriffe unterscheiden:

Tabelle 1: Vier konkurrierende Paradigmata

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mühlhum stellt fest, dass Behinderung kein absoluter, sondern ein relativer Begriff ist. Dies erklärt auch zum Teil „( ...) die Variationsbreite der Behinderungsquote von 6% bis 22% in den europäischen Ländern“[13] und zeigt, dass Gesellschaften jeweils eigene Regeln, Normen und Werte für den Umgang mit Menschen mit Behinderungen entwickeln.

Ausgangspunkt für Anspruchsleistungen für Menschen mit Behinderungen in der BRD und somit auch für die praktische Soziale Arbeit ist die rechtliche Definition, wie sie im SGB IX §2; Abs.1; Satz1 geschrieben steht: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ Diese Definition hat fundamentalen Charakter für alle weiteren Gesetze, die Aspekte des Lebens von Menschen mit Behinderungen im Deutschland aufgreifen und regeln.[14] Menschen mit Behinderungen haben Ansprüche auf Leistungen, die im Wesentlichen in den Sozialgesetzbüchern I, III, V, IX, XII geregelt sind.

Dazu gehören insbesondere Leistungen zur sozialen und beruflichen Rehabilitation. Menschen mit Behinderungen haben also Anspruch auf Leistungen, welche ihnen eine Teilhabe an allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ermöglichen sollen. Soziale Teilhabe ist nach Kaufmann die „Inklusion aller Menschen in die für ihr Leben relevanten gesellschaftlichen Teilsysteme“[15]. Sie kann hinsichtlich ihrer Form in vier Kategorien eingeteilt werden: 1. Die staatlich gewährleisteten Teilhaberechte, die einem jeden Bürger Zugang, Mitwirkung und Leistungen, die unterschiedlichen Teilsysteme betreffend, eingestehen. 2. Teilhabe an den Gütern des Wirtschaftsystems durch das Vorhandensein finanzieller Mittel und Ressourcen. 3. Die Verfügbarkeit und der Zugang zu bestimmten Organisationen und Einrichtungen, die gesellschaftliche Teilhabe durch bestimmte Sach- und Dienstleistungen umsetzen. 4. Teilhabe äußert sich zudem auch in erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten, die wiederum die Partizipationsmöglichkeiten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen bedingen.[16]

3.1.2 Rehabilitation

Da Rehabilitation auch ein relevanter Begriff bei der Versorgung von erkrankten Menschen ist, sei hier darauf verwiesen, dass sich die folgende Begriffsklärung primär auf die Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen bezieht.

Badura und Lehmann definieren den Begriff wie folgt: „Unter Rehabilitation versteht man den Prozess der (Wieder)-Herstellung körperlichen und seelischen Wohlbefindens und weitestgehender sozialer (Re)-Integration“[17]. Demnach sind mindestens zwei grundlegende Funktionen feststellbar. Erstens soll körperliches bzw. seelisches Leiden geheilt, gelindert und/ oder weitgehend kompensiert werden. Zweitens geht es um die Herstellung von Inklusion bzw. um eine Vermeidung und/oder Kompensierung von Exklusion. Dass es sich hierbei um einen gesellschaftlichen Auftrag handelt, ist grundlegend aus dem Grundgesetz im §3 Abs.3, aus dem SGB I, im §10, welcher das Recht auf Hilfen zur Förderung von gesellschaftlicher, gleichberechtigter Teilhabe und einer weitgehend autonomen Lebensführung festschreibt und aus §29 (Leistungen zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen) abzuleiten.

Diesen Normen untergeordnet, bilden weitere Gesetzte und Regelungen die konkreten Rechtsgrundlagen für Rehabilitation als gesellschaftliche Aufgabe und institutionell erbrachte Dienstleistung. Dazu gehört das Sozialrecht, insbesondere das SGB IX (inklusive Schwerbehindertenrecht), SGB III (Arbeitsförderung), SGB V (gesetzliche Krankenversicherung) SGB XII ( Sozialhilfe) und das SGB XI ( Pflegeversicherung).

Weiterhin zählen zu den relevanten Gesetzen: das Berufsbildungsgesetz, das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen ( BGG) und die Werkstättenverordnung (um nur einige wichtige zu nennen).[18]

Da bei Behinderungen i.d.R. davon ausgegangen werden kann, dass sie dauerhaft fortbestehen, ist die primäre Ausrichtung von Rehabilitation die Vermeidung von Benachteiligungen aufgrund von Behinderung, woraus Mühlhum zwei zentrale Leitfragen von Rehabilitation im heutigen Verständnis ableitet: „Wer wird in welcher Hinsicht behindert und um welche Hindernisse handelt es sich? Und umgekehrt, wie weit kann der Abbau von – inneren und äußeren- Barrieren zur Enthinderung (Witte 1988) beitragen?“.[19]. Rehabilitation als Konzept mit umfassenden und ganzheitlichen Anspruch hat nicht nur kurative und integrative, sondern auch präventive Ausrichtung. Dabei wird unterschieden zwischen den Bereichen Schule, Medizin, Beruf/ Arbeit und Soziales. Eine trennscharfe Behandlung der Bereiche (oder Phasen) ist wenig sinnvoll, denn wie Cloerkes formuliert kann eine maximale gesellschaftliche Teilhabe und eine weitgehend autonome Lebensführung für Menschen mit Behinderungen nur dann erreicht werden: „(…) wenn sie umfassend und nahtlos als gesellschaftliche Integration stattfindet.“[20]. Hierzu reicht es nicht aus, nur die Menschen mit Behinderungen im Blick haben, sondern eben auch das gesellschaftliche Umfeld eines Trägers und seiner Einrichtungen systematisch mit einzubeziehen, durch Öffentlichkeitsarbeit aufzuklären bzw. Einrichtungen und Dienste konzeptionell so zu gestalten, dass von vorn herein Menschen mit- und ohne Behinderung diese nutzen können, wie dies zum Teil durch integrative KiTas, Schulen und Arbeitsstätten (z.B. Integrationsfirmen) bereits geschehen ist. Somit kann „orginären“ Reaktionsweisen entgegengewirkt werden, denn diese – ob positiv oder negativ- „ (…) dienen letzten Endes fast immer der Abgrenzung.“ .[21]. Die WfbM ist eine Einrichtung der beruflichen Rehabilitation, obwohl sie auch bildende und medizinisch-therapeutische Aufgabe ebenso dem Grunde nach erfüllt.

3.1.3 Berufliche Rehabilitation

Die Teilhabe am Arbeitsleben ist das oberste Ziel beruflicher Rehabilitation, deren Rechtsgrundlagen im Wesentlichen in den §§ 33 bis 43 SGB IX verfasst sind. §33 Abs.1 enthält hierzu die grundlegende Festlegung:

„Zur Teilhabe am Arbeitsleben werden die erforderlichen Leistungen erbracht, um die Erwerbsarbeit behinderter oder von Behinderung bedrohter Menschen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu erhalten, zu verbessern, herzustellen oder wiederherzustellen und ihre Teilhabe am Arbeitsleben möglichst auf Dauer zu sichern.“ Mit dem Arbeitsbegriff sind Bedürfnisse verbunden, deren Erfüllung, je nach Sichtweise fremdbestimmt- oder selbstbestimmt sein können. Durch Arbeit kann der Mensch sich seine Welt erschließen- in sachlicher, natürlicher und sozialer Hinsicht. Er kann sich mit seiner materiellen und sozialen Umwelt auseinandersetzen und verwirklicht sich letztendlich durch die Arbeit selbst.[22] Mit der Selbstverwirklichung und der Erschließung von materieller und sozialer Welt eignet sich der Mensch also seine innere und äußere Welt an. Marx bezeichnete diesen „(…) Stoffwechsel mit der Natur“[23] als eine fundamentale und zur Bedürfnisbefriedigung notwendige Eigenschaft des Menschen. Somit bedeutet Arbeit mehr als eine gesellschaftliche Notwendigkeit, die zum einen der Existenzsicherung des Einzelnen und zum anderen ökonomischer Verwertung dient. Sie ist ein „Grundbedürfnis des Menschen“[24], woraus sich der Anspruch für behinderte Menschen auf Arbeit ableiten lässt.

Unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Teilhabe bezeichnet Mühlhum die berufliche Rehabilitation als „Königsweg der Rehabilitation“[25], da sie der Logik der heutigen Leistungsgesellschaft am nächsten kommt. Konkret bedeutet dies für Menschen mit Behinderungen, dass die aktive Teilhabe am Arbeitsleben förderlich für eine positive Persönlichkeitsentwicklung ist, bei der auch soziale Bedürfnisse erfüllt werden können. Weiterhin stellt Michels fest, dass durch die dadurch gegebene Tagesstrukturierung und Regelmäßigkeit sich ein „(...)handhabbarer Realitätsbegriff herausbildet.“.[26]

Dieser ist geprägt durch die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit, verbunden mit der Existenzsicherung durch Lohnarbeit.[27]

Diese Bedeutungselemente unterstreichen die Relevanz beruflicher Rehabilitation, deren wesentlicher Leistungsumfang im §33 Abs. 3, 4,5 geregelt ist. Diese Leistungen werden in Deutschland hauptsächlich durch Berufsbildungswerke, Berufsförderungswerke, Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, Tagesstätten oder vergleichbare bzw. innovative Einrichtungen (z.B. Integrationsfirmen, betreute und modifizierte Arbeitsplätze in Betrieben usw.) erbracht. Ausschlaggebend für die Eignung einer Einrichtung für den Einzelfall sind zum einen individuelle Neigungen und Fähigkeiten, sowie die Frage, ob Hilfen zur Erlangung eines Arbeits- bzw. Ausbildungsplatzes, zur Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag oder zur Erhaltung bzw. Förderung der Arbeitsfähigkeit notwendig sind. Diese Fragen werden i.d.R. durch medizinische, psychologische und arbeitspädagogische Untersuchungen geklärt. Natürlich sind nicht alle Fälle auf überbetriebliche Träger angewiesen. Berufliche Rehabilitation kann genauso individuell, also weitgehend institutionsunabhängig, in Abhängigkeit mit der Art der Behinderung und dem damit verbundenen Grad an vorhandener Autonomie geschehen.[28]

3.1.4 Die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen

Wenn in den folgenden Ausführungen der Begriff des Mitarbeiters verwendet wird, so sind damit die Beschäftigten mit Behinderungen gemeint. Eine solche Einrichtung bezeichnet Cloerkes als: „(..) das letzte Glied in der Kette beruflicher Rehabilitationseinrichtungen.“[29], in der besonders schwer behinderte Menschen beschäftigt und gefördert werden, deren Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt (wieder) Fuß zu fassen besonders gering sind. Obwohl sie im SGB IX, §§ 35, 39 und 136 dem Wortlaut nach den Einrichtungen beruflicher Rehabilitation zugeordnet werden[30], bezeichnen Matthes und Scheibner dieses als nicht korrekt, weil „ Eine „Wieder“ eingliederung (sic!) kann gar nicht stattfinden, da die weit überwiegende Mehrzahl der Werkstattbeschäftigten vorher noch nie im Erwerbsleben gestanden hat.“[31]. Vermutlich beziehen die Autoren sich auf die alten Bundesländer, denn in der ehemaligen DDR waren viele Menschen mit Behinderungen in den Betrieben beschäftigt und hatte auch die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen- sei es in sogenannten beschützten Abteilungen oder als Mitarbeiter mit spezifischen Aufgabenprofilen oder geminderten Anforderungen. Jedoch kann dies an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden.

Die Besonderheit dieser Einrichtungsform liegt darin begründet, dass sie nicht nur nach rein rehabilitativen und arbeitspädagogischen Vorgaben für die darin Beschäftigten da ist und in diesem Zusammenhang sozialpolitische Aufgaben für die jeweiligen Kostenträger übernimmt. Gleichzeitig muss die WfbM auch den Wünschen und Anforderungen von Kunden bzw. Auftraggebern gerecht werden. Im Punkt Produktion und Dienstleistungserbringung gelten hier die Prinzipien der Marktwirtschaft- d.h., die Auftraggeber entscheiden nach Qualität und Preis, ob sie die WfbM beauftragen. Zudem besteht die Möglichkeit, die Auftragsvergabe nach § 140 SBG auf die gesetzliche Ausgleichsabgabe anrechnen zu lassen. Aufträge von öffentlicher Hand werden nach § 141 SBG IX bevorzugt vergeben. Somit besteht der Anspruch, Forderungen und Wünschen von drei Seiten (Leistungsträger, Mitarbeiter mit Behinderungen und Auftraggeber) gerecht zu werden. Jedoch sind Eingliederung und Rehabilitation als vordergründig zu betrachten, denn wie Jacobs argumentiert, müsste bei einer Unterordnung des Menschen gegenüber der Produktion, ein reales Arbeitnehmerverhältnis (in Form eines Arbeitsvertrages) bestehen. Das Verhältnis der Mitarbeiter zur Institution ist aber eindeutig ein arbeitnehmerähnliches Verhältnis.[32]

Personenkreis

Grundsätzlich muss nach § 136 SGB IX Abs.2 den behinderten Personen ein Arbeitsplatz zur Verfügung stehen, „(…) von denen erwartet werden kann, dass sie spätestens nach Teilnahme an Maßnahmen im Berufbildungsbereich wenigstens ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistungen erbringen werden.“. Lachwitz formuliert hierzu präzisierend, welche Personenkreise nach entsprechendem Eingangsverfahren aufgenommen werden müssen: „Im Wesentlichen handelt es sich dabei um geistigbehinderte, mehrfachbehinderte, schwerstkörperbehinderte und seelischbehinderte (sic!) Menschen“[33], die in dem Einzugsgebiet der Einrichtung wohnhaft sind und bei denen einen unverhältnismäßiger Betreuungsbedarf (etwa bei dem Risiko zu Selbst- und Fremdgefährdung, außerordentlicher Pflegebedarf) ausgeschlossen werden kann.[34]

Das Leistungsspektrum

Die gesetzliche Pflichtleistungen sind im Wesentlichen im § 136 SGB IX Abs.1 Satz 1 bis 3, sowie in der Werkstättenverordnung (WVO) zusammengefasst, bedürfen aber einer konkreten Ausformulierung in den Konzeptionen und Leistungsvereinbarungen.

Dabei ist auf eine Vielfalt der Lern-, Arbeits- und Beschäftigungsangebote und auf deren Gestaltung nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens aus Fachwelt und Wissenschaft zu achten.[35]

Als Beispiel eines Leistungsspektrums soll aus der Konzeption des Fachbereichs Arbeit des „Lebenshilfe-Werkes Weimar/Apolda“ e.V. zitiert werden:

Die Leistungen umfassen:

- Aufnahme in die Werkstatt und Eingliederung durch das Eingangsverfahren in den Berufsbildungsbereich (BBB)
- Aufnahme in den Arbeitsbereich
- Angebote beruflicher Bildung im Arbeitsbereich
- Maßnahmen zur Wiedergewinnung, Erhaltung, Entwicklung und Erhöhung der Leistungsfähigkeit
- Maßnahmen zur Förderung des Überganges auf den allgemeinen Arbeitsmarkt
- Bereitstellung und Sicherung eines breiten Angebotes an Berufsbildungs- und Arbeitsplätzen
- Gewährleistung von qualifiziertem Personal
- Bereitstellung eines begleitenden Dienstes
- Sicherstellung der Aufnahme aller Anspruchsberechtigten im Einzuggebiet
- Sicherung einer dauerhaften Beschäftigung
- Abschluss von Werkstattverträgen
- Gewährleistung der Mitwirkung von Werkstatträten und Werkstattbeschäftigten
- Sicherstellung werkstatttypischer baulicher Gestaltung und Ausstattung
- Einbindung in die regionale Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur
- Ermöglichen der Erreichbarkeit der Werkstätten“[36].

[...]


[1] Vgl. Roland Schmidt (2007).Skript der Vorlesung von Prof. Dr. R. Schmidt:“Soziale Arbeit als Dienstleistung“. Vom Sommersemester 2007 an der Fachhochschule Erfurt. FB Sozialwesen S. 17

[2] Vgl. Beate Finis Siegler (1997). Ökonomik sozialer Arbeit. Freiburg i.B. S.26

[3] ebd. S.25

[4] Vgl. ebd

[5] Bauer ( 2001).Personenbezogene Soziale Dienstleistungen.Wiesbaden.S.16

[6] Vgl.ebd. S. 29

[7] Vgl. Schmidt (2007), a.a.O. S. 17

[8] ebd.

[9] Finis Siegler a.a.O. S.49

[10] Olk, Otto, Backhaus-Maul. Soziale Arbeit als Dienstleistung. Einführung. In: Vgl: Thomas Olk, Hans-Uwe Otto ( Hrsg.). (2003). Soziale Arbeit als Dienstleistung. Grundlegungen, Entwürfe und Modelle. München, Unterschleißheim. S.15

[11] Cloerkes (2001). Soziologie der Behinderten: Eine Einführung. Heidelberg. S.7

[12] Vgl. ebd.

[13] Mühlhum (2005). Rehabilitation. In: Otto, Tiersch (Hrsg.) (2005). Handbuch der Sozialarbeit. Sozialpädagogik. München, Basel. S. 1481

[14] Lachwitz, Schellhorn, Welti (Hrsg) (2006). Handkommentar zum Sozialgesetzbuch IX. 2. Auflage. München. S. 49

[15] Kaufmann. Konzept und Formen sozialer Intervention. In: Stallberg (Hrsg.) (1999). Handbuch soziale Probleme. Opladen. S. 933

[16] Vgl. ebd.

[17] ( 1988). In: Cloerkes. a.a.O. S. 34

[18] Vgl. Mühlhum a.a.O. S. 1484; Steinke ( 2002). Rehabilitation. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge.(2002). Fachlexikon der sozialen Arbeit. Frankfurt a.M. S. 770 - 773

[19] Mühlhum. Rehabilitation. In: Hand buch der sozialen Arbeit. a.a.O. S. 1482

[20] a.a.O. S. 34

[21] ebd. S. 78

[22] Vgl. Michels (2002). Zur Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten einer Werkstatt für behinderte Menschen In.: Heinen, Tönnihsen (Hrsg.). Rehabilitation und Rentabilität. Eitorf. S. 203

[23] diverse Autoren. Arbeit (Philosophie). www. wikipedia.org/wiki/Arbeit. Zugriff: 22.07.2007

[24] Ellger-Rüttgart ( 2000). S.315. In: Michels. a.a.O. S. 206

[25] (2005).a.a.O. S. 1484

[26] Thurn.(1992). S.4. In: Michels a.a.O. S. 205

[27] Vgl. ebd. S. 206

[28] Vgl. Otto (1992). Einleitung beruflicher Rehabilitationsmaßnahmen: Berufsfindung und Arbeitserprobung. In: Mühlhum (Hrsg.). Handbuch der Rehabilitation. Neuwied. S. 190-194

[29] a.a.O. S. 36

[30] Vgl. u.a. Lachwitz. a.a.O. § 136 SGB IX. S. 713

[31] ( 2005). BAG. Der Leistungskatalog der Werkstatt. Frankfurt /Main. S. 11

[32] Vgl. Jacobs (1998).Rechtsfragen der Werkstatt für Behinderte. Freiburg i.B. S. 28

[33] a.a.O. §136. S. 712

[34] Matthes a.a.O. S. 19

[35] Vgl. Klammer u.a. (2004). Leistungsvereinbarung für Werkstätten für Behinderte. Leitfaden für Vereinbarungen zwischen Kostenträgern und Einrichtungen nach §93 BSHG. Lebenshilfe. Marburg

[36] Buchhorn u.a. .Lebenshilfe-Werk Weimar- Apolda e.V. (2007). Konzeption Fachbereich Arbeit. Weimar/Apolda. S.16/17

Details

Seiten
53
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656861751
ISBN (Buch)
9783656905905
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286160
Institution / Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Arbeit Dienstleistung subjektive Qualität Werkstätten für Behinderte Qualitätsbewertung
Zurück

Titel: Ermittlung der Qualität von sozialer Arbeit als Dienstleistung anhand von Interviews