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Nahrung als moralisch aufgeladenes Gut

Ist es ethisch vertretbar unsere heutige Nahrung zu akzeptieren und sie zu konsumieren?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 18 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

1͘ Einleitung

Die folgende usarbeitung beschäftigt sich mit ethischen und somit moralischen spekten des Essens und Konsums1 unserer heutigen Nahrungsmittel und hinterfragt zugleich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mechanismen, die mit Nahrungskonsum verbunden sind. Zunächst stellt sich die Frage: Was ist Ethik, was ist Moral und welchen Kriterien und Grundsätzen unterliegen sie? Danach gilt es zu fragen, was eine Ethik des Essens (Food Ethics) bedeutet und warum Essen gegenwärtig moralisch aufgeladen ist? Warum gerade heute durch einzelne und somit auch kollektive Konsumentscheidungen hierzu die Thematik so strittig ist und man Moral mit Essen verbindet? Was verursachen wir eigentlich durch das Essen unserer Nahrungsmittel? Ist es moralisch vertretbar die Produkte aus dem Supermarkt bedenkenlos zu konsumieren und sie zu akzeptieren? Welche unethischen Hintergründe zeichnet die heutige Nahrung aus und warum kann man den Individuen unmoralisches Handeln unterstellen?

Die Menschheit beschäftigt sich schon seit über Tausenden von Jahren mit grundsätzlichen Fragen was gut und was schlecht ist, uns bekannte Fundamente der Ethiklehre sind die aus der ntike. Die Tugendethik des ristoteles leitete für unsere Gesellschaft die philosophische Ethiklehre ein, er fundierte durch seine Schriften die ethischen Maximen des guten Handelns. Der Begriff „Ethik“ lässt sich definieren als die „Gesamtheit aller Prinzipien, die Handeln, Sitten und Gebräuche der Menschen eines bestimmten Kulturkreises regeln“. (Fuchs-Heinritz, 2011: 185) Vom ethischen Handeln ist der Weg zur Frage nach der Moral nicht weit, denn die Ethik wird mit dem Begriff Moral fast gleichgesetzt. Die Moral wird als „die Gesamtheit der nschauungen und Normen, von denen die Menschen in ihrem praktisch-sittlichen Verhalten gesteuert werden“, angesehen (Fuchs-Heinritz, 2011: 457).

Unser Essen ist zum Problem geworden, denn erstens ist es ungleich verteilt, zweitens durch unseren Konsum und unsere Erwartung, wie beispielweise, dass es günstig sein muss, unterstützen wir eine Reihe von Geschehnissen, die alles andere als korrekt und erheiternd sind. Es gibt diverse Folgen des Konsums von Nahrungsmitteln, die der menschlichen Gesundheit, der Umwelt, den privaten Haushalten und ganzen Staaten schaden. Unsere Biodiversität, Wasser, Böden, Ressourcen, rbeitsbedingungen, faire Löhne, utonomie, Genuss, Qualität (Boergen, 2013: 15), Nachhaltigkeit für spätere Generationen und der körperliche Zustand der Menschen wurde und wird gefährdet. Heutzutage hungern circa eine Milliarde Menschen, zeitgleich gibt es über eine Milliarde übergewichtige Menschen. ufgrund der Übernahme des westlichen Lebensstils sind diese auch in Schwellen- und „Entwicklungsländern“ zu finden (Wiggerthale, 2012: 25).

Wir wissen auch, dass wir durch unseren Überfluss Hungersnöte in anderen Ländern verursachen. Durch grarsubventionen der Europäischen Union (EU) haben wir andere Menschen auf dem Gewissen und wissen schon mal gar nicht um die wahren Preise der Lebensmittel. Wo liegt das Problem, was ist mit unseren ethischen Grundsätzen geworden? Liegt die Verantwortung bei uns persönlich, oder ist es das System, in dem wir leben, das uns verbiegt und zwingt?2

2͘ Ethik, Moral, Normen und Werte unserer Gesellschaft͘ Ethische Werte und moralische Normen?

Unserer Gesellschaft werden ethische Normen3 beigebracht, das Grundgesetz, politische und religiöse Institutionen geben Gesetze vor an die Individuen sich halten sollen, die Schüler nehmen Ethikunterricht wahr, Religionen werden praktiziert, jedem Menschen sind die Gesetzte des guten Handelns bekannt und dennoch ist die Welt da draußen? kaum zu ertragen. ufgrund von useinandersetzungen, Kriegen, Hunger, ökologischen Katastrophen, Umweltverschmutzung und fragwürdigen Legitimitätsprinzipien der staatlichen Institutionen, die uns vor ugen geführt werden und uns erschüttern, ist das Interesse an Ethik als usweg wieder gestiegen. Somit rücken seit ein paar Jahrzehnten die ethischen Grundsätze in die Politik, zivilgesellschaftliche Institutionen und Gesellschaften hinein (Nohlen, 2011: 130). Diverse politische Felder fördern immer stärker ein Erwachen, denn es ist seit über 30 Jahren ein Zerfall der Moral zu beobachten (Rehfus, 2003:341).

Das Wort Moral kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Gewohnheit, Gesetz, Benehmen“. Man kann moralisch oder unmoralisch handeln, wobei bei letzterem ein Reputationsverlust droht oder eigene Schuldgefühle aufgrund von schlechten Taten auftauchen. Es geht darum, darauf zu achten, beim eigenem Handeln anderen Menschen keinen Schaden zuzufügen (Farzin, 2008: 201). Die moralischen Grundprinzipien sind in der philosophischen Ethik, in den Religionen und in der staatlichen Verfassung verankert und geben uns vor, wie gehandelt werden soll. Die Ethik als Philosophie beschäftigt sich mit richtigem, gutem Handeln und Verhalten von Menschen. Sie dient zugleich als eine Theorie der guten Führung im Dasein, als auch als Reflexion der Regeln des korrekten Handelns im Leben. Sie kategorisiert zwischen gut und schlecht, analysiert den Sinn und das Ziel des Lebens, thematisiert das gute Leben und wahre Glück, sie gibt aber keine Praxis oder Hinweise wie gehandelt werden soll, vor. Im Falle des Moralbegriffes und Ethik, wie oben schon erwähnt, haben die beiden den gleichen usdruck. Die Moral beschäftigt sich mit dem was da ist, was die Menschen tun, mit den inneren Werten, die durch Taten an das Tageslicht kommen und den Normen, die ausgeführt werden. Unter dieser Beleuchtung, wenn man die Vergleiche zur Vergangenheit in Betracht zieht, dürfte schon die Rede von der absinkenden oder steigenden Moral sein. Die Philosophie der Ethik bedeutet, im Vergleich zur Moral, ein beurteilendes Nachdenken über das was sittsam ist und die Frage, ob Handlungsweisen tatsächlich gut und richtig sind. (Enderle, 1993: 250)

Die philosophische Ethik teilt sich auf eine deskriptive und normative Ethik, die erste beschreibt die Wertevorstellungen, nach denen Menschen handeln, die zweite sucht rgumente, nach denen die gesellschaftliche Normen erklärt und bewertet werden können (Knobloch, 1994: 129). Die Ethik des Kants lässt eine Regel zu, wenn sie „verallgemeinerbar ist“ und jeder sie akzeptieren würde, das würde dann auch bedeuten, dass sie gerecht und moralisch korrekt ist (Cortina, 2006: 96). Die Diskursethik versucht zum Beispiel Regeln des guten Handelns durch ein Gegenseitigkeitsprinzip zu erklären, indem die Individuen bevor sie etwas tun, objektiv sich in die anderen hineinversetzen sollen, um einen Maßstab für gute Entscheidungen zu ergattern (Knobloch, 1994: 135).

3͘ Die Ethik des Essenkonsums

Heutzutage gibt es unendliche viele individuelle, kollektive und weltweite Probleme, die mit unserer täglichen Nahrungsaufnahme vereinigt sind und durch diesen Konsum hervorgerufen werden. Die Ethik des Essens sammelt und schätzt die Probleme ein und zeigt mögliche Lösungsansätze auf.

„Die Ernährungsethik beschäftigt sich ͙ mit den Folgen der Land- und Lebensmittelwirtschaft, mit Konsumstilen und gesellschaftspolitischen Wertehaltungen. Sie beleuchtet die ökologischen, sozialen und ökonomischen uswirkungen der Produktion, Verarbeitung und des Konsums von Nahrung. Sie zwingt den Einzelnen zum Nachdenken über die eigenen Ernährungsgewohnheiten.“ (Boergen, Gottwald 2013: 14). nhand einer Ethik des Essens können vier Grundsätze des Handelns wie Schadensmeidung, Verpflichtung gegenüber anderen, der Zukunft, Fairness und Biodiversität postuliert werden (Boergen, Gottwald 2013: 16). Die Ergebnisse, Konsequenzen, Folgen unseres Konsumverhaltens rücken immer intensiver und von mehreren Seiten gleichzeitig ins schlechte Licht und werden aufgrund von sozialen und ökologischen Katastrophen verstärkt kritisiert (Knobloch, 1994: 11). Wie soll man von Fairness sprechen, wenn erstens beispielsweise in Deutschland circa zwölf Prozent des Einkommens für Nahrung ausgegeben werden und in einigen Ländern des „Südens“ (Schwellen- und Entwicklungsländer) die Zahlen bis zu achtzig Prozent reichen (Henrichs, 2012: 87)? Wie ist das Essen eigentlich verteilt? Zweitens, warum wirft man bis zu fünfzig Prozent der Lebensmittel (zum Beispiel in Deutschland) auf den Müll? Wie kommt es dazu, dass man sich das leisten kann? Eine Gesellschaft, die Nahrung wegschmeißt weil sie nicht die „richtige“ Größe, Form oder Farbe hat, macht nachdenklich bezüglich der moralischen und ethischen Maßstäbe. (Henrichs, 2012: 84) Die Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit ist in der zur Konvention gewordenen modernen Landwirtschaft gefährdet und mit so einer Wirtschaftsweise und steuert sie in eine Richtung, die gegen Nachhaltigkeit und Verantwortung spricht (Henrichs, 2012: 86).

Es gibt zwei sehr wichtige spekte, mit den sich die Ethik des Essens beschäftigt, nämlich der gewaltige Eingriff in das Leben, wie die künstlich gesteuerte Zucht, Haltung und Schlachten bei Tierprodukten und die neuen Technologien wie Nanotechnik und genetisch manipulierte Organismen. Diese Praktiken stellen ein politisches, ökologisches und gesundheitliches Tabu in der Gesellschaft dar, auch wenn sie weiterhin praktiziert werden. Das ufkommen von diesen Methoden bestätigt somit, dass die Food Ethics immer wieder vor neuen ffronts stehen muss (Boergen, Gottwald, 2013: 18). Dass die uswirkungen auch irreversibel sind und bei weiterer Benutzung noch mehr Schaden einrichten können, hat die Ethik an der Stelle einen wichtigen uftrag, in das Zentrum von jeweils gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Konsens zu rücken, um über die Folgen von „Nicht-Rückholbarkeit“ und „Finalität“ zu warnen (Boergen, Gottwald, 2013: 19).

4͘ Die Moral des Essenskonsums

Seit einigen Jahren verstärken und vermehren sich die Stimmen, die an das „andere“ Konsumieren appellieren. Es soll ethisch, moralisch und nachhaltig gekauft werden. Der Druck, den die Stimmen ausüben wollen, soll von dem Rahmen eines geringen/geringsten „ökologischen Fußabdruck“ (Global Footprint Network) ausgehen. (Hellmann, 2013: 12 folgend)

Das Beibehalten von ethischen, humanen Grundsätzen beim Kauf von Nahrung stellt ein komplexes Netz von Gegebenheiten und Realitäten dar, die nicht selten bei willigen Bürgern das Scheitern und ufgeben verursachen. In manchen Fällen ist die Unausführbarkeit schon von nfang an da, oder die Möglichkeiten des Umsetzens sind sehr gering. Die ökonomischen Zwänge als auch das biologische Bedürfnis essen zu müssen und keine Möglichkeiten zur Selbstversorgung zu haben, beschränken den Handlungsspielraum des „ökologischen und sozialverträglichen Konsums“ und verstreichen die lternativen es nicht zu kaufen oder andere Produkte zu wählen. Nichtsdestotrotz haben die verbleibenden Konsumenten, die als Entscheidungsträger fungieren, die Macht faire Produkte zu fördern. (Knobloch, 1994: 151) „Sobald wir die Gabeln heben, beziehen wir Position“. „Wenn wir uns die Mühe machen und uns umsehen, ͙ nicht leugnen können, dass wir mit unseren täglichen Entscheidungen die Welt gestalten“. (Mohrs, 2013: 146)

[...]


1 Verbrauch (besondere von Nahrungs- Genussmitteln), Verzehr, Genuss (Duden, 2000: 744)

2 Gesellschaft verstehen wir als „Vereinigung von Personen (͙) zu bestimmten Zwecken organisierte Vereinigung einer größeren Zahl von Menschen(͙) umfassendste System menschlichen Zusammenlebens (͙). Der Begriff wird auch auf spezifische Gebilde bezogen, die staatliche wie Nation“ (Nohlen, Schulze, 2010: 314).

3 „allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Regel für das Zusammenleben in der Gesellschaft“. (Duden 2000: 930)

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656860570
ISBN (Buch)
9783656860587
Dateigröße
986 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286033
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Soziologie
Note
1,4
Schlagworte
Essen Nahrung Ethik des Essens Foodethics Politik des Essens Moral und Nahrung Nebennwirkungen von Nahrungskonsum auf die Umwelt Gemeinschaften Individuen

Autor

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Titel: Nahrung als moralisch aufgeladenes Gut