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Übergewicht und Adipositas. Die Rolle von Bewegung und Sport als Präventivarbeit bei Kindern und Jugendlichen

Akademische Arbeit 2004 20 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stand der motorischen Leistungen von Kindern

3 Welches Bewegungs- und Sportangebot benötigen Kinder und Jugendliche?

4 Was kann der Sportunterricht bzw. der Sporterzieher im Umgang mit Adipositas tun?

5 Prävention der Adipositas durch Sport, Bewegung und körperliche Aktivität?

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1 Einleitung

„Die moderne Gesellschaft ist auf dem besten Weg, durch eine zunehmende technische Mobilität in eine immer stärkere körperliche Immobilität zu geraten.“[1]

In unserem Alltag ist körperliche Bewegung durch die fortschreitende Technik nur noch bedingt notwendig: Für jede noch so kleine Entfernung wird das Auto benutzt, in fast jedem Gebäude gibt es mittlerweile einen Fahrstuhl, sehr viel Zeit wird sitzend vor dem Fernseher oder dem Computer verbracht. Die Sportvereine hingegen beklagen einen immer größeren Mitgliederschwund. Die Folgen dieses Bewegungsmangels sind die so genannten Zivilisationskrankheiten Rückenschmerzen und Übergewicht.

Diese katastrophale Entwicklung betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch viele Kinder und Jugendliche. Sie leiden schon im Grundschulalter an Haltungsstörungen, Übergewicht, Bewegungsauffälligkeiten sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen.[2]

Dabei ist Bewegungsmangel mehr als nur ein Gesundheitsrisiko für Kinder und Jugendliche.

In der vorliegenden Arbeit wird deshalb das Thema Bewegung, Sport und körperliche Aktivität bei Kindern und Jugendlichen dargestellt. Dabei soll deutlich gemacht werden, auf welchem motorischen Leistungsstand sich die Kinder und Jugendlichen heutzutage befinden und welches Bewegungs- und Sportangebot nötig ist, um gesund und fit zu bleiben. Außerdem wird die Rolle des Sportlehrers definiert, welcher sich mit adipösen Schülern in seinem Unterricht auseinandersetzen muss, um schon so früh wie möglich Präventivarbeit leisten zu können. Abschließend soll noch einmal zusammenfassend über Bewegung, Sport und körperliche Aktivität zur Prävention von Übergewicht und Adipositas diskutiert werden.

2 Stand der motorischen Leistungen von Kindern

Noch vor 20 Jahren war viel Bewegung für die Kinder eine Selbstverständlichkeit: Sie tollten Draußen herum und testeten ihre eigenen körperlichen Fähigkeiten. In der heutigen Zeit sieht die Situation auf Grund der gesellschaftlichen Veränderungen (Veränderungen des Lebensstils) anders aus. Kinder finden in ihrer Umgebung immer weniger natürliche Spiel- und Bewegungsräume vor, in welchen sie spontan und gefahrlos ihren Bewegungsdrang ausleben können. Durch die Verplanung ihrer Freizeit mit organisierten Veranstaltungen (Musikschule, Tennistraining, Reitunterricht etc.), wird dem kindlichen Spieltrieb kein Raum mehr gelassen. Darüber hinaus beschäftigen sich die Kinder und Jugendlichen immer stärker passiv, indem sie viel Zeit vor dem Fernseher, dem Computer oder Videospielen verbringen. Auf Grund der daraus resultierenden fehlenden Spielpartner, wird ihr Gruppen- und Sozialverhalten geschädigt. Ein weiteres Problem ist der überbehütende Erziehungsstil vieler verunsicherter Eltern, durch welchen sie ihr Kind in seinem spontanen Spiel- und Bewegungstrieb einschränken.[3]

Im Allgemeinen wird in Deutschland davon ausgegangen, dass bei den Kindern in 40 bis 60% Haltungsschwächen/-schäden, 30 bis 40% Koordinationsschwächen, ein in 20 bis 30% leistungsschwaches Herz-Kreislauf- und Atmungssystem sowie in ca. 15% ein auffälliges psychosoziales Verhalten vorliegen.[4]

Auch aktuelle Untersuchungen von Sportwissenschaftlern, bestätigen den körperlich desolaten Zustand der Kinder. Sie stellten in einem Motorikvergleich von 10-jährigen Jungen zwischen 1976 und 1996 einen enormen Leistungsabfall fest. 1976 schafften die Jungen in 30 Sekunden noch durchschnittlich 16,3 Liegestütze, 1996 waren es nur noch 12,4. Auch im 6-Minuten-Lauf liefen die Jungen damals 1024 m und heute nur noch 876 m. Beim Rumpfbeugen kamen die Jungen 1976 auf 2,96 cm, im Vergleich dazu erreichten die Jungen 1996 nur noch -3,43cm.[5]

Dieses ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt der Misere: Insgesamt hat sich die körperliche Leistungsfähigkeit deutscher Kinder um bis zu 20% verschlechtert.

Nach einer Studie von Bös (zitiert aus der Fit For Fun), bei der 1500 Schüler von 33 Schulen getestet wurden, mangelt es vor allem an den Grundfertigkeiten Laufen, Springen, Werfen und Klettern. Auch der in diesem Artikel zitierte Sportpädagoge Dr. Rusch bestätigt diese Annahme, denn bei dem „München Fitness Test“ erreichten 2001 nur noch ¼ der Schüler den Durchschnittswert von 1986. Es werden zwar immer noch gute Leistungen erbracht, aber die schlechten bis ganz schwachen Ergebnisse überwiegen. Ein Langzeitvergleich der Körperkonstitution 10-jähriger Jungen macht deutlich, woran das liegen könnte: 1976 waren die Jungen im Durchschnitt 143 cm groß, brachten 35 kg auf die Waage und hatten einen BMI von 16,9. Nur 16% waren übergewichtig. Im Gegensatz dazu waren die Jungen 2002 im Durchschnitt 143 cm groß, wogen 38 kg und hatten einen BMI von 18,3. Die Anzahl der übergewichtigen Jungen verdoppelte sich beinah und lag nun bei 31%. Ein möglicher Grund dafür ist, dass die Bewegungswelt der Kinder immer mehr zur „Sitzwelt“ wird. Ein Bewegungstagebuch über 7 Tage von 1000 Kindern zwischen 6 und 10 Jahren ergab, dass sie am Tag 9 Std. liegen, ebenfalls 9 Std. sitzen, 5 Std. stehen und sich nur 1 Std. bewegen würden.[6]

Nach eigenen Beobachtungen im Allgemeinen Schulpraktikum und auch im Fachpraktikum kann ich bestätigen, dass die motorischen Leistungen bei Schülern/innen sehr schlecht sind. In fast jeder Klasse fallen Schüler/innen durch motorische Defizite auf. Es fällt ihnen schwer, rückwärts zu laufen, ohne sich umzuschauen oder hinzufallen, sie können keine fünf Minuten mehr laufen ohne völlig aus der Puste zu sein, ihre Balancierfähigkeit lässt zu wünschen übrig und einfachste motorische Bewegungen können nicht mehr ausgeführt werden. Ein möglicher Grund dafür ist, dass fast keiner der Schüler/innen in einem Sportverein tätig war und anderweitige Freizeitaktivitäten dem Sport vorzogen.

Auch viele andere Lehrer bestätigen einen zunehmenden Abfall kognitiver und koordinativer Leistungen sowie vermehrte Defizite im motorischen und sozialen Verhalten der Schüler.[7]

Beim Karlsruher Modellprojekt Kindergesundheit wurde mit einem standardisierten Motoriktest die körperliche Leistungsfähigkeit und Fitness von Kindern zwischen 3 – 6 Jahren getestet. Diese Ergebnisse wurden mit übergewichtigen Kindern im selben Alter verglichen. In vielen Bereichen wiesen die normalgewichtigen Kinder dabei signifikant bessere Ergebnisse auf als die übergewichtigen Kinder. Dennoch wurde zunächst festgestellt, dass Übergewichtige nicht unbedingt unbeweglicher sind als Normalgewichtige. Mit zunehmender Bewegungsintensität der Testaufgaben nahmen allerdings die Unterschiede zum Vorteil der Normalgewichtigen zu.[8]

Auch weitere Untersuchungen zum Stand der motorischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen kamen zu solchen negativen Ergebnissen. Das motorische Leistungsniveau der Kinder und Jugendlichen in Deutschland wird stetig schlechter, die Unterschiede zwischen den Übergewichtigen und den Normalgewichtigen wachsen und der Bewegungsmangel nimmt immer mehr zu.

Bei diesen Umständen wundert es niemanden, dass die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen so drastisch steigt, denn Bewegungsmangel trägt wesentlich zur Entstehung der Adipositas bei. Dennoch ist Bewegungsmangel nicht allein die Ursache für Übergewicht. Zwar sind Übergewichtige in der Regel körperlich weniger aktiv als schlanke Menschen, das liegt aber auch daran, dass für sie körperliche Aktivität mühsamer ist und daher meist gemieden wird.[9]

Daher muss geklärt werden, welche körperliche Aktivität für Kinder und Jugendliche angemessen ist und welches Bewegungs- und Sportangebot zur Prävention und Therapie der Adipositas sinnvoll ist.

3 Welches Bewegungs- und Sportangebot benötigen Kinder und Jugendliche?

Wie schon erwähnt sind die Spiel- und Bewegungsräume der Kinder und Jugendlichen heutzutage stark eingeschränkt. Sie hocken in ihrer Freizeit lieber vor dem Fernseher oder dem Computer, anstatt diese mit motorischen Aktivitäten wie Spielen, Toben oder in einem Sportverein zu verbringen.

Was aber kann heute getan werden, um der Einschränkung der kindlichen Bewegungsmöglichkeiten entgegenzuwirken und welche Sportangebote benötigen Kinder und Jugendliche?

Wenn diese regelmäßig Sport treiben, verbessern sie dadurch wesentlich ihren körperlichen Zustand: Sie beugen dem Risiko kardiovaskulärer Krankheiten, einem hohem Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen oder einer Adipositas vor. Außerdem verhindern sie durch regelmäßige Bewegung das vermehrte Auftreten von Haltungsschwächen sowie motorischen, koordinativen und kognitiven Defiziten.[10]

„Zudem ist Sport, allen Grüblern, Denkern und Ausreden zum Trotz, nicht nur ein Zeitvertreib für Doofe, sondern ein Weg zur Erkenntnis. Alle kognitiven Leistungen beginnen mit Bewegung.“[11]

„In keiner anderen Lebensphase ist Bewegung daher so wichtig wie in der frühen Kindheit. Bewegung und Spiel sind elementare Formen kindlichen Lebens, ein starker Bewegungsdrang ist mit einer gesunden körperlichen und geistigen Entwicklung verbunden. Sich bewegend begreifen Kinder ihre Umwelt und durch vielfältige Bewegungserlebnisse fördern sie die sensomotorische Entwicklung.“[12]

Schon im frühen Kindesalter (bis etwa 3 Jahre) sollte daher die Erkenntnis im Vordergrund stehen, dass zwischen Bewegen, Fühlen und Denken nur willkürlich unterschieden werden kann und dass jedes Verhalten motorische, emotionale und kognitive Aspekte umfasst. Für Kinder ist Bewegung ein wichtiges Mittel, Informationen aus ihrer Umwelt aufzunehmen und ihre körperlichen Fähigkeiten auszutesten. In diesem Alter bedeutet Bewegungsförderung Förderung der Gesamtpersönlichkeit. Daher ist es wichtig, dass Kinder möglichst vielfältige Bewegungserfahrungen sammeln können, die ihre physikalische Umwelt betreffen, Objekte, die bewegt werden können oder akustische und optische Reize, die vorgegeben oder selbst erzeugt werden können.[13]

Im Vorschulalter (3 – 7 Jahre) haben Bewegungserziehung, Turnen und Sport vor allem das Ziel, der natürlichen Lebensfreude des Kindes Raum zu geben und so das Wohlbefinden und den allgemeinen Gesundheitszustand zu fördern.

Es ist wichtig, bereits in diesem Alter die motorischen Fähigkeiten Kraft, Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Ausdauer zu fördern. Dieses sollte allerdings noch in spielerischer Form stattfinden durch Angebote, die von Kindern wahrgenommen werden können, und noch nicht durch spezielles Training. Wichtig sind hierfür kindgerechte Bewegungsräume in Wohnungsnähe und Spielplätze. Da diese Möglichkeiten aber häufig nicht mehr gewährleistet sind, sollten schon Kindergärten und Sportvereine geeignete Bewegungsangebote für jene Altersgruppe anbieten.[14]

Kinder im Schulalter dagegen benötigen schon ein reichhaltigeres und ausreichendes Angebot an bewegungsfreundlichen Spielräumen, Freiflächen, Bolzplätzen, Plätzen zum Rad- und Skateboardfahren und Inline-Skaten. Das Angebot an Sportvereinen ist zwar groß, trotzdem beklagen diese einen Schwund an Mitgliedern. Auch der Schulsport ist nicht mehr optimal, da zu wenig Sportstunden im Lehrplan vorgesehen sind und ausgebildete Sportlehrer fehlen.[15]

Kinder sind von Anfang an auf körperliche Bewegung und Aktivität angewiesen, um sich richtig entwickeln zu können und um gesund und fit zu bleiben. Aber wie wichtig ist Bewegung für übergewichtige und adipöse Kindern?

[...]


[1] www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Erziehungsbereiche/s_728.html vom 26.08.2004

[2] vgl. ebd.

[3] vgl. www. familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Kindliche_Entwicklung/s_596.html vom 27.08.2004

[4] vgl. Sportjugend im LandesSportBund NRW e.V. (Hrsg.), Übergewichtige Kinder 2004, S. 9.

[5] vgl. Brammen, Hatje, Lassen wir unsere Kinder hängen? 2002, S. 44.

[6] vgl. ebd.

[7] vgl. Ketelhut, Kerstin: Bewegungsmangel im Kindesalter. Gesundheit und Fitness heutiger Kinder besorgniserregend? In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin Bd. 51 (2000) H. 10, S. 350.

[8] vgl. Bappert, Susanne; Woll, Alexander; Bös, Klaus: Motorische Leistungsunterschiede bei über- und normalgewichtigen Kindern im Vorschulalter. In: Haltung & Bewegung Bd. 23 (2003) H. 3, S. 35ff.

[9] vgl. Hauner, Berg, Körperliche Bewegung 2000, S. 769.

[10] vgl. Ketelhut, Bewegungsmangel 2000, S. 350.

[11] Thimm, Bewegte Kindheit 2004, S. 181.

[12] Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP): Kinder brauchen Bewegung. Appell der Sektion Kinder- und Jugendsport. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin Bd. 54 (2003) H. 4, S. 7.

[13] vgl. www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Erziehungsbereiche/s_656.html vom 30.08.2004

[14] vgl. ebd.

[15] vgl. ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783656857952
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285893
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
übergewicht adipositas rolle bewegung sport präventivarbeit kindern jugendlichen

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