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Enttabuisierung in Skripted Reality-Formaten des Reality-TV. Wie machen inhaltliche Tabubrüche dieses Doku-Format auf privaten Sendern erfolgreich?

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Scripted Reality und Reality TV
2.1 Dokusoap
2.1.1 Coaching- Formate
2.1.2 Reality-Soaps bzw. Swap-Formate
2.2 Castingshows

3. Funktionen von Reality-TV für den Rezipienten

4. Zwischenfazit

5. Tabubruch und Provokation als Quotenbringer
5.1 Diskriminierung
5.2 Zurschaustellung des Familienlebens
5.3 Anrührung des Intimien
5.4 Sexismus
5.5 Ekel

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Fernsehen zwischen Ethik und Quotenabhängigkeit Ethisches Verständnis zwischen subjektiver Empfindung und gemeinsamem Konsens Tabus zwischen normativ klarer Abneigung und voyeuristischer Sensationslust Fernsehjournalismus zwischen Privatsender-Freiheit und Publikums-Zensur Die Spannungsfelder sind vielfältig, Grenzen nicht festgelegt, ein Maßstab für Skandale schwer zu ermitteln.

Schon bevor die Panorama -Reportage im ersten Programm der ARD über das so genannte „Lügenfernsehen“ am 7. Juli 2011 ausgestrahlt wurde, gab es heftige Mediendebatten über das Vermischen von Realität und Fiktion, Information und Unterhaltung im deutschen Fernsehen, insbesondere in den privaten Programmen. Im Debatte-Mittelpunkt standen Sendungen, die den Eindruck erwecken, die gezeigten Handlungen wären nicht erfunden, inszeniert und gespielt, sondern echt und dokumentiert. Sendungen dieser Art werden heute in der Regel als Scripted Documentaries oder: „Scripted Reality“- Formate bezeichnet. Doch wie lässt sich „Realitätsfernsehen“ beschreiben? Welche Formen gibt es bereits? Mit welchen Mitteln arbeiten die Sender? Was wird in den Sendungen gezeigt? Welche Rolle spielen Tabus? In dieser Arbeit möchte ich also die Frage klären: Was ist Scripted Reality, und inwiefern machen inhaltliche Taburüche dieses Doku-Format auf privaten Sendern erfolgreich?

2. Scripted Reality und Reality TV

Der Fachbegriff „Scripted Reality“ ist etabliert. Kurz nach Ausstrahlung der ARD-Reportage wurde unter dem Titel „Wa(h)re Information – Interessant geht vor relevant“ das Ergebnis einer Recherche publiziert, die zu Information, Infotainment und Reality-TV im deutschen Fernsehen von Fritz Wolf, Kölner Medienjournalist, durchgeführt wurde. Diese Formate werden darin von ihm als „die Spitze einer Entwicklung“ eingeschätzt, „in der das Fernsehen sich Wirklichkeit nach eigenen Maßstäben zurecht richtet.“[1] Sendungen, die man als „ script-affin[2] bezeichnen kann, sind jene, die in ihren Themen, Handlungsabläufen, Akteuren, in ihrem Bild- und Sprachstil weitgehend den Scripted-Reality-Formaten ähneln, jedoch wird vom Sender nicht explizit auf eine, möglicherweise auch nur partielle, Inszenierung hingewiesen. Hierbei ist noch immer umstritten, woran genau der „Script“-Anteil zu messen ist. Wo fängt „Script“ an? Die Macher von „Bauer sucht Frau“ leugnen strickt, dass auch nur ansatzweise gescriptete Handlungen gefilmt werden[3]. Sie nennen es eher „Drehregel“ oder „Drehverabredung“, da angeblich „echtes“ Filmmaterial entsteht, welches dann erst im Studio „soapig“ zusammengeschnitten wird.

Eindeutig zeigt sich, dass diese Formate derzeit in den Vollprogrammen der RTL-Group eine wesentliche Rolle spielen: Im Beitrag für den Programmbericht 2011 von Weiß und Ahrens zählte man im Frühjahr 2011 fünfundzwanzig aktuell laufende Sendungen. Auch im Programmangebot von VOX hat dieses Sendeformat mit zwölf unterschiedliche Titeln einen hohen Stellenwert. Die wachsende und beachtliche Bedeutung, die diese performativen Reality TV-Sendungen in der zurückliegenden Dekade erfahren, zeigt sich darin, dass sie sich mit insgesamt 418 Formaten[4] in die Programmschemata der öffentlich-rechtlichen, aber vor allem privater Vollprogramme etablieren.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Reality TV-Konzeptionen deren Bekanntesten im Folgenden vorgestellt werden, allen voran die „Doku-Soap“ die oft im selben Atemzug mit „Scripted Reality“ genannt wird und somit das wichtigste Format darstellt.

2.1 Dokusoap

Die „Doku-Soap“ wurde erstmalig Mitte der 90er Jahre in Großbritannien von der BBC entwickelt. Sie sind dokumentarische Mehrteiler und von der Struktur und dem Aufbau der Spannung her an fiktionalen Seifenopern orientiert: Die Geschichten mehrerer Protagonisten werden durch Parallelmontage kontrastiert. Diese Form der Fernsehunterhaltung erzielte äußerst hohe Einschaltquoten und im Jahre 1998 liefen im englisch-sprachigen Fernsehen bereits 75 Doku-soaps[5].

Mehrere Bedingungen begünstigten die nun erfolgreichste Produktion im Scripted Reality-TV. So wurde das sehr zeitintensive Beobachten von Menschen in Alltagssituationen durch das Fortschreiten technischer Entwicklungen einfacher: Kameras sind inzwischen klein und leicht genug um überall und ohne Aufwand mit hingenommen zu werden, ohne, dass Bild- und Tonqualität unabsichtlich darunter leiden. Dank digitaler Schnittplätze lassen sich große Mengen von Filmmaterial verarbeiten. Dazu kommen die sozialen Aspekte. Immer mehr Menschen haben nun nichts mehr dagegen, gefilmt zu werden oder empfinden es als „aufregend“, im Fernsehen vorzukommen.

Sofern es sich nicht um eine script-affine Sendung handelt, wird auf den vorgetäuschten Dokumentationsstil mit dem Hinweis „Alle handelnden Personen sind frei erfunden“ (oder ähnlich) im Abspann verwiesen.

Das Dokusoap-Genre ist ein Subgenre des Dokumentarfilms, in der die Dokumentation mit verschiedenen Mitteln imitiert wird. So hat der Kommentar die Fuktion, eine Situation zu erklären und in die nächste Szene Überzuleiten. Darüber hinaus gibt die Reporterstimme aus dem Off der Sendungen echte Erzählqualitäten. Wackelnde Kameras, so, als wäre das Geschehen life vor Ort unerwartet eingetroffen, geben ein Gefühl von Exklusivität, vor allem auch dann, wenn Situationen vermeintlich „heimlich“, mit Hinnahme von Bildqualitätsverlust, gefilmt werden. Durch Schimpfwörter ersetzende Pieptöne und zwischengeschnittene Intervews der Akteure wird die klassische Dokumentarsendung bis ins Detail imitiert. Die Montage, welche die Ergebnisse in einen kausal und raumzeitlich konsistenten Erzählfluß bringt, ist ein wesentlicher Baustein für die erzählerische Aufbereitung des dokumentarischen Materials. Der inzenatorische Eingriff der Redaktion zeigt sich also auch in der Selektion der einzelnen Szenen.

Script-affine Doku-Formate und Scripted Reality- Formate bewegen sich in den populären Themen- und Problemfeldern Alltag, Familie, Beruf, abweichendes Verhalten sowie Recht und Ordnung. Ergo: Die private Perspektive auf real existierende, alltägliche (Mit-) Menschen dominiert.

Die beiden folgenden Unterpunkte zeigen deutlicher, dass die Protagonisten in den meisten Dokusoaps nicht mehr nur beobachtet, sondern mit inszenierten Situationen und Aufgaben konfrontiert werden.

2.1.1 Coaching- Formate

Kaum eine Dokusoap kommt ohne inszinierte Elemente aus. Um dieses Genre weiter auszubauen ist nicht mehr nur das „ganz normale Leben“ an sich das Thema: In Coaching-Formaten wird das Format der Doku-Soap um einen „Coach“ erweitert. Die Verhaltensänderung des Protagonisten steht nun unter dem Einfluss eines Experten (Coach), einer inszenierten neuen Umgebung und/oder einer Aufgabenstellung. Dabei geht es unter anderem um Hunde- und Kindererziehung, Heimwerken, schöner Wohnen, Kochen, Finanzen, Existenzgründungen oder Gewichtsverlust.

Bei Coaching-Formaten zu Erziehungsthemen ist eine der erfolgreichsten und umstrittensten Schöpfungen auf dem Fernsehmarkt die „Super Nanny“ (RTL). In jeder Folge wird am Anfang eine Familie porträtiert und vorgestellt. Anhand des Videomaterials gibt die „Super Nanny“ erstmals eine kurze Einschätzung ab. Darauf hin beobachtet sie zunächst kommentarlos einige Tage vor Ort den familiären Alltag bis sie nun, nach der stillen Beobachtungsphase, mit dem „Coaching“ beginnt. Sie vermittelt Tips und Tricks an die Eltern weiter, greift in Problemsitationen ein und wertet diese mit den Eltern und/oder dem Kind aus. Oft geschieht dies vor Ort und im Beisein der Kinder, manchmal kommunizieren sie auch über Funk. Im Anschluss wird die Familie für eine Woche allein gelassen. Hier sollen die Erziehungsratschläge der Expertin nun von der Familie eigenständig umgesetzt werden. Nach Ablauf dieser Zeit kommt die „Super Nanny“ ein weiters mal in die Familie, um sich über Erfolg und Misserfolg ihres Einsatzes zu informieren.

2.1.2 Reality-Soaps bzw. Swap-Formate

In sogenannten Swap- Formaten, wie z.B. „Frauentausch“, werden die Protagonisten nicht in ihrem eigenen, sondern in einem möglichst fremden Umfeld gezeigt.

„Frauentausch“ gehört zu den erfolgreichsten Reality- Soaps der letzten Jahre und ist seit Juli 2003 auf RTL2 zu sehen. Mit Erfolg (Marktanteile von über 20 Prozent) werden zwei Frauen aus jeweils möglichst unterschiedlichem sozialem Umfeld gezeigt, die für zehn Tage zu einer anderen, ihnen vollkommen unbekannten Familie ziehen. Die so genannte „Tauschmutter“ übernimmt hier die Aufgaben der jeweils anderen.

Laut Constantin Entertinment, der Produktionsfirma der Sendung, ist „Frauentausch“ als soziologisches Experiment um die Frau als Managerin der Familie zu verstehen. Sogar Lerneffekte für den Zuschauer würden erzielt: „Indem man sieht, welche Fehler andere machen“, lerne man durchaus „etwas über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Wir erhalten sehr viel Zuspruch von Sozialarbeitern und Therapeuten, die unsere Sendungen als Diskussionsgrundlage für Therapiesitzungen nehmen.“[6] (Josef Andorfer, Geschäftsführer RTL2) Wohl darf dennoch bezweifelt werden, ob dieses und andere Swap-Formate wie „Big Brother“ (RTL2) oder „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ (RTL) tatsächlich unterstüzende Lebenshilfen sind.

2.2 Castingshows

Weiter weg von der Verfilmung des „ganz normalen Lebens“ sind die Casting-Formate. Hier nehmen die Protagonisten an einem Ausscheidungswettbewerb teil und lassen sich in Sachen Schönheit, Kochkunst bis hin zu Gesangstalent bewerten. Diese Shows sind keine Erfindung des Privatfernsehens. Im Jahre 1966 startete im Südwestfunk der „Talentschuppen“ und im Fersehen der DDR gab es die „Talentebude“[7]. Seit der Jahrtausendwende und der Ausstrahlung von „Popstars“ auf RTL boomt das Format nun in den Privatsendern, aber der Erfolg dieser Shows spiegelt sich ebenfalls im öffentlich rechtlichen Fernsehen wieder. Diese Shows bieten durch eine Mixtur aus Soap, Comedy und Elementen des Musikfernsehens Unterhaltung für ein vielfältiges, breites und heterogenes Publikum. Es handelt sich hierbei nicht um einfache Talentwettbewerbe, in denen das Können der Kandidaten zwingend an erster Stelle steht. Medienwissenschaftler beschreiben es als „performatives Realitätsfernsehen“, da es um das Eingreifen in das Leben „realer“

[...]


[1] Wolf, Fritz: Wa(h)re Information- Interessant geht vor relevant. Wiesbaden 2011, S. 49

[2] Vgl. Weiß, Hans-Jürgen; Ahrens, Annabelle (2011): „Scripted Reality“ - Die fiktive Realität der neuen Fernsehunterhaltung

[3] Butzek, Erika (12/07): „Oh, wie schön!“. Intervew mit Katrin Löschburg

[4] Vgl. Lünenborg, Margreth; Martens, Dirk; Köhler, Tobias; Töpper, Claudia (2011): Skandalisierung im Fernsehen.

[5] Vgl. Hannover ,Irmela; Birkenstock, Arne (2005): Familienbilder und Familienthemen in fiktionalen und nichtfiktionalen Fernsehsendungen

[6] Vgl. Hannover ,Irmela; Birkenstock, Arne (2005): Familienbilder und Familienthemen in fiktionalen und nichtfiktionalen Fernsehsendungen

[7] Vgl. mekonet – Medienkompetenz-Netzwerk NRW (5/2011): Castingshowsauf einen Blick.

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